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SPECIAL zu Ismail Boro »Die getürkte Republik«

Leben und leben lassen

Rezension von Karl Hafner

Ismail Boro sucht nach Gründen, warum die Integration türkischer Zuwanderer in Deutschland scheitert.

Lange genug hat es gedauert, bis auch dem Letzten klar wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Nicht aufgrund politischer Entscheidungen, sondern schlicht und einfach, weil die Realität keine anderen Schlüsse zulässt. Dass es zudem mit der Integration von Zuwanderern bisher ziemlich hapert, liegt nach Meinung von Ismail Boro sowohl an einer gescheiterten Integrationspolitik als auch am mangelnden Integrationswillen vieler Zuwanderer.

Boro selbst wurde in der Türkei geboren, ist dann als Achtzehnjähriger zum Studieren nach Deutschland gekommen und in seinem neuen Land geblieben. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Er habe sich, wie er schreibt, bewusst für dieses Land entschieden und trage deshalb dieselbe Verantwortung wie jemand, der hier als Deutscher geboren wurde, nicht mehr und nicht weniger. Wenn er in seinem Buch „Die getürkte Republik“ zuweilen einen harschen Ton gegenüber der Türkei und den Türken anschlägt, dann will er das explizit nicht gegen die Türken verstanden wissen. Dieses Buch sei vielmehr für Deutschland und für Deutsche. Das sei er seinen Kindern und auch Deutschland schuldig.

Falsche Toleranz
Falsch interpretierte Toleranz einerseits, mangelndes Interesse an der Gesellschaft andererseits. hätten uns das beschert, was wir heute haben: „Misstrauen, Verachtung und Hass.“ Falsche Toleranz der deutschen Politik sieht Boro zum Beispiel im Verhalten gegenüber den zwei großen türkischen Verbänden, die eben nicht das Wohl Deutschlands, sondern in erster Linie das Wohl der Türkei im Sinn hätten: die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB).

Die DITIB, ein Verband, dem über 800 Ortsabteilungen unterstehen, ist de facto eine Außendienststelle der türkischen Religionsbehörde. Der oberste DITIB-Funktionär wird von Ankara ernannt und bezahlt. Boro stört hieran insbesondere, dass die DITIB zwar als deutscher Verband auftrete, aber im Endeffekt türkische Interessen vertrete, die ausdrücklich durch deutsch-türkische Verträge auf Staatsebene geregelt werden müssten, offen und ehrlich. Als deutsche Religionsgemeinschaft müsste die DITIB aus Boros Sicht jedoch die Satzung ändern und sich von der Türkei lossagen, zumal die Website der türkischen Behörde im Jahr 2008 noch ein Frauenbild zeichne, dass jegliche Verständigung unmöglich machen müsste.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland würde dagegen nicht nur als Interessensvertretung türkischer Staatsangehöriger in Deutschland auftreten, sondern habe sich die Anliegen aller Türken zur Aufgabe gemacht, auch von denen, die sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben. Sie vertrete also eine auf Rasse und Ethnie zielende Definition, in der ein Türke immer Türke bleibe, egal welche Staatsbürgerschaft er habe. Boro fordert: Entweder die TGD vertrete klar die Interessen der in Deutschland lebenden Türken oder aber sie müsse ihre Satzung ändern und die Interessen Deutscher türkischer Herkunft vertreten.

Die Interessen beider Gruppen seien schließlich nicht identisch. Deutsche Staatsbürger verträten deutsche Interessen, während türkische Staatsbürger am Wohl und Wehe der Türkei interessiert seien. Die doppelte Staatsbürgerschaft lehnt Boro kategorisch ab. Man brauche Menschen, die in guten wie in schlechten Zeiten zu ihrem Land stehen, nicht solche, die nur das Beste aus beiden Welten wollten. Wer in Deutschland die gleichen Rechte, aber auch Pflichten haben wolle wie ein Deutscher, dem stehe es ja frei, Deutscher zu werden.

Verantwortung übernehmen
Boros Kernargument ist die Verantwortung. Beide Seiten müssten mehr davon übernehmen. Auch wenn er vielen Türken, vor allem den organisierten, mangelnden Integrationswilllen bescheinigt, so findet er jedoch auch auf deutscher Seite viele Punkte, die ein friedliches Zusammenleben erschweren und zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Erste Fehler seien schon in den Sechzigern begangen worden, als man türkische Gastarbeiter ins Land holte und davon ausging, diese würden nur eine beschränkte Zeit in Deutschland bleiben.

Die Realität sah anders aus. Die Industrie erkannte schnell, dass es sich mehr lohnt, Arbeitskräfte längerfristig zu beschäftigen anstatt sie alle paar Jahre auszutauschen. Viele Gastarbeiter blieben. Und dennoch dauerte es Jahrzehnte, bis diese neue Realität als solche akzeptiert wurde. Aus Sicht Boros hätte man damals schon solche Auswahlkriterien schaffen müssen, die nur Leute ins Land lassen, die sich mit der deutschen Gesellschaft identifizieren. Das habe man damals nicht gewollt. Man wollte eben nur Arbeitskräfte, möglichst gesund und möglichst anspruchslos. Anstatt diese Menschen dann aufzunehmen, habe man sich „für eine Sprache der Ablehnung und Ausgrenzung und Rückführung“ entschieden.

Daraus müsse man lernen und sich vor Augen führen, dass destruktive Gesetze, die mit Abschiebung und Ausgrenzung operieren und seit 40 Jahren angewandt werden, die Bildung von Parallelgesellschaften nicht verhindern konnten, sondern diese beförderten. Man treibe schließlich diejenigen, die gerne Teil der Gesellschaft geworden sind, in die Arme von Organisationen, denen eben nicht die deutsche Gesellschaft am Herzen liege.

Interesse und Sensibilität
Vielfach mangele es auch einfach an gegenseitigem Interesse und Sensibilität. In einem sehr versöhnlichen Kapitel versucht Boro all die kruden Vorurteile zu widerlegen und einzuordnen, die den in Deutschland lebenden Türken entgegenschlagen: Kriminalität, Ehrenmord, Zwangsehe. Hier geht er auch mit den Medien hart ins Gericht, würden sie doch in der Berichterstattung die Nationalitäten nur dann erwähnen, wenn der Täter Ausländer sei.

Zu allem Überfluss würden dazu sogenannte Experten monokausale Erklärungen anbieten, die immer so gelagert seien, dass die Schuld der Andere trägt. Anstatt beispielsweise „Chancenlosigkeit von Jugendlichen“ als Ursache für Gewalt auszumachen und das eigene Bildungssystem in Frage zu stellen, prognostiziere man lieber so etwas wie Hang zu innerfamiliärer Gewalt in türkischen Familien, Machismus, einen falsch interpretierten Begriff von Ehre, usw. Aus Bequemlichkeit.

Manche Probleme würden auch einfach hochgeschaukelt. So würde der Fall, dass muslimische Eltern ihre Kinder nicht am Sportunterricht teilnehmen lassen, sehr selten vorkommen. Die (ver-)öffentlich(t)e Meinung ließe allerdings den Eindruck entstehen, dass ein geordneter Unterricht deswegen kaum noch möglich sei.

Die Spaltung der Gesellschaft überwinden
Boro fordert in seinem Buch ein Zugehen aufeinander und will diese Forderung explizit an beide Seiten adressiert wissen. Dazu müsse der deutsche Staat genau auf die Einhaltung seiner Gesetze pochen und nicht aus Gründen falsch verstandener Toleranz Zugeständnisse machen. Die deutsche Gesellschaft mit ihrem Schul- und Sozialsystem müsse jedoch auch Bedingungen schaffen, die es den vielen Türken, die gerne in dieser Gesellschaft leben, ermöglichen, sich in dieser Gesellschaft akzeptiert zu fühlen.

Von den Türken fordert er ein klares Bekenntnis zu Deutschland, etwa durch die Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft, oder aber zu akzeptieren, dass gleiche Rechte in einem Land nur mit gleichen Pflichten einhergehen könnten. Auf alle Fälle müsse man daran arbeiten, dass die größer werdende Spaltung zwischen den Bevölkerungsteilen irgendwie gekittet werden kann.

Ingesamt ein Buch, das für weitere Debatten sorgen wird. Hoffentlich auch für Denkanstöße in die richtige Richtung.

Karl Hafner
München, September 2008

Die getürkte Republik Blick ins Buch

Ismail Boro

Die getürkte Republik

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