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Interview mit Susa Bobke zum Buch „Wildwechsel“

Warum sind Sie Jägerin geworden?
Eigentlich wollte ich, seit mir in Kindertagen „Die kleine Hexe“ vorgelesen wurde, einen Kolkraben und dafür braucht man einen Falknerschein und in Bayern zusätzlich einen Jagdschein. Irgendwie bin ich dann bei der Jagd hängen geblieben. Ich mag die Hege, das Beobachten und das Füttern des Wildes in der Notzeit, das Ansäen von Wildäckern und die Freude, wenn der Wald mit Wild wächst. Als Rehmutter bin ich nun die Beschützerin von Schneewittchen, als Jägerin die Anwältin aller wilden Tiere.

Was kann man für ein besseres Miteinander von Mensch, Tier und Natur tun?
Natur ist ja so ein romantischer Begriff. Alle Flächen in Deutschland werden in irgendeiner Art bewirtschaftet. Die wilden Tiere brauchen Ruhezonen und Ruhezeiten, in denen sie nicht auf der Hut sein müssen. Durch die intensive Landwirtschaft und die Freude aller Sportbegeisterten, die ebenfalls zu jeder Tages- und Nachtzeit querfeldein unterwegs sind, kommen die wilden Tiere nicht zur Ruhe und zum Fressen. Das alles bemerkt der naturverbundene Mensch vielleicht gar nicht.

Wie könnte man die Bedeutung von Wald und Tier für uns deutlicher machen?
Ich habe versucht, die Zusammenhänge in der Natur und die Bedeutung für uns in meinem Buch zu beschreiben. Ich hoffe, dass viele Menschen es lesen und anderen davon erzählen. Es wäre schön, wenn Eltern und Großeltern den Kindern und Enkeln die Pflanzen und Tiere zeigen und erklären. Gerne lese ich auch interessierten Menschen vor und unterhalte mich mit ihnen über dieses Thema.

Wie kann man verhindern, dass so viele Tiere Jahr für Jahr vermäht werden?
Es gibt Gesetze, die vorsätzliches oder fahrlässiges Vermähen empfindlich bestrafen. Aber sie greifen oft nicht, weil es entweder nicht zur Anzeige kommt oder gar nicht bemerkt wird. Ich glaube, dass eine starke Öffentlichkeit im Laufe der Zeit ein Umdenken und Mitfühlen bewirken kann. Schön wäre es, wenn es Bereitwillige gäbe, die sich bei den Landwirten melden würden, um vor der Mahd die Wiesen abzugehen und Rehkitze herauszuholen. Und schön wäre es, wenn die Landwirte Bescheid geben würden.

Welche Herausforderungen bringt das Aufziehen eines Rehkitzes mit sich?
Nun ja, erst einmal die gleichen, die jede Mutter und jeder ambitionierte Vater auch zu bewältigen hat: Schlafmangel und alle paar Stunden aufstehen, um das kleine Geschöpf zu füttern. Allerdings muss die menschliche Rehmutter das süße Ding viel früher loslassen als ein Menschenkind. Das ist mir sehr schwer gefallen, immer diese Angst, ihr könnte was passieren. Leider hat Schneewittchen kein Handy dabeigehabt, mit dem es mich hätte anrufen können.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Total. Ich habe durch das Zusammenleben und die Auswilderung Schneewittchens einen ganz anderen und viel umsichtigeren Blick auf meine Umwelt bekommen. Einerseits sehe ich überall Pflanzen, die ich als essbar und nahrhaft für Rehe einsortiere oder ich sehe im Winter oder in Monokulturen den Mangel an diesen Pflanzen. Ich sehe den Lebensraum der wilden Tiere und die Störungen darin mit sehr viel mehr Anteilnahme. Aber auch mein Mitgefühl mit Menscheneltern ist größer geworden.

Ist es Ihnen emotional schwergefallen, als Sie Schneewittchen ausgewildert haben?
Ja sehr. Das Loslassen ist mit das Schwerste, was wir leisten müssen im Leben. Egal, ob unsere Kinder, Lebenspartner, Eltern, unsere Jugend oder unsere Träume, die sich nicht erfüllen ließen. Ich hatte wirklich lange den Mutterblues.

Wie alt ist Schneewittchen jetzt und wie ist Ihr Leben mit dem Reh seit der Auswilderung?
Inzwischen ist Schneewittchen eine erwachsene Rehdame von stolzen neun Jahren. Sie hat bereits 14 Kitze bekommen. Ich sehe sie im Winter hinter dem Haus, wenn sie an die heimische Fütterung kommen. Diesen Winter, der ja sehr hart für die Tiere ist, kommt sie mit dreien ihrer Kitze aus den letzten fünf Jahren. Das macht mich natürlich stolz und glücklich. Im Sommer hatte ich tatsächlich mehrmals das Glück, bei der Geburt ihrer Kitze dabei sein zu können. Das ist wirklich sehr berührend.

Wie lassen sich Rehmutter und Jägerin vereinbaren?
Ich esse Fleisch, weil es mir schmeckt und mein Körper es sehr gut in Kraft umsetzen kann. Ich möchte aber nicht, dass Tiere deshalb unter den Haltungsbedingungen und grausamen Tiertransporten leiden müssen. Freilebendes Wild hat ein wirklich artgerechtes Leben bis zu dem Moment, in dem es erlegt wird. Ich finde es deshalb richtig, Wild zu essen. Jäger ebenso wie Bauern und Metzger sind, auch wenn sie töten, Menschen, die Mitgefühl, Respekt und Liebe empfinden.

Wildwechsel

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