Interview mit Anne Jacobs zu ihren Büchern

Ein Rundgang durch die Tuchvilla

Zum Jakobertor hinaus und die Haagstraße entlang, da sieht man linker Hand den ummauerten Park und das Tor. Einer der schmiedeeisernen Torflügel hängt ein wenig schief in den Angeln. Vom Tor führt eine Platanenallee durch das Parkgelände zur Villa.

An diesem Herbstmorgen hängen Nebelschleier über den Parkwiesen, welkes Laub liegt auf der Allee, das rote Backsteingebäude der Tuchvilla ist in zarten Dunst gehüllt. Ein zweistöckiger Bau, mit grauem Schiefer gedeckt, im Dachgeschoss viele Gauben, aus einem der Schornsteine steigt eine dünne Rauchfahne. In der Mitte des Gebäudes gibt es einen Säulenvorbau mit einem Balkon, darunter befindet sich der Eingang für die Herrschaften. Diener und Lieferanten benutzen die beiden kleinen Türen rechts und links des Vorbaus.

Wir betreten die Villa selbstverständlich durch den herrschaftlichen Eingang und stehen nun in der eindrucksvollen, ein wenig dämmrigen Halle. Dunkle Möbel im Kolonialstil, üppige Farne in Kübeln, an den Wänden Gemälde. Landschaften vor allem, keine Ahnen in Öl. Johann Melzer ist ein Emporkömmling, er hat die Gemälde nicht geerbt sondern gekauft. Der Raum erstreckt sich bis zum rückwärtigen Teil des Hauses, zwei Flügeltüren mit Glaseinsätzen führen auf die Terrasse und lassen das Tageslicht hinein. Die herrschaftliche Treppe geleitet Familie und Gäste in schönem Schwung hinauf in den ersten Stock.

Aber bleiben wir noch ein wenig hier unten. Stimmengewirr ist zu vernehmen, wir öffnen links die Tür zur Küche und da sitzen sie alle am langen Tisch. Vorn, gleich beim Küchenherd, wo im Winter der beste Platz ist, sitzt die Herrin von Küche und Speisekammer, Fanny Brunnenmayer. Die Köchin ist eine eigenwillige Person, nicht mehr ganz jung, ehrlich, ruppig, aber von allen respektiert. Neben ihr, das ist das Stubenmädel Else, auch sie ist schon lange in Diensten der Melzers, sie ist einer jener Menschen, die leicht übersehen werden. Ganz im Gegenteil zu der blonden, drallen Auguste, dem zweiten Stubenmädel, die sich rasch noch eine Buttersemmel zurechtmacht. Dann gibt es noch das Küchenmädel Marie, die kennen wir schon und auch Eleonore Schmalzler, die Hausdame ist uns bereits begegnet. Ganz hinten bei der Tür zur Halle sitzen zwei Männer, ein alter und ein junger, der Gärtner Bliefert und sein Enkel Gustav. Sie wohnen drüben im Gartenhaus und kommen nur zu den Mahlzeiten in die Küche.

Ja, es gibt eine ziemliche Menge von Angestellten in der Tuchvilla, neun im Ganzen, zwei fehlen uns noch. Aber sie werden sich schon noch anfinden.

Das Frühstück der Angestellten ist nahezu beendet, Frau Schmalzler hat die Aufgaben für den heutigen Tag verteilt, jetzt spricht sie noch ein paar ermutigende Worte, erinnert alle daran, wie wichtig jeder einzelne ist, dass sie ihr Bestes geben wollen, um für die Tuchvilla Ehre einzulegen. Die beiden Gärtner trinken noch rasch ihren Morgenkaffee aus, Auguste hat schon das neue Küchenmädel Marie im Schlepptau, sie soll lernen, wie in den herrschaftlichen Räumen die Öfen befeuert werden. Marie hantiert mit Eimer und Glut ziemlich ungeschickt – wir sehen kommen, dass es Ärger geben wird. Wir folgen den beiden. Sie gehen natürlich nicht durch die Halle sondern durch den Küchengang, am Speiseaufzug vorbei die Gesindetreppe hinauf. Die schmale Treppe für die Angestellten windet sich auf der linken Seite des Gebäudes bis hinauf zu den Dachkammern, in jedem Stockwerk gibt es eine Tür, durch die man in die herrschaftlichen Räume gelangt. Im ersten Stock befinden sich die Wohn- und Repräsentationsräum der Familie, hier begegnen die beiden dem Hausdiener Robert, einem wohlgestalteten und keineswegs dummen jungen Mann, der im Speisezimmer den Frühstückstisch für die Herrschaften deckt. Er muss sich sputen, denn in diesem Moment betritt schon der Hausherr das Speisezimmer. Johann Melzer ist eine stattliche Erscheinung, am Morgen meist der erste bei Tisch, er hat bereits einige wichtige Entscheidungen, die seine Fabrik betreffen im Sinn und greift zur Zeitung. Die „Augsburger Neueste Nachrichten“.

Robert wünscht einen „Guten Morgen“ und eilt zum Speiseaufzug, wo frische Semmeln, Sahne, Marmelade und eine gemischte Wurstplatte mit einer Handkurbel nach oben befördert. Gleich darauf erscheint auch die gnädige Frau, Alicia Melzer, vollständig angekleidet, das Haar frisiert, das Gesicht zart gepudert. Wie jeden Morgen begrüßt sie ihren Ehemann mit einem Wangenkuss und setzt sich, um ihm die Frühstückssemmel mit Butter und Gelee zu bestreichen.

Im Flur hören wir Auguste ärgerlich mit der armen Marie schelten. Haben wir es doch geahnt, sie ist mit dem dreckigen Eimer gegen die weißlackierte Tür zum roten Salon gestoßen. Der rote Salon ist der hübscheste Raum des Hauses, mit roter Seidentapete und zierlichen Rokokomöbeln ausgestattet, auch befindet sich hier ein Klavier, auf dem Alicia und die beiden Töchter hie und da spielen. Außer Speisezimmer und rotem Salon befinden sich in diesem Stockwerk noch ein kleines Büro des Hausherrn, das Herrenzimmer, in dem geraucht werden darf, und die Bibliothek, zu der ein Wintergarten gehört. Speisezimmer, roter Salon und Bibliothek sind durch Schiebetüren voneinander getrennt und können bei großen Festen zu einem einzigen Raum verbunden werden. Bei einem Hausball, zum Beispiel. Aber so weit sind wir noch nicht.

Else stampft die Gesindetreppe hinauf, wir folgend ihr in den zweiten Stock. Hier sind die Schlafräume der Herrschaft, das Badezimmer und die Wäschekammer. Im Bad ist der Ofen schon angeheizt, das war heute Augustes erste Tat vor dem Frühstück, die beiden jungen Fräulein – Kitty und Elisabeth – liegen jedoch noch zu Bett. Else beginnt mit Lüften und Bettenmachen im Schlafzimmer des gnädigen Herrn, um dann das Zimmer der gnädigen Frau in Ordnung zu bringen. Die Eheleute schlafen seit längerem getrennt, was – nach Ansicht von Johann Melzer – der größeren Bequemlichkeit dient.

Aus der Wäschekammer tritt jetzt Maria Jordan, die Kammerzofe, eine schlanke, dunkelgekleidete Person undefinierbaren Alters. Sie zögert einen Moment, seufzt, dann klopft sie an die Zimmertür des Fräulein Elisabeth, danach an Kittys Tür. Die jungen Damen haben wenig Lust, aus den Federn zu steigen. Kitty, die frisch aus dem Pensionat zurück ist, genießt es, endlich ausschlafen zu können, Elisabeth hängt trüben Gedanken nach, sie ist verliebt und fürchtet, der Erwählte könne sich für eine andere entscheiden. Nun – wir werden sehen …

Das Zimmer von Paul Melzer ist leer, der Sohn des Hauses weilt zum Studium in München. Es wird allerdings gemunkelt, dass Paul sich mehr für die Treffen seiner Studentenverbindung als für die Vorlesungen der Elektrotechnik interessiert …

Wir überlassen die Töchter des Hauses der gestrengen Maria Jordan und steigen – ganz leise – die Gesindetreppe bis zum Dachgeschoss hinauf. Hier empfängt uns ein düsterer Gang, an dessen Ende die Tür zum Klo gerade noch sichtbar ist. Sie ist nur angelehnt, unschöne Gerüche dringen in den Flur. Rechts und links sind die Türen zu den Kammern der Angestellten, die Räume sind klein und haben schräge Wände, zwei Betten, ein Schrank, eine Kommode, Stuhl und kleiner Tisch – mehr Mobiliar gibt es nicht. Der Hausdiener, die Köchin und die Hausdame haben eine Kammer für sich allein, die übrigen wohnen zu zweit. Wasser zum Waschen holt man im Flur am Wasserhahn, elektrisches Licht, das in den Räumen der Herrschaft inzwischen Einzug gehalten hat, gibt es hier oben nicht, man benutzt Öllampen und Laternen wie ehedem. Auf der anderen Seite des Dachbodens befindet sich die Abstellkammer für ausrangierte Möbel, Reisekoffer und allerlei Krempel, gleich daneben ist der Trockenboden. Hier, zwischen wehenden weißen Betttüchern und Spitzenunterhöschen soll es im Sommer zu heimlichen Treffen zwischen dem Hausdiener und Auguste gekommen sein. Und das – so weiß Else zu berichten – nicht nur einmal.

Mit den warmen Öfen, den Lichtern und den Stimmen der jungen Mädchen erwacht das Haus nun endgültig zum Leben. Ein seltsames, aber wohlgeordnetes Gewimmel aus Herrschaft und Dienerschaft, Küche und Salon, geheiztem Baderaum mit Wanne und Rosenseife und einfacher Waschschüssel mit kaltem Wasser. Gewiss haben die einen es bequemer, während die anderen die täglichen Arbeiten verrichten, und doch gehören Herrschaft und Dienerschaft untrennbar zueinander, hängen voneinander ab. Ohne den Wohlstand des Fabrikbesitzers hätte keiner der Angestellten Arbeit und Brot, ohne das Können und den Fleiß ihrer Dienerschaft wären die Melzers hilflos. Deshalb kennt jeder in der Tuchvilla seinen Platz und alle leben miteinander wie eine große Familie.

Das Erbe der Tuchvilla

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