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Interview mit Josh Malerman zu »Der Fluss«

Wussten Sie, dass Josh Malerman in der Schule Kapitän der Leichtathletikmannschaft war?

Eine kurze Biografie von Josh Malerman:
Ich habe einen Abschluss der Michigan State University, wo ich mich bereits während meines letzten Jahres als Autor versucht habe. Irgendwann hatte ich dann tatsächlich die dreihundertseitige Rohfassung einer Geschichte fertig … die jedoch nirgendwo hinführte. Was für eine Tragödie! Direkt nach der Uni ging ich mit meinem Schlagzeuger-Kumpel Derek Berk nach New York City, um Alben aufzunehmen. Unsere Band hatte hier ihren Anfang. Die nächsten sechs Jahre waren wir nur auf Tour. Man kann sich vorstellen, wie verrückt die Zeit war. Verrückt genug, um damit eine komplette Biographie zu füllen. Das Schreiben war für mich nie nur ein Hobby. Dafür bedeutet es mir einfach zu viel, und zwar alles, was damit zu tun hat. Aber ich werfe gerne ein paar Körbe und spiele Billard. Übrigens habe ich erst gestern an einer 8-Ball-Billard-Meisterschaft teilgenommen. Leider habe ich verloren, und das nagt immer noch an mir.

Haben Sie schon einmal Kurzgeschichten geschrieben?
Ich habe da ein Muster, aus dem ich jetzt endlich mal ausbrechen muss. Wenn ich eine Idee habe, die ein bisschen kleiner ist als ein Roman, endet es meistens damit, dass ich einen Song schreibe. Das ist eigentlich toll, weil ich es liebe, Alben aufzunehmen – ganz besonders mit meinen Freunden. Aber es wäre doch super, stattdessen auch mal wieder eine Kurzgeschichte hinzubekommen. Ich habe zwei Bücher geschrieben, die aus jeweils fünf langen Kurzgeschichten bestehen, jede mit ungefähr 20.000 Wörtern. Ich denke, das zählt irgendwie. Ich liebe diese Geschichten. Sie haben einfach einen komplett anderen Spannungsbogen als Romane, eine andere Leuchtkraft und einen völlig anderen Spirit.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Wie man sich vorstellen kann, war das keine bewusste Entscheidung. Ich habe schon in der 5. Klasse versucht, ein Buch zu schreiben, dann aber lieber Comics gezeichnet. Die waren vielleicht abgefahren. Ich erinnere mich noch, wie ich im Ferienlager herumspazierte und die Geschichten, die ich noch schreiben wollte, an den Fingern abzählte. „Eine über den Wald, eine über den See”, als ob der Wald und der See nicht gemeinsam in einer Geschichte Platz hätten! Es ging schon immer in Richtung Horror oder etwas, das dem sehr nahe kommt … irgendwelche Monster … seltsame Märchen.

Was inspiriert Sie beim Schreiben?
Ich finde „Inspiration“ ist ein furchtbares Wort, geradezu ein Monsterwort! Wenn auch das Gegenteil eines normalen Monsters! Inspiration macht uns Angst, wenn sie nicht da ist. Ich bin aber der festen Überzeugung, wenn du jeden Tag schreibst, wirst du beim erneuten Lesen nicht merken, ob du inspiriert warst oder nicht. Schreiben ist so eine verräterische Angelegenheit, dich wird man dabei sowieso raushören. Mit dieser Einstellung werfe ich mich in die Rohfassung, spüre den Wind auf meinem Gesicht und denke erst sehr viel später darüber nach, ob es gut ist (oder überhaupt irgendeinen Sinn ergibt).

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Wo soll ich da anfangen? Aber die Folgenden muss ich auf jeden Fall erwähnen: William Faulkner; M.R. James; Virginia Woolf, Algernon Blackwood und Clive Barker (Die Bücher des Blutes ist ein Meisterwerk). Fühlt sich wirklich ein bisschen seltsam an, jetzt nicht jeden Horrorautor aufzuzählen, den ich je gelesen habe. Ich bin offen für ein weites Spektrum von Kunst, Literatur, Filmen und vielem mehr. Ich liebe den blutbefleckten Wahnsinn von Blood Feast und die Feinsinnigkeit von The Others. Dostojewskis Die Brüder Karamasow ist wahrscheinlich das Aufregendste, was ich jemals entdeckt habe. Es hat einfach alles und liest sich auch noch wie eine Seifenoper! Der Vater wird umgebracht, und einer der Brüder hat‘s getan. Aber welcher? Das ist ein absolutes Wunderwerk, vielleicht lese ich das Ganze jetzt gleich nochmal.

Welche Bücher haben Sie in letzter Zeit gelesen?
Breed von Chase Novak. Warum legen sich eigentlich so viele Bestsellerautoren Pseudonyme zu, wenn sie Horrorromane schreiben? Befürchten sie, dass ihre Leser durcheinanderkommen könnten? Denken sie, dass Horror ihrem Ansehen schaden könnte? So oder so, Breed war wirklich unterhaltsam. American Gothic habe ich auch gerade gelesen; die Geschichte von Dracula, von Stoker bis zum Film – mit allem, was man sich vorstellen kann. (Bühnenproduktionen, Auseinandersetzungen um die Rechte etc.)

Ich habe eine Vorliebe für Horror-Sachbücher, die Geschichte der Horrorfilme und -literatur.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich bin überzeugt, dass, wenn du etwas wirklich willst und dafür alles gibst, du vielleicht nicht genau das erreichen wirst, aber dafür werden sich dir andere Möglichkeiten auftun, an die du zuvor gar nicht gedacht hattest. Und wenn ich diesen gegenüber offen bin, dann kann mein Leben alle möglichen schrägen und wunderbaren Wendungen nehmen.

Es ist das Gesamtkunstwerk und nicht so sehr die kleinen Details, die mich interessieren. Der Fluss zum Beispiel ist ein Teil davon, aber ein zweites Buch fügt dem Ganzen dann wieder eine neue Farbe hinzu. Und das würde dann immer so weiter gehen; ein neues Album, ein Comicbuch und vieles weitere. Deshalb versuche ich immer am Ball zu bleiben, und mein Herz und die Augen für alles Außergewöhnliche offenzuhalten, das mir im Leben begegnet.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Ich übe mit der Band; mache lange Spaziergänge; spiele Billard; unternehme etwas mit Freunden; schaue Horror-Dokus an; nehme Alben auf, und zeichne durchgeknallte Comics.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
1. Ich schreibe immerzu Horror-Soundtracks. Die sind der Wahnsinn und hören sich an wie dunkle, völlig überdrehte klassische Musik. Ich liebe Horror-Soundtracks.
2. Während meiner Schulzeit war ich der Kapitän der Leichtathletikmannschaft.
3. Als kleines Kind wurde ich von einer Qualle im Gesicht und am Hals verätzt.
4. Ich habe einen Festnetzanschluss in meinem Büro, weil ich es ganz einfach liebe, wenn die Leitung wie bei alten Telefonen knistert, während ich über Filme und Bücher spreche.
5. Das neue Buch schreibe ich gerade auf der Schreibmaschine. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Feeling, nach neuen Klängen. Natürlich muss ich dann jeden Text noch mal abtippen, wenn ich ihn mir per Mail schicken will und Änderungen in Word einfügen möchte.

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?
Der Fluss ist die Geschichte einer starken Mutter und der Unfähigkeit der Menschen, die Unendlichkeit zu verstehen.

Was hat Sie zu Ihrem Roman inspiriert?
Ich hasse es, Exposés zu schreiben! Sie geben mir das Gefühl, dass die Geschichte bereits erzählt ist, wenn auch nur in der Zusammenfassung. Also beginne ich lieber gleich mit der Rohfassung, ohne eine echte Ahnung zu haben, was ich da eigentlich mache. Bei Der Fluss war das genauso.

Ich hatte genau zwei Sachen im Kopf: Eine war die Vorstellung von Unendlichkeit als ein konkretes Monster zum Anfassen. Die andere war das Bild von einer Frau, die mit verbundenen Augen auf einem Fluss fährt. Ich fing an, über Letzteres zu schreiben, und hab dann festgestellt, dass sie auf der Flucht vor der ersten Sache ist. Aber ich hatte keinen Aha-Moment, als es passierte. Es war eher eine Art Traumzustand, jeden Tag von acht Uhr morgens bis Mittag zu schreiben. Zu der Zeit hatte ich fünf Finken, und ich ließ ihren Käfig immer offen. Sie flogen also wie verrückt durch das ganze Haus, während ich diesen im Präsens geschriebenen, klaustrophobischen Albtraum in meine Tastatur hämmerte.

Zwei oder drei Tage, nachdem ich mit dem Schreiben angefangen hatte, begann ich zu begreifen, dass ich da etwas an der Angel hatte, dass ich Der Fluss fertigbekommen würde und dass ich es wirklich mögen würde. Ungefähr nach der Hälfte fühlte ich mich so sehr mit Malorie verbunden, als hätten wir schon unglaublich viel zusammen durchgemacht. Gelegentlich fragte ich sie noch, ob sie bereit für eine neue Runde sei. Und sie antwortete immer, immer mit „Ja“.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Malorie, denn sie wächst und verändert sich im Laufe der Geschichte. Ich bin wirklich nervös, wenn ich über Personen schreibe, die zu konstant sind. Ich versuche nicht unbedingt, mich in meinen Büchern an die Realität zu halten, aber mir ist klar, dass niemand von uns immer beständig sein kann. Malorie verändert sich, manchmal ist sie regelrecht unberechenbar, und das war wirklich interessant. Für Don habe ich auch etwas übrig, ein armer Kerl, der einfach nur jemanden zum Reden brauchte.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Die Szene, in der Rodney, der Radiomoderator, Selbstmord begeht. Ich wollte etwas Klangvolles, mehr wie das Ende der Dachbodenszene. Tom am Klavier, Musik ertönt aus dem Radio, die Mitbewohner trinken etwas und unterhalten sich.

Ich habe gehofft, dass es mehr wie das Jonglieren von Bällen ist, aus dem sich die komplette Handlung ergibt. Dieses führt zu jenem, jenes zu diesem. Ich glaube nicht, dass mir das gelungen ist, aber das ist in Ordnung, denn es funktioniert ja trotzdem gut.

Die einfachste Szene war definitiv das Ende der Dachbodenszene. Während neun Überarbeitungen hat sich diese Szene wirklich kaum verändert.

Welche Leser würden Ihrer Meinung nach Freude an Ihrem Buch haben?
Der Fluss ist wirklich ein Glücksfall, denn es hat „Cross Over“-Potenzial. Es ist zwar Horror, aber du musst kein Horror-Freak sein, um reinzukommen. Es ist zudem ein Mutter-Familien-Drama, eine Geschichte über Freundschaft, über das Erwachsenwerden (jedenfalls, was Malorie anbelangt). Ich glaube auch, dass das Buch für jüngere Leser ideal ist. Als ich ein Teenager war, gab es in den Buchläden noch keinen Young-Adult-Bereich. Und ich denke, Der Fluss lehrt jeden 14-Jährigen das Gruseln. Meiner Ansicht nach ist das Buch für eine große Leserschaft geeignet.

Gibt es andere Bücher, mit denen man Ihre Arbeit vergleichen könnte?
Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, ob Der Fluss etwas mit der Legende von Medusa zu tun hat. Ich habe noch nicht so viel darüber nachgedacht, aber ich steh auf diesen Vergleich; Schau sie nicht an, sonst wirst du zu Stein. Der Fluss hat wirklich etwas davon, und noch dazu himmle ich Medusa schon lange Zeit an. Sie ist die ultimative Horror-Fan-Fantasie.

Der Fluss - Deine letzte Hoffnung Blick ins Buch

Josh Malerman

Der Fluss - Deine letzte Hoffnung

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