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Interview mit Judy Willman Rantz

Judy Willman Rantz während ihrer Europareise

Während ihrer Europareise hatte die Tochter von Olympiasieger und Protagonisten in "Das Wunder von Berlin" Judy Willman Rantz Zeit für ein Interview. Ihr Vater, Joe Rantz, gewann 1936 in Berlin mit seinem Team die Goldmedaille im Rudern. Im Buch von Daniel James Brown, wird der Weg aus einer amerikanischen Provinz der neun jungen Männer geschildert, die ein Wunder vollbrachten und damit vor den laufenden Kameras Leni Riefenstahls den Nazis ihre Propagandashow stahlen.

Wie war es für Sie, als Tochter eines Olympiasiegers aufzuwachsen? Welche Rolle spielte der Sieg Ihres Vaters in Ihrem eigenen Leben?

Als Kind war mir natürlich irgendwo bewusst, dass mein Vater ein Goldmedaillen-Gewinner war, besonders weil meine Mutter so viel darüber sprach. Mein Vater selbst sprach nicht viel über seinen Erfolg, genau wie die anderen Teammitglieder. Sie gingen alle sehr bescheiden mit ihrer Popularität um. Es war, als wäre der gemeinsame Erfolg als Team eine besondere Erfahrung für die Männer, die sie auf keinen Fall kommerzialisieren, oder zu Selbst-Werbezwecken benutzen wollten. Mein Vater hat zwar Fragen beantwortet, wenn man ihn fragte, aber von selbst sprach er nie über seine Erfahrungen mit dem Team, oder die Olympiade.
Dazu kommt, dass ich die Goldmedaille während meiner Kindheit nie zu Gesicht bekommen habe. Sie war verschwunden und tauchte erst wieder auf, als zu Beginn der 70er-Jahre das Dach unseres Hauses neu gedeckt wurde. Man fand die Medaille versteckt in einem Eichhörnchennest in der Dachdämmung. Von daher folgte ich während meiner Kindheit und Jugend dem Beispiel meines Vaters und redete nie viel über die Olympiade. Ich ließ mich nicht mehr davon beeinflussen, als er sich davon beeinflussen ließ.
All das änderte sich, als ich mein Studium an der University of Washington begann. Der Olympiasieg war noch immer ein großes Thema an der Uni. All die neuen Erstsemester-Studenten im Ruder-Team mussten die Namen und Sitznummern des Gewinner-Teams auswendig lernen. Überall wurde ehrfürchtig von den Champions gesprochen. Nach und nach begannen die Leute zu bemerken, dass mein Nachname Rantz war und die Fragerei ging los: „Bist du mit Joe Rantz verwandt?“. Als ich meinen Abschluss machte, war mir deutlich bewusst, wie wichtig dieses Event damals war, und wie stark mein Vater noch immer verehrt wurde. Obwohl ich nicht ständig darüber nachdachte, denke ich, dass mein Verständnis über die Bedeutung des Weges, den mein Vater und sein Team damals gegangen sind, zu diesem Zeitpunkt zu wachsen begann. Da wurde mir bewusst, dass ich die Geschichte unbedingt der Öffentlichkeit erzählen muss.

Wie würden Sie Ihren Vater beschreiben?

Es ist wirklich nicht leicht meinen Vater zu beschreiben. Vielleicht beschreibt das Wort „Champion“ ihn am besten. Damit meine ich nicht den olympischen Champion, sondern jemanden, der durch die Liebe zu seiner Familie, seine Lebensfreude, und seinen respektvollen Umgang mit anderen Menschen überragte. Er war im Herzen ein Lehrer, jemand der lieber gab, als zu nehmen. Wenn jemand Hilfe brauchte, war mein Vater zur Stelle. Er liebte die Musik und unterrichtete Square Dance. Probleme konnte er immer außergewöhnlich gut lösen. Er war extrem intelligent, liebenswürdig, bescheiden, kreativ und abenteuerlustig. Er verdiente sich die Anerkennung der Menschen um ihn herum, nur mit dem, der er war, und wie er sie behandelte. Es schien immer so, als würden die Leute einfach gerne in der Nähe meines Vaters sein, obwohl die meisten nicht einmal wussten, dass er eine Goldmedaille besaß.

Sie haben dem Autor Daniel Brown geholfen, das Buch „Das Wunder von Berlin“ zu schreiben. Wie war es, an einem Buch über Ihren eigenen Vater mitzuschreiben?

Es war eine berauschende Erfahrung, die mich trotzdem nachdenklich gemacht hat. Ein solch wichtiges Projekt lag nun in meiner Verantwortung, und ich wollte alles richtig machen. Es gab so viel Recherche-Arbeit zu tun, bei der ich Daniel begleitete. Meine Aufgabe war es, ihn in die richtige Richtung zu lenken, wenn er entscheiden musste, wie genau er die Geschichte erzählen sollte. Es war so wundervoll, lange Unterhaltungen mit Daniel zu führen und im Anschluss zu sehen, dass die Wörter und Erinnerungen an meinen Vater, von denen ich dem Autor berichtet hatte, auf dem Papier wieder zum Leben erwachten. Es fühlte sich so an, als wäre ich in die Vergangenheit zu meinem Vater gereist. Diese Momente waren unbeschreiblich wichtig für mich. Jetzt, wo die Geschichte aufgeschrieben ist, habe ich das Gefühl, die Erinnerungen langsam loslassen zu können. Vor der Zusammenarbeit mit Daniel war das für mich unmöglich. Jetzt weiß ich, dass mein Vater und sein Team für immer weiterleben werden.

Rudern Sie selbst? Haben Sie eine besondere Beziehung zu dem Sport?

Als ich begann, das Buch mit Daniel zu schreiben, habe ich aus zwei Gründen einen Ruderkurs besucht: Meine Tochter Jennifer hatte mit 39 Jahren angefangen zu rudern, und auch ihre beiden Kinder konnten es schon. Mein Ziel war es, so gut zu werden, dass wir einen Familienausflug im Ruderboot machen konnten, ohne dass ich versehentlich im Wasser landete. Außerdem wollte ich selbst erfahren, wie es war das Rudern zu lernen, und was dabei alles schief gehen kann, um meine Erfahrungen an Daniel weiterzugeben.
Mein Vater hat uns nie dazu gezwungen, uns für das Rudern zu interessieren. Er gab uns immer die Möglichkeit, unsere eigenen Leidenschaften zu entwickeln, und unterstützte uns dann darin, sie auszuleben. Für mich waren es Pferde. Für meinen jüngeren Bruder Jerry waren es Marschmusik-Gruppen.
Letztendlich habe ich aber doch eine besondere Beziehung zum Rudern. Der Sport gehört zu mir, weil er ein Teil meines Vaters war. Er gehört auch zu mir, weil meine Tochter Jennifer mittlerweile wirklich sehr gut darin ist, und wegen der Arbeit an diesem Buch. Ich gehöre zu der Ruder-Gemeinschaft, in der ich viele neue Freunde gefunden habe, und durch die ich so viel über den Sport erfahren habe. Rudern gehört jetzt zu meinem Leben.

Hat Ihr Vater Ihnen einen besonderen Ratschlag für das Leben mit auf den Weg gegeben?

Ja und nein. Eine der letzten Erinnerungen an einen Satz meines Vater ist: „Man findet vierblättrige Kleeblätter nur dann nicht, wenn man nicht ernsthaft danach sucht“. In Wirklichkeit lebte mein Vater uns seine Ratschläge stets vor: Gib immer dein Bestes bei der Arbeit. Beiß dich nicht an deiner Wut fest. Nimm Abstand von Vorurteilen. Sei großzügig. Sei gutmütig. Denk nicht in Schubladen. Mir fallen noch so viele andere Beispiele ein, in denen mein Vater ein großartiges Vorbild war. Er war in der Tat ein ganz besonderer Mann.

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