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Imaani Brown: »Hallo Deutschland« (Heyne Encore)

Imaani Brown wurde 1980 in Ahvaz, Iran, geboren. Nachdem sein Cousin 1986 aus dem Schulunterricht zum Militär eingezogen wurde, beschloss Imaani Browns Vater, seinen Sohn mit einem Schleuser nach Frankfurt zu schicken. Imaani war damals sechs Jahre alt. Er lebt heute in Berlin, ist Autor, Musikproduzent und Comedian und arbeitet nebenher als Remixer und DJ.

Imaani Brown über sein Buch

Brown, Imaani
© Random House/Erik Weiss

»Ich wurde während des Ersten Golfkriegs geboren. In Ahvaz, einer der heißesten Städte der Welt. Die Stadt wurde fast täglich bombardiert. Als Kind dachte ich, die ganze Welt wäre wie Ahvaz. Es herrscht überall Krieg, dachte ich. In meiner Vorstellung existierte keine Welt, in der Menschen „normal“ lebten. Ich dachte, die Welt sei wie der Iran.

Mein Vater hatte, als ich auf die Welt kam, gerade sein Architekturstudium bestanden. Meine Mutter hatte ihr Studium kurz vor Kriegsbeginn unterbrochen, als sie mit mir schwanger wurde. Mein Vater konnte während des Krieges seiner Arbeit nicht nachgehen, da das totale Chaos herrschte. Wir mussten immer wieder umziehen und hatten finanzielle Probleme. Mein Vater hatte in der Folge immer schwerere Depressionen und verfiel dem Alkohol. Er wurde immer gewalttätiger meiner Mutter gegenüber.

Das Einzige, wovor ich damals noch mehr Angst hatte als vor den Raketen, war, dass mein Vater nach Hause kam. Manchmal schlug er völlig aus dem Nichts meine Mutter. Einmal warf ich mich schützend vor sie, damit sie den Schlag nicht abbekommt. Mein Vater traf mein linkes Auge. Bis heute habe ich da eine Narbe.

Da der finanzielle Druck immer größer wurde, fing mein Vater an, illegale Geschäfte zu betreiben. Bei einem Deal fuhren wir mit dem Auto Richtung Armenien, in die nordiranische Stadt Maku. Meine Mutter und meine kleine Schwester waren auch mit dabei. Mein Vater verfuhr sich, und wir gerieten versehentlich in sowjetisches Sperrgebiet. Die Soldaten nahmen meinen Vater fest und verhörten ihn, dann konnten wir weiterfahren. Was sie nicht wussten: Er hatte zwei Kilo Heroin im Auto.

Meine Eltern versuchten, mich und meine Geschwister immer darauf vorzubereiten, dass wir vielleicht sterben müssten, dass es normal sei und zum Leben dazugehöre. Ich gewöhnte mich schnell an den Gedanken, da ich als Kind vom Tod umgeben war. Leichen machten uns Kindern keine Angst mehr. Je länger der Krieg dauerte und je mehr Menschen starben (in unserer Großfamilie waren es allein 80), desto normaler wurde dieser Gedanke. Vielleicht kommt daher die Leichtigkeit, mit der ich durchs Leben gehe. Im schlimmsten Fall stirbt man. So what …

Hallo Deutschland Blick ins Buch

Mein Cousin wurde eines Tages direkt von der Schule aus zum Militär eingezogen. Bereits am Nachmittag erreichte uns die Todesnachricht. Mein Vater geriet in Panik und entschloss sich, gegen den Willen meiner Mutter, mich aus dem Land zu bringen. Ich war rebellisch und ging oft, obwohl mein Vater es mir verboten hatte, nach der Schule in die Moschee (vor allem, weil es da etwas zu essen gab) oder marschierte aus Neugier bei religiösen Kundgebungen mit. Mein Vater hatte Sorge, dass ich gemeinsam mit religiösen Fanatikern an die Front verschleppt werden könnte, die nur etwa 70 Kilometer entfernt war.

So flog ich 1986, in der heißen Phase des Krieges, mit einem gefälschten Pass von Teheran nach Frankfurt. Mein Vater hatte einen Schleuser bezahlt, den ich zum ersten Mal sah, als er sich im Flugzeug neben mich setzte. Im Flughafen Frankfurt angekommen, sagte er mir, ich solle jetzt einfach warten. In ein paar Minuten komme ein anderer Mann mit einem Blumenstrauß in der Hand, der würde sich neben mich setzen. Ich solle ihm dann folgen. Dieser Mann sollte mich zu einem der Brüder meines Vaters nach Norwegen bringen.

Er kam nicht. Ich irrte zweieinhalb Tage auf dem Frankfurter Flughafen herum. Alles, was ich hatte, war ein kleiner Rucksack. Darin: 100 Dollar, ein Brief von meiner Mutter mit einer Telefonnummer, ein Familienbild und zwei Packungen von meinen Lieblingskeksen. Durch die Kekse konnte ich meinen Hunger stillen, auf der Toilette trank ich aus dem Wasserhahn.

Ich setzte mich immer in die Nähe von Menschen mit dunkler Haut, als gehörte ich zu ihnen. Aber irgendwann schlief ich ein und wachte auf, als zwei Grenzschutzbeamte vor mir standen. Ich wurde in ein Heim nicht weit von Frankfurt gebracht, wo sich hauptsächlich jugendliche Flüchtlinge aufhielten. Dort war ich der Jüngste. Ungefähr sechs Monate blieb ich in diesem Heim – man wollte mich, glaube ich, in den Iran zu meiner Familie abschieben.

Mein Vater organisierte vom Iran aus erneut meine Flucht, diesmal aus dem Heim bei Frankfurt. Eines Nachts machte ich mich dann auf den Weg. Am Ende der Straße wartete ein Mann, der mich zu einem Schleuser nach Frankfurt bringen sollte. Und so landete ich mit einem neuen gefälschten Pass schließlich mit sechs Monaten Verspätung in Oslo. Dort sollte mich mein Onkel abholen.

Er kam nicht. Wie ich später erfuhr, saß er gerade im Gefängnis. Also stieg der Schleuser mit mir in ein Taxi, ließ mich einfach in Oslo an irgendeiner Straße raus und sagte: „Geh zu einem Polizisten und sag ihm, dass du Hilfe brauchst.“

Die Polizei brachte mich in eine Pension, in der außer mir noch ein paar weitere Flüchtlinge untergebracht waren. Etwa einen Monat verbrachte ich dort, bis mich mein Onkel schließlich abholte. Wir fuhren zu ihm nach Hause, in ein kleines Dorf nicht weit von Bergen. Dort fühlte ich mich wohl. Norwegen war wie ein Märchenland.

Nach einigen Monaten war meine Tante plötzlich nicht mehr da. Wie ich erst später erfuhr, war sie, während wir Kinder in der Schule waren, bei einem heftigen Streit mit meinem Onkel ums Leben gekommen – er hatte sie geprügelt und sie war mit der Schläfe an der Kante der Waschmaschine aufgeschlagen. Mein Onkel brachte sie in Panik zur Autobahn und legte sie einfach irgendwo auf dem Seitenstreifen ab. Immer noch unter Schock, ließ er seine Kinder bei einem Freund und fuhr mit mir nach Bergen, wo wir auf einem Parkplatz stehenblieben. Er schloss die Tür und sagte, ich solle im Auto warten, er komme gleich zurück. Es war Winter in Norwegen.

Als er nach einigen Stunden immer noch nicht wieder aufgetaucht und ich fast erfroren war, hämmerte ich gegen die Scheibe und schrie, bis ein Mann mich schließlich entdeckte und die Polizei verständigte. Mein Onkel wurde nach einigen Tagen gefasst, ich wurde in ein Waisenhaus gebracht. Dort war ich die nächsten eineinhalb Jahre, bis ich schließlich meine Familie zum ersten Mal wiedersah: Wir fanden in Deutschland wieder zueinander.

Wir lebten in einer kleinen Stadt nicht weit von Stuttgart, und ich stellte schnell fest, dass meine Hautfarbe in Deutschland ein Problem darstellte. Etwas, das für mich neu war. Gehasst zu werden wegen meines Aussehens, kannte ich nicht. In der Schule waren ich und meine Schwester ständig mit Rassismus konfrontiert. Mein Rektor war am schlimmsten: Er nannte mich vor der Klasse immer „den Asylanten“ und drohte mir bei jeder Kleinigkeit, dass er dafür sorgen werde, dass man mich mit meiner Familie zurück in den Iran abschiebt. Mein Hass auf Deutschland wurde immer größer, und ich isolierte mich zunehmend. Wieder musste ich eine neue Sprache lernen. Ich sprach fließend norwegisch – aber das interessierte niemanden.

Meine Mutter war froh, dass wir alle wieder zusammen waren. Sie gab sich Mühe, mich zu überzeugen, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, mich aus dem Land zu bringen, dass nun wieder alles in Ordnung sei. Ich hatte aber kein Vertrauen mehr zu meinen Eltern, auch zu meiner Mutter nicht. Ich fühlte mich aus der Familie verstoßen. Während der Flucht war ich das Gefühl nicht losgeworden, dass meine Familie mich einfach nicht wollte.

Die Beziehung zu meiner Mutter wurde in der Pubertät immer schwieriger. Ich rebellierte, nahm die ersten Drogen. Ich war bitter enttäuscht vom Leben. Deutschland war scheiße, voller Hass, mein Leben war scheiße, und niemand kam auf die Idee, mir zu helfen, mir eine Möglichkeit zu verschaffen, die Dinge zu verarbeiten, die passiert waren.

Interessanterweise waren es psychedelische Drogen wie LSD und verschiedene Pilze, die mir später immer wieder Phasen der inneren Ruhe brachten und so die Voraussetzung, mit den Erlebnissen der Vergangenheit fertigzuwerden. Mittlerweile war ich erwachsen und verdiente mein Geld als Koksdealer, später dann durch die Beteiligung an dem Bordell eines Kumpels.

In dieser Zeit verunglückte mein Bruder bei einem schweren Autounfall. Seitdem ist er ab dem fünften Halswirbel querschnittgelähmt. Trotz des Chaos in meinem Leben konzentrierte ich mich einige Jahre fast ausschließlich auf ihn, pflegte ihn, war bei ihm.

Mein Kokainkonsum wurde währenddessen immer stärker. Es war russisches Roulette, denn seit meiner Geburt litt ich an Herzrhythmusstörungen. Eines Abends, als ich einen Druck in der Brust spürte, fuhr ich mit Schwindelgefühl ins Krankenhaus, wo man ein EKG machte. Das Ergebnis muss so extrem gewesen sein, dass der Arzt mich anschaute, als könne er nicht glauben, dass ich noch lebte. Er holte einen Pfleger, der mich auf der Stelle im Rollstuhl ins Krankenzimmer brachte. Als der Arzt kurze Zeit später dazukam, fragte ich ihn, ob ich sterben werde. Er sagte, er wisse es nicht. Es war zwei Uhr morgens.

Ich stand auf, ging zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Ich zog eine letzte Line, gab meiner schlafenden Freundin einen Kuss, schaute nach meinem Bruder (der mittlerweile rund um die Uhr von einer Pflegerin betreut wurde) und ging. Ich kaufte ein Ticket nach Bangkok und fuhr nach Frankfurt. Frankfurt – wo damals alles angefangen hatte. Wieder mal verloren und nirgends angekommen irrte ich durch den Flughafen. Wieder ohne Gepäck. Ich wollte einfach weit weg. Weg vom Koks. Weg von allem. Und Bangkok war weit weg.

Drei Monate verbrachte ich in einem großen Hotel mitten in der Stadt. Morgens stand ich früh auf, ging in den Park hinunter und schaute den Menschen beim Schattenboxen zu. Sonst verließ ich das Hotel kaum. Im Fernseher liefen thailändische Filme. Ich ließ mein Leben Revue passieren und dachte nach.

Irgendwann lernte ich Helen kennen. Eine Frau aus einer anderen Welt. Einer besseren. Das genaue Gegenteil von mir. Sie entwarf Klamotten, die sie über ihren Onlineshop verkaufte, und war in Bangkok, um sie herstellen zu lassen. Mich faszinierte, wie gelassen und zielstrebig sie war. Sie vor allem hat mich dazu gebracht, innezuhalten und meinem Leben eine Richtung zu geben. Einfach, weil sie so war, wie sie war. Ihr Ehrgeiz, ihr Lachen, ihre Schönheit.

Schließlich brach ich auf. Ich flog nach Paris, wo bei einem Freund mein Mercedes stand. Alles, was ich noch an Wertsachen hatte, war dieses Auto und eine teure Uhr. Ich tankte voll und fuhr los. Nach Berlin. Dort nahm ich mir ein Hotelzimmer, verkaufte mein Auto und meine Uhr und hatte nun etwas Geld, um ein neues Leben anzufangen. Um „normal“ zu leben … um den Kampf mit dem Leben hinter mir zu lassen, den Kampf mit mir selbst.

Noch am selben Abend ging ich in die legendäre ›Scheinbar‹, vor der ich gar nicht wusste, wie berühmt sie ist, wie viele mittlerweile erfolgreiche Comedians dort ihre Karriere begonnen haben – ich hatte im Hotel einen kleinen Veranstaltungshinweis gesehen, kannte ja niemanden in Berlin und wollte einfach irgendwo hin. Ich ließ mich auf die Liste setzen, ging auf die Bühne – und fing an zu erzählen.«

Hallo Deutschland Blick ins Buch

Imaani Brown

Hallo Deutschland

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