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Interview mit Bernhard Weßling

„Als ich das erste Mal Kraniche hörte, war ich ihnen verfallen“

Bernhard Weßling über sein Buch und Lieblingsthema

Herr Weßling, Sie sind durch Ihre Forschungen ein seit 30 Jahren international anerkannter Kranichexperte. Von Beruf jedoch sind Sie Chemiker. Wie kamen Sie zu den Kranichen?

Seit meiner Jugend bin ich an Natur interessiert. 1981 zog ich berufsbedingt mit meiner jungen Familie in die Nähe von Hamburg. Kurz darauf unternahmen wir erste Wanderungen im nahe gelegenen Naturschutzgebiet, dort hörte ich erstmals in meinem Leben Kraniche, und ich war sofort beeindruckt und ihnen gewissermaßen „verfallen“. Kein Wunder, wenn man ihre spektakulären Tänze, ihre Balz, ihr Miteinander beobachtet, wenn man im Herbst und im Frühjahr ihre Züge am Himmel sieht. Und erst recht, wenn man ihre trompetenartigen Rufe hört! Bald darauf begann ich, im Kranichschutz mitzuarbeiten und übernahm wenig später für viele Jahre die Leitung. Meine Forschung an wild und frei lebenden Kranichen habe ich zunächst nur aus Neugier betrieben.

Was hat Sie bei der Beobachtung der Kraniche so neugierig gemacht?

Sie verhielten sich so geheimnisvoll, hielten sich versteckt, waren nicht leicht zu beobachten. Es ist schon schwierig zu zählen, wie viele Paare in einem Gebiet ein Revier besetzt haben, wenn es mehr als eine Handvoll sind. Hinzu kamen etliche höchst ungewöhnliche Beobachtungen: Ein Paar, später von mir „Romeo und Julia“ genannt, führte mir ein kleines Drama von Liebe, Verlust und Trauer vor. Den „Schlitzohren“ gelang es, mich für eine ganze Zeit über den Standort ihres Nestes zu täuschen. Die „Füchse“ wiederum ersannen einen klugen, langfristigen Plan, um ihre Jungen vor den Räubern zu schützen. Und immer wieder staunte ich über die Abstimmung der Kraniche untereinander, ihre Kommunikation, die viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Wie haben Sie es geschafft, die Kommunikation der scheuen Tiere zu entschlüsseln?

Während meiner Arbeit für den Kranichschutz beobachtete ich viele solcher Begebenheiten und wollte schließlich die einzelnen Kraniche identifizieren und auseinanderhalten können. Ich kam auf die Idee, ihre Rufe aufzunehmen und mithilfe einer von mir entwickelten Methode ihre Stimmen zu analysieren. Dadurch habe ich die Kraniche nach und nach individuell kennengelernt, „markiert“, ohne sie zu beringen oder sonstwie zu stören. Jahrelang habe ich sie wiedererkannt, wenn sie hier waren, dadurch habe ich viele Lebensläufe kennenlernen und verfolgen können. Zugleich habe ich Wege gefunden, viele andere Lautäußerungen der Kraniche sowohl hier in Deutschland als auch in Asien und Nordamerika aufzunehmen und zu verstehen. Es war sehr eindrucksvoll, Kranichen aus Verstecken heraus nur wenige Meter nah zu sein und sogar ihre sehr leisen Töne aufzunehmen und im Zusammenhang verstehen zu lernen.

Kraniche sind beeindruckende und rätselhafte, von zahlreichen Mythen umrankte Vögel. Sie sind einigen dieser Mythen auf den Grund gegangen…

Eine wesentliche Erkenntnis ist sicherlich: Kraniche sind überwiegend nicht lebenslang mit demselben Partner zusammen. Einige Paare leben monogam, die Mehrheit aber wechselt mindestens einmal im Leben den Partner, und das nicht notwendigerweise, wenn der andere Partner verstorben ist. Die Lebensläufe sind sehr unterschiedlich, ich lernte viele spannende und teilweise sehr überraschende Geschichten kennen.

Und was hat es mit dem Glück auf sich, das die Vögel angeblich bringen?

In allen Ländern der Erde, in denen es Kraniche gibt, gelten sie als Glücksbringer und Frühlingsboten, weil sie im Frühjahr zurückkommen, wenn es wieder heller und wärmer wird, und weil sie dann so wunderschön tanzen. Ob sie uns Menschen Glück bringen, entzieht sich der wissenschaftlichen Analyse. Mir persönlich haben Kraniche sehr viel Glück gebracht: Wann immer ich sie sah und heute sehe, huscht ein Lächeln über mein Gesicht, und meine Stimmung hebt sich.

Was noch haben Sie über das Verhalten und die Intelligenz der Kraniche herausgefunden?

Alte Sagen erzählen von Kranichen, die zwar beeindruckende Vögel sind, aber dumm, nicht schlau wie zum Beispiel Füchse oder Wölfe. Ich habe Kraniche aber als vergleichsweise intelligent, planvoll, fähig, neue Probleme zu lösen kennengelernt. Sie sind sehr flexibel, sie fühlen und zeigen Emotionen, und sie sind fähig zu kulturellen Leistungen. Das zeigen allein schon ihre Abstimmungsprozesse, wenn sie zum Zug aufbrechen oder aus dem Winterquartier zurückkehren, oder auch gar nicht im Winter in den Süden ziehen.

Sie sind nicht nur in Deutschland als Kranichforscher aktiv, sondern auch international. Was war Ihr spannendstes Projekt?

Ohne Frage war das die Teilnahme an einem der weltweit größten und komplexesten Artenrettungsprojekte für die bedrohteste, zeitweise vom Aussterben bedrohte Kranichart: Es ging um die Begründung einer zweiten wilden Schreikranichpopulation in Wisconsin. Hierzu wurden Schreikraniche aus Eiern von Kranichen in Gefangenschaft aufgezogen, und zwar isoliert von Menschen; es wurde ihnen beigebracht, Ultraleichtflugzeugen zu folgen, dadurch lernten sie die Migrationsroute von Wisconsin nach Florida, wo sie dann ausgewildert wurden. Für die Aufzucht und das Flugtraining habe ich Original-Lautäußerungen von wilden Schreikranichen verwendet, die ich in eigenen Expeditionen in die Wildnis aufgenommen und aufbereitet hatte. Nur so konnten die Jungkraniche tatsächlich wild werden; alle Versuche vorher mit von Menschen nachgemachten Kranich-Locklauten scheiterten, weil die Jungvögel, wenn sie zuvor auf Menschen geprägt waren, bei ihnen bleiben wollten und sich nicht auswildern ließen.

Unsere hiesigen Grauen Kraniche sind ja seit einigen Jahren in Deutschland nicht mehr auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Muss man denn überhaupt noch Kranichschutz betreiben?

Natürlich, wenn man es als umfassenden Naturschutz versteht, denn Kranichschutz ist ja nicht von allem anderen losgelöster Schutz einer speziellen Art, sondern nur sinnvoll, wenn man ganze Biotope schützt: das sind Feuchtgebiete, und die benötigen wir ohnehin dringender denn je, es sind schon viel zu viele entwässert worden. Einige von ihnen wurden zwar schon wieder renaturiert, aber bei weitem noch nicht genug. Hier geht es um Moore, Torfbildung, Grundwasser, Teiche, flache Seen, Artenvielfalt in Feuchtgebieten und in ihrer Umgebung. Wie wichtig Moore als CO2-Speicher sind, wird in der Diskussion um den Klimaschutz immer wieder thematisiert.

Die Bilanz von über 30 Jahren intensiver Forschung haben Sie nun in einem Buch zusammengefasst. An wen richtet es sich – und was ist Ihre Botschaft an die Leser?

Mein Buch richtet sich in erster Linie an all diejenigen, die an der Natur, an Naturschutz, an Artenschutz interessiert sind. Es ist leicht verständlich geschrieben, ich erzähle darin von spannenden Beobachtungen, abenteuerlichen Expeditionen und meiner systematischen Stimmforschung, was mich nach und nach zu vollkommen neuen Erkenntnissen geführt hat. Am Beispiel der Kraniche möchte ich deutlich machen: Wir Menschen sind nicht allein auf der Welt, könnten auch allein nicht überleben, wir brauchen Artenvielfalt, lebendige Biotope für unsere eigenen Lebensgrundlagen. Die Tiere in der Natur sind viel interessanter, intelligenter, verhalten sich komplexer und sind uns sehr viel ähnlicher, als wir meinen; es sind Persönlichkeiten, die unseren Respekt verdienen, und vor allem verdient die Evolution unseren Respekt: Wir haben die meisten Leistungen der Evolution, die meisten Fähigkeiten der verschiedenen Tierarten noch gar nicht erkannt.

Bernhard Weßling, „Der Ruf der Kraniche. Expeditionen in eine geheimnisvolle Welt“ jetzt im Handel.

© Goldmann Verlag 2020. Die Fragen stellte Susanne Fink.

Der Ruf der Kraniche

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