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Interview mit Delphine Bertholon zu »Am Anfang war der Frost«

Wussten Sie, dass Delphine Bertholon Sprichwörter mag? Ihr liebstes: Besser, man lacht darüber, als man weint darüber!

Interview mit Delphine Bertholon

Delphine Bertholon
© Claire Garate

Eine kurze Biografie:
Ich wurde 1976 in Lyon als ältestes Kind einer Mittelschichtfamilie geboren, wie man sie sich klassischer nicht vorstellen könnte. 1980 bekam ich einen kleinen Bruder, den ich anbetete – und zehn Jahre später verabscheute, weil er im Nachbarzimmer Hardrock spielte, während ich Baudelaire las … Inzwischen liebe ich ihn wieder, er ist übrigens Musiker geworden!

Bücher waren immer Teil meines Lebens und meiner Ausbildung, anders als das Kino, das ich erst als Jugendliche entdeckte, das aber meine Arbeit sehr beeinflusst hat. Ich habe Philologie studiert, dann jedoch zum großen Leidwesen meiner Eltern nicht Französisch am Gymnasium unterrichtet, sondern viele kleine Jobs übernommen, die zum Teil sehr inspirierend waren: freie Mitarbeit bei einer Film-, dann bei einer Frauenzeitschrift, Klamottenverkäuferin und angeblich zweisprachige Telefonistin …

Am Anfang war der Frost ist mein vierter Roman. Seit etwa sechs, sieben Jahren kann ich endlich vom Schreiben leben (ich schreibe auch Drehbücher fürs Fernsehen) – hoffentlich bleibt es so!

Wie sind Sie Schriftstellerin geworden?
Ich schreibe, seit ich schreiben gelernt habe. Ich war ein glückliches, aber eher zurückgezogenes kleines Mädchen, und von Kindheit an interessierte mich nur eins im Leben: Geschichten lesen, erzählen und erfinden. Weil es mehr Spaß machte, mit Wörtern zu spielen als mit Bauklötzen oder bunten Plastik-Ponys. Wahrscheinlich habe ich immer Probleme mit der Realität gehabt, damit, meine Gefühle im „echten Leben“ auszudrücken. Schon als ich ganz klein war, schrieb ich fiktionale Geschichten – auch wenn es sich um verrückte Mischungen zwischen Star Wars und Unsere kleine Farm handelte. Nicht einmal als Teenager war ich versucht, mich selbst zum Gegenstand meines Schreibens zu machen. Für mich ist Autorin zu sein ein wahr gewordener Kindheitstraum. Wenn ich schreibe – und sei es etwas noch so Schreckliches – habe ich viel Spaß.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?
Diese Frage zu beantworten, fällt mir sehr schwer – was schon einiges aussagen dürfte! Meine Freunde machen sich gern über mich lustig und nennen mich „Großmutter“, weil ich Sprichwörter so sehr liebe. Und das ist eins meiner liebsten, weil es ziemlich gut auf mich zutrifft: „Mieux vaut en rire qu’en pleurer.“ Also: Besser, man lacht darüber, als man weint darüber.

Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben?
Ich lese, gehe ins Kino, sitze in Cafés herum, um den Leuten zuzuhören und sie zu beobachten. Ich greife oft auf das Alltagsleben zurück, die belanglosen kleinen Details, die so aufschlussreich sind, wenn man sich einen Moment Zeit nimmt und ein bisschen an ihnen kratzt. Und wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, dann gehe ich schwimmen.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen …
1. Ich lebe heute in Paris, im 11. Arrondissement, in der Nähe der Place de la Nation. Ich bin eine echte Großstadtpflanze. Ich habe noch nicht mal den Führerschein.
2. Man sieht es mir nicht an, aber ich bin achteinhalb: Ich liebe Britney Spears, Pixar-Animationsfilme, und ich habe Schuhgröße 34!
3. Wenn ich nicht schreiben würde, würde ich total verrückt.
4. Im mündlichen Abitur hatte ich in Deutsch nur 4 von 20 Punkten. Zum Glück war es nur ein Wahlfach! – Ich mag folgenden blöden Witz, weil er mich leider ziemlich genau beschreibt: „Was ist jemand, der drei Sprachen spricht? Ein Trilingualer. Jemand, der zwei Sprachen spricht? Ein Bilingualer. Und jemand, der nur eine Sprache spricht? Ein Franzose!“
5. Ich schreibe viel über die dysfunktionale Familie, weil es so exotisch für mich ist. Ich habe die normalste Familie der Welt: Meine Eltern sind nicht einmal geschieden!

Wie würden Sie Ihren Roman Am Anfang war der Frost mit einem Satz beschreiben?
Eine Frau weigert sich hartnäckig zu altern, und dann gibt es da auch noch ein ungelöstes Familiengeheimnis. Die Folgen daraus: Gespenst(er) …

Wodurch wurde Ihr Roman inspiriert?
Ich interessiere mich sehr für das generationenübergreifende Unbewusste, insbesondere dafür, wie sich Familientragödien in jeder Generation in anderer Form wiederholen können. Außerdem hatte ich schon lange Lust, eine Geschichte über ein Spukhaus zu schreiben. Ich liebe nämlich Gruselfilme, besonders Filme, in denen es um Besessenheit, Zwangsvorstellungen und Poltergeister geht. Da ich nicht Stephen King bin (meine Themen sind eher das Private, Familie, Gefühle), musste ich meine eigene Form des Umgangs mit dem Fantastischen finden. Ich habe es daher fast auf „japanische“ Art gemacht, mit leicht verzerrtem Realismus und sehr dünnhäutigen handelnden Personen. Ich wollte, dass jeder Leser, genau wie die einzelnen Protagonisten, die „übernatürlichen“ Ereignisse nach seiner Weise interpretieren kann, entsprechend seinen Überzeugungen, seiner Vergangenheit, seiner Welt. Lesen hat auch etwas Schöpferisches, und ich lasse der Fantasie des Lesers gern ein wenig Freiheit.

Wer ist Ihre Lieblingsfigur im Roman, und warum?
Ich habe, muss ich gestehen, eine kleine Schwäche für Nathans Schwester Lise, die halb Engel ist und halb Dämon. Insgesamt eine negative Gestalt, dennoch liebenswert wegen ihrer inneren Brüche, außerdem ist sie jemand, der sein Ding durchzieht. Ich mag ihre „widerständige“ Seite.

Welche Szene war am schwersten zu schreiben?
Die Wiederbegegnung von Lise und Nathan mit ihrem Vater im Grand Café war schwierig. Sie ist überaus wichtig für die Erzählung, und ich habe sie oft überarbeitet. Und, wie immer, das Ende, weil ich möchte, dass der Leser, wenn er das Buch zuschlägt, eine Emotion, einen starken Eindruck behält.

Möchten Sie ein paar Worte an Ihre deutschsprachigen Leserinnen und Leser richten?
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es macht mich sehr glücklich – und sehr stolz! –, dass Sie nun Nathan, Grâce und ihr Haus im Beaujolais kennenlernen werden, ein Haus, das in dieser seltsamen Gespenstergeschichte eine ganz eigene Rolle spielt. Am Anfang war der Frost ist für mich zugleich Familienchronik, Frauenporträt und Thriller. Ich hoffe daher von Herzen, dass Sie mit der Familie Bataille (die diesen kämpferischen Namen verdient) sympathisieren – und sich auch ein wenig fürchten, wenn Sie mein Spukhaus betreten!

Liebe Grüße
Ihre Delphine Bertholon

Am Anfang war der Frost Blick ins Buch

Delphine Bertholon

Am Anfang war der Frost

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