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Holger Witzel: Schnauze Wessi

Holger Witzel: Schnauze Wessi. Oder: Gib Wessis eine Chance

Leseprobe aus: "Gib Wessis eine Chance"

Die »Braune Banane 2012«
Fest der Liebe, Geschenke, besinnlicher Rückblick – all das verspricht auch die Wahl zum »Besserwisser des Jahres«. Etliche Bewerber rangeln bereits um die Shortlist. Eine Auszeichnung.



»An die dumme Stirne gehört als Argument
von Rechts wegen die geballte Faust.«
Friedrich Nietzsche

Es war wieder ein gutes Jahr für Klugscheißer und Besserwisser – und damit auch für diese Kolumne. Als kleines Dankeschön soll 2012 erstmals ein Preis für die schönste Vorlage zu Schnauze Wessi verliehen werden. Gestiftet hat die Braune Banane mein vietnamesischer Gemüsehändler, der sie gerade wegwerfen wollte. Es ist ein weiches, fast schimmliges und im deutsch-deutschen Diskurs völlig überbewertetes Stück Obst. Bevor sie ganz zerläuft und stinkt, muss nur noch der würdigste Preisträger gefunden werden.

Ganz im Zeichen der flüssigen Demokratie – oderübersetzt man liquid besser mit flüchtig? – kann auf der Facebook-Seite von Schnauze Wessi abgestimmt werden. Außer den bereits nominierten Kandidaten sind weitere Vorschläge (inklusive kurzer Begründung mit Zitat) willkommen. Aber bitte keine Eigenbewerbungen! Ein paar Anwärter stelle ich hier schon mal vor. Auswahl und Reihenfolge sind – damit sich hinterher niemand über fehlende Quoten oder andere Benachteiligung beschwert – rein willkürlich:


Eine verdiente Preisträgerin wäre zum Beispiel die »Politikberaterin« Gertrud Höhler, von der nie ganz klar wurde, wen sie tatsächlich mal beraten hat. Sie erregte im Sommer etwas Aufsehen mit ihrem Buch »Die Patin«. Es handelt von Angela Merkel, für die Autorin eine »Fremde aus Anderland«, die sowohl ihre Partei als auch das Land heimlich stalinistisch umgestalte.
Die These vom Ende der Demokratie – zumindest das, was der Westen lange dafür hielt – ist vielleicht ganz interessant, aber der Zusammenhang mit Merkels Ost-Sozialisation wenn nicht banal, so doch wenigstens Banane.

In eine ähnlich ausgewetzte Kerbe schlugen im Frühjahr ein paar verarmte Ruhrpott-Bürgermeister, die wider besseres Wissen die Abschaffung des »Ost-Soli« forderten. Vor allem Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) tat sich mit jämmerlichen Zitaten von einem »perversen System« hervor, nachdem sich westdeutsche Städte für den Aufbau Ost angeblich hoch verschulden müssten. In Wahrheit stammen ihre Schulden bereits aus den achtziger Jahren. Dafür aber wurden wieder mal Soli-Steuer und Solidarpakt in der Ost-West-Neiddebatte schön vermischt und Herr Sierau soll schon aus Mitleid eine Chance auf den – im Übrigen undotierten – Preis erhalten.

Eine vielversprechende Bewerbung lieferte auch der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach ab, als er einen Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg im überwiegend gläubigen Westdeutschland zu Armut und Atheismus im Osten herstellte.

Am besten gefiel der Vorjury ein Interview-Zitat: »Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil.«

Immer mit im Rennen, wenn auch schon oft knapp vorbei, ist natürlich Professor Christian Pfeiffer. Der aus Funk und Fernsehen bekannte Kriminologe wurde zwar bereits mit einer eigenen Kolumne (siehe Schnauze Wessi: Das Pfeiffersche Drübenfieber) geehrt. Ich persönlich würde mich trotzdem freuen, wenn mein westdeutscher Lieblings-Ost-Experte auch ein paar Stimmen erhält – notfalls für sein Lebenswerk.

Natürlich können Sie aber auch einfach pauschal »Mein Chef« oder »Mein zweitbester Freund Ludger« ankreuzen, die dann – ähnlich wie die EU für den Frieden – mehr oder weniger anonym für alle Flachzangen aus dem Westen stehen, die Sie aus Angst um ihren Job oder Takt nicht namentlich anprangern wollen.

Einen in jeder Beziehung preiswerten Zynismus lieferte der Schwabe Sven Morlok (FDP) – seit 2009 Wirtschaftsminister in Sachsen – für ein Interview mit der Sächsischen Zeitung ab. In der Diskussion um Mindestlöhne warnte er vor einer »De-Industrialisierung« des Ostens, als hätten das Seinesgleichen nicht schon vor 20 Jahren erledigt. Zwar ist klar, was der Gastpolitiker fürchtet: nämlich Schaden für die Schattenwirtschaft aus Leihund Billiglohn-Sklaven in Sachsen. Aber wer das so offen ausspricht, hat – wenn schon keine Dresche – mindestens eine Anerkennung für dreiste Ehrlichkeit verdient.

Hendrik Steckhan, Geschäftsführer von Coca Cola Deutschland, leistete sich eine ähnliche Geschmacklosigkeit: »Die Ostdeutschen mögen es süßer«, zitiert ihn die überregionale Westzeitung 'Die Welt'. »Deswegen haben wir extra für den Osten eine Fanta mit Erdbeergeschmack entwickelt.« Im Mutterland seiner Firma würde so ein Spruch über pauschale Vorlieben ethnischer Minderheiten vermutlich als Rassismus angeprangert. Hierzulande ist allein die Vorstellung eklig.
Aber vielleicht mag er ja – extra für Leute wie ihn entwickelt, überreif und angegoren – eine Bananen-Fanta?

Willkommener Anlass für etliche Wortmeldungen der üblichen Klüglinge war natürlich auch die Terrorzelle »NSU« und die Ermittlungs-Skandale dazu. Stellvertretend für alle hauptamtlichen Versager – wie es der Zufall will, ausnahmslos Westler – wäre sicher der ehemalige Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes ein ehrenvoller Preisträger. Den Vernehmungen Helmut Roewers vor diversen Untersuchungssauschüssen verdanken wir nicht nur haarsträubende Einblicke in die Postenvergabe der Jahre nach 1990, als die einzigen Voraussetzungen offenbar Westherkunft und Trinkfestigkeit waren. »Wenn Sie es genau wissen wollen«, zitierte ihn dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Moment seiner Ernennung: »Ich war betrunken.« In seinen Tagebuchaufzeichnungen beschreibt er obendrein detailliert, warum es in Ostdeutschland, »dass ich von den westlichen Lebenswirklichkeiten diametral unterschied«, so schwer war, ein paar Neonazis im Auge zu behalten: Einmal war er zum Beispiel bei einem »Mexikaner, den man angeblich gesehen haben muss. Jedenfalls vertrug ich das Essen dort nicht.«

Eine sonst geschätzte Kollegin von der Süddeutschen Zeitung empfahl sich zum gleichen Thema mit einem Kommentar. Unter der Überschrift Das Gift der Diktatur ist es für Constanze von Bullion »kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus Jena stammt und nicht aus Detmold.« Die Autorin fragt sich außerdem, ob da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern genommen habe – und antwortet auch selbst: »Zugegeben, genau weiß man es nicht ...« Umso genauer kennt sie die Verhältnisse im Osten: »Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung.« Zumindest »im Rückblick« stößt sie »auf eine erstaunlich niedrige Betriebstemperatur bei der Aufzucht des Nachwuchses.« Ich gebe das hier nur deshalb so ausführlich wieder, weil ich mich in diesem Fall kaum für den klügsten Gedanken entscheiden kann. Auch schön: »Die Spurensuche führt zu Tugenden, die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten: Überhöhung der Gemeinschaft, Einordnung in autoritäre Denkmuster, ins große Ganze ...«

Genau. Und weil ich der »überhöhten Gemeinschaft« nicht vorgreifen möchte, darf ich noch einmal autoritär an die alten Tugenden erinnern: Wer soll die »Braune Banane 2012« bekommen? Jede Stimme zählt. Geben Sie – ausnahmsweise – auch mal den schlimmsten Besserwissern eine Chance!
Dezember 2012

P.S. Der Sieger wollte den Preis nicht annehmen und auch einer Veröffentlichung seines Namens nicht zustimmen. Schade. Manchmal stehen sich Westdeutsche mit ihrer Bescheidenheit selbst im Weg.
Januar 2013