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Buchempfehlung zu Horst W. Opaschowski: Deutschland 2030

Die Zukunft wartet nicht

Von Dr. Martin R. Textor

Professor Horst W. Opaschowski, Wissenschaftlicher Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, ist ein weltweit bekannter Zukunftsforscher. Seit 25 Jahren versucht er, auf interdisziplinärer wissenschaftlicher Grundlage ganzheitliche Zukunftskonzepte zu entwickeln, die zukunftsorientierte Prozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Gang zu setzen helfen: "Um Deutschland wirklich zukunftsfähig zu machen, müssen wir frühzeitig wissen, was heute und morgen zu tun ist" (S. 17). Dabei repräsentiert der Zeitraum bis 2030 "einen günstigen mittleren Zeithorizont, reicht also weit genug über die Tagespolitik hinaus, um Strukturveränderungen sichtbar zu machen. Gleichzeitig ist diese Zeitperspektive nah genug, um Chancen und Risiken der gesellschaftlichen Entwicklung abschätzen und zukunftsorientiert handeln zu können" (S. 18).

In seinem Buch "Deutschland 2030" denkt Opaschowski gesellschaftliche Entwicklungen weiter und macht konkrete Aussagen darüber, wie wir in den nächsten zwei Jahrzehnten leben werden. Zugleich zeigt er den politischen Handlungsbedarf auf. Er hofft, dass seine Prognosen Entscheidungsträgern helfen werden, "die Gestaltung der Zukunft selbst vorzunehmen, also das Wünschenswerte wahrscheinlich und das Unerwünschte weniger wahrscheinlich zu machen" (S. 19).

Die Prognosen
Es ist unmöglich, den Inhalt eines Buches mit 784 großformatigen Seiten zusammenzufassen - zumal auf nahezu jeder dieser Seiten ein neues Thema angeschnitten wird. Die Monographie bietet eine Unmenge an Informationen! Deshalb möchte ich an dieser Stelle nur eine Auswahl der m.E. wichtigsten Prognosen schlagwortartig wiedergeben:



• die Zukunftssorgen der Deutschen: Kinderfeindlichkeit, Überalterung, Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, mangelnde Integration von Migranten, Gefährdung des sozialen Friedens
• Massenflucht aus Parteien, Gewerkschaften und Vereinen setzt sich fort, die Wähler verlieren immer mehr Vertrauen in die Politik
• zunehmende Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg: die Mitte bricht weg
• immer mehr Leiharbeiter, Zweitjobs und Armutsarbeitsplätze auf der einen Seite, immer mehr Leistungsdruck bei den privilegierten Vollzeitbeschäftigten auf der anderen Seite
• die Arbeitswelt wird weiblich: 2030 werden mehr Frauen als Männer erwerbstätig sein
• immer mehr Menschen werden über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten - oder müssen dies tun, da es nur noch eine Mindestrente geben wird
• mehr Sparkonsum, weniger Normalkonsum - neue Bescheidenheit bei zunehmender Genussorientierung
• mehr Umweltbewusstsein führt zu Verhaltensänderungen beim Autokauf, bei der Nutzung von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Umgang mit Wasser usw.
• die Medienwelt wird komplexer - Fernsehen, Internet und Telefon bzw. Handy dominieren
• die Datensicherheit wird geringer, die Überwachungskultur nimmt zu: Ende der Privatheit
• statt Vereinssport Körperkult und das Wohlbefinden fördernde Aktivitäten immer mehr neue künstliche Erlebniswelten
• Urlaub 2030: mehr Inlands-, Wellness-, Senioren-, Kreuzfahrt-, Themenpark- und Städtetourismus, Reisebüros als Erlebnisvermittler
• mehr Nichtreisende (aus Geldnot) - mehr Sparreisende
• bipolare Städte: zwischen Wohnungsnot und Wohnungsleerstand, zwischen Wohlstands- und prekären Stadtteilen, zwischen deutschen und ethnischen Quartieren
weiter zunehmende Verstädterung
• neue Wohnkonzepte: Mehr-Generationen-WG, Communities Gleichgesinnter, Lebensabschnittsimmobilien, Wahlfamilien, Wohnanlagen mit Quartiermanagern
• weiterhin kulturelle Spaltung der Gesellschaft, mehr inszenierte Kultur (z.B. Musikfestivals, Events, besondere Kunstausstellungen) und Massenkultur
• von der traditionellen (Berufsaus-) Bildung zur lebensbegleitenden Bildung, zunehmende Bedeutung frühkindlicher und informeller Bildung, mehr Erfahrungslernen und mehr Erziehung zur Selbstständigkeit
• Leben in der Mehr-Generationen-Gesellschaft: statt Krieg der Generationen Solidarität und Lernen voneinander
• die Hilfeleistungsgesellschaft: mehr soziales Engagement, mehr informelles Helfen, mehr Unterstützung älterer Menschen (z.B. durch Helferbörsen)
• Wertewandel und Werteinflation: Suche nach einem Minimalkonsens, zunehmende Bedeutung sozialer und Pflichtwerte, mehr Familienorientierung
von der Arbeits- zur Leistungsgesellschaft, höhere Wertigkeit von Leistung außerhalb der Erwerbstätigkeit
• Neubestimmung der Lebensqualität: gut leben statt viel haben, lieber gesund und glücklich als reich



Und das sind nur einige der vielen Prognosen in dem Buch von Opaschowski! In den meisten Fällen resultieren sie aus der Extrapolation von (empirisch belegbaren) Tendenzen der letzten Jahre. Somit ist eine wissenschaftliche Grundlage gegeben.

Konsequenzen aus den Prognosen ziehen
In den meisten Fällen beschreibt Opaschowski auch, wie die Politik auf die skizzierten Tendenzen reagieren sollte bzw. könnte. Er plädiert für mehr zukunftsorientiertes Denken in Wirtschaft und Gesellschaft, bei der Sozialfolgenabschätzung die Technologiegläubigkeit zunehmend ersetzen sollte. "Wenn sich Politik wirklich als Daseinsvorsorge für die Bürger versteht und Zukunft gestalten (und nicht nur bewältigen) will, dann gibt es in der Tat politisch viel zu tun:

Die Politik muss mehr Zukunftsorientierungen leisten (…) sowie verantwortlich an der Sinnfindung mitwirken - auch und gerade im Kontakt mit sinnstiftenden Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden sowie Meinungsführern in Kultur, Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft.
Die Politik muss Zukunft gestalten, also den status quo nicht nur verwalten, bewältigen oder reparieren, sondern vorausschauend auch Perspektiven und Strategien für die Zukunft entwickeln und offen für Visionen sein. (…) Politiker müssen gegenüber der Zukunftsforschung mehr Dialogbereitschaft signalisieren. Und Parteien und Politiker sollten aufhören, nur in Kategorien vierjähriger Wahlperioden zu denken. Politik und Wirtschaft müssen sich vom Legislatur- und Quartalsdenken verabschieden. Statt kurzfristigem Reagierens sind langfristiges Denken, weitsichtige Planung und couragierte Entscheidungen erforderlich. Denn: Wähler wollen Orientierung" (S. 735).

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

Fazit
Opaschowski legt ein Buch vor, in dem er objektiv und glaubwürdig Zukunftsszenarien für die deutsche Gesellschaft entwirft. Das trotz seines Umfangs gut lesbare Buch ist auch Sozialpädagog/innen, Sozialarbeiter/innen und Verwaltungskräften im Sozialbereich zu empfehlen - schließlich werden sich viele der beschriebenen Tendenzen auch auf deren Arbeit (und Leben) stark auswirken.

Von: Dr. Martin R. Textor, Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF), 18.12.2008
Nachzulesen auch in: www.socialnet.de

Deutschland 2030 Blick ins Buch

Horst W. Opaschowski

Deutschland 2030

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