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„Alles ist möglich, wenn man den ersten Schritt getan hat“

Interview mit Rajeev Balasubramanyam zu seinem neuen Roman „Professor Chandra folgt dem Flow“

Rajeev Balasubramanyam
© Nick Tucker
Der knorrig-unbarmherzige Cambridge-Professor Chandra begibt sich auf die Suche nach dem Glück, nach einem Lebenssinn, nach Heilung: in einem federleichten, berührenden, humorvollen Roman. Autor Rajeev Balasubramanyam spricht mit viel Wärme über seinen Helden – und erzählt, wie wichtig Meditation und Spiritualität für ihn selbst und sein Schreiben sind.

Professor Chandra ist ein indischer Ökonom in Cambridge, er ist sehr erfolgreich, ist sogar im Gespräch für den Nobelpreis. Aber er hat das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wie sehen Sie selbst Ihre Romanfigur?

Er hat immer auf das Äußere geschaut, auf Ziele, Anerkennung, Preise, hat dafür sehr viel gearbeitet, sich sehr viel abverlangt – und er hat ein riesiges Ego. In einer Krise beginnt er, über sich und sein Leben nachzudenken. Er realisiert, dass Erfolg nicht das ist, was ihn glücklich macht. Das ist der Beginn seiner Reise: eine Bewegung vom Äußeren ins Innere, vom Kopf zum Herzen.

Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die Beziehung zu seinen Kindern könnte besser sein, er ist dominant, egoistisch, eifersüchtig – nicht gerade der Traum von einem Ehemann, Vater, Kollegen. Sie begleiten ihn aber mit viel Anteilnahme. Warum mögen Sie ihn?

Er ist trotz allem jemand, der liebt, und er hat genug Selbsterkenntnis, um sich ändern zu wollen. Deshalb mag ich ihn. Viele Narzissten verändern sich zum Schlechteren. Für ihn gibt es aber Hoffnung, und er beginnt ja auch, sich zu verändern. Am Ende des Romans ist Professor Chandra kein neuer Mensch geworden, aber er hat sich auf den Weg gemacht.

Was ist geschehen – was macht den Unterschied aus?

Entscheidend ist der Wille, etwas zu verändern. Dazu kommt sein Aufenthalt in einem spirituellen Zentrum. Dabei hat er den noch nicht einmal gewollt: Der neue Mann seiner Ex-Frau hat ihn ausgetrickst. Aber Professor Chandra lässt sich darauf ein und versteht jetzt, dass er sein Unglück selbst geschaffen hat und damit auch andere beeinflusst. Er beginnt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, will verstehen, warum er wurde, wie er heute ist.

Was spielt dabei vor allem eine Rolle?

Sehr wichtig für ihn ist zu sehen, wie er als Kind behandelt wurde: streng, fordernd, ohne Wärme, Anteilnahme, Verständnis für seine Bedürfnisse. Jetzt stellt er sich Fragen, an die er vorher nie gedacht hat, über seinen Vater, seine Mutter, über die kritischen Stimmen in sich, darüber, wie unfreundlich er zu sich selbst ist. Er denkt darüber nach, dass er dauernd über sich und andere richtet, sich und andere zu bestrafen sucht, und er lernt, auf sich achtzugeben, für sich zu sorgen, sich zu lieben. Das ermöglicht es ihm auch, bewusster und rücksichtsvoller mit anderen umzugehen.

Am Ende des Romans erscheint Professor Chandras Leben heller als zu Beginn. Wie sehen Sie selbst ihn: Wird er schließlich sein Glück finden?

Ich glaube nicht daran, dass man Glück finden kann, man kann ihm nur folgen, es suchen. Sehr wichtig ist für Professor Chandra, dass er sich mit seiner Tochter aussöhnen kann, die den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte. Aber ein dauerhaftes Happy End ist das nicht, er kommt nicht irgendwo an. Glück ist kein Konzept, kein Ziel, sondern ein Weg. Allerdings ist alles möglich, wenn man den ersten, den schwierigsten Schritt getan hat.

Sie haben sich intensiv mit Professor Chandra auseinandergesetzt, mit seiner Arbeit in Cambridge, mit seiner Familie, seiner Krise, seiner Suche. Gibt es ein Vorbild für Ihre Romanfigur?

Mein Vater ist ein indischer Ökonom. Als ich ihn fragte, ob er glaubt, Professor Chandra zu sein, antwortete er: „Auf keinen Fall!“ Das muss man dann also wohl ausschließen… Aber es ist viel von mir in ihm, ich bin in eine ähnliche Richtung gegangen wie er, wurde wie er als patriarchaler Mann erzogen.

Was meinen Sie damit?

Patriarchale Männer müssen erfolgreich sein, wichtig, autoritär: Ziehe jeden mit dir, sage jedem, was er tun soll, sei ein Anführer, und dann wird alles großartig. Wenn patriarchale Männer 60 oder 70 sind, stellen sie aber fest, dass jeder sie hasst. In diese Kerbe wollte ich nicht schlagen: Ich wollte sie nicht verurteilen, sondern versuchen, zu verstehen, und einen patriarchal erzogenen Mann, der sich auf den Weg macht, ein Stück weit begleiten.

Auf diesem Weg kommen verschiedene Themen zur Sprache: Beziehungen, der Umgang mit den Kindern, Geld, Erfolg, Glück, Lebenssinn. Welches Thema ist für Sie selbst am wichtigsten?

Ich glaube nicht, dass man das sagen kann. Sicherlich handelt der Roman von Selbstbewusstsein und Spiritualität. Aber ich sehe das nicht getrennt von allem anderen. Es geht gerade nicht darum, dass das Ich losgelöst in sich ruht, sondern darum, dass sich alles verbindet. Deshalb erzähle ich von einer spirituellen Reise, die in ein ganzes Leben eingebettet, mit allen Lebensaspekten verwoben ist.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Roman über eine Suche, über eine Bewegung vom Kopf zum Herzen zu schreiben?

Anfangs wollte ich von einem indischen Ökonom erzählen. Mein Vater ist indischer Ökonom, und ich selbst habe auch Wirtschaft studiert: Das ist meine Welt, hier kenne ich mich sehr gut aus. Ich weiß, dass viele diese Themen beschäftigen, insbesondere seit den letzten Finanzkrisen, aber letztlich ist diese Welt den meisten fremd. Ich dachte, dass es interessant sein könnte, sie mitzunehmen in dieses seltsame, verrückte Denken, in dem sich alles um Gewinnmaximierung und Nutzen dreht. 2014 bekam ich dann aber ein Stipendium der Hemera Foundation in den USA.

Worum ging es dabei?

Das Ziel ist, Kunst und Meditation zu verbinden. Von 2014 bis 2016 war ich in den USA und besuchte verschiedene spirituelle Zentren. Besonders wichtig war für mich ein Kurs über die Familie, die Auseinandersetzung mit den Vorfahren, mit den Eltern. Danach beschloss ich, über diese Erfahrungen zu schreiben. Ich dachte darüber nach, meinen indischen Ökonom in einem Roman mit Spiritualität zu verbinden – und mit einem Mal hörte ich Professor Chandras Stimme: Er tauchte mit seinem narzisstischen, riesigen Ego auf.

Haben Sie während Ihres USA-Aufenthalts Meditation und Spiritualität für sich entdeckt?

Das hatte ich schon vorher. Ich meditiere seit zwölf Jahren, zwei Stunden jeden Tag. Etwa drei Wochen im Jahr ziehe ich mich für eine spirituelle Einkehr zurück. Während der Zeit in den USA habe ich aber die Idee für den neuen Roman gefunden.


Welchen Einfluss hat Meditation auf Ihr Schreiben?

Einen sehr großen. Ideen entwickeln sich zum Beispiel anders, leichter. Und ich verändere mich. Früher war ich vor allem an Politik und Wirtschaft interessiert, an allem, was in der Welt draußen passiert. Jetzt bin ich auch interessiert an mir, an der inneren Welt. Ich habe begonnen, darüber nachzudenken, welche Rolle ich im Leben spiele, wer ich bin. Ich kam zu dem Ergebnis, dass Heilung meine Aufgabe ist, und ich stellte mir die Frage, ob ein Roman heilen kann. Das war für mich ein sehr wichtiger Moment, weil er mich in eine neue Richtung führte: Ja, ein Roman kann das, und das ist der Beitrag, den ich leisten möchte.

Inwiefern war das ein Umbruch?

Die Literatur, die ich als Schüler und Student gelesen hatte, war für mich lange entscheidend. Geschrieben von weißen Männern, sehr beeindruckend, aber auch deprimierend: Kafka, Camus, Dostojewski, Joyce, Beckett. Ich glaubte, dass ich auch so schreiben muss. Aber dann dachte ich, dass das nicht sein muss, dass ich bei mir selbst bleiben kann. Meditation hat dazu beigetragen, dass ich mich verändert habe, ich bin weniger von Druck kontrolliert, habe Heilung erfahren. Diese Veränderung kann ich im Schreiben zum Ausdruck bringen, kann anderen helfen, kann ihnen Anregungen für ihren eigenen Weg geben.

© Sabine Schmidt.

Professor Chandra folgt dem Flow

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