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Eine exklusive Kurzgeschichte von Vi Keeland

Hot Date

Sex.
Drei einfache Buchstaben.
Unzählige Komplikationen.

Ich war bereit, Sex zu haben. Und nicht nur einfach Sex. Ich wollte einen wahren Sex-Marathon erleben, bis der gesamte Körper von einem Schweißfilm überzogen war – mit Kratzen, Beißen und an den Haaren reißen.
Es war viel zu lange her.
Viel, viel zu lange.
Eine derartige Dürreperiode, dass ich mich am Kopf kratzte und scharf nachdenken musste, wann ich das letzte Mal überhaupt mit einem Mann zusammen gewesen war.
Vor einem Jahr?
War das wirklich schon so lange her?
Kein Wunder, dass ich die Sache endlich in die Hand nehmen wollte. Nun ja, genauer gesagt hatte ich die Dinge in diesem Bereich schon viel zu lange in die eigenen Hände genommen. Es wurde Zeit, dass die Hände eines Mannes ins Spiel kamen. Wobei eine Hand kaum genügen würde, um mein Verlangen zu stillen.
Ich brauchte einen Mann.
Eine Nacht mit einem Mann, der eine steinharte Erektion hatte, mich an den Haaren packte und mich im Stehen nahm.
Hoffentlich war Evan Little der Richtige für diesen Job. Noch mehr hoffte ich, es werde sich als Ironie und nicht etwa als treffend erweisen, dass der Mann mit Nachnamen Little hieß – also Klein.
Evan war fünfmal mit mir aus gewesen. Wir hatten uns in einem Fall von großem öffentlichen Interesse vor Gericht kennengelernt und uns als gegnerische Anwälte zwei Wochen lang ein heißes Gefecht geliefert. Am Ende war die Stimmung derart aufgeladen gewesen, dass ich mir sicher war, der adrette Bezirksstaatsanwalt würde sich auf mich stürzen, sobald wir nach der Verhandlung allein im Fahrstuhl waren.
Doch er war ein Gentleman. Stattdessen hatte er mir die Hand geschüttelt, mir gratuliert und mich gefragt, ob er mich zum Abendessen einladen dürfte. Seit unserem ersten Date waren nun sechs Wochen vergangen. Wochen voller teurer Abendessen, netter Unterhaltungen und allem, was zum galanten Werben dazugehört. Davon konnten wir eines Tages unseren Enkelkindern erzählen.
Es war süß. Doch da auf all das Werben kein Sex folgte, wurde Evan allmählich langweilig. Und ich erstand weiterhin Großpackungen an Batterien im Sonderangebot.
Ich verstand das einfach nicht. Die letzten Male war ich nach den Abendessen sogar mit zu ihm nach Hause gegangen – in der Hoffnung auf einen kleinen Nachtisch. Doch nichts. Ein vollendeter Gentleman. Sogar als aus der Nachbarwohnung Rumsen und Stöhnen zu hören waren, hatte er weiter über schlimme Verbrecher geplaudert. Anscheinend hatte es Evan nicht so viel ausgemacht wie mir, dass die lauten Nachbarn die Wände beben ließen. Bei mir hatte das heisere Stöhnen dazu geführt, dass ich immer wieder die Beine übereinanderschlug, um das Pochen zwischen meinen Schenkeln zu lindern.
Da Evan meine subtilen Hinweise offenbar nicht verstand, wurde es Zeit für einen direkteren Vorstoß. Schließlich lebten wir im Jahr 2018, nicht 1952. Warum sollte ich zu Hause sitzen und darauf warten, dass der Mann die Initiative ergriff? Herrgott, ich war eine Frau des 21. Jahrhunderts. Ich besaß einen Vibrator und sagte in einem lockeren Gespräch genauso selbstverständlich „Fuck“ wie ein Mann. Meine Nachttischschublade war ausreichend mit Kondomen gefüllt. Ich war eine starke Frau.
Nachdem ich mir genug Mut zugesprochen hatte, parkte ich meinen brandneuen Mercedes vor Evans hohem Appartementhaus, stieg aus und atmete die kühle Nachtluft ein. Es war ein für Boston ungewöhnlich frischer Juniabend, wodurch es nicht ganz so verdächtig wirkte, dass ich einen Regenmantel trug.
23:52 Uhr. Ich war ein paar Minuten zu früh, bis zu Evans 29. Geburtstag dauerte es noch acht Minuten. Doch der Fahrstuhl in diesem Vorkriegsgebäude hatte seine Macken, und ich war eindeutig nervös.
Ich schnürte den Gürtel meines langen, schwarzen Burberry-Mantels fest und blickte von der Straße aus zu Evans Appartement hoch. Eckwohnung, oberste Etage. Im Schlafzimmer brannte noch Licht.
Bei dem Gedanken, was Evan wohl tun mochte, wenn ich den Mantel verführerisch von den Schultern gleiten ließ, strömte Adrenalin durch meine Adern. Ich hatte absichtlich schwarze Spitze gewählt, weil ich heute Abend die Verführerin spielen wollte. Normalerweise bevorzugte ich etwas Mädchenhafteres, Weicheres, aber heute Nacht wollte ich mich als das präsentieren, was ich war – eine erotische Frau.
Das schwarze Spitzenmieder bedeckte nur knapp meine üppigen Brüste, der dazu passende String überließ noch weniger der Fantasie. Schwarze Strümpfe mit Strapsen und hohe Stilettos verliehen den erotischen Dessous eine verruchte Note. Sogar auf Haare und Make-up hatte ich besondere Sorgfalt verwendet – ich hatte mein dickes blondes Haar für maximales Volumen über den Kopf geföhnt und meine hellblauen Augen mit Mascara stärker als sonst betont.
Im zarten Alter von nur 28 Jahren hatte ich in beruflicher Hinsicht das Sagen, denn ich hatte gleich nach der Uni meine eigene Kanzlei gegründet. Fünf Jahre später arbeiteten vierzehn Männer und Frauen für mich. Im Büro genoss ich es, der Boss zu sein, etwas anderes konnte ich mir gar nicht vorstellen. Im Schlafzimmer war mir ein starker Mann, der die Führung übernahm, jedoch lieber: Es sorgte für mein inneres Gleichgewicht, wenn ich mich den schamlosen Gelüsten eines Liebhabers unterwarf.
Leider verlor ich bei Evan allmählich die Geduld. Ich hoffte, dass mein Überraschungsbesuch und mein Geburtstagsgeschenk ihn vielleicht dazu veranlassten, seinen albernen Anstand zu vergessen.
Der leichte Widerwille, der an mir nagte und den ich beim Stylen verdrängt hatte, meldete sich erneut, als ich die Tür zur Halle öffnete. Zum Glück war es im Eingangsbereich ruhig. Der Fahrstuhl wartete bereits im Erdgeschoss und fuhr ausnahmsweise, kaum dass ich eingetreten war, ohne Probleme nach oben.
Als ich den 22. Stock erreichte, atmete ich tief durch, stieg aus dem Fahrstuhl und erinnerte mich noch einmal daran, was für eine Frau ich war. Ja, die selbstsichere Frau des 21. Jahrhunderts benötigte noch ein wenig Zuspruch. Schließlich schlenderte frau nicht jeden Tag unter ihrem Regenmantel nur spärlich bekleidet durch die Stadt, um einen Mann zu verführen, mit dem sie bislang nicht einmal im Bett gewesen war.
Als ich auf die Tür zuging, wurde mir bewusst, dass ich überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, was ich sagen wollte, wenn Evan öffnete. Eigentlich hoffte ich, dass keine Worte mehr nötig wären, sobald ich den Gürtel gelöst und ihm einen Blick auf mein Outfit gewährt hatte. Da ich wusste, dass die Klingel kaputt war, klopfte ich schüchtern an. Hinter der Tür ertönte Musik, darum wartete ich einen Moment und klopfte dann erneut. Diesmal etwas lauter. Noch immer keine Reaktion.
Zu meiner Überraschung ließ sich die Tür öffnen, als ich den Knauf drehte.
„Evan?“, rief ich leise, als sich die Tür einen Spaltbreit öffnete. In der Ferne meinte ich das vertraute Geräusch einer Dusche zu hören. Nach einigen weiteren Schritten war das Plätschern im Bad deutlicher auszumachen. Leise schloss ich die Wohnungstür hinter mir.
Ich lächelte, das war ja noch besser, als ich es mir vorgestellt hatte: Er war schon nackt, und wenn mein Bild im Wohnzimmerspiegel nicht trog, würde ein Wort genügen, und er war nicht mehr nur nackt, sondern auch hart.
Ich öffnete meinen Mantel und ließ ihn auf den Boden gleiten, schüttelte kurz mein Haar auf und folgte dem Geräusch fließenden Wassers.
Ich hörte einen Laut, den ich nicht gleich zuordnen konnte. Mein Körper kribbelte viel zu sehr vor Vorfreude, als dass ich mich von irgendetwas hätte ablenken lassen.
Behutsam öffnete ich die Badezimmertür. Evan stand mit dem Rücken zu mir, durch die beschlagene Glastür der Dusche war sein nackter fester Hintern zu erkennen. Er hatte mich noch nicht hereinkommen hören. Ich befeuchtete meine Lippen, trat einen Schritt näher und schob die beschlagene Duschtür zur Seite. Dampf schlug mir entgegen, der dichte Nebel entwich und gab den Blick auf Evans knackigen Hintern frei.
Erst da bemerkte ich, dass sich dieser Hintern wie wild vor- und zurückbewegte und Evan in eine Frau hineinstieß, die er gegen die Kacheln gepresst hielt.
Die Frau schrie auf.
Evan drehte sich um.
„Ava!“, rief er.
Danach ging alles sehr schnell. Ich stürzte aus dem Bad und blieb auch dann nicht stehen, als ich hinter mir Schreie und Flüche hörte.
Als ich die Tür erreichte und einen Blick über die Schulter warf, war Evan aus der Dusche gestürzt und lief hinter mir her.
„Ava. Warte!“
Doch ich war so gedemütigt, dass ich so schnell ich konnte weiterlief – aus der Wohnung hinaus, den langen Flur hinunter – und wie wild mit den Fingern auf den Aufzugknopf drückte, als käme er dann schneller.
Zum Glück glitten die Türen auseinander und ich sprang hinein, als Evan gerade mit einem Handtuch um die schändliche Hüfte aus der Wohnung trat und nach mir rief.
Da bemerkte ich, dass ich nicht allein war.
Und …
Dass ich meinen Mantel vergessen hatte.
Die Türen schlossen sich, und da mir nichts anderes übrig blieb, stellte ich mich der Situation und gab mir alle Mühe, mich wie eine vollständig bekleidete Person zu verhalten. Ich betete, dass Gott mir zu Hilfe eilte. Bist du da, Gott? Ich bin’s, Ava. Bitte, bitte, hilf mir. War es möglich, vor Scham zu sterben? Ganz bestimmt.
Wer auch immer hinter mir stand, ich bot ihm mein nacktes Hinterteil dar. Ich hörte die Person atmen, weigerte mich jedoch, mich umzudrehen und festzustellen, wem ich mich derart präsentierte. Mein Herz schlug laut, und das Blut rauschte in meinen Ohren, sodass ich kaum etwas hörte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte mein Mitfahrer.
Ein männlicher Mitfahrer. Bitte, Gott, lass mich sofort im Boden versinken.
„Sehe ich aus, als wäre alles in Ordnung?“ Meine Worte klangen genauso gehetzt, wie ich mich fühlte.
Einen Moment herrschte Stille in der Kabine. Der verdammte Aufzug bewegte sich nicht von der Stelle.
„Von hier aus sehen Sie ziemlich gut aus.“ Der Mitfahrer besaß die Frechheit zu lachen.
Scheiß auf die Demütigung. Na, warte …
Gereizt und mit drohendem Blick drehte ich mich zu ihm um. Und erhielt einen ersten Eindruck von dem Mann, mit dem ich mir die kleine Kabine teilte.
Die mir daraufhin noch kleiner erschien.
Im Ernst? In Boston lebten sechshundertfünfzigtausend Menschen, und ausgerechnet der Mensch, der sich um Mitternacht mit mir einen Fahrstuhl teilte – an einem stinknormalen Dienstag –, musste unfassbar gut aussehen. Das machte mich noch wütender.
Ich beobachtete, wie er den Blick senkte, um mich einmal ganz in Augenschein zu nehmen. Ich war von Kopf bis Fuß ein feuchter Traum. Ein wütender, verbitterter, unter Sexentzug leidender, kurz vor dem dreißigsten Geburtstag stehender, feuchter Traum.
„Haben Sie da drin zufällig ein Sweatshirt?“ Ich musterte die Tüte mit Lebensmitteln, die mein Mitfahrer in der Hand hielt.
Seine Mundwinkel zuckten, als würde ihn die Frage amüsieren, doch er verkniff sich ein weiteres Lachen. „Offenbar wollen Sie so freizügig nicht nach draußen gehen?“
„Ach was, wie kommen Sie denn darauf?“, gab ich höhnisch zurück.
Wortlos griff er nach seinem Hemd, zog es sich über den Kopf, und nach dieser knappen Bewegung zeigte mein Mitfahrer genauso viel nackte Haut wie ich.
Darunter lagen jede Menge Muskeln. Der Augenschmaus, den sein Anblick bot, ließ meine Wut ein wenig verrauchen. Ich hatte schon andere Sixpacks gesehen, hatte mir mithilfe eines Personal Trainers, den ich sechsmal die Woche beschäftigte, sogar selbst eins antrainiert. Es verbarg sich heute unter meinem Spitzenmieder. Doch das meines Mitfahrers übertraf alles, was ich bislang gesehen hatte. Die festen Wölbungen wirkten fast schon unecht … und unglaublich verführerisch. Aus Angst, mein Verlangen danach, die olivfarbene Haut über den definierten Muskeln zu berühren, könnte über meine Selbstbeherrschung triumphieren, presste ich meine Hände seitlich an den Körper.
„Hier. Nehmen Sie.“
Mein Blick hing gebannt an seiner Brust.
„Ziehen Sie das an.“
Ich fasste mich, nahm das Hemd und streifte es mir über den Kopf. Es war warm und reichte mir fast bis zu den Knien, obwohl ich selbst fast eins achtzig groß war.
„Vielen Dank.“
„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich noch einmal. Das zweite Mal klang es nicht anzüglich, sondern ehrlich besorgt.
„Nachdem mein Hintern bedeckt ist, geht es mir besser.“ Ich versuchte, unbekümmert zu klingen, aber der Adrenalinrausch, der mich hochgepuscht hatte, ließ gerade nach, und ich wollte nur noch hier weg – in meinen Wagen oder noch besser in meine Wohnung, beide Schlösser fest verschließen und mich dann in meinem riesigen, weichen Bett zusammenrollen.
„Warum fahren wir denn nicht nach unten?“
Der Mitfahrer zuckte die Achseln. „Sie haben keinen Knopf gedrückt, und dies ist meine Etage.“
„Sie wohnen auf dieser Etage?“, kreischte ich.
„Kommen Sie, ich gebe Ihnen etwas zum Anziehen.“ Er drückte einen Knopf, und die Türen glitten wieder auf.
Ich drückte den daneben, um sie wieder zu schließen. „Ich kann da nicht rausgehen.“
„Ist da jemand?“ Auf seinem Gesicht erschien ein bedrohlicher Ausdruck. Merkwürdigerweise fühlte ich mich dadurch sicher.
„Nein. Nicht so jemand.“
„Was dann?“
„Also … nichts. Könnten Sie nur nachsehen, ob noch jemand im Flur ist?“
Er nickte, betätigte erneut den Knopf, trat einen Schritt vor und spähte hinaus. „Die Luft ist rein.“
Ich nagte an meiner Unterlippe. Vielleicht war es keine tolle Idee gewesen, heute Abend unangekündigt bei Evan aufzutauchen. Doch zumindest war ich vernünftig genug, es mir zweimal zu überlegen, ehe ich mit einem vollkommen Fremden in seine Wohnung ging.
„Ich bin kein Serienmörder, ich schwöre.“
Ich war noch nicht überzeugt.
„Oder ein Schwerverbrecher“, fügte er hinzu.
„Woher weiß ich, dass Sie die Wahrheit sagen?“
Er zuckte die Schultern. „Sie müssen mir wohl vertrauen.“
Stumm rang ich mit mir.
„Nun ja. Es war nett, Sie kennenzulernen.“ Er drückte erneut den Knopf, und die Fahrzeugtüren fuhren noch einmal auseinander. „Das Hemd können Sie behalten.“ Im Geiste stellte ich mir den Heimweg vor. Es war spät. Vielleicht schaffte ich es ohne viel Aufsehens zum Auto. Aber die zwei Blocks Fußweg vom nächsten Parkhaus bis zu meiner Wohnung stellten eine Herausforderung dar. Ich bezweifelte, dass der Parkwächter meiner Parkgarage reif genug war, kein Foto von mir zu machen.
Mein Mitfahrer trat über die Schwelle des Fahrstuhls nach draußen.
„Warten Sie“, sagte ich, und er blieb abrupt stehen. „Sind Sie sich sicher, dass Sie kein Serienkiller sind? Denn ehrlich gesagt, viel schlimmer darf meine Nacht nicht mehr werden.“
Wieder zuckte sein Mundwinkel, doch er lächelte nicht. Er schüttelte den Kopf. „Kein Serienkiller. Ich heiße Smith.“
Ich musterte ihn. „Mit Vor- oder mit Nachnamen?“
„Mit Vornamen. Und Sie?“
„Ava.“
Smith streckte die Hand aus. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Ava.“
Vielleicht hatte ich den Verstand verloren, aber dass ich vor lauter Scham noch nicht gestorben war, machte mir Mut. Also traute ich mich mit dem potenziellen Serienkiller Smith aus dem Aufzug und warf einen ängstlichen Blick in die Richtung von Evans Wohnung. Der Flur war leer.
„Alles okay?“, fragte er.
Ich nickte.
Der lange Korridor erschien mir noch länger, als wir in die Richtung gingen, aus der ich gerade geflohen war. Drei Wohnungen von Evans entfernt blieb ich stehen.
„In welchem Appartement wohnen Sie?“
„2201. Warum?“
„Nur so.“
Erst als wir die vorletzte Wohnung auf dem Flur erreichten, die direkt neben der von Evan lag, schloss Smith auf und hielt mir die Tür auf. Nachdenklich trat ich ein. Serienkiller haben im Allgemeinen keine guten Manieren, stimmt’s?
Im Vorbeigehen schaltete er einige Lampen ein und ging direkt in die Küche, um die mitgebrachten Lebensmittel auszupacken.
Ich stand immer noch in der Nähe der Tür, damit ich notfalls sofort fliehen konnte. O mein Gott, ich befinde mich in der Wohnung des Stöhners. Er war zum Teil schuld an der verrückten Lage, in der ich mich befand. Ohne nachzudenken, plapperte ich drauflos.
„Diese Wohnungen haben ganz schön dünne Wände, wussten Sie das?“
Er runzelte die Stirn.
Mein Blick sprang zur Wand hinter ihm, die an Evans Wohnung grenzte. „Ich bin in der Nachbarwohnung gewesen und habe Sie letzte Woche einige Male gehört.“
„Tut mir leid. Wenn ich trainiere, kann ich manchmal ganz schön laut werden.“
Wenn ich trainiere? Also bitte, es klang, als wäre sein Training fantastisch gewesen, aber gab es dafür nicht charmantere Bezeichnungen?
„Sie kennen den Typen, der nebenan wohnt?“
Ich nickte. „Wir arbeiten zusammen an einem Fall.“ Schließlich musste ich meine traurige Geschichte ja nicht noch vor dem Nachbarn ausbreiten.
Er lachte. „Dünne Wände? Also, der Typ ist laut. Hat mich letzte Woche zweimal geweckt. Also, eigentlich nicht er selbst. Seine Freundin ist so laut.“
Toll, gerade hatte ich gedacht, es könnte nicht noch schlimmer werden. Dass die Nummer in der Dusche vielleicht, nur vielleicht, ein One-Night-Stand gewesen war, war die letzte Hoffnung, an die ich mich geklammert hatte. Dass er die Frau womöglich gerade erst kennengelernt hatte. Aber dieser widerliche Kerl hatte einfach keinen Stil. Letzte Woche hatte er mit seiner lauten Freundin die Nachbarn aufgeweckt und mich drei Abende zuvor zum Essen ausgeführt. Diese Information brachte mich um den Verstand. Ich war so wütend, dass ich am liebsten um mich geschlagen hätte.
„Ich schätze, das gilt auch umgekehrt. Bei Ihrem Stöhnen haben letzte Woche die Wände gebebt.“ Deshalb war ich mit einem feuchten Höschen nach Hause gegangen, doch diesen Teil ließ ich aus.
Nachdenklich legte er die Stirn in Falten, dann schien ihm etwas zu dämmern. „Sie haben mich gehört?“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf das hintere Zimmer und dann auf die Wand zu Evans Wohnung. „Durch die Wand?“
Ich nickte.
„Und Sie dachten, ich hätte Sex?“
Für wie blöd hielt mich dieser Kerl? Ich warf ihm einen Blick zu, der genau das ausdrückte, schwieg jedoch.
„Ich habe trainiert. In dem freien Zimmer befindet sich mein Fitnessraum. Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, trainiere ich.“
„Wofür?“
„Ich bin Boxer.“
Mein Blick wanderte über seine noch immer nackte Brust. Dem Körper nach zu urteilen könnte er tatsächlich Boxer sein. Aber die Geräusche waren eindeutig erotischer Natur gewesen. Erst jetzt fiel mir allerdings auf, dass ich nie eine Frau gehört hatte. Herrgott, bei dem Rumsen, das durch die Wand gedrungen war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Frau nicht gestöhnt hätte.
„O Gott. Tut mir leid.“ Ich war mir nicht sicher, was schlimmer war – die Tatsache, dass mich die Geräusche eines trainierenden Mannes derart erregt hatten, oder dass er gehört hatte, wie der Mistkerl, mit dem ich mich traf, mit einer anderen Frau schlief. Ich wünschte, der Boden würde sich öffnen und mich verschlucken.
„Sie können reinkommen.“ Ich stand noch immer an der Tür.
„Danke. Alles okay.“
„Nur einen Moment, ich gebe Ihnen gleich etwas zum Anziehen. Meine kleine Schwester kommt morgen zu Besuch, und ich habe schnell noch Ben&Jerry’s Hazed and Confused besorgt.“
Ich lächelte. „Das ist süß.“
„Nicht unbedingt. Ich habe niedere Beweggründe. Wenn man ihr diesen Mist serviert, ist sie für ganze zehn Minuten still. Sie ist fünfzehn.“ Wieder zuckten seine Mundwinkel. Aus irgendeinem Grund fürchtete ich mich bei diesem Zucken vor dem eigentlichen Lächeln.
„Hazed and Confused ist kein Mist“, verteidigte ich meine guten Freunde Ben und Jerry.
„Wissen Sie, wie viel Zucker da drin ist?“
„Genug, um köstlich zu schmecken.“
„Keine Ahnung. Ich esse kein Eis.“
Ich staunte. „Gerade wollte ich mich beruhigen und Ihnen vertrauen, und da müssen Sie so etwas Gruseliges sagen.“
Noch ein Zucken um die Mundwinkel, gefolgt von einem Kopfschütteln.
„Wie kommen Sie über eine Trennung hinweg, wenn Sie kein Eis essen?“
Smith zuckte die Schultern. „Vermutlich, indem ich trainiere.“
„Sieht aus, als hätten Sie in letzter Zeit eine Menge Trennungen durchgestanden.“ Ich dachte, ich hätte das nur vor mich hin gemurmelt, aber anscheinend hatte ich es laut gesagt, denn seine Brauen schossen nach oben.
Durch das locker dahinplätschernde Gespräch fühlte ich mich allmählich wieder wie ich selbst. Leider fehlt meinem Selbst ein Filter. „Sorry. Ist nicht zu übersehen. Ich meine, Sie laufen schließlich ohne Hemd herum. Angeber.“
Freude durchströmte mich, als er endlich richtig lächelte. Und was für ein Lächeln das war! Perfekte Zähne, volle Lippen, die sich in Richtung seiner tiefblauen Augen hoben, und tiefe Grübchen. Verdammt. Ob er wohl stöhnte, wenn er …
Smith hob eine Braue. „Ich habe Sie spärlich bekleidet gesehen. Sie haben vermutlich schon seit Jahren keine Trennung mehr erlebt.“
Dieses Kompliment gefiel mir. Zumindest wusste jemand die vierhundert Dollar zu würdigen, die ich für die Dessous unter diesem übergroßen Hemd ausgegeben hatte.
Doch dann fiel mir ein, dass er sich täuschte. Ich war frisch getrennt. Es war gerade einmal zehn Minuten her. „Ehrlich gesagt liegt meine letzte Trennung erst zehn Minuten zurück.“
Smith nickte mitfühlend – endlich hatte er das Puzzleteil gefunden, nach dem er gesucht hatte. Dann griff er ins Tiefkühlfach, das er eben geschlossen hatte, holte die Eiscreme, die für seine Schwester gedacht war, heraus und füllte mir eine ordentliche Portion in ein Schälchen. Grinsend schob er mir die Schüssel samt Löffel über den Tisch zu. „Setzen. Essen.“
„Was ist mit Ihrer Schwester?“
„Sie wird mir ein Ohr abkauen, aber sie wird es überleben.“
Ich seufzte. Und dann setzte ich mich und nahm die Schüssel. Nach dieser Nacht konnte ich das jetzt gut gebrauchen.
Smith lehnte sich rücklings gegen den Küchentresen, verschränkte die Arme über der supermuskulösen Brust und sah mir beim Essen zu. Er wirkte, als würde er sich wohlfühlen.
„Möchten Sie darüber reden?“, fragte er vorsichtig.
„Eigentlich nicht.“
Er nickte.
„Warum lädt ein Typ mich ein halbes Dutzend Mal teuer zum Essen ein und macht sich nicht an mich heran? Und wenn ich komme, um den ersten Schritt zu tun, vögelt er eine andere.“ Offenbar hatte ich es mir anders überlegt und wollte unbedingt darüber reden.
„Klingt, als wäre der Typ, mit dem Sie zusammen sind, ein Arsch.“
„Der Typ, mit dem ich zusammen war“, korrigierte ich ihn.
„Klingt, als wäre der Typ, mit dem Sie zusammen waren, ein Arsch.“
„Zu blöd, dass ich das erst festgestellt habe, nachdem ich mich bereits erniedrigt hatte.“ Ich schob mir noch einen Löffel von der himmlischen, tröstlichen Eiscreme in den Mund.
„Dazu gibt es keinen Grund. Bei Ihrem Aussehen ist das ein großer Verlust für ihn.“
Röte schoss mir in die Wangen.
„Danke. Aber ich verstehe das einfach nicht. Warum führt er mich aus und schläft dann mit einer anderen? Sie sind doch ein Kerl, was hat er sich dabei gedacht?“
„Ich bin nicht wie er.“
„Kennen Sie Evan?“
„Nein.“
„Woher wollen Sie dann wissen, dass Sie nicht wie er sind?“
„Weil ich Sie drei Tage lang nicht mehr aus der Wohnung gelassen hätte, wenn Sie so bei mir aufgetaucht wären.“
Ohhhhh. Gute Antwort. Ich schüttelte den Kopf, versuchte, mein Lächeln zu überspielen, und grub den Löffel erneut tief in die Eiscreme.
„Ich muss aufhören, mit Leuten auszugehen, die ich bei der Arbeit kennenlerne. Das funktioniert irgendwie nicht.“
„Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Anwältin. Er war in einer Verhandlung mein Gegner.“
„Ach, Anwältin?“ Ich meinte, einen Anflug von Enttäuschung aus seiner Stimme herauszuhören.
„Haben Sie ein Problem mit Anwälten?“
„Überhaupt nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber vielleicht haben Sie ihn eingeschüchtert.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sehen Sie doch mal in den Spiegel. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Es ist leichter für einen Mann, wenn er klüger ist, besser aussieht oder erfolgreicher ist.“
„Das ist doch altmodisch.“
Wieder zuckte er mit den Schultern. „Vielleicht. Deshalb kann es trotzdem stimmen. Frauen wie Sie brauchen einen selbstbewussten Mann.“
„Nicht dass ich ihn verteidigen will, vielmehr würde ich ihn gerade am liebsten mit dem Auto überfahren. Und das gleich mehrmals. Aber Evan ist selbstbewusst. Ich war seine Gegnerin vor Gericht.“
„Das ist die Arbeit. Da kann er leicht vergessen, dass Sie eine Frau sind.“
„Was sind Sie? Der Ratgeberonkel der Boxwelt?“
„Ich sage einfach, was ich denke. Egal, was seine Gründe sind. Ihr Ex ist ein Idiot. Er könnte meine Wände mit einer Frau zum Beben bringen, die alles hat.“
Überraschenderweise flatterten ein paar Schmetterlinge in meinem Bauch auf. „Nun ja, wenn Sie das alles so klar durchschauen, wundere ich mich, dass es hier keinen Hinweis auf eine Frau gibt.“ Ich blickte mich in seiner graubraunen Küche um. Ziemlich sicher eine Singlebude.
„Wenn ich trainiere, treffe ich mich nicht mit Frauen.“
„Warum nicht?“
„Dann brauche ich meine ganze Konzentration.“
„Wie lange trainieren Sie?“
„Ein paar Monate. In zwei Wochen ist der nächste Kampf.“
„Klingt, als wäre Ihre Dürreperiode genauso lang wie meine“, murmelte ich.
Überrascht über mein Geständnis zog er eine Augenbraue nach oben. „Ist es schon länger her?“
„Ich fasse es nicht, dass ich mich mit einem völlig Fremden darüber unterhalte. Normalerweise brauche ich mindestens ein Abendessen, ehe ich Vertrauen fasse. Aber ja, es ist schon eine Weile her.“
„Ich bin kein Fremder. Schließlich habe ich schon Ihren Hintern gesehen. Das kostet mich normalerweise mindestens ein Abendessen.“ Er zwinkerte mir zu.
Ich rollte mit den Augen, aber im Stillen amüsierte ich mich. „Finden Sie … also finden Sie es nicht manchmal frustrierend, monatelang Abstinenz zu üben?“
„Die Verzweiflung ist ein guter Kämpfer. Ich lenke die Energie auf etwas anderes.“
„Vielleicht sollte ich mit dem Kickboxen anfangen.“
„Kein Vibrator?“, fragte er beiläufig, als ob er mich nach der Uhrzeit gefragt hätte.
Ich errötete.
„Sie werden rot.“
„Nein.“
„Dann ist das da kein Rosa in Ihrem Gesicht?“
„Nein.“ Und ich log nicht, denn inzwischen war ich puterrot.
Ich aß das Eis auf und trug die leere Schale zum Spülbecken. Während ich sie abwusch, spürte ich die ganze Zeit seinen Blick auf mir. Da es etwas länger dauerte, bis die Röte aus meinem Gesicht verschwand, war die Schale blitzblank, als ich fertig war.
Er beobachtete mich derart aufmerksam, dass ich nervös wurde. Männer machten mich normalerweise nicht nervös. Meine Mutter machte mich nervös, wenn sie mich ansah … weil sie mich stets durchschaute, egal, wie perfekt meine Fassade war.
Ich verschränkte die Arme, ahmte seine Haltung nach und fing seinen Blick auf. „Ja, ich habe einen Vibrator. Aber das ist nicht dasselbe.“
„Männer überall auf der Welt wären froh, das zu hören.“
Ich musste lächeln.
Bis ich es bemerkte.
Das Rumsen.
An der Wand.
Es drang aus der Nachbarwohnung herüber.
Aus Evans Wohnung.
Es war leise, aber regelmäßig, dann kam das Quietschen des Bettes hinzu. Smith und ich starrten uns an.
Dann folgte ein Stöhnen. Von ihr – der Stöhnerin.
Schön zu wissen, dass er mir nicht lange hinterhertrauerte, nachdem ich aus der Wohnung geflohen war. Schließlich hatte ich sie beim Duschen gestört, also hatten sie vermutlich noch etwas zu erledigen.
„Oh, Evan“, tönte es klar und deutlich durch die Wand.
Smith und ich starrten uns weiter an.
Dann lauter. „Oh, Evan.“
Das Zucken um seine Mundwinkel war wieder da. Die ganze Situation war zum Lachen gewesen, aber Smith hatte sich mit allen Mitteln bemüht, mir zuliebe eine neutrale Miene zu bewahren.
Schließlich begann ich zu kichern. Da lachte auch Smith. Ein tiefer, wundervoll gutturaler Laut, über den ich erst recht lächeln musste. Und dann wurde unser Lachen hysterisch. Zwischen den immer wieder ertönenden Rufen „Oh, Evan“ lachten wir uns ganze zehn Minuten lang kaputt.
Genau das hatte ich gebraucht. Okay, eigentlich hatte ich etwas anders gebraucht, aber das war es, was ich im Moment brauchte.
„Er rammelt wie ein Karnickel“, bemerkte Smith, und wieder schütteten wir uns aus vor Lachen.
Etwas später gab Smith mir ein Shirt und eine Jogginghose. Ich versprach, sie ihm zurückzubringen, aber er sagte, das sei nicht nötig. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich darin schlafen und sie eine ganze Weile nicht waschen würde. Sie rochen nach ihm. Und ich mochte ihn. Ich hätte ihn auch gemocht, wenn er keinen derart attraktiven Körper gehabt und mir nicht buchstäblich sein letztes Hemd gegeben hätte.
„Danke. Für alles.“ Ich stellte mich auf Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange zum Abschied.
„Wenn Sie wieder Lust haben, in schwarzen Spitzendessous vorbeizukommen, meine Tür steht Ihnen jederzeit offen.“ Lächelnd stand er im Türrahmen und sah mir nach, als ich ging. Seltsamerweise fiel mir das schwer.

Es erforderte deutlich weniger Zeit, über Evan hinwegzukommen, als gedacht. Klar, die ersten Wochen sah ich immer wieder den Ablauf jener Nacht vor mir. Doch mit jedem Tag dachte ich seltener an die peinliche Situation mit Evan und zunehmend häufiger an dessen außerordentlich anziehenden Nachbarn Smith.
Heute war ich Evan im Gericht begegnet. Ich hatte die Nachrichten ignoriert, die er mir seit jenem Abend täglich geschickt hatte. Nichts von diesem Quatsch hatte ich auch nur mit einer Antwort gewürdigt. Obwohl mein Stolz verletzt war, begriff ich, dass ich mich an Evan Little unter Wert verkauft hatte. Insgesamt mochte er meinen Vorstellungen entsprochen haben, aber ich war bereit gewesen, mich auf ihn einzulassen, obwohl ganz offensichtlich das Feuer fehlte.
Diesen Fehler wollte ich ganz bestimmt kein zweites Mal begehen. Ich hatte noch nicht einmal eine Stunde mit Smith verbracht, doch er hatte mir die Augen geöffnet. Ich wollte einen Mann, der Gefühle in mir auslöste. Einer, der im einen Moment seiner Schwester ihr Lieblingseis kaufte und im nächsten vollkommen entspannt über meinen Vibrator sprach. Ein Mann, der sein letztes Hemd für mich gab.
Normalerweise bin ich kein Stalker … ehrlich. Aber die Neugier siegte. Seit Google gibt es nicht viel, was man heutzutage über einen Menschen nicht herausfinden könnte. Insbesondere über einen Menschen, der in gewisser Weise in der Öffentlichkeit stand wie Smith. Als er sagte, er sei Boxer, hatte er vergessen zu erwähnen, dass er kurz vor einem Meisterschaftstitel stand. Wenn er den nächsten Kampf gewann, war er Meister im Mittelgewicht. Obwohl ich noch nie einen richtigen Boxkampf gesehen hatte, schien mir das eine große Sache zu sein. Mein Box-Wissen beschränkte sich auf Rocky, Teil eins bis vier.
Das Timing mochte völlig daneben gewesen sein, aber ich würde nicht wegen einer schlechten Erfahrung auf ewig verbittert sein. Nein, ich war ein Kämpfer. Genau wie Smith. Außerdem wollte ich immer noch unbedingt Sex haben.
Also zog ich mein verruchtes Höschen an – nun, das war eine Metapher, denn dieses Mal ich trug gar keine Unterwäsche – und stieg wieder aufs Pferd. Ich hoffte, dass Letzteres weniger eine Metapher war.
Der Aufzug hielt klingelnd in der 22. Etage. Es war fast zehn Uhr abends. Smiths Kampf war um drei gewesen, und ich hoffte, dass er inzwischen zu Hause war. Allein. Denn so etwas konnte ich nicht ein zweites Mal ertragen.
Als ich an die Tür klopfte, durchlebte ich ein Déjà-vu. Im Flur war es still, lediglich mein vor Aufregung beschleunigter Atem war zu hören. Was, wenn ich jenen Abend missgedeutet hatte? Meine Verfassung war nicht gerade stabil.
Ich klopfte.
Und wartete.
Nichts.
Ich klopfte noch einmal – lauter, kräftiger.
Immer noch nichts.
Enttäuscht wandte ich mich zum Gehen.
Ich stellte einen Fuß vor den anderen, dann blieb ich stehen. Ich musste es ein letztes Mal probieren. Ich griff nach dem Türknauf, der sich zu meiner Überraschung drehen ließ.
„Smith?“, fragte ich leise in den dunklen Raum hinein. Ich wollte gerade wieder umdrehen, als ich ein Plätschern vernahm. Es konnte mir doch nicht etwa tatsächlich zweimal passieren?
Ich fasste mich, holte tief Luft und löste den Gürtel. Dann ließ ich meinen neuen Regenmantel auf den Boden gleiten. Bis auf hohe rote Stilettos komplett nackt schritt ich auf das Bad zu.
Die Tür stand einen Spaltbreit offen.
„Smith?“
„Das wurde aber auch Zeit“, dröhnte seine tiefe, erotische Stimme aus der Dusche. „Ich habe zwei Wochen gewartet, jetzt schaff deinen Hintern hier rein.“
Darum musste er mich nicht zweimal bitten.
Die ganze Nacht erforschten wir unsere Körper. Es gab keinen ersten, liebevollen, vorsichtigen Kuss, der allmählich an Leidenschaft gewann. Von der ersten Berührung an verschlangen uns die Flammen der Begierde. Er wickelte mein langes Haar um seine Faust und zog meinen Mund genau dorthin, wo er ihn haben wollte. Besser ging es nicht.
Wir trieben es lange und heftig und entschädigten uns für Monate frustrierender Enthaltsamkeit. Erst als die Morgensonne durch das Fenster hereinschien, schliefen wir befriedigt ein.
Am nächsten Nachmittag machten wir dort weiter, wo wir aufgehört hatten – bei Smith in mir. Ich war kaum aufgewacht, als ich schon spürte, wie er wieder gegen meine Grotte stieß. Anscheinend konnte keiner von uns genug bekommen.
„Komm, ich führe dich zum Essen aus“, sagte er, als mir am späten Nachmittag der Magen knurrte.
„Hättest du mich nicht zum Essen einladen müssen, bevor du mich flachgelegt hast?“, scherzte ich.
„Die umgekehrte Reihenfolge scheint unser Ding zu sein. Ich habe erst deinen Hintern gesehen, dann dein Gesicht. Es ist nur logisch, dass ich dich genommen habe, ehe wir gemeinsam essen.“ Er klatschte mir auf den Po, sprang aus dem Bett und zog mir die Decke weg.
Zehn Minuten später waren wir angezogen, ich in einem seiner T-Shirts und Shorts. Es war nicht gerade mein attraktivstes Outfit, aber das breite Grinsen auf meinem Gesicht wog das auf.
„Warte eine Sekunde, ich habe mein Telefon vergessen“, sagte ich vor dem Fahrstuhl zu ihm und lief zurück in die Wohnung. Als ich im Schlafzimmer nach meinem Handy suchte, hörte ich leise Stimmen.
„Mann. Ich bin vielleicht neidisch. Meine Wände haben die ganze Nacht gebebt.“ Evans Stimme ließ mich erstarren.
Nachdem ich tief durchgeatmet hatte, öffnete ich Smiths Wohnungstür und sah, wie Evan bei meinem Anblick alles aus dem Gesicht fiel.
„Das solltest du auch sein.“ Smith legte mir einen Arm um die Schulter. „Du wirst nie erfahren, was du verpasst hast, Arschloch.“

Ins Deutsche übertragen von Babette Schröder.

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