Iskari Landkarte, © Elsa Kroese

Die Welt der Iskari-Saga

Ohne Roas Mut und Klugheit und ihre Krieger aus dem Buschland hätte Dax, der Erbe des Drachenthrons, seinen grausamen Vater nie stürzen können. Um endgültigen Frieden zwischen den Völkern zu stiften, heiraten die beiden. Obwohl Roa einem anderen versprochen war und Dax scheinbar allen Mädchen hinterher schaut. Bereits auf dem gefährlichen Weg in die Hauptstadt Firgaard kommt es zum ersten Streit zwischen den beiden. Und auch von außen drohen Gefahren: Der junge König muss um das Leben seiner Schwester Asha, der geflüchteten Iskari, kämpfen. Und Feinde am Hof nehmen augenblicklich die fremde, neue Königin ins Visier. Sie kennen dank Roas früherem Verlobten ihre Schwachstelle: ihre Zwillingsschwester Essie, deren Seele seit ihrem Tod in einem weißen Falken gefangen ist, der Roa überallhin begleitet.
Gerade als sich Roa Dax öffnet und sich in den charmanten Jungen mit den dunklen Locken verliebt, erhält sie ein ebenso unwiderstehliches wie lebensgefährliches Angebot: Wenn sie den jungen Drachenkönig tötet, kehrt Essie ins Leben zurück ...

Jetzt in Teil 2 reinlesen:

Das Messer der Himmelsweberin (Prolog)



Es war einmal ein Mann namens Sunder, der sein Leben liebte. Jeden Tag stand er im Morgengrauen auf und lief auf seine Felder hinaus. Er bestaunte den Regen, der seine Feldfrüchte nährte, und die Sonne, die sie wachsen ließ. Er freute sich über die Kraft seiner eigenen zwei Hände. Die pflanzten und droschen und sein Haus bauten. Die sein Kind in den Schlaf wiegten.

Sunder liebte sein Leben so sehr, dass er sich versteckte, als der Tod ihn holen wollte.

Der Tod suchte in Sunders Haus und konnte ihn nicht finden.

Der Tod rief über die Felder, doch Sunder kam nicht.

Also gab der Tod auf und nahm an seiner statt jemand anderen.

Als Sunder aus seinem Versteck kroch, lachte er über seine eigene Schlauheit. Fröhlich pfeifend, spazierte er nach Hause. Doch als er sich seinem Haus näherte, erschreckte ihn ein Geräusch.

Jemand wehklagte.

Sunder öffnete die Tür und sah seine Frau auf dem Küchenboden knien, ihr Kind an die Brust gepresst. Als Sunder neben ihr auf die Knie fi el, stellte er fest, dass die Augen seiner kleinen Tochter leblos waren, ihr Körperchen kalt.

Sunder verfluchte seine Schläue. Er weinte und raufte sich die Haare.

Von jenem Tag an stand Sunder nicht mehr im Morgengrauen auf. Bestaunte nicht mehr den Regen oder die
Sonne. Und wenn er sich in dem Haus umsah, das er gebaut hatte, sah er nur, was er verloren hatte.

Er flehte den Tod an, ihm seine Tochter zurückzugeben. Doch das konnte der Tod nicht. Ihre Seele war bei der Himmelsweberin.

Also brach Sunder auf, um es wiedergutzumachen.

Er fand die Göttin der Seelen an ihrem Webstuhl. Die Kette ihrer Webarbeit bestand aus den Träumen der Lebenden, der Schuss aus den Erinnerungen der Toten. Als sie hörte, wie Sunder sich näherte, verharrte das Schiffchen der Himmelsweberin. Sie ließ die Arbeit ruhen.

Sunder fiel auf die Knie, und er flehte sie an.
»Worum du mich bittest, hat einen Preis«, sagte sie.
»Was es auch sei, ich zahle ihn.«

Die Himmelsweberin erhob sich. »Deine Seele ist es, die du mir schuldest. Dein Tod, um den du mich betrogen hast.«

Sunder schloss die Augen und dachte an den Regen, der seine Feldfrüchte nährte, und an die Sonne, die sie wachsen ließ, und an die Kraft seiner eigenen zwei Hände.

»Ich kann die Seele deiner Tochter zurückgeben. Ich kann ihr Leben zurückgeben.« Die Himmelsweberin nahm ihr Messer. »Aber nur du kannst den Preis dafür zahlen.«

Sunder blickte zu der gesichtslosen Göttin auf und sagte: »Dann nimm sie.«

Also hob die Himmelsweberin ihr Messer – und durchtrennte die Verankerung seiner Seele.

Kapitel Eins

Ihre Schwester hatte gesagt, es werde ein Jahr dauern, eine Armee aufzustellen, den Tyrannen zu stürzen und den neuen König zu heiraten.

Roa hatte es in nur drei Monaten geschafft.

Und nun saß sie hier an dem auf Hochglanz polierten Akazientisch im kleinsten Pavillon ihres Elternhauses. Die Luft roch rauchig süß vom Herdfeuer, und Essie hockte auf ihrer Schulter, krümmte und lockerte abwechselnd ihre Krallen, während Roa ungeduldig mit ihren nackten Füßen wippte.

Fünf Tage Friedensverhandlungen setzten beiden allmählich zu.

Die Waffen aller anwesenden Männer und Frauen – lange und kurze Dolche, elegant geschnitzte Streitkolben, schimmernde Säbel – türmten sich in der Mitte des Tischs, gerade so außer Reichweite, als Zeichen des Vertrauens. Nur drei Stühle waren leer. Sie gehörten den Vertretern des Hauses des Himmels, und sie waren schon die ganze Woche frei geblieben, worüber allerdings niemand sprach. Am wenigsten Roa.

Jetzt starrte sie den freien Stuhl zu ihrer Linken an und stellte sich den jungen Mann vor, dessen angestammter Platz das war. Kräftige Schultern. Weizengoldene Augen. Dunkelbraunes, aus dem attraktiven Gesicht zurückgenommenes Haar.

Theo, Erbe des Hauses des Himmels. Roas ehemaliger Verlobter.

Er war schon immer stur. Essies Gedanken durchdrangen Roas Geist, während ihre Klauen sich in ihre Haut bohrten. Aber so stur noch nie.

Roa strich über den zarten Flügel des weißen Falken auf ihrer Schulter. Hell und warm spürte sie in ihrem Inneren das unsichtbare Band zwischen ihnen, das Essie das Summen nannte.

Ich habe ihn hintergangen, dachte Roa. Mich würde es nicht überraschen, wenn er nie wieder mit mir spricht.

Plötzlich wurde ihre stumme Unterhaltung von einem Schnarchen unterbrochen.

Die neue Königin und ihr Falke wandten sich abrupt von Theos Stuhl ab und dem jungen Mann neben Roa zu. Das goldene Nachmittagslicht strömte durch die Fenster herein und leuchtete auf seinen widerspenstigen braunen Locken. Er hatte den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Faust gestützt, und die langen schwarzen Wimpern flatterten sacht auf seinen Wangen.

Das war der Drachenkönig. Eingeschlafen bei wichtigen Vertragsverhandlungen.

Dieser … Nichtsnutz war der Mensch, für den Roa alles aufgegeben hatte.

Beim Klang seines Schnarchens schnaubte sie innerlich vor Wut und betrachtete das um den Tisch versammelte Dutzend Männer und Frauen, allesamt Vertreter der Großen Häuser des Buschlands.

Sie betete, dass sie das Schnarchen nicht bemerkten.

Doch es war ein sinnloses Beten. Natürlich bemerkten sie es. Dax war schon die ganze Woche über bei den Vertragsverhandlungen eingeschlafen und hatte dadurch allen die Wahrheit enthüllt: Ihm war es egal, dass die Sanktionen seines Vaters noch nicht aufgehoben waren und dass Roas Volk immer noch Hunger litt.

Solche Dinge interessierten Dax nicht.

Weshalb Roa hier war. Sie hatte darauf bestanden, das Sandmeer zu durchqueren und persönlich ein offizielles Dokument aufzusetzen. Hätte er erst einen Vertrag unterzeichnet, könnte Dax seine Versprechen nicht einfach brechen. Jedenfalls nicht ohne Konsequenzen.

Weshalb sie alle hier waren, in Roas Elternhaus, die Köpfe über eine Schriftrolle gebeugt.

Roa sah an dem schlafenden König und an dem Waffenberg vorbei und stellte fest, dass ihr Vater sie musterte. Inzwischen, mit fast fünfzig, hatte er graue Strähnen im schwarzen lockigen Haar, und er wirkte dünner und müder als in ihrer Erinnerung. War das möglich? In den gerade einmal zwei Monaten ihrer Abwesenheit? Seine vorn am Halsausschnitt geschlitzte Baumwolltunika war mit dem Muster des Hauses der Lieder geschmückt. Sie glich Roas eigener Kleidung.

Eine richtige Drachenkönigin hätte einen Kaftan in einer kräftigen Farbe getragen, fein bestickte Pantoffeln und einen Goldreif auf dem Kopf. Doch Roa war zuallererst Buschländerin. Sie trug ein von ihrer Mutter genähtes ungefärbtes Leinenkleid und eine Kette aus hellblauen Beryllperlen.

Ihr Vater sah ihr in die Augen und dann kurz zu dem jungen Mann, der neben ihr schnarchte. Sein Gesichtsausdruck war unverkennbar.

Er bemitleidete sie.

Roas Magen zog sich so fest zusammen wie eine Faust.

Sie wollte sich nicht bemitleiden lassen. Ganz bestimmt nicht von ihrem eigenen Vater.

Unter dem Tisch rammte Roa ihrem neuen Ehemann den Ellbogen in die Rippen. Überrascht von der Bewegung, breitete Essie die Flügel aus, um das Gleichgewicht zu halten. Dax schreckte hoch, riss die Augen auf und stieß ein leises Uff! aus. Doch statt sich aufzusetzen und sich zu konzentrieren, statt
irgendein Anzeichen von Reue zu zeigen, gähnte er laut und streckte sich, wodurch er erst recht alle darauf aufmerksam machte, dass er geschlafen hatte.

Als sollten alle wissen, wie wenig ihn das kümmerte.

Weitere Männer und Frauen am Tisch warfen Roa Blicke zu. Als sie von einem zum anderen sah, wandte ein jeder von ihnen das Gesicht ab. Als fühlten sie sich, stellvertretend für Roa, gedemütigt.

Dies waren die Leute, die ihr vertraut hatten, als sie um eine Armee bat, um Dax beim Sturz seines Vaters zu helfen. Und jetzt beobachteten sie Roa mit Scham in den Augen.

Tochter des Hauses der Lieder, konnte sie alle um sich herum denken hören, was hast du nur getan?

Ihre Blicke fühlten sich sengend heiß an, und Roa krallte die Finger in den Stoff ihres Leinenkleids. Sie konnte es kaum erwarten, dass diese Versammlung vorbei war. Noch war allerdings die Schriftrolle nicht von allen unterzeichnet.

Wieder gähnte Dax.

»Langweilen wir dich, mein König?« Sie bemühte sich nicht einmal, ihre Bitterkeit zu verbergen.

»Aber nicht doch.« Seine Aufmerksamkeit wurde von etwas auf der anderen Seite des Tisches angezogen. »Letzte Nacht hab ich nicht so viel geschlafen.«

Rastlos verlagerte Essie ihr Gewicht von einer Klaue auf die andere, während Roa Dax’ Blick folgte: zu der jungen Frau, die gerade den Pavillon betreten hatte. Es war Roas Cousine Sara mit einem Tablett, das sie auf der Hüfte abgestützt hatte. Ihr langes Haar war zu einem Knoten gedreht und mit einem Elfenbeinkamm
befestigt. An den Handgelenken baumelten drei Armbänder aus schimmernden weißen Meeresschneckenhäusern.

Während Sara die Becher mit kaltem Tee abräumte, lächelte sie strahlend unter dem Blick des Königs.

Widerstrebend erinnerte Roa sich an den vergangenen Abend. Nach einer Trinkspiel-Runde mit ihrem Bruder und ihren Cousins hatte Dax unverhohlen den Frauen ihres Haushalts schöne Augen gemacht, unter ihnen Sara. Auch daran musste sie sich noch gewöhnen: Dax’ Flirterei.

Roa war ziemlich sicher, dass er selbst mit einem Drachen flirten würde, wenn er betrunken genug wäre.

Sie wandte sich vom König und ihrer Cousine ab. Das Lächeln, das die beiden einander zuwarfen, wollte sie nicht sehen. Sie wollte nicht sehen, wie weit das Spiel gegangen war.

Doch es gab nur zwei andere Stellen, auf die sie ihren Blick richten konnte: die peinlich berührten Mienen der Vertreter der anderen Häuser oder den leeren Stuhl.

Beides gleichermaßen unerträglich.

Letzten Endes entschied Roa sich für die Folge ihres gebrochenen Versprechens. Unverwandt starrte sie zu Theos Stuhl, als säße er darauf und erwiderte ihren Blick.

Manchmal gestattete sie sich, darüber nachzudenken, wie ihr Leben wäre, wenn sie ihr Versprechen gehalten hätte. Mit Sicherheit würde dann jetzt kein König im Hause ihres Vaters mit ihren Cousinen flirten und sie vor den Menschen, die sie am meisten liebte, demütigen.

Und niemand würde das Buschland beschützen, erklang Essies Stimme in ihrem Kopf. Liebevoll drückten ihre Krallen Roas Schulter. Dax’ Vater hätte uns ausgesaugt.

Und wie geht es weiter?

... das findet Ihr im zweiten Band von Iskari heraus!

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Der US-Trailer zu Band 1