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Interview mit Ariana Huffington zu »Die Neuerfindung des Erfolgs« - Riemann Verlag

Interview mit Ariana Huffington

Autorin von "Die Neuerfindung des Erfolgs"


Was ist falsch an unserer gängigen Definition von Erfolg?

Wir definieren Erfolg im Moment fast nur über Geld und Macht. Das geht so weit, dass die Begriffe Erfolg, Geld und Macht praktisch synonym verwendet werden. Um erfolgreich zu sein, nehmen wir Überarbeitung, Schlafmangel und Burnout in Kauf. Und nicht nur das: Wir tragen diese Selbstausbeutung geradezu wie eine Auszeichnung vor uns her! Wir richten uns freiwillig zugrunde. Kurzfristig kann dieser „Erfolg“ funktionieren – zumindest kann es nach außen hin so aussehen. Auf längere Sicht aber sind Geld und Macht alleine wie ein Hocker mit zwei Beinen – man kann eine Zeitlang darauf balancieren, doch irgendwann verliert man das Gleichgewicht. Um das Leben zu leben, das wir wirklich wollen und auch verdienen, und nicht nur das, in dem wir uns eingerichtet haben, brauchen wir eine Dritte Größe, einen dritten Maßstab für Erfolg, der über die beiden Größen Geld und Macht hinausgeht und auf vier Säulen ruht: Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Schenken.


Wie sind Sie auf dieses Problem aufmerksam geworden?

Mir selbst wurden ganz abrupt am 6. April 2007 die Augen geöffnet. Ich weiß nur noch, dass ich am Morgen dieses Tages in meinem Büro zu Hause in einer Blutlache aufwachte – meinem eigenen Blut, wie sich herausstellte Ich war völlig erschöpft und übernächtigt zusammengebrochen. Im Fallen war ich mit dem Kopf gegen die Schreibtischkante gestoßen, hatte mich am Auge verletzt und mir das Jochbein gebrochen. In den nächsten Tagen machte ich die Erfahrung, dass man in den Wartezimmern von Ärzten gut nachdenken kann. Ich fragte mich: Ist dies das Leben, das ich wirklich will? Auf welche Art von Erfolg bin ich aus? Seit der Gründung der Huffington Post zwei Jahre zuvor hatte ich sieben Tage die Woche achtzehn Stunden am Tag gearbeitet. Ich war erfolgreich in Dingen, die eigentlich bedeutungslos sind. Und parallel dazu erlebte ich einen Niedergang – buchstäblich – bei allem, was wirklich zählt. Mein Leben, so wurde mir klar, war außer Kontrolle geraten. Es ging mir nicht gut.


Wie haben Sie Ihr Leben nach dieser Erfahrung geändert?

Natürlich hat man nie das Gefühl, gerade wirklich Zeit zu haben, um sein Leben zu ändern. Doch mir wurde klar, dass jeder Augenblick dafür der richtige ist. Also begann ich, täglich einige Übungen zu machen, um bei der Stange zu bleiben. Ich erneuerte meine entfremdete Beziehung zum Schlaf – tatsächlich wurde ich zu einer Jüngerin des Schlafens. Ich begann zu meditieren. Ich dachte sehr viel genauer darüber nach, wie ich Zeit einbauen könnte, um Kräfte zu sammeln.


Was geschah, als Sie 2013 am Smith College über dieses Thema sprachen?

Sechs Jahre nach meinem Aha-Erlebnis dachte ich in einer Commencement Speech am Smith College laut über all diese Dinge nach. Statt Wege aufzuzeigen, um in der Welt, in die sie jetzt eintraten, erfolgreich zu sein, bat ich die Absolventinnen, Erfolg neu zu definieren. Bevor sie ihren Platz an der Spitze der Welt einnehmen würden, sollten sie diese Welt verändern. Ganz offensichtlich hatte ich damit einen Nerv getroffen. Viele reagierten auf die Rede, die Absolventinnen ebenso wie Leser in den nächsten Wochen. Dadurch wurde mir klar, wie vielen Menschen daran gelegen ist, Erfolg und das, was ein „gutes Leben“ ausmacht, neu zu definieren.


Und Sie glauben, dass wir jetzt die kritische Masse für eine Veränderung erreicht haben?

Ja, ganz sicher. Zum Beispiel haben sich in diesem Jahr viele Unternehmensführer und Topmanager als Anhänger von Meditationstechniken geoutet, als Menschen, die in sich gehen. Im Grunde war 2013 das Jahr, in dem Meditation und Achtsamkeit endlich aufhörten, als irgendwie exzentrisch, irgendwie New-Age und definitiv kalifornisch zu gelten, und voll und ganz im Mainstream ankamen.


Glauben Sie, dass Unternehmen die Notwendigkeit dieser Veränderung sehen?

Wenn wir uns die heutige Geschäftswelt anschauen, fallen zwei völlig gegensätzliche Entwicklungen auf: Zunächst einmal sehen wir sehr viel Burnout: eine Unternehmenskultur, die von Quartalseinnahmen und kurzfristigen Gewinnen besessen ist. Daneben aber zeigt sich auch ein wachsendes Problembewusstsein, wenn es um die Auswirkungen geht, die Stress am Arbeitsplatz auf das Wohlbefinden der Beschäftigten – und auf die Ertragslage eines Unternehmens – hat. Immer mehr Firmen merken, dass das, was für uns als Individuen gut ist, auch gut ist fürs Geschäft: dass die Gesundheit der Beschäftigten und der Unternehmensgewinn untrennbar miteinander verbunden sind.


Warum legen Sie so großen Wert auf Schlaf?

Schlaf, oder wie wenig wir davon bekommen, ist zum Symbol unserer Leistungsfähigkeit geworden. Dabei gilt Schlafentzug aus gutem Grund als eine Form der Folter. Schlafentzug mindert die emotionale Intelligenz, das Selbstwertgefühl, den Unabhängigkeitssinn, Empathie, positives Denken und die Impulskontrolle. Natürlich ist fehlender Schlaf auch mit Stress und einem höheren Risiko verschiedener Erkrankungen, etwa Herzkrankheiten, verbunden. Schlafmangel war ein bedeutsamer Faktor beim Untergang der Exxon Valdez, der Explosion der Raumfähre Challenger und den Atomunfällen in Tschernobyl und Three Mile Island bei Harrisburg.


Und warum ist Großzügigkeit für Sie so wichtig?

Großzügigkeit spielt eine so große Rolle bei der Neudefinierung von Erfolg und beim eigenen Wohlergehen, weil ihre Veränderungskraft in beide Richtungen – zum Schenkenden und zum Beschenkten – fließt. Eine Studie der Harvard Business School ergab, dass Spenden für wohltätige Zwecke ähnliche Auswirkungen auf unser subjektives Wohlbefinden haben wie eine Verdoppelung des Haushaltseinkommens. Und letztes Jahr zeigte eine Untersuchung, dass freiwillige Sozialarbeit mit geringerer Neigung zu Depressionen, stärkerem Wohlbefinden und einer signifikanten Senkung des Mortalitätsrisikos korreliert. Ein weiterer wichtiger Aspekt von Großzügigkeit ist das Danken. In einem Zustand ständiger Dankbarkeit zu leben, ist das Tor zur Leichtigkeit. Grace und gratitude, die englischen Ausdrücke für Leichtigkeit und Dankbarkeit, haben dieselbe lateinische Wurzel gratus. Wann immer wir uns in einer Situation befinden, in der wir am liebsten die Welt anhalten und aussteigen möchten, können wir uns daran erinnern, dass es einen anderen Weg gibt, und uns der Leichtigkeit öffnen. Der andere Weg beginnt oft damit, dass wir uns einen Moment Zeit nehmen, um für diesen Tag dankbar zu sein, dafür, dass wir am Leben sind – für irgendetwas.


Wir kennen jetzt die Lösung – wie setzen wir dieses Wissen in die Tat um?

Unser Wissen und unsere Weisheit in Handeln zu überführen, erfordert nicht viel. Der Einstieg ist egal – die östlichen spirituellen Traditionen haben kein Monopol darauf, wie man sich die eigene Weisheit zunutze macht. In Wahrheit braucht es gar keine spirituelle Tradition, um Achtsamkeit und all das Gute, was sie mit sich bringt, zu genießen. Wenn Sie keine Lust auf Meditation, Gebet oder Kontemplation haben, dann gehen Sie doch einfach angeln! Es kommt darauf an, eine regelmäßige Aktivität zu finden, die Ihren Geist darin übt, ruhig, vollkommen präsent und mit Ihrem Ich verbunden zu sein und regelmäßige Pausen in den Alltag einzubauen – einfach nur zu atmen und die Verbindung zum Atem, zum Aus- und Einatmen zu spüren. Wir wissen, dass es uns gut geht, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, dass das Leben von innen nach außen geformt wird – eine Erkenntnis, die spirituelle Lehrer, Dichter und Philosophen seit Jahrtausenden verkünden und die die moderne Naturwissenschaft jetzt bestätigt.


Abdruck des Interviews nur nach Rücksprache mit dem Riemann Verlag.