»Mein Name ist Judith« - Interview mit Autor Martin Horváth

»Es werden nur noch die Erinnerungen bleiben«

Martin Horváth bringt die Geschichte einer jüdischen Wiener Familie in die Gegenwart

Sie erzählen in Ihrem Roman die Geschichte einer jüdischen Wiener Familie – gibt es ein reales Vorbild für die Kleins?

Im Zuge meiner Arbeit an der Austrian Heritage Collection am New Yorker Leo Baeck Institute lernte ich die Schicksale mehrerer Hundert von den Nazis vertriebenen ÖsterreicherInnen kennen. Viele von ihnen traf ich persönlich, einige wurden trotz des großen Altersunterschiedes zu guten Freunden. Die Geschichte der Familie Klein im Roman ist frei erfunden, baut aber auf den Schicksalen zahlreicher aus Deutschland oder Österreich Vertriebener auf.

Mit welcher Szene begann die Idee für den Roman in Ihnen zu keimen?

Eines Tages tauchen Fremde in einer Wohnung auf. Der Besitzer weiß nicht, wer sie sind, wie sie hereinkommen konnten und was sie von ihm wollen. Er weiß nur, dass die Wohnung einst von einer jüdischen Familie bewohnt war, die während der Nazizeit aus der Stadt vertrieben wurde. Diese Grundidee verknüpfte ich später mit der Geschichte eines bei einem Kindertransport verschwundenen Mädchens. Dahinter steht der Gedanke, dass in vielen „arisierten“ Wohnungen auch heute noch die Präsenz der Vertriebenen und Toten zu spüren ist. Die Menschen – allein in Wien 180.000 – mögen fort sein, doch ihre Geschichten bleiben und setzen sich auf einer anderen Ebene, in einer anderen Dimension fort.

Der Roman ist im Wien der nahen Zukunft angesiedelt, warum?

Der Blick in die unmittelbare Zukunft bietet mir die Möglichkeit, gegenwärtige Entwicklungen zuzuspitzen und dadurch verständlicher zu machen, wo sie hinführen. Auch die Parallelen zu den 20er und frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts werden auf diese Weise deutlicher.

Was war Ihnen das Wichtigste beim Schreiben?

Wenn eines nicht allzu fernen Tages die letzten Zeitzeugen der Nazizeit gestorben sind, werden nur noch die Erinnerungen bleiben. Ich will den Vertriebenen und Ermordeten mit meinem Roman ein Denkmal setzen und sie zumindest symbolisch dorthin zurückholen, wo sie gelebt haben. Ich will klar machen, dass sie ein Teil unserer Geschichte und damit auch unserer Gegenwart sind. Und ich möchte auf die Parallelen in der politischen Entwicklung der 20er und frühen 30er Jahre und der Jetztzeit aufmerksam machen.

Mein Name ist Judith

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