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Interview mit Kevin Emerson zu »Die Vertriebenen«

Kevin Emerson über seine Trilogie »Die Vertriebenen«

»Ich bin eine großer Fan von Science Fiction und Fantasy. Wie groß? Ich kann keine Fischstäbchen braten, ohne an die entsprechende Version mit Vanillesoße aus der britischen Trilogie Dr. Who zu denken. Den »Nachthimmel« bezeichne ich grundsätzlich nur als »das Schwarze«, und ich nehme mir immer Zeit für ein zweites Frühstück (tatsächlich ist es meist eher das elfte). Ich habe Biologie studiert und viele Jahre lang Kinder in sämtlichen Naturwissenschaften unterrichtet. Daher liebe ich es, Geschichten zu schreiben, in denen sich wissenschaftliche Realitäten und Fantasy-Elemente vermischen.

In der Trilogie Die Vertriebenen habe ich so viele coole Ideen erforscht! Einige Teile der drei Romane sind ganz augenscheinlich Fantasy, aber ich habe auch etliche naturwissenschaftliche Gedanken eingearbeitet. Die Frage lautet also: Was ist was? Wir wollen das herausfinden, indem wir Wahr oder erfunden? spielen! Die fettgedruckten Wörter solltet ihr alle nachschlagen – dann werdet ihr eine Menge lernen!«

FRAGE 1:

In Flucht aus Camp Eden wachsen Owen und den anderen plötzlich Kiemen. Ist das wahr oder erfunden?

ANTWORT: Das ist Fantasy, aber es gibt vier Ideen, die ich im Kopf hatte, als ich mir das ausgedacht habe.

1. Kiemenfurchen:
Menschliche Embryonen haben Kiemenbögen, die auch Kiemenfurchen genannt werden. Daraus wachsen natürlich keine Kiemen, und deshalb streiten sich die Wissenschaftler darüber, ob das überhaupt die richtige Bezeichnung ist. Dennoch glauben einige Leute, dass diese Kiemenfurchen Überbleibsel eines Tieres sind, aus dem wir uns vor sehr langer Zeit entwickelt haben, etwa so wie der rudimentäre Schwanz, den wir alle noch haben.

2. Junk-DNA:
Später erfährt Owen, dass der atlantische Schädel Teile seiner »schlafenden« oder »Junk«-DNA aktiviert hat und seine Entwicklung deshalb außer Kontrolle gerät. Aus diesem Grund wachsen ihm Kiemen. Diese evolutionäre Veränderung gehört auch in den Bereich der Fantasy, aber tatsächlich haben wir Menschen inaktive DNA, und es gibt eine Menge Spekulationen darüber, was diese »schlafenden« Gene tun oder getan haben. Ich wollte die Idee ins Spiel bringen, dass es unsere Gene sind, die uns mit unserer Vergangenheit verbinden, ein bisschen wie in einem Geschichtsbuch über unsere Evolution.

3. Metamorphose:
Einmal denkt Lilly darüber nach, wieso Owens Kiemen so schnell gewachsen und auch bald darauf wieder verschwunden sind. Sie erzählt von Fröschen, die die Metamorphose von der Kaulquappe, die über die Kiemen atmet, hin zum lungenatmenden Frosch in nur
vierundzwanzig Stunden vollzieht. Das ist wirklich so! Es gibt noch zahlreiche andere Tiere, vor allem Insekten, die solche Meisterleistungen vollbringen. Metamorphose spielt auch im Buch eine Rolle, als von der Veränderung unseres Körpers ohne unser Zutun erzählt wird. Owen wachsen die Kiemen zu einer Zeit, als sich sein Körper sehr rasch entwickelt. Solche Veränderungen beeinflussen uns, sie haben Auswirkungen darauf, wer wir sind, welche Rolle wir in einer Gemeinschaft spielen (zum Beispiel im Ferienlager) und wie wir uns selbst sehen.

4. Selektionsdruck:
Schließlich gibt es noch einen Begriff, der beschreibt, wie die Umwelt die Arten zwingt, sich anzupassen: den Selektionsdruck. Da die Welt von Owen und Lilly und den anderen sich rasend schnell verändert, wollte ich die Frage aufwerfen, wie die Umwelt uns verändert, nachdem wir sie über so lange Zeit verändert haben.

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FRAGE 2:

In Flucht aus Camp Eden ist die Erde von der Großen Flut in Mitleidenschaft gezogen worden. Owen beschreibt an vielen Stellen, wie diese Katastrophe sich manifestiert: Meere treten über die Ufer, Kriege brechen aus, Seuchen verbreiten sich in rasender Geschwindigkeit. Natürlich findet die Große Flut in der Zukunft statt, aber beruht sie auf Fakten, oder ist das Fantasy?

ANTWORT: Ganz offensichtlich habe ich mir die Große Flut, die die Welt in Die Vertriebenen zerstört, ausgedacht und diese Handlung in die Zukunft verlegt, aber dieser fiktiven Idee liegen etliche Tatschen zugrunde. (Trotzdem ist es absolut unwahrscheinlich, dass in den nächsten fünfzig Jahren all diese Dinge gleichzeitig passieren!) Hier sind die vier wichtigsten Merkmale der Großen Flut:

1. Steigender Meeresspiegel:
Würde das gesamte Eis auf der Welt schmelzen, würde der Meeresspiegel um ungefähr sechzig Meter ansteigen. Selbst besorgte Wissenschaftler gehen nicht davon aus, dass das Eis der Antarktis in naher Zukunft schmelzen wird. Aber das arktische Eis und das von Grönland könnten definitiv schmelzen (in Flucht aus Camp Eden ist das schon passiert). In dem Fall steigt der Meeresspiegel um ungefähr sechs Meter an. Das klingt nicht besonders viel, aber zusammen mit einigen heftigen Stürmen genügt das, in den großen Küstenstädten verheerende Schäden anzurichten, wenn sie nicht gleich ganz zerstört werden. Und das ist noch nicht alles: Über zweihundert Millionen Menschen leben entlang der Küsten der Welt, und fast 45 Prozent der Weltbevölkerung leben innerhalb der ersten einhundert Kilometer hinter der Küste. Wenn man daran denkt, dass man all diese Menschen umsiedeln müsste – wo sollten sie hingehen? Wenn der Meerespiegel schneller steigt, als Menschen neue Orte zum Leben finden können, wird die Situation bedrohlich.

2. Fortschreitende Wüstenbildung:
Das große Problem bei der Erderwärmung ist, dass wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann (darum fühlt sich im Sommer die Luft so feucht an). Je wärmer es wird, desto mehr Wasser wird in der Atmosphäre bleiben, mehr Landstriche werden austrocknen und zu Wüste werden. Im Südwesten der USA passiert das schon häufiger. Also gibt es nicht nur weniger Platz zum Leben, weil die Meere ansteigen, sondern auch weil weite Gebiete zu Wüsten werden. Und weil der Regen irgendwo fallen muss, werden andere Gebiete tropisch, mit gefährlichen Monsun- und Hurrikanperioden. Der Boden ist dann zu nass, als dass man etwas anpflanzen könnte, von den neuen Krankheiten ganz zu schweigen.

3. Abbau der Ozonschicht:
Der Abbau der Ozonschicht steht zwar nicht in direktem Zusammenhang mit der Erderwärmung, aber doch mit dem, was die Menschen der Umwelt antun. Mit der Zeit wird die Ozonschicht dadurch immer dünner. Das ist der Teil der Erdatmosphäre, die uns vor schädlichen Sonnenstrahlen wie UVB schützt, was man heutzutage auf jeder Sonnenschutzmittelflasche lesen kann. In Flucht aus Camp Eden ist die Ozonschicht schon so weit abgebaut, dass die Sonne höchst gefährlich für die Menschen ist. Aus diesem Grund benutzen alle im Roman die strahlungsabweisende Creme.

4. Pandemien:
Wenn die Menschen keinen Platz mehr zum Leben haben, wird es an den wenigen verbleibenden Orten sehr voll. Gebiete, in denen schlechte Gesundheitsbedingungen herrschen, wie etwa Flüchtlingslager und überfüllte Slums, sind ideale Brutstätten für Krankheiten. In Die Prophezeiung von Desenna erfahren wir, dass es mindestens sechs große Pandemien gegeben hat. Der Ausbruch dieser Krankheiten zieht die gesamte Welt in Mitleidenschaft.

BEACHTE: Diese letzten Absätze sind ganz schön unheimlich! Deshalb möchte ich noch betonen: Es ist absolut unwahrscheinlich, dass all diese Dinge auf einmal passieren, oder auch nur so schnell. Die Romane beschreiben eine fiktive Welt. Ihr müsst nicht in Panik geraten, aber informiert euch darüber, was ihr tun könnt, um unsere Welt zu bewahren.

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FRAGE 3:

In Die Prophezeiung von Desenna dreht sich ein Großteil der Handlung um Kryos, abgeleitet von der Kryogenik genannten Technik. Basiert die Idee dieser Tieftemperaturtechnik auf Tatsachen, oder ist das erfunden?

ANTWORT: Diese Technik gibt es wirklich. Kryogenik zählt zu den wichtigsten Ideen, wie man eines Tages Menschen quer durch den Weltraum schicken kann, aber erst müssen die Wissenschaftler noch herausfinden, wie man einen Menschen mithilfe dieser Technik einfrieren und wiederbeleben kann – dieser Prozess heißt Kryokonservierung. Bereits jetzt gibt es Unternehmen, die menschliche Körper, oder auch nur den Kopf, einfrieren, aber noch wissen sie nicht, wie das Auftauen funktioniert!

Die größte Gefahr beim Einfrieren von lebendem Gewebe ist die Beschädigung durch Eiskristalle. Ein Gutteil der Forschung auf dem Gebiet der Kryokonservierung versucht, Chemikalien zu finden, die ein Einfrieren ohne Eis ermöglichen, aber das Gewebe nicht vergiften. Bis jetzt haben Wissenschaftler menschliche Eizellen, Samen, Embryos und Pflanzengewebe eingefroren. Wusstest du, dass es auf der Erde Tiere gibt, die in der Kälte des Winters eingefroren werden und dann unbeschädigt wieder auftauen? Das nennt man Kältetoleranz. Einige Amphibien, Reptilien und Einzeller können das, indem sie das Wasser in ihren Zellen durch Zucker ersetzen.

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FRAGE 4:

In Die Prophezeiung von Desenna kommt der zweite Kristallschädel vor. Gibt es diese Kristallschädel wirklich, oder sind sie erfunden?

ANTWORT: Kristallschädel gibt es wirklich, aber ihr Ursprung und ihre Kraft liegen definitiv im Bereich der FANTASY. Der erste Kristallschädel ist wohl im späten 19. Jahrhundert aufgetaucht und wurde an das British Museum verkauft. Zu der Zeit waren die Abenteurer auf der Suche nach verlorenen Zivilisationen. Es ging das Gerücht, dass der Schädel mesoamerikanischer Herkunft war, wahrscheinlich von den Azteken. Der berühmteste Kristallschädel ist der Mitchell-Hedges-Schädel, der in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde.

Kristallschädel wurden für besondere Talismane gehalten, die fremden Ursprungs waren und – gut geraten – Relikte aus dem alten Atlantis! In den vergangenen Jahrzehnten sind diese Schädel untersucht und getestet worden, und letzten Endes muss man ehrlicherweise sagen, dass es sich um Fälschungen handelt, die in der Neuzeit angefertigt wurden. Trotz allem finde ich die Schädel unheimlich und cool, und die Idee, dass sie die atlantische Erinnerung bewahren, gefiel mir. Außerdem wäre es supergruselig, so einen leuchtenden Schädel in einem verborgenen Tempel zu finden!

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FRAGE 5:

In Heimkehr in die verlorene Stadt sagt Paul, dass unsere Vorfahren Mikroben waren, die mit den Kometen gereist sind. Er argumentiert also, dass das Leben auf der Erde von den Sternen stammt. Ist seine Behauptung wahr oder doch erfunden?

ANTWORT: Diese Behauptung basiert auf Fakten, genauer gesagt, auf einer noch nicht bewiesenen naturwissenschaftlichen Theorie, insbesondere der Hypothese der Panspermie oder der Exogenese. Einige Wissenschaftler haben die Theorie entwickelt, dass die ersten Bausteine des Lebens auf der Erde, entweder organische Moleküle oder primitive Bakterien, mit Meteoriten oder Kometen aus älteren Teilen des Universums hierher gelangt sind.

Manche Theorien besagen, dass die Komplexität des Lebens länger für seine Entwicklung gebraucht hat, als die Erde alt ist (ungefähr 4,5 Milliarden Jahre). Das Alter des Universums hingegen beträgt 13,8 Milliarden Jahre. Ich fand diese Idee einleuchtend (und faszinierend!), deshalb habe ich sie für mein Buch verwendet.

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FRAGE 6:

In Heimkehr in die verlorene Stadt benutzt der Pinsel der Götter Verwerfungslinien, um Vulkanausbrüche zu verursachen, die die Erde abkühlen lassen. Beruht diese Idee auf Fakten, oder ist das Fantasy?

ANTWORT: Das ist FANTASY, aber auch hierbei habe ich mich auf ein paar faszinierende Auffassungen bezogen:

1. Der Pazifische Feuerring:
Die Atlanter haben den Pinsel der Götter auf einen Vulkangürtel gestellt, der der Feuerring genannt wird. Wenn man eine Karte der tektonischen Platten der Erde betrachtet, erkennt man, dass dieser Gürtel an der westlichen Seite von Südamerika und Nordamerika entlangläuft, dann rund um die Südküste von Alaska und die asiatische Ostküste hinunter. Diese Verwerfungslinien sind Gebiete intensiver geologischer Aktivität, normalerweise Subduktionszonen. Der Feuerring hat über vierhundert Vulkane – das sind 75 Prozent aller aktiven Vulkane auf der ganzen Welt! Wenn auf irgendeine Art und Weise alle oder die meisten dieser Vulkane ausbrechen, würde dies die Erde auf jeden Fall grundlegend verändern. Unglücklicherweise ereignen sich im Feuerring auch 90 Prozent der schwersten Erdbeben, also würde man wahrscheinlich auch eine ganze Menge Ärger anrichten (so wie die Atlanter).

2. Terraforming:
Warum wollten die Atlanter Vulkanausbrüche herbeiführen? Sie haben versucht, die Atmosphäre zu verändern, um den Klimawandel durch Terraforming – die Umformung eines Planeten in ein für menschliches Leben geeignetes Ambiente – aufzuhalten. Zur Zeit versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie man den Mars umwandeln kann, oder andere Himmelskörper unseres Sonnensystems. Große Vulkanausbrüche können eine Abkühlung der Erdatmosphäre zur Folge haben. Vielleicht weißt du auch, warum: Die Vulkanaschewolken blockieren die Sonnenstrahlen.

Die Atlanter hatten geplant, die Kraft von Hunderten von Vulkanen in einem Moment zu vereinen, um die Erde in eine kühlende Wolke zu hüllen und ihre Städte vor Überschwemmung zu schützen. Leider können Vulkanausbrüche auch den gegenteiligen Effekt haben: Wenn große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen, erwärmen sie die Erde. Oder, wenn viel Schwefeldioxid freigesetzt wird, kann das gefährlichen sauren Regen verursachen. Ich bin nicht sicher, ob die Atlanter wussten, worauf sie sich da eingelassen hatten!

3. Das holozäne Temperatur-Optimum (auch Atlantikum):
Warum wurden die atlantischen Städte überschwemmt? Nach allem, was ich über Atlantis gelesen habe, von Platons Beschreibungen bis hin zu neueren Werken, hat die atlantische Zivilisation wahrscheinlich vor zehntausend Jahren existiert, also, grob gesagt, 8000 vor Christus. Das ist wichtig zu wissen, wenn man sich mit dem Klimawandel in jener Zeit beschäftigt.

Diese Epoche, das Holozän, erstreckt sich von den letzten großen Eiszeiten bis zum Beginn unserer Zeit. (Einige Wissenschaftler meinen, unser modernes Zeitalter sollte als Beginn der Anthropozänen Epoche bezeichnet werden.) In der Mitte des Holozän kam es zu einer Periode globaler Erwärmung, ähnlich der unseren, die holozänes Temperatur-Optimum oder auch Atlantikum genannt wird. Man nimmt an, dass alle Menschen damals Zeuge der großen Überschwemmungen geworden sind.

Möglicherweise ist die globale Erwärmung jener Zeit auch die Grundlage für die vielen mythologischen Erzählungen über eine Sintflut, wie sie aus verschiedenen Kulturen überliefert ist. Daraus entstand dann die grundlegende Idee für die gesamte Trilogie über die aus Atlantis Vertriebenen: Frühere Menschen kämpften mit den gleichen Problemen, mit denen auch wir heute kämpfen (und mit denen wir in Zukunft kämpfen werden, wie Owen).

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Die Vertriebenen: Heimkehr in die verlorene Stadt Blick ins Buch

Kevin Emerson

Die Vertriebenen: Heimkehr in die verlorene Stadt

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