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SPECIAL zu Ellen Sandberg - "Die Vergessenen"

Ellen Sandberg über »Die Vergessenen«

Sandberg, Ellen
© Frank Bauer

Ellen Sandbergs Spannungsroman »Die Vergessenen« liegt die Geschichte eines Verbrechens zugrunde, das in unserer Zeit fast in Vergessenheit geraten ist: die Euthanasie an Insassen psychiatrischer Heilanstalten während der NS-Zeit. Sie thematisiert die Ungerechtigkeit, dass so viele Gräueltaten ungesühnt bleiben – und die Opfer nach Jahren des Schweigens zu Vergessenen werden.

Näheres zur Entstehung des Romans, den historischen Hintergründen und dem Pseudonym Ellen Sandberg erzählt unsere Autorin im nachfolgenden Interview.

Frau Sandberg, man kennt Sie als die erfolgreiche Krimiautorin Inge Löhnig. Wie ist aus Ihnen Ellen Sandberg geworden?

Meine Leser kennen mich bisher als Autorin einer Ermittlerkrimi-Serie. Es gibt allerdings einen Roman von mir ohne meine Serien-Hauptfigur, und das haben mir einige Leser übel genommen. Es gab tatsächlich Beschwerden, weil diese Figur fehlte. Es scheint also so zu sein, dass viele Leser glauben, mein Autorenname sei untrennbar mit dieser Ermittlerfigur verbunden.

Mit »Die Vergessenen« habe ich das Genre gewechselt und einen groß angelegten Spannungsroman geschrieben – keinen Ermittlerkrimi. Es bot sich daher an, ein Pseudonym zu suchen.

Was ist an »Die Vergessenen« so besonders, dass Sie damit einen neuen schriftstellerischen Weg beschreiten?

Die Idee zu diesem Buch habe ich über zehn Jahre mit mir herumgetragen. Damals hatte ich gerade zu schreiben begonnen, und ehe ich mich versah, bin ich mit meinem ersten Krimi bei einem großen Verlag untergekommen. Und dann wollte der Verlag einen zweiten und dritten … Ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut, doch für »Die Vergessenen« blieb keine Zeit …

Das Thema hat mich aber noch immer fasziniert und deshalb habe ich weiter recherchiert und die ganze Geschichte wurde immer komplexer – bis schließlich klar wurde, dass diese Geschichte ihren eigenen Rahmen, ohne »meinen« Ermittler, braucht. Und irgendwann war ich dann soweit und auch die Zeit reif, um endlich dieses Herzensprojekt anzugehen: »Die Vergessenen« ist der Roman, den ich zehn Jahre lang schreiben wollte.

Worum genau geht es in »Die Vergessenen«?

Der Roman spielt auf zwei Zeit-Ebenen. Die eine 2013 in München.

Meine Hauptfigur ist Manolis Lefteris. Er ist Deutscher, Sohn einer Hippiemutter und eines griechischen Gastarbeiters. Er ist Anfang vierzig, lebt in einer eleganten Altbauwohnung und führt ein angenehmes und kultiviertes Leben. Doch er hat eine zweite, eine dunkle Seite: Während er offiziell ein Autohaus betreibt, betätigt er sich inoffiziell als lautloser Problemlöser – und damit gelegentlich auch als Auftragskiller.

Der Roman beginnt mit einem neuen Auftrag. Manolis soll jemanden beschatten, der auf der Suche nach einem Dossier ist. Und das soll er ihm abnehmen, sobald der andere es gefunden hat. Eine Kleinigkeit, ein Spaziergang, denkt Manolis. Doch er irrt sich. Ganz gewaltig sogar. Denn dieser Auftrag wird ihn an seine persönlichen Grenzen bringen.

Manolis’ Gegenspielerin ist Vera Mändler. Sie ist Journalistin und arbeitet bei einer Lifestylezeitschrift. Vera hat eine Tante, die ihr näher steht als ihre Mutter. Diese Tante erleidet einen Schlaganfall, und Vera muss sich um Krankenhaus und Pflegeinrichtung kümmern. Sie will etwas aus der Wohnung ihrer Tante Kathrin holen und entdeckt, dass dort jemand eingebrochen ist und das Unterste zuoberst gekehrt hat. Obenauf liegt ein Vera unbekanntes Bild ihrer Tante. Es zeigt sie in Schwesterntracht und mit Hakenkreuzemblem und wurde 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg aufgenommen.

Auf der anderen Zeitebene, die 1944 in Winkelberg spielt, zeige ich was damals dort geschehen ist. Tante Kathrin war tatsächlich als junge Frau während des Dritten Reichs in dieser Heil- und Pflegeanstalt. Sie ist jung und anfangs vielleicht ein wenig naiv. Zunächst ahnt sie nichts von den Morden an behinderten Pfleglingen, die sich dort ereignen und die als normale Todesfälle getarnt werden müssen, denn Euthanasie war durch kein Nazi-Gesetz gedeckt.

Was Ihren Roman so besonders macht, sind nicht zuletzt die Figuren. Insbesondere Kathrin ist ja eine sehr vielschichtige Person.

Kathrin ist im Sommer 1944 zwanzig Jahre alt. Sie hat gerade ihre Ausbildung abgeschlossen und tritt voller Elan und Leidenschaft ihre erste Stelle in der Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg an. Kranken und Behinderten zu helfen, dafür brennt sie, das ist ihre Berufung. Doch Kathrin hat auch eine Achillesferse, und das ist ihre, ihrer Meinung nach, geringe Attraktivität für Männer.

Und dann interessiert sich plötzlich ein Mann für sie. Und was für einer! Dr. Karl Landmann, zehn Jahre älter und der charismatische Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg, der Kathrin völlig in Bann schlägt. Und tatsächlich haben die beiden eine Affäre. Eine aufregende Zeit beginnt für Kathrin.

Doch nach und nach kommt Kathrin dahinter, was in der Anstalt heimlich geschieht und das stürzt sie in ein Dilemma. Ihr Wunsch nach einem Mann kollidiert mit ihrer Berufung zu helfen. Was soll sie nur tun? Mitmachen, wie Landmann es fordert? Oder sich weigern und dafür vielleicht ins KZ gehen? Oder gar das heimliche Treiben boykottieren?

Die andere zentrale Figur ist ja Manolis, der Problemlöser auf der Gegenwartsebene. Er wird in die Ereignisse aus dem dritten Reich verstrickt. Was treibt ihn an?

Er kommt schnell dahinter, dass das Dossier, nach dem er sucht, etwas mit Euthanasiemorden zu tun hat. Und das kann ihm nicht gefallen, denn die Geister, die ihn verfolgen, haben ebenfalls mit dieser Zeit zu tun.

Manolis ist das Opfer eines Verbrechens, das sich 18 Jahre VOR seiner Geburt ereignet hat. Sein Vater hat es er- und überlebt und hat es an seinen Sohn weitergegeben. Und Manolis hat ein Fazit daraus gezogen, sein Credo, nach dem er lebt. Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur das Recht des Stärkeren. Nicht wirklich erstaunlich also, dass aus ihm ein lautloser Problemlöser und Auftragskiller wurde.

Doch wie schon gesagt: Der neue Auftrag wird Manolis an seine Grenzen führen und er wird etwas tun, das er normalerweise nicht tun würde. Er wird der Gerechtigkeit eine Chance geben. Und sie wird sie vertun.

Ihre Figuren verbindet ja das für den Roman ganz zentrale Thema Gerechtigkeit.

Genau. Darum geht es in »Die Vergessenen«. Nun gibt es stapelweise philosophische Abhandlungen zum Thema »Was ist Gerechtigkeit?« Was meine Figuren antreibt und was sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, ist das Verhältnis von Gerechtigkeit zur Rechtsprechung.

Recht haben, heißt ja noch lange nicht, auch Recht zu bekommen. Gilt wirklich das Recht des Stärkeren?, wie Manolis glaubt. Hier: Ja. Und das werde ich – in diesem Fall – beweisen. Am Ende werden die Leser – wenn vielleicht auch nur für einen Moment – einen Mord gutheißen. Und um diesen Moment geht es mir.

Wenn ich nun konkret werden soll: Es geht – Sie ahnen es ja ohnehin schon – um die juristische Aufarbeitung oder besser gesagt Nicht-Aufarbeitung von NS-Verbrechen.

Wieso war es Ihnen ein Anliegen, darüber zu schreiben?

Den Anstoß gab ein Artikel im SPIEGEL, auf den ich 2005 gestoßen bin. Darin ging es um den KZ-Arzt Dr. Aribert Heim, dem doch erst 60 Jahre nach Kriegsende Zielfahnder des LKA Baden-Württemberg auf den Fersen waren.

Ich habe mich gefragt, welche Strafe es für diesen Mann heute noch geben kann. Nach dem Krieg hat er als Arzt praktiziert. Unter seinem Namen. Und erst 17 Jahre nach Kriegsende wurde es eng für ihn und er musste untertauchen. Es folgten 43 Jahre im Exil in Südamerika und Afrika. 2005 war er ein alter Mann, der sein Leben gelebt hatte. Wie könnte man ihn noch bestrafen?

Meine Neugier war geweckt. Ich begann zu recherchieren, was aus den Naziärzten geworden war, und dabei stieß ich auf das Thema Euthanasie. Diese wurde im Dritten Reich auch in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar praktiziert, in deren unmittelbarer Nähe ich vor den Toren Münchens aufgewachsen bin. Sie ist die Vorlage für meine fiktive Anstalt Winkelberg.

In Eglfing gibt es ein Psychiatrie-Museum. Das habe ich besucht und auf dem Rückweg über das Anstaltsgelände wies die Frau, die mich durchs Museum geführt hatte, auf ein Haus: »Das war übrigens das Hungerhaus für Frauen.«

Ich hatte bis dahin noch nie davon gehört, dass man selektierte Pfleglinge hatte verhungern lassen. Als ich vor diesem Haus stand, wusste ich plötzlich, dass ich darüber schreiben will.

Ich erfuhr, dass in den sogenannten Hungerhäusern – es gab auch eines für Männer – während des Zweiten Weltkriegs der Anstaltsleiter Herrmann Pfannmüller – im Rahmen der sogenannten Euthanasie –Pfleglinge mit Hungerkost ernähren ließ. Das Ziel:, Sie sollten an der »natürlichen Todesursache« Hungertuberkulose sterben. Über 440 Menschen sind auf diese grauenhafte Weise ums Leben gekommen.Bis heute gibt es keine Gerechtigkeit für die Opfer.

Meine Recherche hat mich jedenfalls inspiriert, eine Romanhandlung zu erfinden, bevölkert von Figuren, die selbst Unrecht begehen oder um Gerechtigkeit kämpfen – mit allen Mitteln.

Ein schockierendes, sehr betroffen machendes Thema, zu dem im Roman ja nicht nur die Krankenschwester Kathrin, sondern insbesondere auch ihre Hauptfigur Manolis eine enge Verbindung hat.

Wie schon gesagt: Manolis ist in gewisser Weise das Opfer eines Verbrechens, das sich 18 Jahre vor seiner Geburt ereignet hat. Bei diesem Verbrechen handelt es sich um ein Massaker, das die deutsche Wehrmacht in einem griechischen Dorf verübte.

Manolis’ Vater hat es als 8-jähriger überlebt. Als einziger seiner weitverzweigten Familie. Und da er an Recht und Gerechtigkeit glaubt, kämpft er sein Leben lang darum, dass der Deutsche Staat dieses Massaker als Kriegsverbrechen anerkennt und endlich ein Wort des Bedauerns und der Entschuldigung ausspricht. Doch das geschieht nicht. In meinen Roman nie und in der Realität leider auch nie.

Denn auch für das Massaker in meinem fiktiven griechischen Dorf gibt es ein reales Vorbild. Eine sogenannte »Sühneaktion« der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division, der am 10. Juni 1944 im griechischen Dorf Distomo 218 Menschen zum Opfer fielen. Ein sadistisches Verbrechen. Vergewaltigte, verstümmelte, aufgeschlitzte und ausgeweidete Frauen, Kinder, Greise und auch Babys. Das jüngste Opfer war fünf Monate alt. Auch für sie gab es nie Gerechtigkeit.

Denn, wenn Sie nun denken, das wäre ein Kriegsverbrechen gewesen, dann irren Sie. Dieses Abschlachten war laut unseres BGH eine ganz normale Kriegshandlung. Auch in meinem Roman kommt das Gericht zu dieser Auffassung.

In meinem Roman thematisiere ich außerdem ein weiteres Urteil desselben Gerichts, das den Euthanasie-Arzt Dr. Kurt Borm 1974 freigesprochen hat, obwohl es sein Mitwirken am Tod mehrerer tausend Menschen erkennt. Dennoch habe der Arzt nicht schuldhaft gehandelt, so unser BGH.

Kein Wunder, dass Manolis nicht an Recht und Gerechtigkeit glaubt, sondern nur an das Recht des Stärkeren. Und was das für ihn bedeutet, das lesen Sie in »Die Vergessenen«!

Die Vergessenen Blick ins Buch

Ellen Sandberg

Die Vergessenen

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