Interviews mit Anna Romer zu ihrem Roman »Das Rosenholzzimmer« - Goldmann Verlag

Der Booktopia-Guru stellt Anna Romer zehn schreckliche Fragen

Anna Romer
© Sarah Ruthven

1. Erzählen Sie uns zu Beginn doch etwas über sich. Wo wurden Sie geboren, wo sind Sie aufgewachsen, wo zur Schule gegangen?

Ich wurde in Sydney geboren und verbrachte den überwiegenden Teil meiner Kindheit in der netten Kleinstadt Sawtel an der Nordküste von New South Wales. Aufgewachsen bin ich in Queanbeyan, wo wir in einem wundervollen Haus am Stadtrand wohnten, das jede Menge Geheimzimmer und -gänge hatte.


2. Was wollten Sie werden, als Sie zwölf, achtzehn und dreißig waren? Und warum?

Mit zwölf wollte ich Tierärztin werden. Als Kind las mir meine Großmutter Geschichten über Tierarzte in Afrika vor, und ich träumte davon, einen kleinen Löwen als Haustier zu besitzen und Elefanten vor Wilderern zu retten. Mit achtzehn beschloss ich, Künstlerin zu werden – auch dazu inspirierte mich meine Großmutter, weil sie eine wunderbare Malerin war und ich sie sehr bewunderte. Als ich dreißig wurde, führte meine lebenslange Liebe zu Büchern dazu, dass ich selbst Geschichten schreiben wollte.


3. Welche Überzeugungen hatten Sie mit achtzehn, die Sie heute nicht mehr vertreten?

Mit achtzehn glaubte ich, dass ich zu nichts taugte. Wenn man nicht mit irgendeinem besonderen Talent geboren wurde, hatte man eben Pech gehabt. Inzwischen bin ich überzeugt, dass man definitiv erfolgreich sein kann, wenn man mit Herz und Seele bei dem ist, was man will, und alles aussperrt, was negativ ist – egal, ob es von einem selbst oder von außen kommt.


4. Welche drei Kunstwerke – Bücher, Gemälde, Musik etc. – hatten, soweit Sie heute wissen, einen großen Einfluss auf Sie persönlich und Ihre Entwicklung als Schriftstellerin?

Kublai Khan von Samuel Taylor Coleridge. Ich liebte dieses geheimnisvolle Gedicht über das „prächtige Lustschloss“ (was immer das sein mochte!), und es faszinierte mich, dass es von einem Opiumrausch inspiriert worden war. Ich habe einmal ein Bild davon gemalt, und ich trage die Idee eines im Gebirge verborgenen Palastes mit einem Fluss in der Nähe immer noch mit mir herum (er hat Ähnlichkeit mit meinem heutigen Zuhause, nur ist es kein Palast, sondern ein Bungalow). Das unterschwellige Gefühl einer Bedrohung, das ich in dem Gedicht entdeckte, habe ich mein ganzes Leben behalten, und eins meiner Lieblingsthemen ist bis heute die Vorstellung einer Gefahr, die hinter einer schönen Fassade lauert.

Mary Shelleys Frankenstein. Als Teenager identifizierte ich mich mit dem armen Monstrum, das so missverstanden und einsam war! Schon immer haben mich düstere, geheimnisvolle Geschichten angezogen, und die Themen von Frankenstein – Beziehungen, Verlust, Tod, die Zerbrechlichkeit des Lebens und unsere emotionale Verbindung zur Natur – waren bereits tief in mir verankert. Ich kann dieses unheimliche Meisterwerk heute noch zur Hand nehmen und in seinen Seiten das Echo bestimmter Fragen finden, mit denen ich mich in meinen eigenen Werken beschäftige.

Emily Brontёs Sturmhöhe. Diese Geschichte liebe ich wegen ihrer unbändigen Leidenschaft, der windgepeitschten Kulisse und der Vorstellung, dass Liebe nicht immer rosig und herzensgut ist, sondern auch grausam und eigennützig sein kann. Dass ich als Teenagerin so sehr davon beeindruckt war, erklärt wahrscheinlich, warum ich mich bis zum heutigen Tag mit Obsession und anderen finsteren Interpretationen der Liebe beschäftige.


5. Warum haben Sie angesichts Ihrer vielen künstlerischen Begabungen beschlossen, ausgerechnet einen Roman zu schreiben?

Auch als die Malerei meine kreative Hauptbeschäftigung war, wollte ich Geschichten erzählen. Meine Bilder waren voll von Themen, die ich dreist dem einen oder anderen Märchen entlehnt hatte – moderne Rapunzel, die mit ihrem langen Haar durch Fenster steigen, schlafende Schönheiten mit Büchern in der Hand oder weise Kaninchen, die durch schattige Landschaften flitzen. Irgendwann wurde mir etwas bewusst: Ganz gleich, wie viele Geschichten ich malte, immer kratzte ich nur an der Oberflache einer viel komplexeren Geschichte, die ich erzählen wollte. Das Schreiben eines Romans hat es mir ermöglicht, in die Tiefe zu gehen, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, in vielschichtigen Facetten zu beleuchten und intensiver in die Psyche meiner Charaktere einzutauchen.


6. Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Roman …

„Das Rosenholzzimmer“ spielt im ländlichen Queensland, in der fiktiven Stadt Magpie Creek. Audrey hat ein wunderschönes Haus geerbt, wo sie in einem verstaubten Hinterzimmer das Foto eines gut aussehenden Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg findet. Bald ist sie geradezu besessen von ihm und erfährt, dass er nach seiner Rückkehr aus dem Krieg beschuldigt wurde, eine Frau ermordet zu haben. Da sie nicht im Schatten eines Mörders leben will, versucht Audrey herauszufinden und zu verstehen, was in jener Nacht des Jahres 1946 wirklich passiert war. Ihre Fixierung auf die Vergangenheit bringt natürlich Probleme mit sich, und es wird ihr bewusst, dass sie dem Mörder allen Grund gegeben hat, nun hinter ihr her zu sein.


7. Was können die Leser aus Ihren Büchern mitnehmen?

Meine liebsten Geschichten sind diejenigen, die mich zum Nachdenken bringen und mir ermöglichen, die Reise, auf die sie mich mitgenommen haben, auch wirklich auszukosten. Manchmal lassen sie mich auch mit einem Gefühl des Staunens, der Offenbarung oder neuer Lebenserkenntnisse zurück. Ich glaube, dass ich den Lesern meiner Geschichten genau dieses Vergnügen wünsche.


8. Welche Figur im Bereich der Literatur bewundern Sie am meisten und warum?

Ich bin ein großer Fan australischer Fiktion. Es gibt so viele wunderbare Autoren in unserem Land, und ich liebe die Frische und Originalität australischer Stimmen … aber der Mensch, den ich am meisten bewundere, ist meine Agentin Selwa Anthony. Sie ist unermüdlich, furchtlos und leidenschaftlich. Sie vertritt mich seit zehn Jahre, hat immer an mich geglaubt (trotz der Flut von Absagen, die ich bekam) und mir die besten Ratschläge gegeben. Sie weiß, wann man streng und wann man freundlich sein muss (beides habe ich in diesen Jahren am eigenen Leib erfahren!). und das schätze ich außerordentlich an ihr.


9. Viele Künstler setzen sich ehrgeizige Ziele. Welche sind die Ihren?

Nachdem ich zehn Jahre gebraucht habe, um überhaupt einen Verleger zu finden, möchte ich unbedingt den Stapel von unfertigen Romanen in meiner Schublade zu Ende schreiben. Wenn ich jedes Jahr ein Buch schreiben und meine schriftstellerischen Fähigkeiten dabei weiterentwickeln konnte, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.


10. Welchen Rat können Sie einem angehenden Schriftsteller erteilen?

Such dir ein prickelndes Thema aus: Reinkarnation, verbotene Liebe, Opfer, ein Leben voller Schuldgefühle etc. Recherchiere über das Thema, indem du Bilder und Zeitungsartikel sammelst, die dich packen, sieh dir Filme an, lies darüber. Verlier nicht den roten Faden deiner Begeisterung und Faszination, hör niemals auf zuzuhören und zu recherchieren … und es wird nicht lange dauern, bis deine Geschichte an die Oberfläche kommt. Dann greif zu – tauch ein, genieße den Prozess und schreib auf, was dir am Herzen liegt.
Joseph Campbell hat einmal gesagt: „Folge deinem Glück“ und das ist wahrscheinlich der beste Rat, den man jemandem fürs Leben ebenso wie für die Kunst geben kann.