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Interviews mit Anna Romer zu ihrem Roman »Das Rosenholzzimmer« - Goldmann Verlag

Q & A: „Das Rosenholzzimmer“ von Anna Romer


© Sarah Ruthven


Welches ist die Vorgeschichte von Anna Romer und was hat Sie veranlasst zu schreiben?

Ich komme aus der Bildenden Kunst. Als ich um die zwanzig war, hatte ich ein kleines Gewerbe in Europa, das Reproduktionen von klassischen Werken für Antiquitätenhändler und Privatsammler herstellte, aber auch kommerziellere Arbeiten für Restaurants und Schaufensterläden. Ich lebte in einem alten Kombi und reiste auf der Suche nach Aufträgen durch Spanien und Italien. Wenn ich nicht arbeitete, erkundete ich all die herrlichen Orte, die ich besuchte. Meine Vorstellung vom siebten Himmel war, mich in einer uralten Stadt zu verlieren und gruselige Friedhöfe, Kloster, Katakomben und von Mauern umgebene Gärten zu erforschen.

Alles, was ich sah, war geschichtsträchtig und voller Legenden – äußerst faszinierend und inspirierend für ein naives junges Ding aus Australien. Ich machte unzählige Zeichnungen, konnte jedoch die Schönheit und den Reichtum der Welt, in die ich eingetaucht war, nicht annähernd einfangen. Ich hatte das überwältigende Bedürfnis, viel mehr in die Tiefe zu gehen, als meine Bilder es mir ermöglichten, wusste allerdings nicht wie. Als ich 1990 nach Australien zurückkehrte, begann ich, meine Bilder auszustellen und machte mit meinen kommerziellen kleinen Projekten weiter. Alles ging recht gut, doch mehr und mehr plagte mich ein altes Gefühl von Unzufriedenheit. Dann las ich „Wo das Böse erwacht“ von Poppy Z. Brite, einen düsteren, ungeheuer spannenden Roman, und das machte mir letztendlich Mut, selbst etwas zu schreiben. Meine frühen Versuche waren gruselige kleine Geschichten von Rache und Wahnsinn … doch jetzt hatte es mich gepackt. Und seitdem hat mich das Schreiben nicht mehr losgelassen.


Woher kam die Idee für „Das Rosenholzzimmer“?

Vor vielen Jahren faszinierte mich ein Film mit dem Titel „Böse Saat“ (1955 von Mervyn LeRoy), in dem ein vermeintlich süßes kleines Mädchen sich ganz anders entwickelt, als sich seine Eltern wünschten. Die Vorstellung des Bösen, das hinter einer trügerisch harmlosen Fassade lauert, faszinierte mich, und so spielte ich zum ersten Mal mit der Idee, eine Geschichte zu schreiben, die auf diesem Thema basierte. Mein erster Roman handelte von einer jungen Frau, die ein Haus erbt und mit ihrer Tochter in eine Kleinstadt reist, wo sie die Großmutter der Tochter kennen lernen. Die alte Dame ist allerdings keineswegs so nett, wie es den Anschein erweckt. In Wirklichkeit ist sie sogar erheblich gestört, und nach allen möglichen Verwicklungen tauchen bei dem kleinen Mädchen Anzeichen dafür auf, dass es die böse Natur seiner Großmutter geerbt hat.

Das erste Manuskript wurde (klugerweise) aufgegeben, doch das Thema lag mir immer noch am Herzen. Die beiden Sujets – verborgene Gefahr und den Spuren einer Familiengeschichte zu folgen – brachten mich auf die Idee, „Das Rosenholzzimmer“ zu schreiben.


Es gibt so viele Ideen und Bilder in „Das Rosenholzzimmer“. Wie hat Ihr früherer Beruf als Grafik-Designerin Ihre Karriere als Schriftstellerin beeinflusst?

Als Künstlerin war ich stets auf der Suche nach interessanten Geschichten, Märchen oder Legenden, die mich zu neuen Bildern inspirieren konnten. Sobald eine Geschichte meine Aufmerksamkeit geweckt hatte, musste ich sie in eine visuelle Sprache übertragen. Über die Jahre hinweg habe ich meinen Verstand darauf trainiert, eine Story auf ein einziges symbolisches Bild zu verdichten. Das Märchen von Rapunzel zum Beispiel inspirierte mich zu dem Bild einer Frau, die zusammen mit einem Vogel in einem Zimmer eingeschlossen ist, und ihren langen Zopf aus einem winzigen Fenster hängen lasst, aus dem es kein Entkommen gibt.

Jetzt, da ich Geschichten schreibe, statt sie zu malen, besteht immer die Gefahr, dass sie zu statisch werden. Ich habe gelernt, eine Szene in meinem Kopf sehr lebendig zu visualisieren, und das erleichtert das Schreiben. Trotzdem bleibt meine alte Fixierung als Malerin auf Details bestehen und damit die Möglichkeit, dass ich vom Thema abkomme und später merke, dass ich eine halbe Seite damit vergeudet habe, ein Blatt zu beschreiben.


Sie hätten einfach eine Liebesgeschichte oder einen Krimi schreiben können. Letztendlich haben Sie beides vermischt. Was hat Sie an dieser Idee so gereizt?

Schon vor vielen Jahren hatte ich die fixe Idee, Romane zu schreiben, aber alles, was damals entstand, wurde zu einem Flop. In Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich versucht hatte, mich auf ein bestimmtes Genre zu beschränken – zuerst Horror, dann Krimi, Fantasy und schließlich Liebesromane. Ich lese all diese Genres sehr gerne, schaffte es aber nicht, eine eigene Stimme darin zu entwickeln.

Eines Tages setzte ich mich hin und dachte lange über die Fragen nach, die mich am meisten interessierten – verbotene Liebe, Obsessionen, Skandale, belastende Geheimnisse und die Lügen, die wir uns selbst und anderen Menschen erzählen. All diese Aspekte von Liebe und Beziehungen sind von Natur aus mit Geheimnissen durchwirkt, und so kam es mir wie eine natürliche Entwicklung vor, diese Elemente eines inneren Mysteriums mit äußerlichen Verwicklungen wie Verrat und Mord zu verbinden.


Wenn Sie eine so komplexe Geschichte schreiben mit vielen Erzählsträngen und Charakteren, entwickeln Sie dann vorher einen genauen Plan oder folgen Sie einer plötzlichen Eingebung und müssen dann das, was sie bereits geschrieben haben, noch einmal verändern?

Ich liebe Pläne! Ich finde es herrlich, ein Durcheinander von Skizzen und Zetteln zu haben, wochenlang über Ideen zu brüten, in die Psyche meiner Charaktere einzutauchen, deren Beweggründe und Wesen zu ergründen und anschließend alles zusammenzufügen. Ich sage mir immer, dass der Schreibprozess selbst viel leichter wird und die Geschichte sich von selbst erzählt, wenn ich jede Szene ausarbeite, ehe ich loslege.

Wenn ich dann aber mit dem Schreiben beginne und mich langsam in der Welt meiner Geschichte zurechtfinde, führt sie mich unweigerlich in eine unvorhergesehene (und oft verlockende) Richtung. Ich neige dazu, mich so zu verzetteln, dass es nicht mehr weitergeht, und dann muss ich zum Reißbrett zurück und den Plot ändern. Während ich meine Skizzen und Notizen hin und her schiebe, kommen mir neue Ideen in den Sinn, und wieder gehe ich zurück und füge sie in die Erzählung ein, bis ich merke, dass ich den Plot völlig verändert habe. Dann greife ich auf meinen Stapel Zettel zurück, der inzwischen so groß wie der Mount Kosciusko ist, und fange noch einmal von vorn an. Die Folge ist, dass ich andere Szenen umschreiben muss, und daraus entstehen wieder neue Stränge …

Dieser verrückte Tango des Planens und Neuplanens setzt sich fort, bis die Geschichte irgendeine vage Form annimmt. Dann ist es an der Zeit, alles zu überarbeiten, und wieder geht alles von Neuem los!


Thornwood House gibt sowohl Audrey als auch Bronwyn die Möglichkeit, eine eigene Zukunft für sich zu erfinden und ihre Vergangenheit neu zu definieren. Hatte Tony das bezweckt, als er ihnen das Haus vererbte?

Ja, das haben Sie wunderbar ausgedrückt. Tony hatte gewollt, dass seine Tochter eines Tages das Haus seines Großvaters erbt, weil es viele seiner schönsten Erinnerungen barg, und auch, um ihr so etwas wie finanzielle Sicherheit zu geben. Er hatte damit gerechnet, sehr alt zu werden, sodass die mit dem Haus verbundenen Gefahren höchstwahrscheinlich nicht mehr existiert hätten, wenn Audrey und Bronwyn das Haus erbten. Dann stellte sich heraus, dass Tony ihnen etwas vererbt hatte, das ihr Leben auf eine Weise veränderte, die er nicht hatte vorhersehen können … und trotzdem ermöglichte es ihnen, sich eine neue Zukunft aufzubauen und sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen.


Mit anderen Worten, aus der grauen Maus Audrey wird eine Maus, die wie ein Löwe brüllt. Warum wollten Sie ausgerechnet über so einen Charakter schreiben?

Ich beschäftige mich gern mit starken, temperamentvollen Frauen, die anderen einen Tritt in den Hintern geben … aber bei Audrey beschloss ich, darauf zu verzichten und mit einem Charakter zu experimentieren, der keine typische moderne Heldin war. Ich wollte sie nicht zu einer mitleiderregenden, unterwürfigen Frau machen, aber doch zu einer, die von Selbstzweifeln und mangelndem Selbstbewusstsein geplagt ist, Folge ihrer Kindheit, in der sie zusammen mit ihrer Tante ständig unterwegs gewesen war.

Ich liebe die Idee, meine Charaktere zu einer Veränderung bewegen zu können. Am Anfang ist Audrey eher feige und rennt vor Gefahren davon, statt ihre Frau zu stehen und zu kämpfen. Doch mit dem Fortgang der Geschichte fühlt sie so stark mit Samuel und Aylish verbunden, dass sie gewillt ist, sich ihren Ängsten zu stellen, um herauszufinden, was ihnen wirklich passiert ist. Und am Ende des Buches kämpft sie zwei Schlachten – einmal gegen ihre inneren Ängste und zum anderen gegen einen äußeren Bösewicht.

Vor vielen Jahren habe ich mal ein Buch über einen schrecklichen Chaoten gelesen, der am Ende zu einem starken und liebenswerten Helden wird. Leider kann ich mich weder an den Titel noch seinen Verfasser erinnern, aber die bemerkenswerte Wandlung des Protagonisten hat mich stark beeindruckt. Audreys Reise ist nicht so dramatisch, aber es hat großen Spaß gemacht, sie zu schreiben, und macht deshalb hoffentlich genauso viel Spaß, sie zu lesen.


Alte Tagebücher, Briefe und Fotos machen den Kern der Geschichte von Thornwood House aus – woher stammt Ihre Faszination für solche Objekte?

Als Kind verbrachte ich viel Zeit mit meinen Großeltern in einem Haus, das voller wundervoller alter Bücher und Kuriositäten war. Meine Familie führte in den Vierziger- und Fünfzigerjahren einen Tante-Emma-Laden in Sawtell, und Großmutter besaß noch Regale voller Solyptol- und Sanfoe-Flaschen aus der Kriegszeit oder Dosen mit eingetrocknetem Golden Syrup. Inmitten dieser Vergangenheit, die buchstäblich mit Händen zu greifen war, entwickelte ich eine Leidenschaft dafür.

Als ich viele Jahre später nach Sydney zog, um Kunst zu studieren, arbeitete ich als Freiwillige für die Uniting Church – Suppenküchen und ähnliches. Am liebsten kümmerte ich mich 25 um die Sachen, die für den Secondhandshop gespendet wurden. Das war Anfang der Achtzigerjahre, bevor Secondhandshops in Mode kamen. Dabei wanderten einige ungewöhnliche alte Relikte durch meine Hände – Bündel von verstaubten Postkarten und Briefen, Zigarrenkisten voller brüchiger sepiafarbener Fotos, Schachteln mit persönlichen Gegenständen Verstorbener – Glacehandschuhe, Brillen, kaputte Taschenuhren. Einmal fand ich einen winzigen Glasflakon mit merkwürdigen roten Samenkörnern (gerade neulich erst habe ich erfahren, dass es giftige Samen der Paternostererbse aus Indien waren). Es gab Flaschen, Dosen und Kisten aus der Kriegszeit, Schuhe aus den Zwanzigerjahren, wunderbar altmodische Handtaschen und Kleider, sogar ein echtes Korsett aus Fischbein war darunter. Mit diesen herrlich verwunschenen Schätzen, ihren verstaubten Gerüchen und ihrer direkten Verbindung zur Vergangenheit zu hantieren, machte einen
unauslöschlichen Eindruck auf mich.

Ich verbrachte viel Zeit damit, obskure kleine Antiquitätenladen abzuklappern, durch Fenster in alte Fabriken zu klettern oder nachts herumzuschleichen und zerfallene Gebäude zu erforschen, statt zu studieren. Es war eine sehr aufregende und magische Zeit … und der Beginn meiner lebenslangen Obsession, in der Vergangenheit herumzuwühlen.


Es sieht so aus, als wären Sie fasziniert von dem Konzept Familie – dass Menschen anders sind, als man denkt und dass es eine Sache der Erinnerung ist, wie man sich als Individuum an die Vergangenheit entsinnt. Was hat Sie dazu bewogen, diese Familie auf diese ganz bestimmte Art und Weise zu erschaffen?

Da ich die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven erzählte und die Geheimnisse ganz dicht an der Oberfläche lagen, wollte ich die Ränder zwischen den unterschiedlichen Perspektiven verschwimmen lassen. Mir gefiel die Idee einer Erzählung im Stil von ‚Stille Post‘: Bei jedem Erzählen wird eine leicht veränderte Version der Wahrheit sichtbar.
Ich gab den Jarmans eine komplexe, skandalöse Vergangenheit, weil ich Audrey in ihre Mitte ziehen und dann zwingen wollte, das schreckliche Geheimnis, das sich hinter ihrer Fassade verbarg, zu lüften. Da der überwiegende Anteil ihrer Informationen von Menschen mit widersprüchlichen Erinnerungen und Meinungen stammte, musste sie die unterschiedlichen Informationen zusammenfügen und ihre eigenen Schlüsse darüber ziehen, was tatsächlich passiert war.


Sie arbeiten an Ihrem nächsten Roman, können Sie uns schon verraten, worum es darin gehen wird?

Mein nächster Roman handelt von einer jungen Frau, die aus der Stadt in den Busch kommt, zwei rothaarigen Kelpies, einem wundervollen, zerfallenen alten Haus und einem Mann mit einem dunklen. gefährlichen Geheimnis …

Der zeitgenössische Teil der Geschichte spielt im ländlichen New South Wales, den historische Teil vertritt das Tagebuch einer Frau, die um 1900 in Tasmanien des Mordes angeklagt wird. Wieder geht es um Schicksal, freien Willen und die Gefahren einer Vergangenheit, die die Gegenwart überschattet und beeinflusst.