VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü
Norbert Horst - Sterbezeit

SPECIAL zu Norbert Horst

Kriminalhauptkommissar und Krimiautor

Goldmann-Autor Norbert Horst im Interview

© Bertelsmann Network

Leipzig, 19.04.2006

Norbert Horst ist im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar bei der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen. Für seinen ersten Roman "Leichensache" erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimi-Debüt. Der zweite Roman über Kriminalhauptkommissar Konstantin Kirchenberg, "Todesmuster", wurde Anfang 2006 mit dem Deutschen Krimipreis (1. Platz national) ausgezeichnet. Das BeNet traf den Schreibtischtäter mit einschlägiger Erfahrung auf der Leipziger Buchmesse.

2004 wurden Sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimi-Debüt ausgezeichnet, Anfang dieses Jahres folgte der Ritterschlag durch das Bochumer Krimiarchiv. Wie fühlt man sich als Träger des Deutschen Krimipreises?

Norbert Horst: Für mich sind beide Auszeichnungen nach wie vor unglaublich und sogar etwas irreal. Vor allem, wenn ich mir vergegenwärtige, dass ich heute vor drei Jahren noch kein einziges Buch veröffentlicht hatte. Träger der beiden bedeutendsten Krimipreise Deutschlands – das ist schon ein bisschen wie im Traum. Stolz bin ich darauf, dass der eine Preis von Autoren verliehen wird und der andere von Kritikern und Literaturwissenschaftlern – das ist sozusagen eine doppelte Ehre.

Wie wird man vom Kriminalhauptkommissar zum Krimiautor?

Norbert Horst: Geschrieben habe ich eigentlich schon immer, sogar bevor ich Polizist wurde. Als Jugendlicher habe ich zum Beispiel schwülstige Liebesgedichte verfasst oder später Liedtexte für meine Band geschrieben. Mitte der 80er Jahre habe ich dann an einem Volkshochschulschreibkurs teilgenommen – allerdings an einem sehr anspruchsvollen mit einem hervorragenden Dozenten, von dem ich auch heute noch viel lernen kann. Über Kurzgeschichten bin ich dann schließlich zu "Leichensache", meinem ersten kompletten Werk gekommen. Dass es ein Krimi geworden ist, liegt vielleicht daran, dass ich mir die Recherche ersparen wollte.

Ihre Krimis kommen direkt aus den inneren Kreisen der Polizei. Sie berichten von der Routine in der Arbeit einer Mordkommission und binden in ihre Romane Protokollausschnitte, Polizeiberichte und Zeitungsartikel ein. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Norbert Horst: Schon während meiner Ausbildungszeit bei der Polizei habe ich gerne Mordakten gelesen. Das ist doch enorm spannend: Vom Bericht über den Fundort der Leiche über den Obduktionsbericht bis zu den Vernehmungsprotokollen. Das ist der Stoff, aus dem Krimis gemacht sind. Ich schreibe hart an der Realität entlang, aber auch das kann eben sehr spannend sein.

Entsteht aus diesem Anspruch an Realitätsnähe auch ihr stichworthafter, schon fast staccatoartiger Stil? Viele Sätze in "Todesmuster" bestehen ja nur aus ein oder zwei Wörtern.

Norbert Horst: Eigentlich sind das auch gar keine Sätze, sondern eher Gedankenfetzen. Das Besondere an meinen Krimis ist ja, dass ich die Fälle radikal subjektiv aus der Perspektive meines Kriminalhauptkommissars schildere. Der Leser schlüpft völlig in die Rolle von Konstantin Kirchenberg. Er sieht, was dieser sieht, liest, was dieser liest und denkt, was dieser denkt. Und kein Mensch denkt ja in komplett ausformulierten Sätzen. Ich benutze die so genannte "Stream-of-Consciousness"-Methode, für die ja James Joyce mit seinem Ulysses bekannt geworden ist. Dass so etwas in einem Krimi gemacht wird, ist ziemlich neu, und ich kenne keinen anderen Krimi, der diesen "Bewusstseinsstrom-Stil" ein ganzes Buch lang durchhält. Für einen Krimi eignet sich der stichworthafte Stil auch deswegen, weil man damit sehr viel krassere Bilder beim Leser erzeugen kann. Wenn ich eine Leiche in kurzen abgehackten Sätzen beschreibe, hat das sehr viel mehr Wirkung, als wenn ich lange Umschreibungen einsetze.

Inwieweit sind Ihre Krimis reine Fiktion? Fließen da nicht auch immer Ihre eigenen Ermittlungserfahrungen, Ihre eigenen Fälle ein?

Norbert Horst: Nein, auf keinen Fall, und darauf lege ich großen Wert. Ich bin ja jetzt schon seit zehn Jahren nicht mehr im ermittelnden Dienst, sondern arbeite als Verhaltenstrainer beim Polizeifortbildungsinstitut. Aber jedes Mal, wenn ich eine neue Idee habe, frage ich bei den Kollegen nach, ob ihnen ein ähnlicher Fall aus der Praxis bekannt ist. Neulich habe ich für den dritten Kirchenberg-Krimi eine Szene mit einem speziell präparierten Auto erfunden. Ein paar Tage später habe ich über genau so einen Fall in der Zeitung gelesen. Da gibt es manchmal schon komische Zufälle.

Es wird also einen dritten Fall von Kriminalhauptkommissar Konstantin Kirchenberg geben?

Norbert Horst: Ja, und der hält mich gerade ganz schön auf Trab. Die Lektorin sitzt mir im Nacken, denn das Manuskript soll bis Ende Mai fertig sein, damit es passend zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen kann. Ich habe ja neben meiner Autorentätigkeit noch meine ganz normale 40-Stunden-Woche bei der Polizei. Also muss ich abends schreiben oder am Wochenende. Inzwischen habe ich im Auto immer ein Diktiergerät dabei und schreibe in jeder freien Minute, zum Beispiel auf der Zugfahrt hier nach Leipzig.

Welcher Roman gefällt Ihnen denn persönlich besser – "Leichensache" oder "Todesmuster"?

Norbert Horst: "Todesmuster", weil er als zweiter Roman einfach runder ist. Das sagen mir auch die Leser. An "Leichensache" habe ich insgesamt vier Jahre gesessen und immer mal wieder ein bisschen dran herumgeschrieben, ohne die feste Absicht, den Roman auch wirklich zu veröffentlichen. "Todesmuster" ist dagegen in sieben Monaten entstanden. Ich gehe inzwischen auch strategischer ans Schreiben heran. Für den dritten Teil standen zum Beispiel der Plot und alle Figuren, es gab die Tat und die Täter, bevor ich überhaupt angefangen habe zu schreiben. Bei "Leichensache" war das nicht so. Als ich dann ungefähr auf Seite 130 gemerkt habe, dass ein Teil der Idee nicht aufgeht, musste ich von der ersten Seite an wieder viele Stellen ändern. Ganz schön nervig!

Und was sagen die Kollegen von der Polizei dazu, dass der Herr Hauptkommissar Romane schreibt?

Norbert Horst: Die finden das super! Sogar meine Chefs schneiden mir inzwischen Artikel aus der Zeitung aus, die über mich und meine Lesungen berichten. Über die Krimis bin ich sogar mit Kollegen aus anderen Teilen von Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet, in Kontakt gekommen. Die finden meine Mailadresse über unser Polizeiadressenverzeichnis raus und dann schreiben sie mir und bedanken sich für das schöne Krimierlebnis.

Interview geführt von Janne-Meira Wißmann
Text: © Bertelsmann Network, Gütersloh, April 2006

Link: Alle Krimis von Norbert Horst in der Übersicht