Ich umarme den Tod mit meinem Leben

Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht liebt das Leben in all seinen Facetten, begeistert sich leidenschaftlich für andere Menschen, für Geschichten und die großen und kleinen Fragen des Lebens. Eigenwillig, unbestechlich und bodenständig schildert sie in ihrem neuen Buch ihre eigene Sicht auf die Dinge. Mit ihren feinsinnigen Beschreibungen kommt sie den Leserinnen und Lesern ganz nah und verzaubert sie durch ihre besondere Wahrnehmung in einer eigenen Sprache voller poetischer Farben.
Es ist ihr persönlichstes und wichtigstes Buch, erwachsen aus den Erfahrungen in der Sterbebegleitung als junges Mädchen und ihrem langjährigen Engagement in der Hospizbewegung. Unerschütterlich vertritt sie ihren Glauben an Gott, an die Unsterblichkeit der Seelen, an das Gute im Menschen und an die Kraft der Liebe. Und ermutigt, das Sterben wieder ins Leben zu holen.

Hardcover
eBook
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Mädchen an himmlischer Quelle

Der Weg ins Licht
Wenn du
die schwankende Brücke
menschlicher Unzulänglichkeit
hinter dir gelassen hast,
an alldem Chaos vorbei bist,
das der entfesselte Fluss
in seine Mäander häufte –
Wenn du,
Herr deiner Ängste,
blaue Blumen der Hoffnung pflanzt,
auf getropfte Jahrmillionen vertraust,
die, von oben und unten her gewachsen,
deine zerbrechliche Mitte stützen –
Wenn du,
Träumer und Realist zugleich,
erkennst, welches Glück du hast,
deinen Weg gehen zu können,
ohne dass es Asche regnet
oder unter dir die Erde bebt –
dann wird dein Weg
wie von selbst
ein Weg
ins Licht.

Rose Deroussas

Ein halbdunkles Zimmer spendet in dieser Nacht Quartier für Marianne und ihr sterbenskrankes Sorgenkind Hedwig. Als Patientin ist sie austherapiert, wurde aber gestern, vor ihrer anstehenden Heimreise zu Gottvater, auf ihren inständigen Wunsch hin, von dem diensttuenden Kaplan des Krankenhauses mit den heiligen Sterbesakramenten versehen.
Seit zwei erfüllten Jahren ist dieser seelenberuhigende, wissenserfüllte Religionslehrer unserer Realschule schicksalshaft in mein Leben getreten. Seine Thesen haben sich auch im Unterricht ganz selbstverständlich mit den religiösen Thesen der buddhistischen und hinduistischen Welten verwoben, und das nicht unbedingt zur Freude mancher streng katholischer Elternpaare.
Für mich, die nach Wissen lechzende Marianne, sind seine Worte immer Balsam für meine reifende Seele: »Stellt euch den Ort der Hölle nicht als ein Dorado mit dampfenden Schwefelwolken, schreienden, klagenden Menschen, von heißem Pech übergossen, vor. Und Luzifer nicht als bockbeinigen, stinkenden Ziegenbock. Luzifer ist als zweifelnder, gefallener Engel und angehender Bote Gottes aus dem göttlichen Licht in die dunkle, lichtlose Dimension hinabgestürzt. Mit vielen Facetten und Verwandlungen ausgestattet, versucht er, uns Menschen sein archaisches Reich schmackhaft zu machen, Nächstenliebe auszublenden und unsere Seelen zu verführen. Vertraut auf eure Intuition und die Vergebung unseres Schöpfers von allen sündhaften Taten, für die ihr nach seinem Willen beizeiten Verantwortung zu übernehmen bereit seid, und spart nicht mit Reue.« Diese Worte rieseln während seines Unterrichts verständnisvoll und tröstend mein junges Seelenbächlein
hinunter.
Für Hedwig findet unser Kaplan in meinem Beisein tröstende Worte. Nachdem er ihr das von Kindheit an vertraute Bild des zuvor beschriebenen klassischen Höllenszenariums genommen hat, zeichnet er ihr ein angstfreies Bild: das Wandern ihrer vom Körper entlassenen Seele durch einen Tunnel, der sich am Ende in einen großen, runden Lichthof, ausgefüllt mit dem Licht der göttlichen Liebe für jede heimgekehrte Seele, ergießen würde.
»Im Tunnel wird dein Leben noch einmal wie in einem Filmabspann rückwärts an dir vorbeiziehen. Und hier wird deine Seele viele Zusammenhänge für ihre Weiterentwicklung begreifen, wird aber nicht mehr eingreifen können, was auch im Plan des Schöpfers nicht vorgesehen ist. Es kann sein, dass dich im göttlichen Lichthofbereich wesensverwandte Seelen oder gar bereits heimgegangene verwandte Seelen in Empfang nehmen werden. Dafür gibt es allerdings keine Garantie, auch nicht für meine gerade übermittelte Botschaft an dich, Hedwig, und an dich, Marianne, denn diese Vision ist auf einem tief verwurzelten, eigenen Glauben in mir aufgebaut. Durch Studien asiatischer Religionen, die unter anderem von einer Reifung der Seele durch Wanderungen berichten, hat sich meine Sicht der Dinge gestaltet, die ich in unserem katholischen Religionsunterricht in dieser Klarheit nicht darlegen darf. Marianne, ich bitte dich um ein Schweigeversprechen des heute Vernommenen. Das Höllenszenario aus dem Mittelalter habe ich mir aber erlaubt, für euch Schülerinnen zu assimilieren«, meint er verschmitzt. Er streicht unserer selig in sich ruhenden Hedwig über das wenige verbliebene Haar, bevor er sich in das angesagte Gebetsritual begibt, das er mit einer nach Myrrhe duftenden Salbung abschließt, die das ganze Krankenzimmer, aber auch unsere Sinne wohltuend zu beschenken vermag.
Ich bin ganz still im tiefen innerlichen Gebet für die Patientin, die sich, von den Ärzten bereits aufgegeben, nun durch die Gebete und Berührungen des Kaplans und meinem Halten ihrer Hände in einem friedlichen seelischen Bereich, mit hellwachen Augen und Ohren, ohne große Schmerzempfindungen, aufzuhalten scheint.
Ja, liebe Leserinnen und Leser, sie wundern sich vielleicht über meine geleistete Zuwendung und Assistenz, die ich schon in so jungen Jahren, Seite an Seite mit meinem verehrten Religionslehrer und Seelsorger, verbringen durfte. Viele reife und interessierte
Gedanken über Leben und Tod, Körper und Seele waren während seines Religionsunterrichts schon über meine Lippen gekommen. Vorangegangen war die intensive Lehrvorstufe einer seelen- und glaubensstärkenden Zeit unter dem Schutz meines Gemeindepfarrers und Lehrers der Realschulzeit – weit entfernt vom Interessenspegel meiner Mitschülerinnen.
Eines Tages aber sprach mein Herr Kaplan: »Marianne, du bist schon so weit gereift in deiner Seele, hast eine so große Empathie in dir, gepaart mit deiner beruhigenden Stimme – würdest du mich bei meinen Gängen begleiten, um die Sterbenskranken ein bis zweimal die Woche an den Nachmittagen mit dem letzten heiligen Sakrament zu segnen?«
Ein »Ja« kommt sofort über meine Lippen, durfte ich doch bereits beim Heranwachsen im Dorf immer wieder daheim aufgebahrte Nachbarn in Augenschein nehmen, um mich am offenen Sarg zu verabschieden. Vor allem bleibt mir die Begleitung meiner geliebten Bäuerin, der Mutter einer Freundin aus der Kindheit, in Erinnerung. Bis zu ihrem letzten Atemzug war ich bei ihr, und der Besuch an ihrem Sarg am nächsten Tag mit einem Abschiedskuss entbehrte jegliches Angstgefühl und zeichnete sich durch ein tiefes Mitgefühl für die Verbliebenen aus.
Auch zu diesem Zeitpunkt meines Lebens bin ich mir sicher, durch Übermittlung meines Pfarrers und Lehrers aus der Realschulzeit, dass sich die Seele der Verstorbenen im Moment der tiefen Trauer der Angehörigen schon auf dem Weg in die lichten heiligen Gefilde ihres göttlichen Ursprungs befinden. Hölle hin oder her.
So betrat ich schicksalshaft schon im Alter von fünfzehn Jahren einen vorbestimmten Kreis, der sich im Hier und Heute immer mehr zu schließen beginnt. Und meine Mitmenschen können durch dieses Buch an meinen Lehr- und Wanderjahren zum Themenkreis »Meine entdeckte Sinnhaftigkeit von Leben und Tod« teilhaben.
Nun muss ich aber ganz schnell wieder in den Erzählkreis meiner geliebten Hedwig zurückkehren. Als ich an dem zuvor angesprochenen Sonntag Hedwig mit unserem Kaplan nach ihrer letzten Ölung und viel Zuspruch und Berührung wieder verlassen will, richtet sie sich auf, klammert sich starr an meinen Arm, den ich um sie gelegt habe, und bittet mit heller, angstvoller Kinderstimme, von mir nicht allein gelassen zu werden in ihrem Zimmer. Heute sieht sie um Jahre verjüngt aus. Ich bin weitaus früher da als sonst und habe sie schon mit meinem Hibiskus-Öl eingerieben.
Mein Herz fühlt sich sehr schwer an, denn meine Erfahrungswerte melden sich stumm zu Wort. Nicht selten überraschen uns die bald Heimgehenden ein, zwei Tage vor dem Ereignis mit einem jugendlich strahlenden Aussehen, was ich immer als gutes Omen für die Seelenkraft deute, was mich heute aber sehr traurig stimmt. Hedwigs Haare glänzen nach einer zarten Wäsche, ihren Oberkörper ziert eine hellblaue Chiffonbluse mit angearbeitetem Schal, darauf eine feine Carneol-Brosche, die ich noch in ihrem Nachtkästchen gefunden hatte. Das Schwesternzimmer steuert noch eine blaue Jogginghose und silbern glänzende Hausschlappen bei. Mein mitgebrachtes Lavendelpulver-Säckchen verstecke ich unter ihrem Kopfkissen. Mit Hilfe der klösterlichen Krankenschwester Amelie platzieren wir Hedwig in einen Rollstuhl, und ich fahre sie vor dem Eintreffen unseres Kaplans noch eine Runde durch die Cafeteria hinaus in den Rosengarten, als sie plötzlich, von schrecklicher Unruhe durchdrungen, nach ihrer Tochter Anna ruft. Immer lauter ruft sie, aber eine Antwort bleibt zu unserem Leidwesen aus, denn Tochter Anna, in den USA mit einem Soldaten der amerikanischen Armee verheiratet, hatte, obwohl über den Zustand der sterbenskranken Mutter in Kenntnis gesetzt, seit drei Monaten kein Lebenszeichen mehr gegeben. Hurtig bringe ich Hedwig mit Hilfe von Schwester Amelie wieder auf ihr Krankenlager. Die Kleidung und den Schmuck behält sie an, basta, das war beschlossene Sache.
Der Puls der Patientin ist durch den Stress sehr schnell geworden, hat sich aber durch die Anwesenheit des Kaplans, unsere Gebete, unsere Berührungen und durch mein Halten ihrer Hände, nach Aussage von Schwester Amelie, wieder normalisiert. Jetzt regt sich Hedwig so sehr auf, dass ich beschließe, mit dem Einverständnis der Schwester, auch über die Nacht weiterhin an der Seite Hedwigs zu verweilen, was ich ihr nach der Verabschiedung unseres besorgten Seelsorgers über meine jetzt zu erwartende Schlaflosigkeit und den damit verbundenen Kräfteabbau, sofort verständlich machen konnte. Mit einem tiefen Seufzer lässt sie sich in ihr lavendelduftendes Kissen fallen und stammelt meinen Namen. »Nicht wieder allein lassen, Marian, nie wieder.«
Ich kann mich nun meiner Tränen nicht mehr erwehren, denn Hedwig, Amelie und ich tragen ein Geheimnis mit uns, was die Leidensgeschichte unserer herzerkrankten Anbefohlenen betrifft.

Vor einem Monat begegnete ich Hedwig bei einem meiner gemeinsamen Besuche mit dem Kaplan zum Spenden der heiligen Sakramente an eine abschiednehmende Patientin im jetzt leeren Nachbarbett des Krankenzimmers. Hedwig lag steif und hochsediert im Nachbarbett. Als ich nach dem Weggang unseres Seelsorgers unserem Mündel noch zu Trinken gab, zum Essen war sie schon zu schwach, musste ich, während ich auf der Toilette war, mit anhören, dass eine weltliche Lernschwester Hedwig vor einer Weile wohl das Essen gebracht hatte, das sie so komplett sediert gar nicht zu sich nehmen konnte.
Ungebraucht steckte der Löffel immer noch in ihrer starren Hand, während die Schwester Hedwig damit drohte, ihr hinfort gar nichts mehr zu bringen, wenn sie nicht äße. Die Beschimpfte konnte sich, außer mit einem starren Blick, nicht einmal verteidigen, brachte wohl nur eine stumme Lippenbewegung zustande. »Aber ich werde Hedwig verteidigen, bis aufs Blut«, jetzt rasten die berühmten roten Ringe der Sägebrecht hinter meiner Gehirnwand auf und ab. »Was veranstalten Sie hier?«, rief ich. Mehr nicht, denn das würde Hedwig nur Schaden bringen, hämmerte es an meine Vorderstirn. Tief atmen – om, om – hörte ich aus einem Hirnkämmerlein, und es gelang mir, sturzlos von meinem Zornesgipfel herunterzusteigen. »Wissen Sie, wir haben da ein Problem«, entfuhr es der selbsternannten Jungquälerin. »Die Tochter unserer Patientin lebt in Wisconsin/USA und kann sich nicht um ihre Mutter kümmern, die in ihrer Wohnung wegen einer Herzschwäche gestolpert ist. Kalium ist schon wieder aufgefüllt, sie kann aber nicht nach Hause. Die Tochter hat Geld geschickt«, schon haute sie sich selbst auf den Mund. »Ich komme ab morgen jeden Mittag nach der Schule, kurz nach ein Uhr, und werde Hedwig das Mittagessen geben, und Sie setzen sofort die überhöhte Sedierung herunter«, agierte ich jetzt im straffen Befehlston. »Wo ist der zuständige Arzt?«, insistierte ich. »Und wo ist Schwester Amelie? « – »Sie können beide morgen sprechen«, bekam ich eine kecke Antwort, »und jetzt ab.«
Am nächsten Mittag fand ich nur noch einen leeren Platz im Zimmer von Hedwig vor. »Hedwig heute Morgen Reha Bad Tölz, wegen Tochter«, erklärte unser Mündel im Nachbarbett mit schwacher Stimme. »Ach, und das Nachtkästchen ist wohl auch zur Reha gebracht worden?«, sprach ich zu mir selbst, während mich bittere Gedanken marterten und mich nicht zur Ruhe kommen ließen. Im Schwesternzimmer traf ich die völlig aufgelöste Schwester Amelie, die mit dem unerklärlichen Abtransport von der ihr ans Herz gewachsenen Hedwig nicht zurechtkam. Sie hatte gestern einen freien Tag und keine Ahnung, wer die weltliche Aushilfsschwester war, die an dem Morgen zusätzlich hier gearbeitet hatte.
Ich machte mich mit Schwester Amelie auf die Suche. Das Bett samt dem Nachtkästchen musste sich noch im Haus befinden. Nach einer Stunde wurden wir in einer größeren Wäschekammer fündig. Hedwig, wieder stark sediert, mit einer großen Tasche voll Kleidern, Waschzeug und Schlafanzügen, wurde wohl samt Bett diesem Raum bis zu ihrer Abholung anheim gegeben. Ihre Wohnung zu Hause war gekündigt worden. So konnte Hedwig erst mal im Krankenhaus bleiben, und man tat alles, damit es ihr wohlergeht. Nach drei Wochen begann ihr angeschlagenes Herz immer schwächer zu werden, und sie rief immer wieder nach ihrer Tochter Anna. Als man erfuhr, dass wohl Tochter Anna die Wohnung gekündigt und während der letzten Wochen schon einen Großteil ausgeräumt hatte, beschloss man, die Angelegenheit erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Man wollte keinen Skandal, denn die unbekannte Schwester zur Tagesaushilfe konnte von der Krankenhausverwaltung nicht mehr dingfest gemacht werden.

So, jetzt wissen Sie es, liebe Leserinnen und Leser, mich friert es jetzt noch bis ins Blut, wenn ich an diese schreckliche Geschichte denke. Miss Marple könnte die ganze Angelegenheit vielleicht auflösen, aber meine Hedwig braucht mich jetzt ganz nah an ihrer Seite. »Warum lässt du mich alleine, Anna, warum?«, kommt es immer wieder aus ihrem Mund.
Da erinnere ich mich plötzlich an ein geliebtes Gedicht von Margaret Fishback Powers, das ich heute eigentlich vor der heiligen Salbung noch zu Hedwigs Trost vorlesen will. Ich setze meine Stimme an ihre klagenden Laute – und siehe da, es tritt eine plötzliche Stille ein, in die hinein ich sofort zu lesen beginne.

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.


Hedwig liegt ganz still, nur ein kleines Lächeln ziert ihre blassen Lippen. Ob sie mich wohl hört? Plötzlich fängt sie an zu zittern, und ich entscheide mich, hier doch weiter bis zum tröstenden Ende zu lesen.

Besorgt fragte ich den Herrn:
»Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?«
Da antwortete er: …


Plötzlich erschreckt mich Hedwigs Stimme, die aus ihrem Kissen zu mir empor dringt: »Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie alleine lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen« … bringt sie einen meiner tröstlichsten Lieblingstexte bis zum wunderbaren Ende. »Das war das Lieblingsgedicht meines Sohnes, der sich vor einigen Jahren wegen Mobbing das Leben genommen hat. Unser Kaplan hat mir heute versprochen, dass auch mein Sohn trotz seiner Selbsttötung in das göttliche Lichtrondell treten durfte und ich ihn dort schon bald wieder in meine Arme schließen darf.«
Ich lege mich ergriffen neben Hedwig, umschließe ihren Oberkörper mit meinen Armen, und während ich mich bemühe, nicht zu weinen, werde ich urplötzlich von einem tiefen Schlaf übermannt, in dem mich ein lauer Wind zusammen mit Hedwig in ein Wolkenfeld trägt, als uns plötzlich eine Ansammlung von bezaubernden bunten Blumen begegnet.
»Ich muss Hedwig zu ihrem Sohn, dem Meister des Tempels von Sais, nach Ägypten bringen, und ich darf ohne die blaue Blume nicht mehr zurückkommen. Bitte, weist mir doch den Weg«, flehe ich inständig. »Gehe nur aufwärts, von wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren«, vermischt sich die Stimme der Blumen mit der sonoren Männerstimme meines Kaplans, der sich zu meinem Erschrecken mit den Worten »Aufstehen, Marianne« über mich und das stille, in sich gekehrte Antlitz von Hedwig beugt, die immer noch tief schläft.
Doch Hedwig schläft nicht mehr, sie hat in den letzten Stunden in meinen schützenden Armen den tröstlichen, ewigen Schlaf angetreten, mit all den wachen Seelenelementen und einer bestimmt glücklichen Begegnung mit der Seele ihres Sohnes. »Ich möchte Hebamme der heimgehenden Seelen werden, mit ihnen hinübertauchen und erst zurückkehren, wenn ich mich von einer sicheren und würdevollen Übergabe an die jenseitige Dimension überzeugt habe«, fantasiere ich noch schlaftrunken, während der Seelsorger seiner Anbefohlenen die schönen blauen Augen schließt. »Warum haben denn die Schwestern euch beide heute Morgen nicht geweckt? Einmal wär’s ja erfolglos geblieben«, meint er schmunzelnd. »Und du hast den Schulanfang mit meiner Religionsstunde verpasst, aber ist ja alles auf meinem Acker gewachsen. Du brauchst nach dem intensiven Erlebnis mit Hedwig über einen ganzen Monat mal ein paar Wochen Ruhe. Da ist nichts mit Hebamme ins Jenseits hinübertauchen. Ich brauche dich nötig für meine Assistenz im Diesseits. Und jetzt ab. In der Schule brennt eine kluge Frau darauf, mit dir am Ende deiner Realschulzeit ein zukunftsweisendes Gespräch zu gestalten.« So jagt er mich nach meinem Abschiedskuss, den ich Hedwig noch geben darf, förmlich in die schulische Abteilung.
Ja, diese Wegweiserin brachte mir ein unbändiges Himmelsglück auf meinem vorbestimmten Lebensweg, auf dem ich mich auch mit meinen dreiundsiebzig Jahren nicht vom Glauben an diese Vorbestimmung unseres Lebensweges mit der Möglichkeit, ja oder nein zu sagen, abbringen lasse.

Marianne Sägebrecht
© Sabine Hermsdorf-Hiss

Marianne Sägebrecht

Marianne Sägebrecht, geboren 1945, ist eine erfolgreiche Autorin und Schauspielerin. Nach einer Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin führte sie zwei Künstlerkneipen in Starnberg und München. Sie schaffte als eine der wenigen deutschen Charakterdarstellerinnen den Sprung nach Hollywood und wurde u.a. mit dem Schwabinger Kunstpreis, dem Ernst-Lubitsch-Preis, dem Bundesfilmpreis, dem Bambi und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in der Hospizbewegung und begeistert ihr Publikum mit einfühlsamen Lesungen u.a. mit dem Programm „Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben“. Marianne Sägebrecht hat eine Tochter und lebt in einem Dorf am Starnberger See.

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