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Alfredo Colitto - Die Bruderschaft des Feuers

Alfredo Colitto, Autor historischer Romane, im Interview

Alfredo Colitto lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber in Bologna, wo er auch kreatives Schreiben unterrichtet. Für seinen ersten Roman mit Medicus Mondino, "Das Geheimnis der Alchimistin", erhielt er den "Premio Emilio Salgari" und für "Die Bruderschaft des Feuers" den "Premio Fedeli".



Interview mit Alfredo Colitto


Lieber Alfredo, ein herzliches Willkommen bei uns im AusZeit-Magazin! Ich freue mich sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, ein bisschen über sich und Ihre Arbeit als Autor zu plaudern. Zu Beginn etwas Persönliches: Wer ist Alfredo Colitto? Was gibt es über Sie als Mensch zu sagen?

Ich bin verheiratet, mittleren Alters, ich lebe in Italien, habe eine Katze und liebe meinen Beruf. In der Vergangenheit bin ich viel herumgereist, doch jetzt, auch aufgrund gesundheitlicher Probleme, bereise ich hauptsächlich das Universum der Bücher.

Was ist Ihnen wichtig? Was mögen Sie und was eher nicht?

Für mich ist es wichtig, das Leben voll auszukosten, ein Leben zu haben, mit dem ich zufrieden sein kann. Letztendlich kommt es nur darauf an. Ich liebe es, Bücher zu lesen, allerdings besitze ich – im Gegensatz zu den meisten Schriftstellern – nicht gerne viele von ihnen. Ich gehe gern in Bibliotheken, beschäftige mich gern mit Geschichte. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich zusehen muss, wie Italiens künstlerisches und historisches Erbe zerfällt, und als Autor versuche ich alles, es den Lesern meiner Romane näher zu bringen.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt, es sich aber ganz fest vorgenommen?

Als Kind hatte ich zwei Träume (okay, drei, wenn man den Traum, Astronaut zu werden, mit einrechnet – der hielt aber nicht lange vor): die Welt zu sehen und Schriftsteller zu werden. Und beide davon sind wahr geworden, obwohl ich um die Verwirklichung des zweiten Traums jahrelang kämpfen musste.

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche freihätten. Wie würden Sie sie nutzen?

Ein langes und gesundes Leben genießen zu können. Und mich von “international verlegter Autor” auf schlicht “reicher Autor” hoch zu stufen. :)

Lieber Alfredo, ich habe herausgefunden, dass Sie mit 30 Jahren Ihrer Leidenschaft, dem Reisen in ferne Länder, nachgegeben haben; an einen festen Arbeitsplatz konnten Sie sich nie richtig gewöhnen. Hat sich durch das viele Reisen Ihre Einstellung dem Leben gegenüber verändert? Wenn ja, inwiefern?

Ich würde sagen, dass mich meine Einstellung dem Leben gegenüber zum Reisen gebracht hat, und das Reisen hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Das Leben in Ländern wie Mexiko, Indien und Nepal, mit Kulturen, die sich so sehr von meiner eigenen unterscheiden, trug definitiv zu meiner Unbefangenheit bei und half mir zu verstehen, dass es keinen Ort und keine Rasse gibt, die irgendeiner anderen überlegen ist. Auch habe ich meine eigene Kultur und mein Land mehr schätzen gelernt.

Ihr erster Roman wurde 2003 unter dem Titel „Aritmia Letale“ veröffentlicht, es folgten weitere Romane und Anthologien. Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder war es eher eine Folge Ihrer persönlichen Entwicklung?

Wie ich eben schon sagte, war einer meiner Kindheitsträume, Schriftsteller zu werden, doch nahm ich diesen bis fast vor meinem 40. Lebensjahr nie so richtig ernst. Als ich zurück nach Italien kam, um mich dort niederzulassen und zu heiraten, wurde mir bewusst, dass ich nicht ewig Gelegenheitsjobs machen können werde wie während der Jahre, als ich auf Reisen war. Aber meine Promotion in Kunstgeschichte und Literatur war nicht dafür geeignet, mir in derart vorgerücktem Alter noch eine Karriere aufzubauen. Also sagte ich mir: “Du warst stets davon überzeugt, schreiben zu können. Jetzt ist die Zeit gekommen, es zu beweisen.” Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, verlegt zu werden. Nachdem ich mich jahrelang darum bemüht hatte, wurde schließlich mein erster Roman veröffentlicht. Und nachdem noch mehr Jahre vergingen, verdiente ich schließlich genug Geld, um die Schriftstellerei als meinen “Beruf” bezeichnen zu können.

Können Sie sich noch an Ihr erstes, richtiges Schreibprojekt erinnern? Haben Sie es beendet, vielleicht sogar veröffentlicht?

Das erste ernsthafte schriftstellerische Projekt war ein autobiografischer Roman, der zur Thatcher-Zeit in London spielte. Es wurde von allen italienischen Verlagen abgelehnt (sie hatten recht, wie ich heute einsehe) und ist noch heute unveröffentlicht. Aber es hat so viel Spaß gemacht, ihn zu schreiben. Eine wahrhaft schöne Erfahrung. Danach war ich süchtig und mir kam nicht mehr in den Sinn, irgendetwas anderes zu tun.

Heute arbeiten Sie hauptberuflich als freier Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und unterrichten kreatives Schreiben. Das Schreiben nimmt einen wichtigen Teil in Ihrem Leben ein – was bedeutet es Ihnen? Hat Sie die Arbeit als Autor vielleicht sogar verändert? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

Das Schreiben, in all seinen unterschiedlichen Formen, ist meine Leidenschaft, mein Hobby und mein Beruf. Die Arbeit als Schriftsteller hat mich, glaube ich, nicht verändert, allerdings hat sie mir mich selbst bewusster gemacht. In jeder Geschichte, in jeder Figur, ob gut oder böse, dumm oder schlau, steckt etwas von mir selbst.

Mondino de' Luzzi Mittelalterliche Illustration Quelle: Wikipedia

Gerade erschien in Deutschland der zweite Teil Ihrer Mondino de‘ Liuzzi-Trilogie unter dem Titel „Die Bruderschaft des Feuers“ – eine interessante Mischung aus Historie und Krimi, die bei Ihren Lesern großen Anklang findet. Was hat Sie daran gereizt, diese Mischung zu Papier zu bringen?

Um ehrlich zu sein, habe ich mir das im Vorfeld gar nicht ausgedacht. Ich wollte eine mittelalterliche Kriminalgeschichte schreiben, mit Tempelrittern, Alchemie, mysteriösen Morden. Ebenso wollte ich die Tücke umgehen, mit der sich viele historische Romane konfrontiert sehen: die langweiligen Beschreibungen des Lebens und der Gepflogenheiten des Zeitalters. Nachdem ich ein wenig herumprobiert hatte, fand ich letztlich einen Weg, die notwendigen Erläuterungen mit der Handlung zu verweben und alles Überflüssige außen vor zu lassen. Ich denke, dass dies von Lesern auf der ganzen Welt begrüßt wurde.

Ihre Trilogie spielt in Bologna im 14. Jahrhundert. Mondino de‘ Liuzzi ist Arzt und Anatom und er versucht auch in seinen zweiten Fall, einen mysteriösen Mord aufzuklären. Die Möglichkeiten und Mittel eines Arztes von damals und heute sind wohl kaum miteinander zu vergleich. Wie schwierig hat sich in dieser Hinsicht die Recherche für Sie gestaltet? Ist Ihnen dabei vielleicht etwas Überraschendes, Aufregendes oder Witziges passiert?

Die Recherche hat in der Tat lange gedauert, aber sie war auch faszinierend. Förderlich war ebenfalls, dass ich für die Recherche und zum Schreiben in die Archiginnasio Bibliothek in Bologna gegangen bin – der Sitz der ehemaligen Anatomie-Fakultät, wo sehr viel Material vorhanden ist; es gibt dort sogar eine lebensgroße Statue meines Protagonisten. Kann sich ein Autor mehr wünschen? Nun, in der Annahme, dass Sie diese Frage mit “Ja” beantworten, erzähle ich Ihnen ein weiteres nettes Detail: Vor ein paar Jahren habe ich auf der Turiner Buchmesse eine direkte Nachfahrin Mondino de’ Liuzzis getroffen. Sie hatte meine Bücher gelesen und wollte mich treffen. Sie gab mir einige Informationen über Mondinos Leben, die ich später in den dritten Teil der Trilogie eingebaut habe.

Wie und wann entstand die Idee zu Ihrer Trilogie um Mondino de‘ Liuzzi? Gab es vielleicht einen Moment oder eine Situation, die Sie inspiriert hat? Und was waren Ihre ersten Überlegungen?

Der ursprüngliche Gedanke kam mir, als ich herausfand, dass der komplette Prozess der Tempelritter aus ganz Norditalien im Jahre 1311 in Bologna geführt wurde und dass dort (im Gegensatz zu andernorts) jeder einzelne von jeglichen Anschuldigungen freigesprochen wurde. Dies hatten die Ritter dem Erzbischof von Ravenna zu verdanken, der die Anwendung von Folter untersagte. Ich wollte eine Geschichte über diesen Prozess schreiben, doch als ich im Zuge meiner Recherchen auf Mondino stieß, war es so zu sagen Liebe auf den ersten Blick. Ich beschloss, dass er der Protagonist sein sollte, und Gerardo Castelbretone, einem jungen verkappten Tempelritter, sollte eine wichtige, aber nicht die Hauptrolle zukommen. Von da an war es unschwer vorstellbar, dass sich Gerardo, getarnt als Medizinstudent, vor seinen Verfolgern versteckte, und dass sein Professor Mondino sein sollte. Aufgrund der Tatsache, dass Mondino ein Anatom ist, dachte ich mir schlussendlich Morde aus, die viel mit Anatomie zu tun haben.

Mysteriöse Morde, Tempelritter, Alchemisten, mittelalterliche Folter und Verschwörungen. Haben Sie solche Themen schon immer interessiert?

Tempelritter und Alchemisten eroberten seit meiner Kindheit meine Fantasie. Ich bin überhaupt nicht an Mord, Folter und Verschwörung als solche interessiert. Mich interessieren die Beweggründe, die manche Menschen auf die dunkle Seite ziehen. Aus diesem Grund beschäftige ich mich in meinen Romanen mit diesen Themen.

Sie sind Gründungsmitglied der Schule „Zanna Bianca“ für kreatives Schreiben in Bologna, wo Sie auch Schreibkurse geben. Was würden Sie allgemein über das Schreiben sagen? Ist es tatsächlich ein Handwerk, das jeder erlernen kann? Oder ist Talent eine unabdingbare Voraussetzung, um als Autor durchstarten zu können?

Wenn jemand Klavier spielen möchte, nimmt er oder sie zumeist Unterricht. Doch lediglich die Technik des Klavierspielens kann gelehrt und erlernt werden. Wenn die Schüler kein Talent haben, werden aus ihnen niemals große Musiker. Dasselbe gilt meiner Meinung nach für das Schreiben. Es gibt vieles, das man aus Erfahrungen anderer Autoren lernen kann, jedoch wird man nie ein guter Schriftsteller, nur weil man einen Kurs belegt hat.

Gibt es den typischen Anfängerfehler? Und welchen Rat würden Sie einem noch unentdeckten Autor mit auf den Weg geben?

Die Mutter aller Fehler beim Schreiben eines Romans ist es, nur dann zu arbeiten, wenn man sich “inspiriert” fühlt. Wenn man auf Inspiration wartet, wird man nie fertig. Wahre Inspiration kommt dann, wenn man täglich schreibt, egal ob man gerade inspiriert ist oder nicht. Mein Rat für Einsteiger ist: Schreibe, worüber du Lust hast, nicht über das, wovon du denkst, dass es sich gut verkauft. Wenn du über etwas schreibst, ohne es zu lieben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es weder Verleger noch Leser mögen werden.

Zwischenfrage: Oft wird behauptet, man schreibt das, was man selbst gerne lesen würde. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Unbedingt. Ich könnte mir nicht vorstellen, über etwas zu schreiben, das ich nicht auch gerne lesen würde.

Haben Sie einen Lieblingsautor? Wenn ja, wer ist es und welches seiner/ihrer Werke haben Sie besonders beeindruckt, vielleicht sogar inspiriert?

Ich habe viele Lieblingsautoren, jeden von ihnen mag ich aus einem anderen Grund. Aber lassen Sie mich nur zwei nennen, einen Klassiker und einen modernen, kommerziellen Autor.
Stendhal beeindruckte mich derart, dass ich die Hauptfigur meines ersten Romans nach seinem bürgerlichen Namen (Harry Beyle) benannt habe. Der zweite ist Ken Follett, und ganz speziell schätze ich seinen Roman “Die Säulen der Erde”, den ich als Meilenstein der modernen historischen Literatur bewerte.

Abschließend noch eine Frage: Mit welcher literarischen Figur aus Ihren bisherigen Romanen würden Sie gerne mal einen Tag verbringen?

Ich würde sehr gerne etwas Zeit mit Adia Bintabe (auch bekannt unter dem Namen Hadiya bint Abi Bakr), der faszinierenden arabischen Alchemistin, verbringen. Nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch aufgrund ihrer inneren Stärke. Ich mag Frauen sehr, die sich Stereotypen widersetzen und ihre Individualität behaupten, deshalb bekommen sie immer ihren Platz in meinen Romanen.

Lieber Alfredo, im Namen des AusZeit-Magazins bedanke ich mich ganz herzlich für das Beantworten der Fragen. Für die Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und weiterhin viele begeisterte Leser!

Ich danke Ihnen! Es war mir ein Vergnügen. Gerade die deutschen Leser schätze ich sehr, weil sie so genau lesen. Da ich ein Perfektionist bin, liebe ich das.

Das Interview führte Eva Isabella Leitold, Auszeit Magazin
in Zusammenarbeit mit dem Page & Turner Verlag

Mehr über die Bedeutung von Mondino de‘ Luzzi für die Anatomielehre auf www.deutsches-museum.de und in der Wikipedia.