Interview mit Christy Lefteri über ihren Roman »Das Versprechen des Bienenhüters«

Christy Lefteris Roman »Das Versprechen des Bienenhüters« – kraftvoll erzählt, hochaktuell und unblaublich bewegend

Wussten Sie, dass sich Christy Lefteri mit Hunden unterhält?

Möchten Sie uns etwas über sich erzählen?
Ich bin in London als Tochter zypriotischer Geflüchteter aufgewachsen. Ich habe einen MA und einen PhD in Kreativem Schreiben und unterrichte dieses Studienfach an der Brunel University in London. Ich liebe Kunst, male gern, fahre Fahrrad, gehe spazieren und treffe mich auch einfach gerne mit Freunden. Das Versprechen des Bienenhüters entstand aus meiner Zeit als Freiwillige in einem von der Unicef unterstütztem Auffanglager für Geflüchtete im Zentrum Athens.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Ich engagiere mich bei Justice for Domestic Workers UK, einer Organisation, die nicht-britische Arbeitskräfte in Großbritannien unterstützt. Ich habe dort einige Geschichten gehört, die mich zu einem neuen Roman inspirieren.

Wer sind Ihre Lieblingsautorinnen und -autoren?
Ich liebe Angela Carter, Margaret Atwood, Deborah Levy, Arvind Adiga, Ali Smith, Doris Lessing, Kazuo Ishigoru, Khaled Hosseini – ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Ich lese auch sehr viele Kurzgeschichten, unter anderem von Miranda July, Leonora Carrington und Murakami.

Welche Bücher haben Sie zuletzt gelesen?
Sehr viele, das bringt auch mein Beruf als Dozentin für Kreatives Schreiben mit sich. Gerade lese ich Menschenkind von Toni Morrison und Kafka am Strand von Murakami.

Wie lautet ihr Lebensmotto?
Mir selbst zuzugestehen, alles voll und ganz zu fühlen.

Was tun Sie, wenn Sie gerade nicht schreiben?

Ich unterrichte Kreatives Schreiben an der Brunel University in London.

Vier Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen …
Ich bin tollpatschig.
Ich unterhalte mich mit jedem Hund, der mir auf der Straße begegnet.
Ich habe viele Jahre psychoanalytisches Training absolviert.
Ich liebe es, in der Nähe von Meeren, Seen und Flüssen zu sein.


Über das aktuelle Buch:

Was hat Sie zu Ihrem aktuellen Buch inspiriert?
Die Frage, die ich mit Das Versprechen des Bienenhüters beantworten wollte, ist: Was bedeutet es, wirklich zu sehen? Ich wurde Zeugin einer zerbrochenen Welt, als ich 2016 und 2017 als Freiwillige in einem Auffanglager für Geflüchtete im Zentrum Athens arbeitete. Zu der Zeit strömten jeden Tag zahllose Menschen in die Stadt, Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, und die Erfahrung, inmitten der schlimmsten Erlebnisse und Umstände für diese Menschen da zu sein, öffnete mir die Augen.

Viele Familien hatten seit Tagen nichts gegessen, Kinder waren traumatisiert und voller Angst. Es gab einen abgetrennten Bereich für Frauen, die gerade erst Mutter geworden waren. Eine Frau kam zu uns mit einem winzigen Neugeborenen, das sich kaum bewegte. Sie war so gestresst und verausgabt, dass sie keine Milch geben konnte. Wir hatten große Angst, dass das Baby sterben würde, es gab einfach so viele Menschen, die unsere Hilfe brauchten und so wenige Ressourcen. Aber wir konnten uns um die Mutter kümmern, ihr etwas zu essen geben und ihr das Baby ab und zu abnehmen, damit sie sich ausruhen konnte. Wir versuchten, das Baby mit Milchpulver aufzupäppeln, obwohl unsere Vorräte sehr knapp waren. In solchen Situationen fühlt man sich den Menschen, denen man hilft, sehr nah, man hat das dringende Bedürfnis, die Lage auch nur ein klein wenig besser zu machen für sie. Die Mutter kam langsam wieder zu Kräften und fühlte sich sicherer, Tage vergingen, und irgendwann begann ihr Körper wieder Muttermilch zu produzieren. Sie konnte endlich ihr Baby stillen und es öffnete schließlich wieder seine Augen. Und währenddessen erreichten weitere Familien Athen, Familien die verloren waren und Angst hatten.

Mir fiel auf, wie die Kinder sich im Laufe der Zeit veränderten. Nach einer Weile wurde ihnen bewusst, dass sie nicht mehr unmittelbar in Gefahr waren. Die Angst, jeden Moment sterben zu können, verblasste und sie begannen, miteinander zu spielen. Es war herzzerreißend, Kinder so zu sehen, ihre Umarmung zu spüren wenn sie Angst hatten und auch, wenn sie begannen einem zu vertrauen und eine Verbindung aufzubauen. Einmal kam ein kleines Mädchen zu mir und sagte auf Griechisch: »Ich liebe dich«. Sie hatte jemanden nach der Übersetzung für diesen Satz gefragt, damit ich sie verstehen würde. Aber ihre Worte waren kaum nötig, ich sah alles, was sie mir mitteilen wollte, in ihren Augen. In dieser Nacht habe ich geweint, wie ich seit Jahren nicht geweint hatte. In meinen Leben habe ich Verluste und schwierige Zeiten erlebt, aber was da passierte, was in der Welt passierte, wie diese Familien unter den Folgen eines Krieges litten, den sie nie wollten, das konnte und kann ich nicht verstehen.

Ich hätte zurück nach London gehen und mir die Bilder, die ich jeden Tag in Athen sah, im Fernsehen ansehen oder Artikel darüber lesen können – die Medien waren ja voll davon. Aber nichts wäre dem gleichgekommen, das kleine Mädchen diese Worte sagen zu hören: »Ich liebe dich«. Diese Worte, diese kleinen drei Worte brachen mir das Herz. Aber die Liebe ist der einzige Weg aus der Dunkelheit, das wurde mir in diesem Moment klar.

Jeden Tag ging ich zurück in das Lager und arbeitete. Alle von uns – Freiwillige aus allen Ecken der Welt – waren erschöpft, uns hielt nur das Adrenalin und der unbedingte Wille zu helfen wach. Die Regierung hatte die Geflüchteten von der Straße in ein Lager verfrachtet, aber dort waren die Zustände schlecht, es war heiß und stank fürchterlich. NGOs brachten Essen zu einem Vorplatz eines alten Flughafens, wo zahlreiche Geflüchteten sich tagsüber trafen. Dort wurde mir klar, dass viele der Menschen das Bedürfnis hatten, ihre Geschichten zu erzählen. Es gab natürlich Sprachbarrieren, aber sie wollten sprechen, sie wollten gehört werden, gesehen werden. Die Kinder drückten sich in Bildern aus. Sie zeichneten Ballons und Bäume, und unter ihnen ein Zelt und einen toten Menschen. Diese Bilder und Geschichten verstörten mich, aber es war ihre Realität, sie zeigten nur, was sie erlebt hatten.

Ich musste für meinen Job schließlich zurück nach London. Ich unterrichte Kreatives Schreiben an einer Universität in London. Selbst während meiner Kurse dort konnte ich die Kinder in Athen nicht vergessen und ich ermutigte meine Studenten, sich selbst anzuschauen, was in der Welt passiert und diese Geschichten zu erzählen. Wenn wir unser gewohntes Umfeld verlassen, haben wir die Möglichkeit wirklich Empathie und Verständnis für andere zu entwickeln, und wir haben die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, die unseren Lesern etwas Wahrhaftes erzählt.

Im nächsten Jahr kehrte ich nach Athen zurück. Ich hatte das Jahr genutzt, um ein wenig Arabisch zu lernen. Mein Lehrer war ein Übersetzer für den BBC und selbst aus Syrien geflüchtet. Er hat mir nicht nur die Sprache beigebracht, damit ich zumindest ein wenig mit den Menschen in Athen kommunizieren konnte, er hat mir auch vom Syrien vor dem Krieg erzählt. Er hat er mein Manuskript zu Das Versprechen des Bienenhüters gelesen und auf Authentizität geprüft. Wir haben uns zusammen Karten und Bilder angesehen. Er sagte »Diese Straße … sie würden diese Straße nehmen und dann hier links auf diese Straße abbiegen.« Einmal, in einem kleinen Café in East Finchley, sagte er zu mir: »Bitte schreibe dieses Buch fertig.« Wir saßen in einem kleinen gemütlichen Café in London, in völliger Sicherheit, die Kinder in Athen waren tausende Meilen entfernt, Syrien war tausende Meilen entfernt, aber trotzdem immer ganz nah bei uns, immer in unseren Gedanken. Er wollte nicht, dass ich irgendetwas vergessen würde.

Die Erlebnisse in Athen erinnerten mich auch an meine Familie. Mein Vater war 1974 Kommandant im Krieg auf Zypern. Er hat zugesehen, wie Freude und Fremde starben und litt viele Jahre unter einer posttraumatischen Angststörung. Ich habe nie selbst einen Krieg miterlebt, aber ich konnte den Krieg im Herzen meines Vaters spüren, in der Art und Weise, wie er mit uns Kindern umgegangen ist. Manchmal konnte ich förmlich fühlen, wie Bomben fallen, dass wir von Flammen umzingelt waren. Ich habe das alles erst verstanden, also ich älter war. Das ist auch der Grund, warum ich in Athen helfen wollte – ich wusste, wenn auch nur aus zweiter Hand, von der Zerstörung, der Verzweiflung, dem Tod und der Entwurzelung, die der Krieg anrichtete.

Ich bin keine Journalistin, ich bin Autorin. Ich schrieb diese Geschichte, weil sie in meinem Herzen war und ich voller Traurigkeit. Ich begann mit dem Schreiben und konnte nicht mehr aufhören, alles, was ich erlebt hatte, alle Geschichten, die ich in mir aufgenommen hatte, strömten aus mir heraus. Während ich schrieb, kam die Erleuchtung in Form der Frage: »Was bedeutet es, zu sehen?« Und so wurde Afra geboren, eine Frau, die ihren Sohn hat sterben sehen, die von der Explosion, die ihn umbrachte, erblindete. Und dann traf ich einen Mann, der früher Imker in Syrien war. Bienen sind ein Symbol für Verletzlichkeit, für Leben und Hoffnung. Mein Protagonist Nuri war einst stolzer Vater und Imker. Nun versucht er, die Verbindung zu seiner gebrochenen Frau Afra wiederherzustellen, sie in den dunklen Abgründen ihrer Trauer zu erreichen. Doch sie kann ihr Zuhause nicht verlassen, ist wie erstarrt vor Schmerz. Nuri weiß: sie müssen fliehen, um zu überleben. Erst, als sie sich erlauben wieder zu sehen, die Gegenwart des anderen zu spüren und sich zu lieben, können sie damit beginnen, den Weg zum Leben und zum Neuanfang anzutreten.

Das Versprechen des Bienenhüters ist Fiktion. Aber Nuri und Afra sind in meinem Herzen gewachsen, sie sind das Ergebnis aller Momente mit den Kindern und Familien in Griechenland. Ich wollte die inneren Konflikte beschreiben, davon erzählen, wie die Gedanken und die Erinnerungen beeinflusst werden von diesen Erlebnissen und davon, wie wir nach solchen zerstörerischen Verlusten mit den Menschen umgehen, die wir am meisten lieben. Ich wollte zeigen, dass Menschen auch inmitten unbeschreiblicher Verluste und Schmerzen Liebe und Licht finden und sich gegenseitig sehen können.

Wer ist ihre Lieblingsfigur im Buch?
Mustafa, wegen seinem starken Herzen.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Wahrscheinlich die Szenen, in denen Afra Syrien nicht verlassen kann. Ich musste über den Krieg und so viel Traurigkeit schreiben.

Welche Leser, glauben Sie, werden ihr Buch mögen?
Leser, die menschliche Geschichten mögen, Geschichten die das Herz und den Verstand ansprechen. Menschen, die an den Geschichten von Geflüchteten interessiert sind, hoffentlich Männer genauso wie Frauen.

Gibt es Bücher, mit denen Sie Ihren Roman vergleichen würden?

Das Versprechen des Bienenhüters wurde als Buch beschrieben, das auch Lesern von Drachenläufer von Khaled Hosseini gefallen wird. Vielleicht auch Exit West von Mohsin Hamid, es handelt zwar nicht von Syrien, aber es erzählt die Geschichte von Geflüchteten.

Das Versprechen des Bienenhüters

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