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Interviews mit Vera Buck zu »Runa«

Wussten Sie, dass Vera Buck eine ausgebildete Elefantenführerin ist?

Interview mit Vera Buck

Vera Buck
© André Volk

Eine kurze Biografie:
Ich wurde 1986 in Nordrhein-Westfalen geboren und lebe zurzeit in Zürich. Studiert habe ich Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums schrieb ich Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später auch Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften.

Nach dem Studium wurde ich für den Master of Arts „Crossways in Cultural Narratives“ (Schirmherrschaft der Europäischen Kommission) ausgewählt und studierte in Frankreich, Spanien und Italien. Von der Studienstiftung des deutschen Volkes erhielt ich 2011 ein Stipendium für die Sommerakademie 'Writing Science in Fiction' in St. Johann, Italien. 2012 war ich Finalistin beim 20. Open Mike in Berlin.

Im Herbst 2015 erscheint mein Romandebut Runa bei LIMES.

Würden Sie uns ein wenig über sich erzählen – Ihre Hobbies, Ihren Traum vom Glück?
Hobbies: Fremdsprachen, die Welt bereisen und viel, viel Sport. Ich fotografiere gerne. Mein Traum vom Glück ist weiterhin tun zu können, was ich liebe.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Es gibt ein Zitat von Emilie Buchwald: „Children are made readers on the laps of their parents“. Ich denke, das Gleiche trifft auf mich zu, was das Schreiben betrifft. Meine Eltern waren begeisterte Leser. Ich bin mit Büchern um mich aufgewachsen und habe begonnen, Geschichten zu erfinden und aufzuschreiben, bevor ich in die Schule kam. Dazu musste ich mir notwendigerweise früh das Lesen und Schreiben beibringen. Wenn man mich gefragt hat, was ich machen wolle, wenn ich groß sei, habe ich geantwortet: „Schreiben und eine Tierpension führen.“ (Das mit der Tierpension habe ich mir glücklicherweise mit den Jahren anders überlegt.)

Eine seltsame Faszination ging für mich schon immer davon aus, wie Schrift die Seiten füllt. Ich mag das Muster, das eine vollgeschriebene Seite hat. Als Kind konnte ich nicht aufhören damit, nicht einmal, als ich eine Entzündung in der rechten Hand davon bekam und meine Eltern mir eine Schreibmaschine schenkten, weil sie Angst hatten, dass die Entzündung am Ende chronisch wird. In der zweiten Klasse stand einmal als Kritik unter meinem Diktat: „Vera, deine Buchstaben tanzen!“ Unsere Lehrerin hat immer Wert auf eine schöne, gerade Schreibschrift gelegt, eine, die bitte nach oben wächst oder nach rechts, aber auf keinen Fall Kraut und Rüben und über die Linie. Aber meine Handschrift war nicht zuletzt wegen der ständigen Entzündung katastrophal. Ich möchte meiner Lehrerin eine Karte schreiben, wenn mein Buch rauskommt, auf der steht: „Lass sie tanzen, sie dürfen das.“

Erst mit einem neuen Klassenlehrer in der dritten Klasse wurde der Unterricht für mich besser. Ich erinnere mich daran, dass wir einen Text zu einer Bildergeschichte als Klassenarbeit schreiben mussten und ich nach der Stunde zwar mein Heftchen vollgeschrieben hatte, aber noch nicht über das erste Bild hinausgekommen war.

Am nächsten Tag kam mein Klassenlehrer mit meinem Arbeitsheft zurück, setzte mich in den Werkraum nebenan und gab mir einen Stapel Zettel und vier Stunden Zeit, während er nebenan den Unterricht mit den anderen Schülern fortführte. Seitdem hatte ich in ihm einen Förderer gefunden, der mich regelmäßig aus der Klasse herausnahm, um mir separate Schreibaufgaben zu geben. Dort, alleine im Werkraum, das waren die besten Schulstunden, die ich je hatte.

Was inspiriert Sie? Wie finden Sie Ihre Themen?
Für den Schreibprozess brauche ich Bilder um mich herum: mein Büro, mein Schreibtisch, meine Wände, alles hängt voll mit Bildern. Ich suche gezielt nach ihnen.

Aber die Themen brauche ich nicht zu suchen. Sie finden mich, meistens noch während ich an einem anderen Text arbeite. Die Welt ist ja voller Themen. Wenn ich mit einem Projekt fertig bin, habe ich meist schon acht Ideen für ein nächstes.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Ich habe gerade Runa, meinen ersten Roman, beendet. Er spielt um die Jahrhundertwende in Paris, zu Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters. Jori, ein junger Medizinstudent aus Zürich, kommt an die Pariser Salpêtrière, um unter dem berühmten Nervenarzt Dr. Jean-Martin Charcot zu promovieren. Er soll den ersten psychochirurgischen Eingriff der Geschichte am Gehirn eines kleinen Mädchens vornehmen. Dieser Versuch ist so spektakulär, dass an der Klinik Wetten darüber abgeschlossen werden, ob er es schaffen wird oder nicht. Das Kind, aber auch Jori werden zum Spielball zwischen den großen Männern. Doch das Mädchen tickt anders als erwartet. Sie passt in keine der Kategorien, die man für die Verrückten aufgestellt hat. Durch ihre Andersartigkeit stellt sie die wissenschaftliche Ordnung der Klinikwelt innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf. Und wie sich herausstellt, ist ihre Geschichte eng mit Joris eigener Vergangenheit verbunden.

Welche Szene daraus war am schwierigsten zu schreiben?
Die Szene, in der Runa zwangsernährt wird. Einen ganzen Tag lang habe ich Berichte von Betroffenen gelesen und mich so tief in die Technik der Zwangsernährung zu jener Zeit vertieft, bis mir schlecht war. Ich dachte: Das kann ich Runa doch nicht antun! Aber Tatsache ist, dass die Wärterinnen der Psychiatrie im 19. Jahrhundert es eben konnten.

Als ich die Szene schrieb, habe ich mich verrückterweise ein bisschen so hilflos gefühlt wie Jori, der den Prozess der Zwangsernährung beobachten musste. Und dabei war ich ja diejenige, die das Geschehen kontrollierte. Ich war die mit dem Stift.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Charcots Vorlesung im Auditorium. Charcots Zitate sind größtenteils aus Freuds Aufzeichnungen von 1886 entnommen. Es hat Spaß gemacht, sie zusammenzuschneiden und den alten Mitschriften Atmosphäre und Leben einzuhauchen.

Eine weitere Lieblingsszene ist Mademoiselle Bellier in der Bäckerstube. Ich bin durch Zufall auf diese Maschine mit dem Hundelaufrad gestoßen, das eine Knetmaschine antreibt. Da war für mich klar: Das muss mit rein! Darüber will ich eine Szene schreiben!

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Monsieur Lecoq! Er ist mein tragischer, missmutiger Held.

Was lesen Sie selber gerne?
Ich lese grundsätzlich alles, was es schafft, mich in eine andere Welt zu befördern. Das kann durch Sprache passieren, durch Handlung oder (meistens) durch Charaktere. Etwas in der Geschichte muss mich berühren und lebendig sein.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Ich habe eher Lieblingsbücher als Lieblingsautoren. Die Bücherdiebin von Markus Zusak gehört dazu. Und Zaira von Catalin Dorian Florescu. Beide Bücher haben eine wunderbar eigenwillige Sprache. Das gilt übrigens auch für meinen Lieblingsregisseur Baz Luhrmann. Sollte es so etwas wie ein stilistisches Vorbild geben, dann wäre es Luhrmann.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?
Ronja Räubertochter

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?
Die Bücherdiebin von Markus Zusak.
Zaira von Catalin Dorian Florescu.
Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems von Jean Martin Charcot.

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Drei Stunden Sport, danach ein Saunagang und dann mit einem guten Buch aufs Sofa.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Nein. Ich habe eine ganze Kühlschranktür voller Spruchkarten!

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen
- Sollte es eine Verfilmung von Runa geben, wünsche ich mir, dass Christoph Waltz die Rolle des Monsieur Lecoq spielt. Er ist schon beim Schreiben als Lecoq durch das Buch gegeistert.

- Zu den Dingen, die ich gemacht habe, um Geld zu verdienen zählen: Kindergesichter schminken, Hüpfburgen betreuen, Fan-T-Shirts-Kanonen bedienen, Rodeobullen steuern und beim Baumstamm-Wettsägen Verletzungen vereiteln.

- In Thailand habe ich eine Ausbildung als Elefanten-Mahut (Elefanten-Führerin) absolviert.

- Meine Lieblingsstadt ist Rom. Ich bekomme Heimweh, wenn ich nicht mindestens einmal pro Jahr hinfliege.

- Im Master-Studium in Frankreich habe ich meine wissenschaftliche Hausarbeit in Form eines Filmdrehbuchs abgegeben und damit erfolgreich einen kleinen Skandal ausgelöst. Danach habe ich die Uni verlassen, um zu tun, was ich ohnehin schon immer hatte tun wollen …

Runa Blick ins Buch

Vera Buck

Runa

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