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Andreas Gruber »Herzgrab«

Interview mit Andreas Gruber zu seinem Thriller »Herzgrab« - Goldmann Verlag

„Ich habe mir geschworen, niemals feige zu sein“

Andreas Gruber im Interview über seinen Thriller „Herzgrab“

© Lukas Beck

Sie sind ein Autor, der erfolgreich in verschiedenen Genres zu Hause ist. Phantastik und Science Fiction gehören ebenso dazu wie Horror und Thriller. Sie wurden mehrfach mit angesehenen Preisen ausgezeichnet und schreiben sowohl Stories als auch Romane. Soeben erscheint Ihr neuer Roman „Herzgrab“, der nach „Rachesommer“ und „Todesfrist“ Ihr dritter Thriller bei Goldmann ist. Was reizt Sie besonders an diesem Genre?


Dazu muss man wissen: Ich entwerfe gerne erschreckende und kranke Horrorszenarien, was zum Teil auch an meiner Vergangenheit als Horrorautor liegt. Ich liebe es, den Leser in Furcht zu versetzen. Bei einem Thriller ist das nochmal um einen Tick intensiver als bei einem Horrorroman, weil die Handlung realistischer und „echter“ wirkt. Dieses Schreckensszenario könnte ja tatsächlich so passieren. Denken Sie nur an „Das Schweigen der Lämmer“. Diese Gratwanderung, die Grenze des Thrillers auszuloten und trotzdem die Ebene der Realität nicht zu verlassen, macht für mich den Reiz dieses Genres aus.


Den ersten Einfall zu „Herzgrab“ hatten Sie bereits vor vielen Jahren, aber Sie trugen die Idee lange mit sich herum und schrieben erst einmal mehrere andere Bücher. Kommt es häufiger vor, dass Sie an unterschiedlichen Buchprojekten zugleich arbeiten?

Ich versuche immer – das ist zumindest der Plan – nur jeweils an einem Buch zu arbeiten, aber die Realität sieht oft so aus, dass sich die Arbeiten überschneiden. Bei einem Roman schreibe ich gerade den Showdown, während die Idee für das nächste Projekt gerade im Kopf heranreift. Und wenn ich das Manuskript kurz vor Fertigstellung nochmal überarbeite, liegen vom nächsten Roman bereits die ersten Kapitel vor. Aber das ist ganz gut so, da ich so schneller Distanz zum eigenen Werk finde und Schwächen objektiver beurteilen kann. Und zwischendurch gönne ich mir immer wieder die Zeit, einige Kurzgeschichten zu schreiben.


In „Herzgrab“ gerät eine angesehene italienische Familie, die auf einem noblen Landsitz nahe Florenz lebt ins Visier eines grausamen Mörders. Die Ermittlungen setzen in Wien ein und führen über Florenz in die ländliche Toskana. Wie wichtig ist für Sie die Recherche an Originalschauplätzen, wenn Sie eine Romanhandlung verorten?

Ich suche mir nur Orte aus, die ich entweder bereits kenne oder gern kennen lernen möchte; Schauplätze, die mich faszinieren. Beispielsweise bin ich für eine Buchpräsentation zu den Nordsee-Krimitagen nach Sankt Peter-Ording eingeladen worden. In der Fortsetzung von „Todesfrist“, an der ich gerade arbeite, wird es daher einen ziemlich fiesen Tatort im Wattenmeer in Sankt Peter-Ording geben. Das sind einfach schöne Gelegenheiten, die man nicht nutzlos verstreichen lassen sollte, sofern sie sich in die Handlung einbetten lassen. Mit der Toskana ist es ebenso: Während einiger Urlaube in dieser Gegend ist im Lauf der Zeit die Handlung zu „Herzgrab“ entstanden… Stück für Stück… bis sie so stark wurde, dass ich das Buch einfach schreiben und dort spielen lassen musste.


Das Team der Kripobeamten, das von Wien aus gemeinsam nach Florenz aufbricht, besteht aus einem Österreicher und einem Italiener. Allerdings könnte das Duo aus Peter Gerink und dem Sizilianer Dino Scatozza nicht unharmonischer sein: Beide befehden sich wegen einer Frau, und immer wieder entladen sich auf der Dienstreise enorme Spannungen. Welche Rolle spielt in Ihrem Roman das humorvolle Spiel mit nationalen Klischees?

Generell spielt für mich der Humor in meinen Romanen eine große Rolle. Ich schreibe zwar keine witzigen Regionalkrimis wie beispielsweise Rita Falk, da es mich mehr zu düsteren Thrillern zieht – aber gerade deswegen möchte und muss ich sogar manchmal Handlung und Atmosphäre durch eine Prise schrägen oder schwarzen Humor auflockern. Dazu kommt, dass ich gern Figuren verschiedener Nationalitäten miteinander konfrontiere. In „Rachesommer“ trifft eine Wiener Anwältin auf einen Leipziger Ermittler und in „Todesfrist“ eine junge Münchner Kripobeamtin auf einen niederländischen Profiler. Das gibt Stoff für zusätzlichen Konflikt.


Gleichzeitig mit den Kripobeamten rollt eine Detektivin den Fall von einer anderen Seite her auf. Pikanterweise handelt es sich bei der Privatermittlerin Elena um die große Liebe Gerinks, derentwegen er mit seinem Kollegen Scatozza zerstritten ist. Dass die Handlung in mehreren parallel geführten Handlungssträngen verläuft, ist typisch für Ihre Thriller. Worin liegt für Sie der Reiz dieser Erzähltechnik?

Meisten ist es so, dass ich für meine Romane zu viele Ideen habe, sodass ich sie in zwei Handlungsstränge verpacken muss. In sich abwechselnden Kapiteln erzähle ich dann diese beiden Storys. Für mich macht es den Reiz aus, dass ich den Leser anfangs noch im Dunkeln tappen lasse, wie diese Handlungen miteinander verknüpft sind, und wann, wo und wie sie aufeinander treffen werden. Einen weiteren Reiz macht für mich aus, dass ich die Kapitel an der spannendsten Stelle mit einem Cliffhanger unterbrechen kann – eine Technik, die mich bereits als Jugendlicher bei Stephen Kings „Es“ sehr fasziniert hat.


Wie gelingt es Ihnen, beim Schreiben den Überblick zu behalten?

Anfangs erstelle ich zu meinen Romanen ein detailliertes Exposé von etwa 25 Seiten. Danach plane ich die einzelnen Kapitel in Excel, weil man in diesem Tabellenkalkulationsprogramm schön übersichtlich arbeiten kann. Außerdem erstelle ich in Excel chronologische Biographien meiner Figuren und eine Zeitlinie mit Uhrzeiten für die Handlung. All das merkt der Leser natürlich nicht, aber ich brauche es im Hintergrund, damit keine Ungereimtheiten passieren und sich die Handlung am Schluss wie ein Puzzle schön zusammenfügt.


Es gibt in „Herzgrab“ nicht nur zwei große Handlungsstränge, sondern auch eine Vielzahl ausgeprägter Charaktere mit teils extremen Eigenheiten. Welche Bedeutung trägt die Ausgestaltung der Romanfiguren für Ihre Plots?

Ich liebe schräge Charaktere, die verrückte Hobbys, Macken und Ticks haben. Ein Beispiel: Manchen ist die TV-Serie „Monk“ zu anstrengend, ich aber liebe diese Figur schon allein wegen ihrer vielen Zwangsneurosen. Es ist ja nicht nur für die Leser interessant, wenn man ihnen keine Nullachtfünfzehn-Figuren vorsetzt – sondern auch für den Autor, weil die Arbeit mit interessanten Charakteren und starken Persönlichkeiten viel mehr Spaß macht und man automatisch mehr in der Hand hat, das man dem Leser servieren kann.


Sie tauchen diesmal in die Welt der Malerei, der Auktionen und des Kunstmarkts ein. Können Sie etwas über die Recherche in dieser Szene erzählen?

In meinem Freundeskreis gibt es einige Malerinnen, außerdem male ich selbst gern, aber nicht gut genug, um es jemandem zu zeigen. Für einen Roman war dieses Wissen aber viel zu wenig. Daher habe ich einige Vernissagen und Museumsführungen besucht, mit Künstlern gesprochen und an einigen Auktionen teilgenommen. Als ich im Keller eines Auktionshauses herumgeschlichen bin, hätte mich beinahe das Sicherheitspersonal festgenommen. Sobald man aber den Menschen erzählt, dass man Schriftsteller ist und für einen Roman recherchiert, sind sie plötzlich sehr aufgeschlossen und bringen sich mit Ideen in die Handlung ein.


Wie wichtig ist für Ihre Arbeit an einem Thriller der persönliche Kontakt zu Experten?

Als ich 1999 an meiner ersten Kurzgeschichtensammlung gearbeitet habe, bot das Internet noch sehr wenige Informationen. Wenn man recherchieren musste, ging man also in die Bibliothek, warf einen Blick in den Brockhaus oder sprach mit Experten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein zehnminütiges Gespräch mit einem Fachmann mehr bringt, als stundenlang über Sachbüchern oder Wikipedia-Einträgen zu brüten, was ich natürlich auch mache, da es oft nicht anders geht. Aber ich habe mir geschworen, niemals feige zu sein und immer zu versuchen, einen Experten zu finden. Mittlerweile kenne ich einige Staatsanwälte, Richter, Kripoermittler, Ärzte und Rechtsmediziner, die ich mit meinen Fragen belästigen darf.


Sie schreiben nicht nur selbst, sondern unterrichten auch Kreatives Schreiben. Wie lange brauchen Autoren Ihrer Erfahrung nach, bis sie ihr Handwerkszeug richtig gut beherrschen?

Ich habe 1997 mit dem Schreiben begonnen und beherrsche es immer noch nicht perfekt. Immer noch bin ich auf die Hilfe von Lektoren und Testlesern angewiesen, und das wird sich wohl nie ändern – zumindest nicht, solange man seine Arbeit ernst und ehrgeizig betreibt. Also, eine ehrliche Antwort müsste lauten: wahrscheinlich ein Leben lang.


Sagen Sie das den Teilnehmern in Ihren Kursen?

Natürlich, allerdings subtiler. In meinen Schreibkursen mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Teilnehmer, die keine Vorkenntnisse haben und an ihrem ersten Roman arbeiten, immer gleich den Bestseller für einen großen Publikumsverlagen schreiben wollen. Das steckt in den Köpfen der Leute so drin. Ich nenne es das Joanne-Rowling-Syndrom. Meine Erfahrung zeigt, dass etwa zehn Jahre intensive Arbeit nötig sind, bis die Manuskripte so gut werden, dass ein großer Verlag sie veröffentlichen kann. Ausnahmen bestätigen die Regel, andererseits gibt es aber keine Garantie, dass es nach zehn Jahren klappen muss.


Eine Romanserie um einen Helden herum zu konstruieren – und sei er bei den Lesern noch so beliebt –, hatten Sie bisher nicht in Erwägung gezogen. Ihr nächster Thriller jedoch, der Nachfolger von „Todesfrist“, beschert uns ein Wiedersehen mit einer Ihrer Hauptfiguren: Maarten S. Sneijder, der ebenso kauzige und arrogante wie geniale Profiler aus Rotterdam. Was hat Sie an ihm so fasziniert, dass Sie ihn erneut zu einem der wichtigsten Romancharaktere erwählten?

Es stimmt, dass mir die Arbeit an einer Handlung, für die ich ein komplett neues Ensemble an Figuren erfinden kann, mehr Spaß macht. Aber bekanntlich gibt es Ausnahmen – bei mir sind es zwei: Peter Hogart, ein Wiener Versicherungsdetektiv, ist der Hauptcharakter in meinen beiden Thrillern „Schwarze Dame“ und „Die Engelsmühle“, die demnächst bei Goldmann neu aufgelegt werden. Genauso wie Peter Hogart ist auch Maarten S. Sneijder ein Außenseiter, der stur seinen Weg geht, bei seinen Vorgesetzten aneckt, auf eigene Faust ermittelt und sich oft auf dünnes Eis begibt.


Wie unterscheiden sich die beiden Figuren?

Peter Hogart ist ein Eigenbrötler, aber ein sympathischer Kerl, Maarten S. Sneijder hingegen ist ein arrogantes Arschloch. Beide Figuren faszinieren mich, darum wird es mit ihnen weitergehen. Zunächst einmal möchte ich mit Maarten Sneijders zweitem Fall die Fortsetzung zu „Todesfrist“ fertig schreiben, aber mir schwebt sowohl für Peter Hogart als auch für Maarten Sneijder jeweils ein dritter Band vor, um die beiden Trilogien abzuschließen.


Wird es weiterhin eigenständige Romane geben?

Die Schublade ist voll mit Ideen und Exposés.

Interview: Elke Kreil

Herzgrab Blick ins Buch

Andreas Gruber

Herzgrab

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