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Interview mit Karin Alvtegen zu ihrem Roman »Eine zweite Chance« (btb)

»Ich habe gelernt, dass es ebenso viele Wahrnehmungen der Realität gibt, wie es Menschen gibt.«

Ein Interview mit Karin Alvtegen


Wie sind Sie auf die Idee für den Roman »Eine zweite Chance« gekommen?
Nachdem ich fünf Thriller geschrieben hatte, fühlte ich mich innerlich wie ausgebrannt. Über fünf Bücher hindurch hatte ich versucht, die Abgründe der menschlichen Psyche zu ergründen, und mit einem Mal merkte ich, wie sehr ich das leid war. Mir wurde klar, dass ich etwas Hoffnungsvolleres schreiben wollte.

Die erste Idee kam ganz unerwartet. Ich hatte eine Dokumentation über Quantenphysik gesehen, die meinen Blick auf die Welt völlig umwarf. Rein wissenschaftlich betrachtet wissen wir nicht, wie die Welt, in der wir leben, eigentlich funktioniert. Im atomaren Bereich passieren die verrücktesten Dinge, von denen wir nicht den Hauch einer Ahnung haben. Ich finde das absolut faszinierend.

Zu dieser Zeit besuchte ich außerdem einen Kurs über das menschliche Gehirn. Ich habe gelernt, dass es ebenso viele Wahrnehmungen der Realität gibt, wie es Menschen gibt. Unsere eigene Interpretation ist begrenzt und oft auch verfälscht, da alle unsere Eindrücke durch unsere früheren Erfahrungen gefiltert sind. Und wenn wir etwas an unserem Leben ändern wollen, müssen wir lernen umzudenken. Doch gerade das fällt uns oft nicht leicht.

All das beschäftigte mich also, aber ich wollte kein Sachbuch schreiben, sondern einen Roman. Und dabei spielen zwischenmenschliche Dramen eine entscheidende Rolle: Beziehungen, Trennungen, Trauer, Angst, Vorurteile und Liebe.

Meine Hoffnung war, dass die Überlegungen, die ich selbst während des Schreibens hatte, auf die Leser übertragen würden – das Gefühl, dass es etwas Grundlegendes gibt, das wir Menschen noch nicht enträtselt und somit auch noch nicht verstanden haben. Und dass wir alle die Möglichkeit haben, unser Leben zu ändern, wenn es sein muss. Wenn wir es nur wollen und uns trauen.


Wer ist Ihr Lieblingscharakter in »Eine zweite Chance«?
Jedes Mal, wenn ich ein Buch abgeschlossen habe, fühlt es sich an, als wäre es mein letztes. Mein Kopf ist leer, ohne Ideen. Aber dann passiert etwas, das meine Gedanken und einen neuen Schreibprozess anstößt. Ein Jahr lang lasse ich die Geschichte reifen, und währenddessen entwickeln sich auch die Charaktere. Ich lese eine Menge Sachbücher, meistens zu psychologischen Themen, und versuche meine Figuren genauer kennenzulernen. Manchmal wird behauptet, dass Autoren nur über sich selbst schreiben, aber wenn das tatsächlich so wäre, sollte ich mich von jetzt an wohl besser einschließen.

Man unterschätzt die Arbeit eines Autors, wenn man glaubt, dass alles aus einem selbst herauskommt, denn tatsächlich bedeutet es eine enorme Recherchearbeit, einen glaubhaften Charakter zu erschaffen. Sicher, es gibt einige Bausteine von mir selbst, die ich verwende, aber sie sind oft so verdreht, dass sie nicht wiederzuerkennen sind, wenn das Buch fertig ist.

In meinen Büchern ist niemand nur gut oder böse. Ein Mensch ist sehr viel komplexer. Mir ist es wichtig, mit jedem meiner Charaktere mitfühlen zu können, ich muss eine Erklärung dafür finden, warum sie so handeln, wie sie es tun, sonst wären sie nichts weiter als Schablonen.

Ob ich einen Charakter mehr mag als die anderen? Verner mag ich sehr gern. Wenn ich einen Lieblingscharakter aus all meinen Büchern auswählen müsste, wäre es er.


Können Sie denjenigen, die davon träumen, selbst einmal zu schreiben, einen Rat geben?
Schreiben! Es gibt Hunderte von Dingen, die einen davon abhalten (niemand hat so saubere Schränke, polierte Scheiben und einen derart gepflegten Garten wie ich, bevor ich den Schritt vom Denk- zum Schreibprozess wage).

Man sollte nicht auf die Inspiration warten, das ist etwas, mit dem man nach Wochen voller harter Arbeit nur für einen kurzen Moment gesegnet wird. Normalerweise sage ich, dass Schreiben aus zwanzig Prozent Talent und achtzig Prozent Hartnäckigkeit besteht. Unzählige Male hatte ich es schon aufgegeben und während des Schreibens die ganze Idee in Frage gestellt. Aber jedes Mal, wenn ich mich selbst bezwungen hatte, wuchs ich innerlich.

Man sollte sein Wissen nutzen. Am Anfang in Bereichen bleiben, in denen man sich relativ gut auskennt oder die man leicht ergründen kann. Man sollte ein guter Zuhörer sein und andere Menschen als Lehrer ansehen, von deren Erfahrungen man profitieren kann.

Man sollte nicht versuchen, den Schreibstil anderer zu imitieren. Man kann sich inspirieren lassen, aber seine Geschichte sollte man auf seine eigene Art erzählen. Und eine letzte Sache: Das Glücksgefühl, dem wir alle hinterherjagen, kommt nicht automatisch, nur weil man ein Buch veröffentlicht hat. Aber manchmal überkommt es einen während des Schreibens – in einem magischen Moment, wenn man fühlt, dass die Wörter, die man gerade geschrieben hat, wie von selbst entstanden sind.


Ihre Großtante ist Astrid Lindgren. Was haben Sie von ihr gelernt?
Wenn man Gutmütigkeit als eine Charaktereigenschaft bezeichnen kann, dann habe ich nie jemanden getroffen, der gutmütiger war als Astrid. Sie war nie darauf bedacht, ob das, was sie tat, ihr selbst nutzen würde – stattdessen war es einfach ihre Lebenseinstellung, anderen dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen, soweit sie das konnte. Sie hatte ein großes Einfühlungsvermögen, das es ihr ermöglichte, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen, und unabhängig davon, ob es sich um Familienangehörige, Freunde oder Fremde handelte, verwendete sie all ihre Energie darauf, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. In dieser Hinsicht war sie ein großartiges Vorbild.

Unsere Familie besitzt noch immer das Haus in Vimmerby, in dem Astrid und mein Großvater aufwuchsen, und Astrid war für mich als Kind ein ganz normaler Teil meiner Familie. Dadurch habe ich früh erkannt, dass es auch Nachteile hat, berühmt zu sein. Manchmal konnte es befremdlich sein. Sobald sie das Haus verließ, zog sie die Aufmerksamkeit auf sich und wurde bevorzugt behandelt. Unabhängig davon behandelte sie selbst jeden gleich. Sie war den offiziellen Teil in ihrem Leben oft leid. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum ich mich selbst aus der Öffentlichkeit eher zurückziehe. In Schweden kennen die Menschen oft meinen Namen, aber nur wenige wissen, wie ich aussehe. Berühmtsein ist für mich nie interessant gewesen.


Was lesen Sie selbst?
Oft lese ich Fachbücher oder Biographien. Wenn ich in meiner Schreibphase bin, lese ich überhaupt keine anderen Romane, teilweise weil es mir schwer fällt, einer anderen Geschichte zu folgen, und teilweise auch weil ich mein eigenes Sprachempfinden nicht beeinflussen will.


Was inspiriert Sie?
Das weiß man immer erst hinterher. Es kann eine kurze Nachrichtenmeldung in einer Zeitung sein, ein Gespräch, Wohngebäude mit erleuchteten Fenstern, ein persönliches Erlebnis, der Spaziergang auf einem Friedhof, eine Frage, auf die es keine Antwort gibt.


Was macht Sie glücklich?
Keinen Stress zu haben. Aufrichtige Freundlichkeit. Meine Familie.

Eine zweite Chance Blick ins Buch

Karin Alvtegen

Eine zweite Chance

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