Holger Witzel: Schnauze Wessi

Holger Witzel: Schnauze Wessi. Oder: Gib Wessis eine Chance

Leseprobe aus: "Gib Wessis eine Chance"

Betroffenes Jaulen
Dafür, dass es angeblich kein Thema mehr ist, gab es nach den ersten Kolumnen erschütternd viel Post. Wenn der Ost-West-Konflikt einen Bart hätte, müsste sich niemand über den des Autors aufregen. Ein Wespennest.



»Geschichte entsteht aus der Interaktion derer,
die Territorien, Natur und andere Menschen erobern müssen,
um sich selbst zu bewahren,
und denen, die an falschen Göttern hängen,
um sich ihren Zusammenhalt zu sichern.«
Arno Gruen
Sicher war das viel verlangt nach mehr als 20 Jahren andersrum, aber eigentlich hatte ich mich extra klar ausgedrückt: Schnauze Wessi stand da, nicht etwa: Gib wie üblich deinen Senf dazu; schreib einen Leserbrief, dem Verlag, dem Presserat! Trotzdem können manche nicht anders: Er »soll doch seine DDR wiederhaben«, rieten viele, selbst die unrasierte Schnauze halten oder gleich »nach Nordkorea gehen«. Dabei kennen sie weder das eine noch das andere Land – ja, nicht mal mich. Woher kommt dieser Frust?

Nachdem auch immer der Vorwurf der Undankbarkeit mitschwingt, möchte ich mich zunächst in aller Form für die vielen Reaktionen bedanken, vor allem natürlich für die schwer beleidigten aus dem Westen. Dass es nach wie vor so einfach ist, hätte ich nicht erwartet. Die Reflexe funktionieren, getroffene – und bitte, das ist jetzt nur so eine gesamtdeutsche Redensart – Hunde bellen. Einige wollen sogar bemerkt haben, dass hier womöglich »absichtlich provoziert« wird, »übertrieben und zugespitzt«.

Das hat mich nachdenklich gemacht: Unterschätzen wir Westdeutsche etwa immer noch? Haben sie mehr Sinn für die Dinge zwischen den Zeilen, als sie sich sonst anmerken lassen? Natürlich werde ich mich trotzdem nicht mit billiger Ironie rausreden oder irgendwas zurücknehmen, im Gegenteil: Ich fürchte sogar, man muss das alles noch klippschulmäßiger angehen.


Es ist zwar eine Schande nach zwei Jahrzehnten geheuchelter Anteilnahme, aber vielleicht können so, neben den unvermeidlichen, doch ein paar Missverständnisse ausgeräumt werden. Deshalb – auch wenn es schwer fällt, ihren belehrenden Ton zu imitieren – heute ein paar Merksätze für ewig gestrige Westler:
1. Die DDR gibt es nicht mehr. Man kann sie also auch nicht »wiederhaben wollen«. Wir haben sie selbst abgeschafft, und ich persönlich bin jeden Tag dankbar dafür – nur sicher nicht irgendwelchen Leuten aus Recklinghausen.

2. Das Gleiche gilt für die BRD von 1989 und die möglicherweise noch schönere Zeit davor. Diese Erkenntnis sollte sich langsam auch in den abgenutzten Bundesländern durchsetzen: Es war – und ist – auch dort nicht alles gut.

3. Niemand vermisst eine Diktatur, bloß weil ihm heute einiges ähnlich vorkommt. Immerhin haben wir die Legende von freiem Sex gegen die Legende der freien Marktwirtschaft getauscht. Freiwillig. Und wenn schon nicht jeder auf Anhieb sagen kann, wie viel davon Selbstbetrug war, wird man ja wohl mal fragen dürfen: War es das wert?

4. Dass man alles ändern kann, was für immer zu gelten schien, ist eine berauschende Erfahrung. Gleichwohl muss niemand neidisch sein, wenn seine Biografie nur durch die Umstellung von Raider auf Twix erschüttert wurde. So ein Systemwechsel ist anstrengend und ernüchternd.
Es sei euch von Herzen gegönnt und die Zeichen der Zeit stehen nicht so schlecht, Ähnliches erleben zu dürfen. Allerdings gehören auch ein wenig Mut und gegebenenfalls der Verlust von Arbeitsplatz, Häuschen und Selbstheit dazu.

5. Wenn wir das Personalpronomen »wir« benutzen, ist das nicht die dritte Person Mehrzahl der Verlierer, sondern meint lediglich: nicht ihr. Die Identifikation mit einer nicht mal besonders homogenen Gruppe ist kein Relikt sozialistischer Gleichmacherei, wie zahlreiche DDR-Experten unter euch vermuten, sondern entwickelte sich erst danach. Manche schieben das auf eine gewisse Stigmatisierung im Einigungsprozess. Bei anderen (mich eingeschlossen) war es einfacher: Wir wollten einfach nicht so sein wie die meisten von euch – oder gaben es nach kläglichen Versuchen wieder auf.

6. Deshalb rasiere ich mich auch nicht so oft, weil ich auf den Beschiss mit den Rasierklingen-Packungen nicht hereinfalle, die bei gleichem Preis immer weniger werden. Außerdem – wenn es schon auf Äußerlichkeiten ankommt – braucht auch dieses Land wieder ein paar bärtige Bürgerrechtler, seit sich Wolfgang Thierse vom demokratischen Getue im Bundestag einseifen ließ, während dort immer neue Überwachungsmaßnahmen beschlossen werden, von denen nicht einmal die Staatssicherheit träumte.

7. Das mit dem »Soli« – wer ihn bezahlt, wo er am Ende immer wieder landet und warum auch Ost-Renten kein Grund zur Aufregung sind – erkläre ich euch ein anderes mal.

Nur eins noch für heute, weil es einen wirklich konstruktiven Vorschlag aus der eigenen Redaktion betrifft. Ein Hamburger Kollege, sonst genauso taktvoll und zurückhaltend, wie man sie kennt, schlug vor, wir – also wir! – sollten doch auch wieder da Urlaub machen, wo wir schon vor 25 Jahren waren, »sodass wir uns wenigstens in der schönsten Zeit des Jahres nicht wechselseitig auf den Keks gehen.« Schön wäre das, da hat er recht. Es ist nur so, dass wir nach wie vor gern an die Ostsee fahren. Leider trifft man dort fast nur noch Hamburger, die den Darß, Rügen und – seit die unselige Autobahn 20 fertig ist – sogar Usedom Jahr für Jahr mehr versylten.

Wenn wir uns also darauf einigen könnten, dass uns die ostdeutsche Ostsee bleibt, verzichten wir gern auf den Bayerischen Wald. Wäre das nicht ein neuer Anfang für die deutsch-deutschen Beziehungen, gewissermaßen Wandel ohne Annäherung? Es soll jetzt nicht zu versöhnlich klingen, aber unter diesen Umständen würde ich Westdeutschen sogar noch eine zweite Chance geben.

Ansonsten, nun ja: Siehe »;Schnauze Wessi«, Teil 1.

Schnauze Wessi

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