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SPECIAL zu Irma Kraus »Das Wolkenzimmer«

Die 18-jährige Veronika ist verzweifelt. Sie wollte mit ihrem Freund Mattis in Sommerurlaub fahren, doch auf dem Weg nach Italien haben sich die beiden heftig gestritten. Veronika stürzt in einer mittelalterlich aussehenden Kleinstadt aus dem Auto und rennt geradewegs auf den Turm zu, der in der Stadtmitte aufragt. Blind vor Liebeskummer will sie von dort in den Tod springen. Und Mattis? Mattis fährt einfach weiter nach Italien.

Ein verhinderter Selbstmord
Veronika stürmt die Stufen des Turms hoch um sich von dort hinunterzustürzen. Doch als sie oben auf dem Kranz steht, zögert sie. Sie klebt an der Turmmauer, kann nicht springen und nicht gehen und nicht bleiben - und in dieser Situation trifft sie auf den alten Turmwächter. Der amerikanische Türmer Mr James, der den Turm instand hält und dort sogar wohnt, reagiert ablehnend. Er will Veronika wieder loswerden, aber sie bleibt einfach da, drückt sich in den Turmzimmern herum und weigert sich zu gehen, weil sie auch gar nicht weiß, wohin sie gehen sollte. Und noch ein anderer Gedanke beschäftigt sie: Wenn Mattis umkehren sollte, um sie zu suchen, wird er sie nur hier wiederfinden können: in dieser Kleinstadt und in diesem prominentesten Gebäude.

Welches Geheimnis verbirgt der Turmwächter?
Zwei Menschen allein auf einem Turm können sich nicht gut aus dem Weg gehen, wenn einer von ihnen auf die Hilfe des anderen angewiesen ist, und das ist Veronika, denn zu allem anderen kommt, dass sie kein Geld hat. Veronika flüchtet sich in Zorn und Sturheit, Mr James reagiert mürrisch und verschlossen, aber ganz allmählich beginnen sie sich dort füreinander zu interessieren. Mr James teilt sein Essen mit Veronika, gibt ihr einen Schlafplatz und kleinere Arbeiten im Turm. Veronika, die weiterhin auf Mattis wartet, mal selbstmitleidig, mal verzweifelt, bemerkt im Laufe der Tage, dass Mr James irgendein Geheimnis umgibt. Sie fragt danach, aber er weicht aus - und kann doch nicht verhindern, dass Veronikas Anwesenheit Erinnerungen in ihm wach ruft.

Ein kleiner jüdischer Junge in der NS-Zeit
Sobald diese Erinnerungen erwachen, springt die Geschichte in Rückblenden immer wieder zurück zu einem kleinen jüdischen Jungen namens Jascha Rosen. Er lebt in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, seine Eltern sind längst tot, der große Bruder Hermann konnte nach Amerika fliehen, und die Tante und der Onkel, seine einzigen Bezugspersonen, werden eines Tages mit ihren Kindern abgeholt. Auch Jascha soll deportiert werden, so wie ausnahmslos alle Juden der Stadt, doch auf dem Bahnhof gelingt ihm als Einzigem die Flucht. Jascha muss durchhalten, das hat ihm Hermann eingebleut, er muss überleben, bis sein großer Bruder ihn nach dem Krieg wie versprochen holt. Und Jascha soll auch durchhalten, um später die Wahrheit über das NS-Regime erzählen zu können.

Das Versteck im "Wolkenzimmer"
Jascha gelingt die Flucht in den Turm, wo er sich kurzzeitig vor den deutschen Soldaten verstecken kann - aber nicht vor dem einarmigen Türmer, dem damaligen Hüter des Turms. Der Einarmige hilft dem Jungen, zunächst widerwillig, weil seine eigenen Söhne im Krieg gefallen sind und dieser kleine Junge in seiner Obhut noch leben darf. Aber der kleine Jascha rührt sein Herz. Er versteckt ihn im Turm an den unzugänglichsten, schwindeligsten Orten und schenkt ihm neben Brot und Wasser auch ein bisschen Liebe und Wärme. Jascha überlebt den Hunger, die tödliche Gefahr, die Bombenangriffe und die unvorstellbare Einsamkeit in seinem "Wolkenzimmer", drei Jahre lang, bis die Amerikaner kommen. Aber die Erfahrungen prägen ihn für immer und machen ihn zu einem Menschen, der Nähe zu anderen nicht mehr zulassen will.

Der unschätzbare Wert des Lebens
Mr James, der früher einmal Jascha war, lässt Veronika nicht an allen Erinnerungen teilhaben. Aber dass er sich überhaupt einem anderen Menschen öffnet und ihm von damals erzählt, ist neu für ihn. Eigentlich war er nur nach Deutschland zurückgekommen, um seine letzten Lebensjahre unerkannt an dem Ort zu verbringen, an dem er es durch die Güte eines anderen Menschen einst retten konnte. Die Begegnung mit Veronika ändert alles. Ihre Gespräche im Wolkenzimmer lassen beide die Kostbarkeit des Lebens erkennen.

"Das ist das Buch, das ich herbeigesehnt habe, als ich in Klassen mit jungen Menschen stand und nach Worten suchte, um ihnen das Unglaubliche, das Grausame, das Unerklärliche des Naziregimes nahe zu bringen." (Dr. Barbara Staudigl, Katholische Universität Eichstätt)