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„In der Antarktis ist ein griesgrämiger, aber fähiger und erfahrener Begleiter um Welten besser als ein sympathischer Anfänger.“

Ein Interview mit Rebecca Hunt über ihren Roman „Everland“

„Everland“ handelt von einer missglückten Antarktis-Expedition, die 1913 auf der fiktiven Insel „Everland“ strandet und einem Team, das 100 Jahre später auf den Spuren der ersten Expedition die Insel für Forschungszwecke wieder aufsucht. Gibt es ein Ereignis, das Vorbild für die Handlung war?

Inspiriert wurde ich von Robert Scotts Versuch, den Südpol als erster zu erreichen und Ernest Shackeltons Unterfangen, als erster die Antarktis zu durchqueren. Beide Expeditionen sind katastrophal gescheitert: Scott wurde beim Wettrennen zum Südpol geschlagen und starb während seiner Rückreise; Shakelton strandete, nachdem ihr Schiff vom Packeis zerstört wurde, mit seiner Mannschaft auf einer Antarktisinsel. Beide Männer führten Tagebuch, da sie in Großbritannien Buchverträge über ihre Erlebnisse abgeschlossen hatten, aber nur Shackelton überlebte und konnte seine Notizen veröffentlichen (Sir Ernest Shackelton “Mit der Endurence ins ewige Eis. Meine Antarktisexpedition 1914-1917”). Scotts Tagebuch wurde erst nach seinem Tod gefunden und enthielt auch die kleinlichen und launischen Einträge des privaten, bekennenden Schreibens, die er, hätte er überlebt, nachträglich aus dem entstandenen Buch gestrichen hätte.
Wir sind nicht die alleinigen Autoren unseres Lebens; bis zu einem gewissen Grad sind wir der Willkür verschiedener Interpretationen ausgesetzt. Je nachdem wie ein Ereignis endet, betrachten wir ein Verhalten als mutig oder waghalsig, entschlossen oder starrköpfig. Mich hat diese Wandelbarkeit der Geschichtsinterpretation interessiert; wie Scott zu einer kontroversen Figur wurde, deren Misserfolg, je nach herrschendem Zeitgeist, immer wieder neu eingeordnet wurde.

Ihr erstes Buch „Mr. Chartwell“ handelt von den Depressionen Winston Churchills. „Everland“ ist eine Mischung aus spannendem Abenteuerroman und Psychothriller. Wie sind Sie auf das neue Thema gestoßen?

Es mag merkwürdig klingen, aber „Everland“ war zum Teil von Columbo inspiriert, jenem schusseligen, leicht unheimlichen Fernseh-Detektiv. Ich bin ein absoluter Columbo-Fan! Am Anfang jeder Folge steht ein äußerst unplausibler Mord und der Zuschauer folgt Columbo dabei, wie er das Puzzle Stück für Stück zusammensetzt. Anders als bei den meisten Detektivsendungen ist das Spannende dabei nicht die Identität des Mörders, sondern die Methode, mit der Columbo den Fall löst. Ich wollte einen Thriller entlang eines ähnlich unkonventionellen Fadens schreiben und die Handlung dabei in zwei verschiedene Zeitebenen aufteilen, in denen sich das Rätsel parallel entwickelt und gleichzeitig auflöst. Diese Methode erlaubt es mir, zu erforschen, wie Wahrnehmung und tatsächliche Beweggründe voneinander abweichen können, ebenso wie Intention und Handeln.

In Ihrem Buch fühlt man sich als Leser in die weiße, kalte Welt der Antarktis versetzt. Sowohl die harte Wirklichkeit der Expeditionen im letzten Jahrhundert wie auch die des modernen Forscherteams werden eindrücklich beschrieben. Wie viel Recherche steckt in ihrem Roman?

Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, für Everland zu recherchieren! Ich habe nicht nur über Polarforschung gelesen, sondern bin sogar im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums für Autoren zum nördlichen Polarkreis gereist. So hatte ich die Möglichkeit, eine Polarlandschaft selbst zu erleben, Gletscher, Eisberge und die einsamsten Grabstätten der Welt zu sehen, wo kleine, in die Felsen gehämmerte Metallkreuze an ertrunkene Seeleute erinnern. Außerdem habe ich das British Antarctic Survey, das Polarforschungsprogramm Großbritanniens, besucht, um mit Wissenschaftlern zu sprechen, die selbst mehrere Monate in der Antarktis verbracht haben. Trotz all der technischen Fortschritte ist bei modernen Expeditionen doch so viel unverändert geblieben. Nichts kann die Tatsache ändern, dass die Antarktis ein abgelegener, unberechenbarer und herausfordernder Ort ist. Die Schwierigkeiten, denen sich heutige Expeditionen stellen müssen, bleiben dieselben, denen auch historische Expeditionen ausgesetzt waren.


In „Everland“ werden beide Teams, das von 1913 und das von 2013, jeweils von drei Figuren gebildet. Was interessiert sie an diesen Dreier-Konstellationen?

Drei ist eine so spannende Zahl! Sie ermöglicht Fraktionen und Allianzen, und sie verschärft Differenzen. Drei Personen sind gerade genug um eine Gruppe zu bilden, jedoch ohne den Schutz zu genießen, die eine solche normalerweise bietet. Man steht immer irgendwie unter Beobachtung.


Mit welchen der Figuren würden Sie sich, wenn Sie sich entscheiden müssten, am ehesten auf eine Expedition in die Antarktis begeben?

Ich würde den Seemann Millet-Bass wählen, zu 100 Prozent! In der Antarktis ist ein griesgrämiger, aber fähiger und erfahrener Begleiter um Welten besser als ein sympathischer Anfänger.

Fragen und Übersetzung Elsa Antolín und Maria Patzelt / Luchterhand Literaturverlag

Everland Blick ins Buch

Rebecca Hunt

Everland

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