Interview mit Martina Rosenberg zu »Anklage: Sterbehilfe«

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

kurz nach Erscheinen meines Buches Mutter, wann stirbst du endlich? wurde ich auf einen Gerichtsprozess aufmerksam. Angeklagt war ein junger Mann, der seine Mutter getötet hatte, die sieben Jahre im Wachkoma lag. Der Urteilsspruch war ebenso schockierend wie die Tat selbst: drei Jahre Haftstrafe für den Sohn.

Mich persönlich traf der Fall besonders, da der Tod meiner Mutter noch nicht lange zurücklag. Ich erinnerte mich noch sehr gut, wie es sich anfühlte, wenn man einem Menschen beim Leiden zusehen muss und nichts für ihn tun kann. Doch im Gegensatz zu diesem jungen Mann war ich von Menschen umgeben, mit denen ich sprechen konnte, die mir immer wieder Mut machten.

Jan hatte niemanden, mit dem er sich austauschen konnte, und handelte, wie er glaubte, handeln zu müssen. War es falsch, was er getan hat?

Ich beschloss, Kontakt zu ihm aufzunehmen, um die ganze Geschichte zu erfahren. Mich quälte die Frage, wie es soweit kommen konnte, dass ein Sohn seine Mutter töten muss. Warum hat ihm niemand geholfen? Und hat der Richter richtig geurteilt?

Wie meine Recherchen ergaben, ist die Geschichte von Jan und seiner Mutter kein Einzelfall. Immer wieder fühlen sich Angehörige dazu genötigt, dem Leiden ihrer Lieben ein Ende zu setzen, um ihnen ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Viele sind dabei allein und werden von einer Gesellschaft im Stich gelassen, die feige wegschaut.

Ich möchte den Lesern mit Anklage: Sterbehilfe einen Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen geben, der zum Äußersten getrieben wurde. Letztlich stellt Jans Geschichte jedoch auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit unserer Gesetze und was die Gesellschaft und jeder Einzelne tun kann, damit sich diese Tragödie nicht wiederholt.

Ihre
Martina Rosenberg