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Ina Weisse »Die Töchter der Weber«

SPECIAL zu Ina Weisse »Die Töchter der Weber«

Interview mit Ina Weisse über ihr Buch „Die Töchter der Weber“


Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben Sie die Geschichte Ihrer Familie aufgeschrieben. Sie handelt vom Aufstieg und Niedergang einer deutschen Industriellenfamilie in Polen, Vertreibung, Flucht und einem erzwungenen Neubeginn. Warum haben Sie das gerade jetzt getan?

In meiner Familie ist immer viel von früher erzählt worden. Thema war das verlorene Paradies im Osten, der Schmerz über das erlittene Unrecht wurde ausgespart. Vor mir lag eine versunkene Welt, zu der ich aber zunächst keinen Zutritt hatte. Irgendwann wurde mit klar, wie kostbar diese Erinnerungen sind, und, dass ich mich beeilen musste, wenn sie nicht ganz verloren gehen sollten. Am Anfang stand also der naive Wunsch, der ja eigentlich immer der erste Antrieb zum Erzählen ist, über etwas bisher Unerhörtes zu berichten. Es erschien mir eine sehr reizvolle Möglichkeit, einen in Deutschland weitgehend unbekannten Kontinent, nämlich dem „deutschen Osten“ zu erforschen.

Die Geschichte der Deutschen im Osten endete bekanntermaßen in der zivilen Katastrophe von Flucht und Vertreibung. Welche Rolle spielt das in Ihrem Buch?

(c) Christian Thiel

Wir wissen heute, dass das Trauma von Flucht und Vertreibung von Generation zu Generation weitergegeben wird, und der erlebte Schrecken auf diese Weise immer weiter wirkt. Häufig genug gerade deshalb, weil darüber nicht gesprochen wird und nicht gesprochen werden durfte. So war es auch in meiner Familie, die in doppelter Weise betroffen war, da meine Mutter ein Flüchtling aus Polen, mein Vater als Halbjude Verfolgter des Nationalsozialismus war.

Was bedeutet es für ein Kind unter diesen Bedingungen aufzuwachsen?

Die Fakten waren uns Kindern natürlich bekannt, die emotionale Dimension der Geschichte aber war Terra inkognita, ein weißer Fleck, hinter dem ein Kind alles Mögliche vermuten konnte. Ich bin mit traumatisierten Menschen aufgewachsen, ohne es zu wissen. Jetzt möchte ich nicht mehr schweigen, wie meine Eltern und Großeltern es taten. Vielmehr habe ich mich entschlossen, nachzufragen, was damals passiert ist.

Wie würden Sie die emotionalen Defizite von Flüchtlingen beschreiben?

Für mich selbst habe ich den Begriff „Flüchtlingssyndrom“ geprägt. Es umfasst alle Facetten eines Verhaltens von Menschen, die daran leiden, dass sie sich gegen das Gefühl von Erniedrigung und Entrechtung nicht wehren konnten, und diesen unbefriedeten Groll gegen sich selbst kehren, indem sie Teile ihrer Persönlichkeit verleugnen.

Warum können bestimmte Fragen über die Vergangenheit erst von der Enkelgeneration gestellt werden?

Wahrscheinlich musste erst viel Zeit vergehen, bis endlich bestehende Denkverbote aufgehoben werden können und die Enkel nach dem Unrecht der Vertreibung fragen können, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, es gehe dabei um alte Vorwürfe und ein gegenseitiges Aufrechnen. Die Betroffenen selbst waren wie meine Eltern und Großeltern ja eher eine stille und angepasste Bevölkerungsgruppe, die sich sehr um Integration bemühte und sich stark anpasste.

Aber das Thema hat nicht an Brisanz verloren, wie man an der aktuellen Diskussion um das Vertriebenenzentrum sieht?

Mit dem Gedenken an Flucht und Vertreibung von über zwölf Millionen Deutschen mit über zwei Millionen Vertreibungstoten, haben nicht nur die so genannten Vertreiberstaaten Schwierigkeiten, sondern auch die allermeisten nicht betroffenen Deutschen. Viele wollten und wollen nicht daran erinnert werden, dass die Hauptlast für die Untaten der Nationalsozialisten den Vertriebenen aufgebürdet wurde. Es ist ein gängiger Irrtum zu glauben, dass es sich ausschließt, das Leid der Vertriebenen anzuerkennen und die deutsche Schuld trotzdem einzugestehen.

Und wie sehen Sie selbst die Schuldfrage? Ihre politische Sozialisation hat ja eher im linken Milieu stattgefunden.

(c) Christian Thiel

Ja, ich komme aus der undogmatischen Linken. Als ich jung war, habe ich trotz meiner Familiengeschichte die Vertriebenenverbände und ihre Forderungen völlig ignoriert. Das alles lag so fern von mir, ich habe es nicht mal abgelehnt, der Osten lag außerhalb meiner gedanklichen Welt, die säuberlich in Gut und Böse sortiert war. Ein umso größeres Abenteuer war es für mich, ein Vierteljahrhundert später dieses Buch zu schreiben. Trotzdem begegnet mir jetzt immer wieder diese etwas mitleidige Herablassung, wenn ich mein Thema 'Familie, Osten und Vertreibung' erwähne, die ich inzwischen als arrogant und unwissend empfinde. Flucht und Vertreibung sind immer noch ein Tabuthema.

Glauben Sie, dass sich der Umgang mit der deutschen Geschichte verändert hat?

Bei der Beantwortung dieser Frage begibt man sich auf ziemlich seifigen Untergrund. Nach dem Krieg bis in die späten siebziger Jahre hinein, war es die große Leistung der Jugend, dass sie von ihren Eltern forderte, die deutsche Schuld anzuerkennen. Danach folgte die lange Phase der Aufarbeitung. Das alles hat gewissermaßen zu einem festen Bestand des Gedenkens geführt. Schon 1998 wehrte sich Martin Walser gegen die „Dauerpräsentation unserer Schande“, die er als „abstumpfend“ empfand. Das genügte damals, um einen Skandal auszulösen. Zumindest in diesem Punkt möchte ich mich Walser anschließen. Ich glaube, dass wir den Ereignissen nach so langer Zeit neue Dimensionen hinzufügen können, ohne deshalb gleich in den Verdacht zu geraten, Schuld und Verantwortung zu leugnen. Ich spiele dabei auf Stalins Rolle und natürlich auf die Geschichte der Vertreibung an.

Wie haben sich die Recherchen vor Ort auf Ihren Standpunkt ausgewirkt?

In Lodz erlebte ich einen tiefsitzenden Groll von Seiten der Polen gegen die Deutschen, darauf war ich gar nicht vorbereitet. Ich hatte zum Beispiel eine für mich denkwürdige Begegnung mit einer Lodzerin, die ich auch im Buch beschreibe, die in dem Satz gipfelte: „Kein Jude, kein Pole wird jemals Mitleid mit einem Deutschen haben.“ Vor Ort habe ich erfahren, dass es vor der Vergangenheit keine Gerechtigkeit gibt. Nach all den großen Debatten, bleibt am Ende doch immer nur die individuelle Geschichte. Eine davon habe ich versucht zu erzählen.

Wie sehen die aktuelle Diskussion ganz persönlich vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte und dem Buch?

Die Vertriebenen fordern heute ja nicht mehr ihre Gebiete, sondern das Recht auf ihre Geschichte zurück. Die Wiedergewinnung der eigenen Geschichte, die ihnen immer abgesprochen wurde. Es gilt eine untergegangene Welt wieder zu entdecken, in der Anerkennung ihrer Größe und Schönheit läge die echte Genugtuung. Ich habe am Beispiel meiner Mutter erlebt, welche Wertschätzung ihre Lebensgeschichte dadurch erfahren hat, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe. Heute bin ich der Auffassung, die einzige Chance zur Versöhnung liegt im Wissen darüber, was damals geschehen ist.

Ist eine Vertriebenen-Stiftung in Deutschland das richtige Signal? Und bringt uns eine historische Debatte im Verständnis weiter?

Flüchtlinge sind kein historisches Thema, sondern durch Bürgerkriege, Klimawandel, und Armut ein Thema der Zukunft. Es wäre interessant, von den Politikern, die sich für die Rechte dieser Migranten einsetzen – zum Beispiel die Grünen – zu erfahren, warum sie so abweisend auf die Geschichte ihrer eigenen Landsleute reagieren, die damals ebenfalls Schmähungen und Demütigungen ertragen mussten und der Unwahrheit bezichtigt wurden.

Ina Weisse wurde 1955 in Berlin geboren. Sie studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in München. Sie arbeitete zunächst als Buchhändlerin, Literaturkritikerin und Autorin für u. a. das „SZ-Magazin“, den „Tagesspiegel“ und „Die Woche“. Heute ist Ina Weisse freie Journalistin. Sie lebt mit ihrem Sohn in Berlin.