Interview mit Ilka Tampke

Interview mit Ilka Tampke

Möchten Sie uns etwas über Ihr Leben erzählen?
Ich kam in Sydney zur Welt und bin in Australien und Deutschland aufgewachsen. Nach der Schule habe ich Theaterwissenschaften an einer Universität auf dem Land in New South Wales studiert und dort das Leben in der Natur für mich entdeckt. Danach bin ich nach London gegangen und, als ich mit der Uni fertig war, zwei Jahre durch Europa gereist. Während der Zeit habe ich als Cabaret-Tänzerin gearbeitet und Theaterfestivals geleitet.
Heute lebe ich in der Kleinstadt Mount Macedon im Bundesstaat Victoria auf zwei Hektar Land. Wir haben (neben vielen Haustieren) Schafe, Pferde, einen ertragreichen Obstgarten und einen Gemüsegarten. Meine zwei Kinder im Teenageralter sind allerdings noch keine große Hilfe auf der Farm! Jeden Morgen gehe ich in den Wäldern von Mount Macedon spazieren und suche stundenlang nach Brennholz. Wenn ich nicht gerade schreibe, verbringe ich meine Zeit gern mit Lesen, Kochen, Freunden, Yoga und Tanzen oder gucke die Fernsehserie The Last Kingdom.

Veröffentlichen Sie neben Ihren Büchern auch andere Texte?
Nicht regelmäßig. Einige Essays und Kurzgeschichten von mir sind in verschiedenen Anthologien erschienen. Davor habe ich für die Fachzeitschrift Quest Texte geschrieben und redigiert, die von der Organisation Adult Learning Australia herausgegeben wird und sich mit Erwachsenenbildung beschäftigt.

Haben Sie auch Kurzgeschichten geschrieben?
Bisher nur zwei. Die erste hat es 2010 auf die Shortlist für den Ada Cambridge Prize geschafft, die zweite wurde 2012 in The New Paper Trails (Cambridge University Press) veröffentlicht.

Warum sind Sie Schriftstellerin geworden?
Ich habe immer schon gern geschrieben, aber so richtig angefangen habe ich erst, als mein erstes Kind auf der Welt war. Ich war viel allein zu Hause und während meine Tochter schlief, fand ich endlich die Zeit, mich ernsthaft mit dem Romanschreiben zu befassen. Bücher sind für mich eine Form von tiefgehender Kommunikation, bei der sich ein Bewusstsein gegenüber einem anderen öffnet. Und an dieser Kommunikation wollte ich teilhaben.

Wo finden Sie Inspiration für Ihre Romane?
In der Geschichte, in der Natur und bei anderen Schriftstellern.

Woran schreiben Sie zurzeit?
Im Moment schreibe ich über die Königin und Kriegerin Boudicca aus dem ersten Jahrhundert, und darüber, wie sie unerschrocken kämpfte, um die Vergewaltigung ihrer Töchter und den Verlust ihres Landes zu rächen.

Welches sind Ihre Lieblingsautoren? Und warum?
Marilynne Robinson, Rachel Cusk, Helen Garner, Madeline Miller, Mary Oliver. Weil sie sich in ihren Büchern mit düsteren Themen, schwierigen Situationen, Spiritualität, Mythologie und der Natur auseinandersetzen.

Welches Buch oder welche Bücher haben Sie zuletzt gelesen?
Aus Anlass ihres Todes lese ich zurzeit noch einmal die Essays von Mary Oliver. Sie sind einfach wunderschön, ganz schlicht und dennoch voll innerer Kraft. Davor habe ich zuletzt Das gläserne Klavier von Miriam Toews gelesen, ein lebendiger und herzzerreißender Roman.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?
Jeden Tag nach draußen gehen. Sich bewegen. Sich gut und natürlich ernähren. Bücher lesen. Auf sich selbst Acht geben, auf die eigene Gemeinschaft, auf den Planeten. Die richtige Kirche für sich finden und sie auch besuchen.

Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben?
In der Natur unterwegs sein. Tiere füttern. Mit Freunden Kaffee trinken. Unterrichten. Auf dem Boden liegen und nachdenken.

Fünf Dinge, die wir von Ihnen noch nicht wissen …
1. Ich kann richtig gut Blockflöte spielen.
2. Ich habe Angst in geschlossenen Räumen.
3. Ich hasse Einkaufszentren.
4. Meine Lieblingstiere sind Meerschweinchen.
5. Ich liebe AC/DC.

Über Ihr aktuelles Buch

Beschreiben Sie Ihren Roman in einem Satz:
Die Hüterin der Lieder ist die Geschichte einer Frau im ersten Jahrhundert, die in der Wildnis der walisischen Berge ihre Kultur gegen die Gräuel der römischen Invasion verteidigt.

Was hat Sie auf die Idee zu diesem Roman gebracht?
Die Geschichte der Kelten. Die Kultur der Menschen im antiken Britannien hat mich inspiriert: ihre Spiritualität und enge Verbundenheit mit der Landschaft. Auch Caratacus, der König und Heerführer, den es ja wirklich gegeben hat, hat meine Fantasie beflügelt – ich habe ihn bei seinem walisischen Namen Caradog genannt. Dieser Mann hat praktisch im Alleingang neun Jahre lang den Widerstand und den Guerillakampf gegen die römische Armee organisiert. Es hatte nicht viel gefehlt und er hätte die Invasoren vertrieben. Sein Mut und seine Entschlossenheit haben mich sehr beeindruckt.

Wer ist Ihre Lieblingsfigur in dem Roman und warum?
Caradogs Schwester, Cartimandua. Sie war groß, unerschrocken, wild und sexy. Sie war eine mächtige Stammesfürstin, die genau wusste, was sie wollte, und wurde in der Geschichtsschreibung entsprechend totgeschwiegen.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Die Schlussszene. Es gibt so vieles, das man sagen möchte, wenn die Geschichte zu Ende geht, so vieles, das man noch unterbringen will, um den Leser mit dem richtigen Bild im Kopf und in genau der richtigen Stimmung aus dem Buch zu entlassen. Es ist ganz schwer, da die perfekten Worte zu finden.

Wer sollte Ihr Buch Ihrer Meinung nach lesen?
Es ist auf jeden Fall ein Buch für Menschen, die sich für Geschichte interessieren, insbesondere für die Antike und das alte Rom. In dem Roman geht es auch um die Spiritualität der Kelten, um ihren Kult und ihre Götter – es wird also auch etwas mystisch. Es ist eine Kombination aus Liebesroman, kämpferischer Auseinandersetzung und einer Coming-of-age-Erzählung, so dass ich glaube, dass Die Hüterin der Lieder sich als Lektüre für Männer und Frauen aller Altersklassen eignet.

Gibt es andere Romane, mit denen man Ihr Buch vergleichen könnte?
Es wird oft mit Circe von Madeline Miller verglichen. Und mit The Bear and the Nightingale von Katherine Arden. Ich finde, dass es vom Tonfall und Stil her etwas von der Fernsehserie The Last Kingdom hat.

Möchten Sie Ihren Leser/-innen noch etwas mitteilen?
Liebe Leser und Leserinnen,

Die Hüterin der Lieder spielt im Britannien des ersten Jahrhunderts, inmitten der keltischen Stämme, die damals das Land bewohnten, und handelt davon, wie die römische Invasion ihre Kultur zerstörte. Das Buch erzählt die Geschichte einer leidenschaftlichen, unerschrockenen jungen Frau, die Beraterin eines der bedeutendsten Heerführer der Geschichte wird. Doch am Ende ist sie es, die als Einzige das retten kann, was ihrem Land am heiligsten ist.

Ich freue mich ganz besonders darüber, dass Die Hüterin der Lieder nun auch in Deutschland erscheint. Mein Vater ist Deutscher (zurzeit lebt er im Schwarzwald) und ich habe einen Teil meiner Kindheit mit meiner Familie in Düsseldorf verbracht. Mit Deutschland verbindet mich sehr viel und dieses Buch handelt von der tiefen inneren Verbindung, die Menschen zu einem Land haben.

Heutzutage fällt es uns zunehmend schwer, uns in einer Gegend, einem Land wirklich zu Hause zu fühlen. Das gilt insbesondere für das kolonisierte Australien, wobei viele von uns geschichtlich gesehen ja erst auf eine relativ kurze Zeit in diesem Land zurückblicken (und für die Ureinwohner teuer bezahlt haben). Mit meinen Texten versuche ich, die Brücken zwischen Menschen und den Orten, an denen sie leben, sichtbar zu machen.

Die Hüterin der Lieder ist ein actionreicher Roman voller tragischer und romantischer Momente und religiöser Riten, aber der Herzschlag, der ihn antreibt, ist die Mythologie, die einem sehr, sehr alten Land innewohnt.

Ihre
Ilka Tampke

Die Hüterin der Lieder

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