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„Ich lasse mich nicht gern vereinnahmen – nicht einmal von meinen selbst erschaffenen Figuren“

Ein Gespräch mit Angelika Waldis über Die geheimen Leben der Schneiderin

Angelika Waldis
© Peter von Felbert
Wie ist das, wenn man schon ein komplettes Arbeitsleben als Redakteurin hinter sich hat und mit 60 Jahren noch etwas ganz Neues beginnt: eine Laufbahn als freie Schriftstellerin?

Das ist so, wie zum Bahnhof zu gehen mit der Absicht, den Zug zu besteigen, der als nächster abfährt – um in Weißnichtwo zu landen, vielleicht in Hamburg oder Neapel oder in Gipf-Oberfrick. Es ist aufregend, reizvoll und etwas wagemutig.

Ihr Roman Die geheimen Leben der Schneiderin, der jetzt in einer Neuauflage erscheint, wurde erstmals veröffentlicht, als Sie 68 Jahre alt waren. Erkennen Sie in dieser späten Lebensphase Vorzüge fürs Schreiben?

In der ersten Nacht nach meinem Abschied vom Redaktionsleben träumte ich, meine zukünftige Aufgabe laute „Die Gürtelschnalle im 19. Jahrhundert“. Beim Aufwachen war ich unendlich erleichtert: Nur ein Traum. Nix Gürtelschnalle! Ich hatte schon eine Aufgabe: Geschichten erzählen!
Klar, profitiert man im Alter von vielen Erfahrungen, die sich einfach abrufen lassen, das hilft. Mir haben aber vor allem die vielen Jahre des Schreibtrainings als Redakteurin geholfen, ich kann mich auf eine gewisse Sicherheit und Lockerheit verlassen. Auch dass ich mich besonders mit Texten für junge Leute abgegeben habe, hat mich geschult. KISS heißt die Kurzformel: Keep it Short and Simple. Keine langatmigen Betrachtungen des eigenen Bauchnabels.

Hauptfigur Ihres Romans Die geheimen Leben der Schneiderin ist Jolie, die seit 24 Jahren ein eigenes Nähatelier betreibt. Sie richtet zum 80. Geburtstag ihrer Eltern eine Familienfeier aus und blickt während der Vorbereitungen auf ihr Leben und ihre Stellung innerhalb der Familie zurück. Den Verlust ihres älteren Bruders Franz hat Jolie nie verwunden. Er ertrank mutmaßlich bei einem Badeunfall, als Jolie 11 Jahre alt war. Was bedeutet es für Jolie, dass Franz nie gefunden wurde?

Für mich bedeutet es, dass eine Geschichte entsteht . Für Jolie bedeutet es, dass sie das Liebste verloren hat. Das Verlorene muss sie ersetzen, sie ersetzt es mit Träumen und Lügen, sie baut sich ein Gehäuse aus verschiedenen Wahrheiten.

Beim Blick auf Jolies Leben fällt auf, dass es viel weniger durch tatsächliche Ereignisse geprägt ist als vielmehr durch Abwesenheiten. Wie kann jemand stärker durch etwas gezeichnet werden, das nicht stattgefunden hat, als durch die Realität?

Wenn das Nichtstattgefundene einen mehr beschäftigt als das Stattgefundene, vielleicht eine Liebe, die man vergeblich ersehnt hat oder ein Kind, das man nie bekommen hat. Wenn Phantasie und Traum bedrängender sind als die Realität.
Es gibt Menschen, die sich Träume verbieten. Sie wollen das, was sie haben, ja nicht durcheinanderbringen. Das ist ein bisschen, wie wenn einem mal ein Reisgericht gelungen ist, und nun kocht man es Jahr für Jahr genau so, in der Gewissheit, dass es nicht misslingt. Was für wunderbare Möglichkeiten mit dem Reis es sonst noch gäbe, will man gar nicht erfahren.

Jolie ist eine fantasievolle Frau, die es versteht, die Leerstellen ihres Lebens zu füllen. Wie verändert sich dadurch Jolies Verhältnis zu Wahrheit und Lüge?

Das Phantasieren wird für Jolie eine Lust und das Lügen eine Last. Nur schwer wird sie ihre Lügengeschichte wieder los und schämt sich. Es geht in diesem Buch aber auch ums Verschweigen, also um ungesagte Wahrheiten, und die sind ja auch sowas wie Lügen. Fragt man jemanden „Wie geht’s“, heißt es meistens „Danke, gut“, und kaum „Danke, schlecht. Mein Mann hat mich betrogen und meine Tochter ist strohdumm.“
Was ich an der phantasierenden Jolie mag, ist die Findigkeit, mit der sie sich geheime Nischen schafft, aus denen sie die andern beobachten und durchschauen kann.

Vergleicht man Die geheimen Leben der Schneiderin mit Ihrem jüngsten Roman Ich komme mit (erschienen im August 2018 bei WUNDERRAUM), treten Parallelen zwischen den Hauptfiguren Jolie und Vita hervor. Obgleich Jolie mit 46 Jahren deutlich jünger ist als die 72-jährige Vita, befinden sich beide in einer ähnlichen Ausgangssituation. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

Das sehe ich nicht so. Im Gegensatz zu Vita hat Jolie noch ein großes Stück Zukunft, das sie mit Träumen füllen kann, hat eine Tochter, die sie lieben und einen Bruder, den sie suchen kann. Ja, wie Vita lebt sie allein, aber Vita lebt alleiner – sprachlich falsch, ich weiß, Verzeihung!

Steckt in Jolies Geschichte auch eine Kritik am Rollenverständnis vieler Frauen?

Ach, vergessen wir doch die Rollen. Die Rollenverteilung hat vor ein paar tausend Jahren stattgefunden. Heute, in der aufgeklärten westlichen Welt, sollten wir nicht mehr als Rollen agieren, sondern als Persönlichkeiten.

Familie ist in Ihren Büchern keine Gemeinschaft, die vor Einsamkeit schützt. Würden Sie raten, der Freundschaft den Vorzug zu geben?

Ich habe eine Familie, Kinder und Enkel, an die ich denken kann, das ist schön. Ich kenne Paare, die haben keine Kinder, die haben einander, auch schön. Ich kenne Einzelgänger, die haben ihre Unabhängigkeit, auch schön. Ich möchte niemandem zu einem Lebensmodell raten. Denn ganz tief drinnen und selten spürbar ist jeder und jede allein, außer die Kinder, die noch bedingungslos in den Eltern geborgen sind – bis sich lösen müssen fürs Erwachsenwerden und fürs Alleinseinkönnen.

Parallel zur Vorbereitung der Jubiläums-Festivitäten macht Jolie sich im Internet weltweit auf die Suche nach Franz. Was gerät für sie dadurch in Gang?

Es kommt ihr vor, als tauche sie mit dem Sprung ins Internet in eine Unterwelt, von der sie bislang nichts gewusst hat. Sie sieht auf den verschiedenen Suchforen, wie verzweifelt nach Verschwundenen, Vermissten, Verlorenen gesucht wird. Wie Menschen so gerne wieder in Ordnung bringen möchten, was falsch gelaufen ist, dass sie mal jemanden verleugnet oder verletzt oder verstoßen haben. Das ist aufregend für Jolie und heizt ihren Mut auf.

In der Biografie auf Ihrer Internetseite www.angelikawaldis.ch erzählen Sie in der dritten Person von einer Angelika Waldis und schließen mit dem Satz: „Es ist einfacher, über Angelika zu schreiben als über mich.“ Ist diese Haltung der Beobachtung, Distanz und Selbstironie gewissermaßen Ihre Grundhaltung beim Schreiben?

Mag sein. Vielleicht braucht es Distanz zu den Figuren, um sie zu führen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich generell nicht gern vereinnahmen lasse, nicht von Ideologien und Parolen, nicht von Werbung und Verheißung, und – wer weiß – nicht mal von meinen selbst erschaffenen Figuren.


© WUNDERRAUM Verlag
Interview: Elke Kreil

Die geheimen Leben der Schneiderin

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