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SPECIAL zu Irène Némirovsky

Das literarische Vermächtnis einer großen Autorin

Némirovsky, Irène
© Fonds Irène Némirovsky/Archives IMEC

Mein Freund, ich schreibe zurzeit viel. Ich denke, es wird ein posthumes Werk werden. Doch auf diese Weise vergeht die Zeit.
(Irène Némirovsky an ihren Verleger Albin Michel, 1942)


Der wieder entdeckte Roman Suite française von Irène Némirovsky wurde 2004 zur literarischen Sensation. Über sechzig Jahre lag das Vermächtnis der französischen Starautorin der 30er Jahre unerkannt in einem Koffer - bis der Zufall dieses eindrucksvolle Sittengemälde aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte. Der Roman ist vieles zugleich: eindringliches historisches Zeitzeugnis, perfekt durchkomponierte literarische Bilderfolge, persönliche Abrechnung mit dem reichen, standesbewußten Großbürgertum (dem die Autorin selbst entstammte) und bisweilen eine mit zynischem Pessimismus geschriebene Sozialsatire.

"Sturm im Juni", der erste Teil der Suite française, beschreibt die Zeit im Sommer 1940. Die deutsche Armee steht vor Paris. Die Bewohner fürchten das Schlimmste, geraten in Panik, ein jeder rafft seine letzten Habseligkeiten zusammen. Die große Flucht beginnt. Angesichts der bevorstehenden Katastrophe zeigen die Menschen plötzlich ihr wahres Gesicht: Da sind diejenigen, die nur ihre eigene Haut retten wollen, und andere, die sich jenseits aller sozialen Klassen mit wildfremden Menschen verbünden. Das ganze Land ist in Aufruhr, nichts scheint in diesem Sommer unmöglich zu sein. Das Tragische mischt sich oft mit dem Grotesken: Es werden Messen zum Gedenken an Tote gelesen, die plötzlich lebendig und unversehrt wiederauftauchen. Eine Großbürgerin flieht Hals über Kopf mit ihren Kindern aus einem Übergangsquartier und merkt erst im nächsten Ort, dass sie ihren alten Schwiegervater vergessen hat.

Der zweite Teil, "Dolce", spielt 1942 in dem von den Deutschen besetzten Dorf Bussy. Jedem Haus ist ein deutscher Soldat zugewiesen. Doch die anfängliche Feindseligkeit wendet sich bei den Bewohnern schon bald zu einer pragmatischen Bauernschläue. Sie akzeptieren die Besatzer, bieten ihnen überteuerte Waren an und denken insgeheim: "Sie werden wieder gehen, lassen wir sie also vorher ordentlich bezahlen". Und manche Bewohner entwickeln nach und nach eine Sympathie für die Deutschen, sehen die Soldaten als Menschen, die ebenfalls auf ein schnelles Ende des Krieges hoffen und sich nach ihren Familien sehnen.

Irène Némirovsky hält mit diesem erschütternden Roman Frankreich einen Spiegel vor. Mit luzidem psychologischem Blick beobachtet sie, wie sich die unterschiedlichsten Menschen in der Ausnahmesituation Krieg verhalten und an welche Dinge und Werte sie sich angesichts der existenziellen Bedrohung klammern. Sie beschreibt Niedertracht und Selbstgefälligkeit, Hoffnung und Illusion, Überlebenskampf und die große Sehnsucht nach Frieden. Der Leser durchlebt die unterschiedlichen Milieus, Geschlechter und Generationen, erkennt, dass es keine Schwarz-Weiß-Malerei, keine eindeutige Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern geben kann. Und trotz des düsteren Hintergrunds gelingt es der Autorin, allen Begebenheiten und Figuren stets einen Funken Hoffnung, Menschlichkeit oder sogar Komik abzugewinnen.

In ihrer Schreibtechnik orientierte sich Irène Némirovsky an der Tradition des französischen Realismus. Zunächst entwarf sie das gesamte Handlungsgerüst. Auf diese Weise konnte sie ihre Charaktere kennen lernen, für die sie sogar oft ein komplettes Heft anlegte, um deren Vergangenheit, Persönlichkeit, Erscheinung und Ausbildung detailliert aufzulisten. Die im Anhang abgedruckten ausführlichen Notizen zu den Figuren und den späteren Handlungsverlauf der Suite française geben einen anschaulichen Eindruck von Irène Némirovskys Arbeitsweise und davon, als was für ein gigantisches letztes Werk mit über 1000 Seiten das Buch geplant war.

Von Gustav Flaubert lieh sich die Autorin die sogenannte "indirekte Methode": Ihr Ideal war es, nichts zu erklären, die auktoriale Erzählstimme zu verbergen und die Charaktere und die Handlung abzubilden anstatt darüber zu berichten oder zu kommentieren. In ihren Notizen hielt sie auf Englisch fest: "The reader has only to see and hear."

Irène Némirovsky hatte ihre Suite française in Anlehnung an eine musikalische Suite als Abfolge von fünf Teilen geplant. Die ersten beiden Teile, "Sturm im Juni" und "Dolce" konnte die Autorin beenden, dann wurde sie nach Auschwitz deportiert. Doch auch in seiner nicht abgeschlossenen Form hat Irène Némirovsky der Nachwelt einen großen, perfekten Roman hinterlassen. Seit seinem Erscheinen in Frankreich im Herbst 2004 wird das Werk in seiner Bedeutung mit Tolstois Krieg und Frieden verglichen. Auch international war die Begeisterung über diese Entdeckung groß. Denn es ist eines der wenigen literarischen Zeitdokumente, das aus der unmittelbaren Kriegserfahrung heraus geschrieben wurde. Suite française wurde bisher in über 20 Länder verkauft, und bereits im Vorfeld sparte die internationale Presse nicht mit Lobeshymnen.