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Deborah Crombie - »Die stillen Wasser des Todes«

Interview mit Deborah Crombie zu »Die stillen Wasser des Todes«

Interview mit Deborah Crombie

Sie sind Amerikanerin, schreiben aber Bücher, die in Großbritannien spielen – wie recherchieren Sie?
Ich verbringe zwei bis vier Monate im Jahr in Großbritannien und wohne dann auch an dem Ort, wo das Buch spielt. Dann lese ich Unmengen von Büchern über die Gegend oder das Fachgebiet, über das ich in dem speziellen Buch schreibe. Dann mache ich Fotos, ich habe Landkarten und ich laufe einfach rum und rede mit den Leuten. Und wenn ich dort lebe, mache ich alltägliche Dinge – ich kaufe ein, gehe in die Apotheke, in den Supermarkt oder die Kneipe und schaue mir alles an. So bekommt man ein Gefühl für das authentische tägliche Leben.

Wenn Sie also in ihrem Buch einen Pub erwähnen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie auch dort waren?
Ich werde bestimmt berühmt, für all die Pubs, in denen ich schon war. Grundsätzlich schon. Manchmal erfinde ich Orte, aber an den meisten Orten, über die ich schreibe, war ich wirklich.

Wenn Sie in Großbritannien sind, haben Sie da eine Geschichte im Kopf und suchen nach dem Schauplatz, oder haben Sie den Schauplatz im Kopf und suchen nach der Geschichte – oder anders gefragt – was kommt zuerst – das Ei oder die Henne?
Das weiß ich nicht so genau. Bei „Die stillen Wasser des Todes“, habe ich deshalb ein Tagebuch geführt. Das habe ich zum ersten Mal gemacht, weil ich versucht habe, festzuhalten, wie die Ideen in das Buch einfließen. Wenn ein Buch fertig ist, kann ich mich oft nicht mehr an alles erinnern. Und es kommt auf das Buch an – manchmal suche ich einen Ort aus, den ich interessant finde und manchmal ein Thema, über das ich etwas erfahren will. Wenn ich das Buch halb geschrieben habe, denke ich immer, das ist total verrückt aber das macht es sehr interessant. Ich war immer ein großer Fan von Dick Francis. Er hat natürlich immer über Pferde und Pferderennen geschrieben, aber die Hauptfigur in jedem Buch hat etwas anderes, Spezielles gemacht und so hat man in jedem Buch etwas über ein anderes Thema gelernt. Und das mochte ich sehr. Ich mache das ein bisschen ähnlich.

Aber nur mit Orten?
Mit Orten aber auch mit Themen. In „Wenn die Wahrheit stirbt", dem letzten Buch, ist es nicht nur ums East End gegangen, sondern auch um die Kunstwelt, eine sehr avantgardistische Kunstwelt, wie ich bei der Recherche für das Buch festgestellt habe. „Wen die Erinnerung trügt“, das vorherige Buch, hatte als Hintergrund den Krieg und die jüdischen Immigranten in London während des Krieges. Da habe ich viel über die Geschichte der 40er und 50er Jahre in London und das Leben der jüdischen Immigranten recherchiert. „So will ich schweigen“, das Buch davor, spielt in Cheshire auf den Kanälen, da habe ich alles über die Kanalboote und die Geschichte der Binnenwasserwege gelernt. Es gibt also immer etwas anderes, nicht nur über Orte, sondern auch verschiedene Aspekte des Lebens.

Was wird das Spezielle in ihrem nächsten Buch sein
Das nächste Buch wird „Die stillen Wasser des Todes“ heißen, es spielt in Henley an der Themse, das sehr berühmt ist fürs Rudern. Es geht um eine hochrangige Polizistin, die, als sie jung war, Schlagfrau und für die Olympischen Spiele nominiert war. Aber dann fährt sie in die Schweiz zum Skifahren und hat einen Unfall. Sie bricht sich ein Bein und ruiniert sich dadurch die Chance auf Olympia. Zwölf bis 15 Jahre später beschließt sie es noch mal mit Olympia zu versuchen, diesmal im Einer. Es kommt also eine Menge übers Rudern vor, über Henley, aber auch viel über Such- und Rettungsabläufe, speziell die Suchhunderettungsstaffel spielt in der Geschichte eine Rolle.

Wie sieht denn die Rettungsstaffel in ihrem Buch aus?
Von meinen zwei Hauptfiguren aus der Rettungsstaffel im Buch hat einer einen Labrador und war Armeearzt. Er war mit der britischen Armee im Irak und ist wegen posttraumatischen Stresssyndroms aus der Armee ausgeschieden. Und der andere hat einen deutschen Schäferhund. Es musste einfach ein Schäferhund dabei sein. Ich baue in alle meine Bücher Schäferhunde ein – sie haben immer so eine Art Cameo-Auftritt.

Deborah Crombie
© David Schuler

Waren Sie bei Ihrer Recherche in Henley denn auch im Leander-Club?
Der Leander-Club ist der führende und berühmteste Ruderclub der Welt. Dort trainieren die meisten Olympiaanwärter für das britische Team. Und sie haben viele, viele berühmte Ruderer hervorgebracht. Als ich das letzte Mal dort war habe ich über den Freund eines Freundes eine Einladung bekommen. Wie sich rausgestellt hat, war das der Vorsitzende des Leander-Clubs. Und so wurde ich eingeladen, dort zu wohnen. Sie haben elf Gästezimmer, wo sie Leute unterbringen können. Das war im Juli / August 2009. Im November 2009 war ich denn noch einmal dort, weil die Geschichte Ende Oktober, Anfang November spielt. Eine Freundin hat mich einem sehr charmanten Mann vorgestellt: „Das ist Deborah Crombie, sie ist Krimischriftstellerin und sie schreibt ein Buch über eine Ruderin, die an der Themse ermordet wird.“ Und so hat dieser reizende Mann angefangen mir darüber Fragen zu stellen. Zwei Stunden später haben wir uns immer noch unterhalten. Und da hat dieser nette Mann gesagt: „Ich rudere mit Ihnen, wenn Sie möchten.“ Meine Freundin hat mich bloß angeschaut und gefragt: „Weißt du eigentlich wer das war?“ Und ich habe geantwortet: „Nein, aber er ist sehr nett und sehr charmant“. Und sie hat gesagt: „Das ist Steve Williams, OBE (Order of the British Empire), Doppelgoldmedaillengewinner für Großbritannien bei den Olympischen Spielen im Vierer ohne Steuermann.“ (Athen und Peking) Und ich habe mir bloß gedacht, mein Gott, was habe ich getan? Ich habe einen kompletten Idioten aus mir gemacht, ich werde ins Wasser fallen, ich bin doch noch nie in einem Ruderboot gesessen.

Sie haben die Einladung aber doch hoffentlich schon angenommen?
Wir sind zwei Tage später mit dem Boot rausgefahren. Und er war ein super Lehrer. Er war so freundlich und geduldig. Er hat mir immer gesagt, setz deinen Fuß hierhin, leg die Hand dahin und rein mit dir und dann ist das ganz gut gegangen. Wir waren ungefähr zweieinhalb Stunden rudern und ich habe es sogar hingekriegt mit ihm im Doppel zu rudern. Das ist ziemlich gefährlich, wenn einer von beiden nicht weiß, was er zu tun hat. Alle paar Minuten hat er angehalten und gesagt, hör genau hin, nimm alles in dich auf, wie es sich anfühlt und wie es sich anhört.

Wie stellen Sie sich Gemma James und Duncan Kincaid eigentlich vor? Was für eine Person ist Gemma und wie ist Duncan?
Es gibt einen großen Altersunterschied – er ist fast zehn Jahre älter. Einen Klassenunterschied – er ist Mittelklasse, seine Eltern haben einen Buchladen und auch wenn er nicht direkt die Universität besucht hat, hat er doch uniähnliche Kurse auf der Polizeischule besucht und ist in einer sehr gebildeten Familie aufgewachsen. Gemma kommt aus der Arbeiterklasse in Nord-London. Ihre Eltern haben eine Bäckerei. Deshalb ist ihr Hintergrund sehr unterschiedlich und auch ihre Persönlichkeit. Das war auch vom ersten Buch der Serie an so beabsichtigt. Er ist viel besonnener, er denkt nach, bevor er spricht und er geht auch strategischer vor. Und manchmal, denke ich, ist er auch ein klein bisschen manipulativ, wenn er Leute zum Reden bringt, um ihnen die Informationen zu entlocken, die er braucht. Gemma ist da viel direkter. Vielleicht ein bisschen oberflächlicher aber durchsetzungsfähig. In einer der englischen oder amerikanischen Audioversionen – die sind zwar sehr gut gemacht, aber die Sprecherin liest Duncan mit sehr barscher, knapper und ziemlich harscher Stimme und Gemma liest sie mit ganz kleiner, sanfter Stimme –, da kann ich gar nicht zuhören. Weil das nicht so ist, wie sie sich in meinem Kopf anhören. Er ist in Cheshire aufgewachsen, deshalb hat er ein bisschen von dieser nordwestenglischen Weichheit in der Stimme. Und er spricht ganz ruhig, außer, wenn er sich wirklich durchsetzen will. Und Gemma hat einen ganz leichten Nordlondoner Akzent, ist viel schroffer in ihrer Ausdrucksweise und hat ganz sicher keine Klein-Mädchen-Stimme.

Sie sagen, Sie hören sie im Kopf. Sprechen sie auch zu Ihnen?
Ja – alle Figuren tun das. Wenn ich schreibe, speziell wenn ich Dialoge schreibe, höre ich die Figuren in meinem Kopf reden.

Sprechen Sie nur mit Ihnen, wenn Sie schreiben oder manchmal auch im Supermarkt?
Wenn ich an einer bestimmten Szene arbeite oder über ein Problem nachdenke, und wenn ich dann Auto fahre, oder mit den Hunden spazieren gehe, oder ein Bad nehme – Bäder sind ganz großartig, manchmal fallen mir ganze Szenen, seitenweise Dialoge und alles ein, wenn ich in der Badewanne bin. Und dann muss ich ganz schnell raus, mich abtrocknen und alles aufschreiben, bevor ich es wieder vergesse. Wenn man so einen großen Brocken hat und ihn nicht sofort aufschreibt, kriegt man das nie wieder so hin.

Wie haben Sie eigentlich die Namen ausgesucht?
Über Duncan habe ich sehr gründlich nachgedacht. Ich hatte die Idee für das erste Buch, das so eine Art englischer Landhauskrimi ist, außer, dass es in einem Hotel spielt. Und ich hatte eine Idee für den Mord und es war ein guter Schauplatz, aber ich brauchte einen Detektiv. Also habe ich eine Liste von Vornamen und eine von Nachnamen gemacht, die mir gefallen haben und dann durchprobiert, was sich gut anhört und zusammenpasst. Und den Namen habe ich gemocht und ich habe seine Stimme schon vom ersten Buch an in meinem Kopf gehört und auch gewusst, wie er aussieht, wie er spricht und wie er denkt – und der Name schien zu passen. Wie ich auf Gemma gekommen bin, weiß ich nicht – der Name ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht. Und Gemma ist ein sehr englischer Name, den man in Amerika selten hört und ich mochte ihn einfach. In der ersten Zeile der Seite geht es schon um die Alliteration in ihrem Namen. Denn James war der Name ihres Ex-Mannes und so ist sie zu der Alliteration gekommen – Gemma James – und das ist irgendwie aus der Seite rausgesprungen. Ich habe den Namen Gemma glaube ich noch nie vorher gehört.

Ich habe auch manchmal Schwierigkeiten damit, weil die Leute nicht wissen, wie man ihn aussprechen soll. Engländer sprechen ihn mit hartem G aus – sie sagen Gemma. Aber sie heißt Dschemma – mit weichem G. Ich denke irgendwie immer sie heißt Gemma Jones. Es gibt eine berühmte Schauspielerin, die Gemma Jones heißt. Und Kritiker oder Leute, die über die Bücher schreiben, nennen sie oft Gemma Jones. Die ist wirklich eine berühmte Schauspielerin, aber an sie habe ich nicht gedacht, als ich ihr den Namen gegeben habe. Ich habe einfach gedacht, ihr Name ist Gemma James und so ist es geblieben.

Kommt das James vielleicht von PD James?
Vielleicht. Ich war wirklich sehr beeinflusst von PD James also vielleicht ist das irgendwie aus meinem Unbewussten aufgetaucht. Ich habe nie darüber nachgedacht, aber Sie haben wohl recht. Irgendwo ganz hinten in meinem Kopf habe ich wohl an PD James gedacht, ich bin wirklich ein großer Fan von ihr. Ich wollte, ich könnte so gut schreiben wie sie, wenn ich 80 bin. Über 80 sogar, aber wundervoll.

© Erla Bartmann