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Interview zu „Dummheit – Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen“

Interview zum Buch „Dummheit – Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen“

Sieben Fragen an die Autoren Prof. Dr. Ernst Pöppel und Dr. Beatrice Wagner

1) Ihr neues Buch widmen Sie der „Dummheit“. Was hat Sie bewogen, sich diesem Thema zuzuwenden
Es war die Überlegung, dass einfach jeder von uns im Grunde dumm ist. Wenn Sie morgens aufwachen, weil der Wecker klingelt – wissen Sie, wie der funktioniert? Könnten Sie ihn herstellen? Sie kochen sich einen Kaffee – und haben keine Ahnung, wie Sie selbst eine Kaffeemaschine bauen könnten. Sie setzen sich an den Holztisch? – Könnten Sie ihn schreinern und drechseln und leimen?
Unsere eigene Dummheit ist also eklatant. Und gleichzeitig bilden wir uns ein, zu einer besonders klugen Spezies zu gehören. Da stimmt irgendetwas nicht.

2) Wie erklären Sie sich das?
Die Gesamtmenge an Wissen, die jeder von uns in sich trägt, hat in den letzten 1000 Jahren nicht wesentlich zugenommen. Aber unser Wissen hat sich stärker spezialisiert. Wir wissen mehr und tiefer in einem Teilbereich Bescheid, dies geht auf Kosten eines breiten Allgemeinwissens. Wenn wir in unserem Teilbereich, den wir überblicken können, gut Bescheid wissen, in anderen aber nicht, müssen wir uns darauf verlassen, dass andere Menschen, die andere Teilbereiche zu ihrer Spezialität erklären, es gut machen. Unsere Gesellschaft baut also sehr stark auf Vertrauen in andere Menschen. Nur so können wir überhaupt in ein Auto einsteigen, ohne darüber nachzudenken, ob es sich in Gang setzt, wenn wir auf das Gaspedal drücken.

3) Sie sagen, Dummheit ist nicht gleich Dummheit. Wie unterscheiden Sie hier?
Es gibt zwei Arten von Dummheit. Das eine ist die intelligenzmäßige Dummheit. Manche Menschen sind einfach weniger intelligent als andere. Darum geht es in unserem Buch nicht. Es geht um die andere Art von Dummheit, die darin besteht, dass wir uns weigern, unsere naturgemäßen Grenzen anzuerkennen. Wenn wir uns einbilden, einen komplizierten Sachverhalt durchschauen zu können, und unsere Beschränkungen nicht wahrhaben wollen.

4) Ein Charakteristikum unserer Zeit ist, dass sich viele Menschen bei den unendlichen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, für nichts entscheiden können. Warum ist das dumm und was könnte helfen?
Wir wollen uns immer maximieren und denken, es komme dabei nur auf unsere sogenannten richtigen Entscheidungen an. Wir können aber nicht in die Zukunft sehen und werden zum aktuellen Zeitpunkt nicht wissen, ob die Entscheidung für oder gegen eine neue Arbeitsstelle, eine neue Wohnung oder einen neuen Partner richtig ist. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es sinnvoller, sich für irgendeine Möglichkeit zu entscheiden, anstatt den Stillstand zu wählen. Dabei kommt es auch darauf an, eine gute Balance zwischen rationalen Gründen und den gefühlsmäßigen Bewertungen zu treffen. Sich richtig zu entscheiden, ist eine Wissenschaft für sich.

5) Sie sagen, Expertendenken macht dumm und kann verheerende Folgen für uns haben. Sprichwörtlich sieht man hier den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Gibt es Strategien, mit deren Hilfe größere Katastrophen vermieden werden können?
Jeder Mensch muss sich natürlich auch im Alltag auf sogenannte Experten verlassen können. Diese beraten Sie in Ihren Finanzen und gesundheitlichen Angelegenheiten. Hier gibt es viele Blender, die Ihnen ein x für ein u vormachen wollen. Einen wahren Experten erkennen Sie daran, dass er sich die Mühe macht, Ihnen die Angelegenheit so lange zu erklären, bis Sie diese verstanden haben. Ein falscher Experte wird es vermeiden, bei Erklärungen in die Tiefe zu gehen, er wird bei kritischen Nachfragen schnell das Thema wechseln, oder nur noch mit Satzbausteinen oder Floskeln antworten.

6) Herr Pöppel, Sie als Hirnforscher nennen viele Beispiele dafür, dass wir immer wieder entgegen unseren natürlichen Voraussetzungen handeln. Z.B. ist das menschliche Gehirn evolutionsbedingt nur für den Kontakt zu etwa 150 Menschen ausgerichtet, doch wir legen uns sehr viel mehr Freunde zu als uns gut tun. Warum verhalten wir uns so dumm?
Echte Freundschaften können Sie nur zu einer Handvoll Menschen pflegen. Und auch im näheren Bekanntenkreis wird es schnell zu einer Belastung, wenn zu viele Menschen Aufmerksamkeit von ihnen einfordern. Doch das Vorhandensein von vielen Freunden oder Freundschaften führt dazu, dass man nur noch wenig Nähe zu einzelnen Menschen aufbauen kann. Diese nicht vorhandene Nähe wird als ein Mangel erlebt. Wenn wir uns im Modus „Freunde sammeln“ befinden, versuchen wir den Mangel dadurch auszugleichen, dass wir noch mehr oberflächliche Freundschaften ansammeln. Ein Teufelskreis.

7) Sie machen deutlich, dass wir der Dummheit nicht entkommen können; haben Sie einen Tipp, mit dem es sich leichter mit der Dummheit leben lässt?
Unser Gehirn wurde nun einmal stümperhaft von der Natur ausgestattet. Eigentlich müssten wir uns selbst beim Schöpfer reklamieren und zurückgeben! Alternativ können wir versuchen zu verstehen, wo die größten Konstruktionsfehler sind, und damit bewusst umgehen. So neigen wir zum Beispiel dazu, dass wir uns immer damit zufrieden geben, wenn wir EINE Ursache für ein Problem gefunden haben. Das ist wie eine Krankheit, eine Monokausalitis. Aber meistens gibt es mehrere gleichberechtigte Ursachen, die alle zusammenkommen. Diese spezielle Fehlkonstruktion zu erkennen, schützt uns vor vielen dummen Handlungen. Außerdem sollten wir uns klar machen, dass wir uns gerne zwischen zwei Extremen einpendeln. Wir neigen zum entweder oder. Doch zum Verzicht gehört auch der Genuss, zur Lust auch der Schmerz. Ein weiteres Beispiel: Unser Wunsch, alles möge noch schneller gehen. Die Schnelligkeit, etwas zu verarbeiten, lässt sich nur bis zu einer bestimmten Grenze steigern, darüber hinaus wird Schnelligkeit zu Oberflächlichkeit. So führt also Schnelligkeit zu Dummheit. Hier sollten wir uns wieder bewusst die Zeit nehmen, die die Dinge eigentlich brauchen. Wir sollten die Grenzen erkennen, die uns unser Gehirn vorgibt. Und wir sollten ganz generell etwas fehlertoleranter mit uns selbst umgehen.

Dummheit Blick ins Buch

Ernst Pöppel, Beatrice Wagner

Dummheit

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