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Jackie Copleton, Die Farbe der Winterkirschen

Jackie Copleton im Interview zu ihrem Roman »Die Farbe von Winterkirschen«

Wussten Sie, dass Jackie Copleton eine Zeit lang in einem Garderobenschrank geschrieben hat?

Eine kurze Biografie:
Jackie Copleton studierte Englisch an der Cambridge Universität, bevor sie das Land verließ, um in Japan, genauer gesagt in Sprachschulen in Nagasaki und Sapporo, Englisch zu unterrichten. Sie hat zudem als Zeitungsjournalistin in Großbritannien und dem Mittleren Osten gearbeitet. Die Farbe von Winterkirschen ist ihr Debütroman und spielt in Nagasaki in der Zeit vor und nach dem Einschlag der Atombombe am 9. August 1945. Der Roman stand auf der Longlist für den „Baileys Women’s Prize for Fiction“ im Jahr 2016 und wurde vom „Richard and Judy Book Club“ als Buch des Sommers ausgewählt. Sie liebt es, durch die schottischen Highlands zu streunen ebenso wie japanisches Essen. Mit ihrem Mann, der als Football-Reporter arbeitet, lebt sie in Glasgow, Schottland.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Autorin zu werden?
Schon seit Kindesbeinen an wollte ich schreiben, aber ich kannte bis dato keine Autoren und dachte, dass es sich dabei um eine prestigeträchtige Karriere handeln musste, die nur anderen Menschen gegönnt ist. Als ich dann nach Japan zog, begann ich meine ersten zaghaften Schreibversuche. Ich startete mit ein paar Romananfängen, Gedichten, einem Roman. Besonders die Gedichte waren echt mies. Aber dennoch war es die Stadt Nagasaki, in der alles begann. Die Stadt inspirierte mich, eine Geschichte zu erzählen, die der dunkelsten Stunde unserer gemeinsamen Geschichte entsprang. Ich entschied dort zudem, dass ich Journalistin werden wollte, da ich so stets von Wörtern umgeben wäre. Ich wollte unbedingt wissen, wie man simple Sätze bildet, die zugleich lebendig und prägnant sind. Schon seit Jahrzehnten will ich nun einen Roman schreiben – man kann sagen, dass ich in dieser Sache also eher ziemlich lahm bin.

Wo finden Sie Inspirationen für Ihre Romane?
Inspiration finde ich zum einen überall an den Orten, an denen ich schon gelebt oder die ich besucht habe. Insbesondere inspirieren mich Mythen, Folklore und allgemein historische Geschehnisse, die mit ihnen verknüpft sind. Zum anderen animieren mich all jene Herausforderungen, die meine Familie und Freunde durchleben. Aber das darf man nicht falsch verstehen. Ich bediene mich nicht direkt an Geschichten aus meinem näheren Umfeld. Da käme ich mir vor wie ein Blutsauger. Aber durch meine Arbeit als Journalistin gerate ich tagtäglich mit Geschichten von und über Menschen in Berührung und all diese Geschichten schwirren so lange in meinem Kopf umher, bis sie plötzlich hervorschießen, wenn ich sie brauche. Oft beginne ich mit dem Ort, an dem die Geschichte stattfinden soll, dann kommt die Idee, um welche Themen sich die Geschichte drehen soll, und schließlich formen sich die einzelnen Charaktere, die ich fortan im Fokus behalte. Ein langwieriger Prozess, ich weiß … Es gibt sicher weit effizientere Arbeitsmethoden. Mein erster Roman wurde durch meine Zeit in Japan inspiriert, wo ich drei Jahre nach meinem Uniabschluss lebte. Zwei Jahre davon lebte ich in Nagasaki, wo ich viele Menschen traf, die aktiv waren in Friedensbewegungen oder Dokumentationen drehten. In mir wuchs daraufhin das starke Verlangen, selbst eine Geschichte zu schreiben, die sich mit den Folgen des Atombombenabwurfs auseinandersetzt.

An welcher Geschichte arbeiten Sie im Moment?
Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, daher nur so viel: Die Geschichte spielt im Hier und Jetzt an der Westküste Schottlands und wurde inspiriert durch zwei Marinestützpunkte, die in Argyll liegen und das nukleare U-Boot-Programm der britischen Armee stützen. Aber es geht auch um Themen wie mentale Gesundheit, die Kraft des Aufbegehrens, elterliche Liebe und wie wir uns selbst ein Zuhause schaffen können – sei es auch an den unmöglichsten Orten und in den unbeständigsten Zeiten.

Wer zählt zu Ihren Lieblingsautoren? Und warum?
Die Fragen sind echt schwer … Ich liebe eigentlich jedes Buch, das sich nur in mein Blickfeld schiebt. Ich tauche sofort in die Geschichte ein, verschlinge jedes einzelne Wort. Aber ich bin nicht versessen auf Bestseller … Das Lesen an und für sich ist meine Leidenschaft, die Autoren nur Nebensache. Bei Die Farbe von Winterkirschen wurde ich teilweise durch Damals in Nagasaki inspiriert, dem wunderbaren Debütroman von Kazuo Ishiguro. Er spielt in Nagasaki nach dem Zweiten Weltkrieg und ist einfach fantastisch geschrieben.

Welche Bücher haben Sie in letzter Zeit gelesen?
Licht und Zorn von Lauren Groff wirft einen faszinierenden Blick auf eine Ehe, einmal aus der Sicht des Mannes und dann aus der Sicht der Frau. Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara ist ein umwerfendes Buch, das den Leser aber gleichzeitig auch erschüttert zurücklässt. Alles, was je im Leben schiefgehen könnte, passiert dort. Ich glaube, das einzige Problem, das ich mit beiden Büchern habe, ist die Tatsache, dass den Charakteren in ihrer gewählten Karriere einfach alles gelingt, und dass trotz ihrer persönlichen Zweifel. Nie können sie einfach nur gewöhnlich und normal sein – immer müssen sie herausragende Dramaturgen, Autoren, Künstler, Schauspieler sein. Ich schätze, dass da der amerikanische Traum tief in der Psyche vergraben liegt. Momentan lese ich den vierten Teil der autobiografischen Serie von Karl Ove Knausgaard. Beim Lesen fühlt es sich an, als würde man das Leben einer anderen Person leben. Ich lese auch gern Witziges – so habe ich gerade Lisa Owens Not working beendet. Mein Mann schenkte mir den Roman zu Weihnachten, und da ich genau zu dem Zeitpunkt meinen Vollzeitjob an den Nagel gehängt hatte, um mich voll und ganz dem Schreiben zu widmen, frage ich mich jetzt ehrlich gesagt, ob er mir damit nicht etwas sagen wollte …

Was ist Ihre Lebensphilosophie?
Ich bediene mich da an der Philosophie eines wunderbaren norwegischen Freundes: Sei mutig, scheitere rasch, entschuldige dich nicht. Ich nehme die Dinge gerne so hin, wie sie sind und stecke mir immer neue Ziele, um in Bewegung zu bleiben und ja nicht stehen zu bleiben. Zur gleichen Zeit versuche ich, immer den Moment zu genießen und mich nicht zu sehr hinreißen zu lassen von alldem, was vor mir liegt. Außerdem liebe ich es, draußen zu sein … Nicht jeder kann sich so glücklich schätzen, in der Natur zu leben. Ich genieße es sehr, einfach am Meer, am Fluss – zur Not nehme ich auch eine Pfütze – zu sitzen und von dort die Natur, ihre Fülle an Leben zu beobachten und einfach nur zu atmen. Ich glaube, zusammengefasst in einem Wort lautet meine Philosophie schlicht: Atmen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?
Ich versuche so oft es mir möglich ist, in die schottischen Highlands zu entfliehen. Einen Berg zu besteigen erinnert mich oft an das Schreiben eines Romans. Die ersten Schritte am Boden sind die Hölle. Man denkt sich „Warum zum Teufel mache ich das eigentlich? Ich muss jetzt noch stundenlang so vor mich hin stapfen und das Ende ist nun wirklich nicht in Sicht …“. Dann, ganz langsam findet man seinen Schritt, der Atem normalisiert sich, man bemerkt die wunderbare Aussicht und dann, nach ein oder zwei kleineren Anhöhen kommt er endlich – der finale Aufstieg. Der Abstieg endet dann in einem rasanten Hinunterflitzen, um sich mit einem kalten Getränk und einem Schälchen Pommes zu belohnen. Wenn es das Wetter erlaubt, lese ich auch sehr gerne draußen. Am liebsten neben einem Fluss oder neben einem Feuer, so lange bis das Tageslicht schwindet.

Fünf Dinge über Sie, die wir noch nicht wissen …
1. Ich habe eine Zeit lang in einem Garderobenschrank geschrieben – mich hatte Virginia Woolfs Ein Zimmer für sich allein auf der Suche nach einem Arbeitsplatz nur für mich alleine inspiriert.
2. Ich war Mitglied des Frauen-Rugbyteams der Universität Cambridge – und vermisse die manchmal harten Angriffsmanöver dort noch immer.
3. Ich bin einst in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Mittleren Osten verschwunden. Ich hatte meine Koffer eigentlich nur für ein Wochenende in einem Nachbarland gepackt, aber anstatt zurückzukehren, nahm ich einen Billigflug nach Großbritannien.
4. Vermutlich bin ich eine der schlechtesten Sängerinnen der Welt, was mich aber nicht davon abhält, hingebungsvoll alle möglichen Lieder zu schmettern. Bei den Songtexten bin ich dabei äußerst flexibel … Besonders gehe ich damit meinem Mann auf die Nerven.
5. Der Gedanke daran, dass fremde Menschen meine Bücher lesen, schüchtert mich ein wenig ein. Aber dann sage ich mir immer wieder: „Du hast Stunden verbracht, um das Ding endlich fertig zu schreiben – sei nicht so ein Feigling!“

Wie würden Sie Ihr Buch in einem Satz beschreiben?
Eine zugleich herzzerreißende aber auch erbauende Geschichte über die innere Reise einer Mutter, die es endlich schafft, den Menschen zu vergeben, die ihre Tochter auf dem Gewissen haben. Sich selbst eingeschlossen.

Was inspirierte Sie zu Ihrem Buch?
Nagasaki. Ich widme meinen Debütroman als Dankeschön der Stadt und all den Menschen, die ich während meines Aufenthalts als 21-jährige Englischlehrerin dort treffen durfte.
Im August 1995 nahm ich an der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe im Friedenspark in Nagasaki teil. Ich sah ehemalige koreanische Kriegsgefangene, die den Tag vor 50 Jahren miterlebt hatten, Seite an Seite mit Überlebenden der Katastrophe, Politikern und 30.000 anderen Menschen stehen, die alle gemeinsam eine Botschaft verkörperten: Nie wieder.
Daraufhin begann ich, Zeitzeugenberichte von Überlebenden zu lesen. Als ich dann an dem Roman arbeitete, dachte ich viel über Reue und Vergebung nach. Ich wollte herausfinden, ob die Reue mit dem Alter zu- oder eher abnimmt. Können wir den Menschen verzeihen, die uns in unserem Leben Leid zugefügt haben? Können wir uns selbst verzeihen, für all die Fehler, die wir begangen haben?
Nichtsdestotrotz wollte ich eine versöhnliche Geschichte schreiben – eine, die Ama von all ihren Schmerzen befreit, die sie seit Jahren mit sich zieht. Ist es nicht das, was wir am Ende all unseren Lieben wünschen? Wenn ich schon kein fröhliches Ende erfinden konnte, so wollte ich wenigstens ein friedliches finden.

Wer ist Ihre Lieblingsfigur im Roman und warum?
Besonders gern habe ich Amaterasus Ehemann Kenzo, weil er sie bedingungslos liebt, egal, was ihr in ihrer Jugend widerfahren ist, egal, wie hart, mürrisch und zugleich auch gebrechlich sie nach dem Verlust ihrer Tochter und des Enkelsohns geworden ist. Er ist stets unerschütterlich und ungebrochen: seine Antwort auf Trauer ist, so positiv und gut zu leben, wie es nur geht. Er hält seine Frau am Leben – durch seine Fürsorge, seine Hingabe und auch seinen Pragmatismus. Ich erkenne in ihm meine Mutter, die stets liebt, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten. Ja, das ist Kenzo. Kein Schwächling, einfach jemand, der das Herz am rechten Fleck hat.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Es gibt viele Szenen, die mich etwas schwindelig zurückließen. Es war insgesamt ein emotional sehr schwieriges Buch für mich. Die Recherchen führten mich in düstere Abgründe – besonders die Berichte der Kinder von damals, die den Abwurf der Atombombe überlebt haben, ließen mich schaudernd zurück. Ich fühlte eine schwere Last auf mir, den Überlebenden gerecht zu werden, ihnen ausreichend Respekt zu zollen, eine Geschichte zu erzählen, aber nicht voyeuristisch zu wirken. Die Szenen der totalen Verwüstung, die die direkte Auswirkung der Bombe waren, sind zutiefst ergreifend und erschütternd. Es fanden so viele Einäscherungen auf Spielplätzen in den Tagen nach dem Einschlag statt. Besonders entsetzliche Berichte erzählen von Kindern, die in der verkohlten Erde nach den verbrannten Überresten der Eltern und Geschwister wühlen, da dies alles ist, was ihnen von ihrer Familie geblieben ist.

Was denken Sie, welcher Art von Lesern wird Ihr Buch gefallen?
Das Buch wird vor allem diejenigen ansprechen, die sich für historische Romane, für die japanische Kultur und den Zweiten Weltkrieg interessieren. Zudem handelt die Geschichte von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, von der Frage, wie Schuld uns verfolgen kann, wie sie uns daran hindert, vorwärts zu gehen und wie Vergebung für uns selbst die wohl schwierigste Herausforderung sein kann, vor die unser Leben uns stellt. Ich wollte herausfinden, inwiefern es möglich ist, doch noch ein gutes Ende zu erleben, obwohl alles völlig ausweglos scheint.

Gibt es Bücher, mit denen Sie Ihren Roman vergleichen würden?
Der Roman wurde bisher mit Die Klavierspielerin und Die Geisha verglichen. Ich bin immer zurückhaltend, Romane gegeneinander aufzuwiegen, jede einzelne Geschichte ist für mich einzigartig. Wie Fingerabdrücke … Aber ich denke, dass mein Roman sich gut einfügt, auch wenn er an einem so erschütternden Wendepunkt in unserer Geschichte steht. Er ist eine kleine Stimme mit einem hoffentlich großen Echo.

Ein paar Worte an Ihre deutschen Leserinnen und Leser?
Als ich den Entschluss fasste, einen Roman zu schreiben, wusste ich, dass er in Nagasaki spielen würde. Aber mir schien der Abwurf der Atombombe ein zu großes Thema, um es respektvoll zu bewältigen. Aber immer, wenn ich über ein anderes Thema schreiben wollte, tauchte plötzlich eine Frau vor meinen Augen auf, die mein Innerstes bereits kreiert hatte – Amaterasu Takahashi. Und sie ließ mich nicht vom Thema fortkommen.
Das Buch handelt gleichzeitig auch vom Muttersein. Ich schrieb es zu einer Zeit, in der mir bewusst wurde, dass ich womöglich nie eine Mutter sein würde. Teilweise trauerte ich dieser verpassten Rolle hinterher. Und ich fürchte noch immer, dass diese Trauer oder auch Reue im Alter eher zu- als abnehmen wird. Das hoffe ich natürlich nicht … Und dann stellte ich mir die Frage, wie eine Mutter leben kann, wenn ihr Kind stirbt.
Der Zweite Weltkrieg hatte einen enormen Einfluss auf meine Familie. Mein Großvater mütterlicherseits starb in der Normandie, ein Jahr, bevor der Krieg endete. Meine Mutter Roberta wurde einen Monat nach seinem Tod geboren. An ihrem 70. Geburtstag reisten wir nach Frankreich, damit sie zum ersten Mal sein Grab besuchen konnte.
Mein Großvater väterlicherseits diente seinerzeit in Burma. Mein Vater erzählte mir mal, dass er kaum vom Krieg sprach. Wir haben nur wenig Erinnerungen, so z.B. wie er im Dschungel lag und die Rufe der Japaner hörte, die versuchten, die Briten zur Aufgabe zu bewegen; wie er zu einem Sohn heimkehrte, den er noch nie zuvor gesehen hatte und ihm eine Banane mitbrachte. Er starb noch bevor ich geboren wurde. Diese zwei Männer sind die fehlenden Puzzleteile zu meiner eigenen Familie. Wie hätte es mein Leben beeinflusst, wenn ich beide kennengelernt hätte?
Die Farbe von Winterkirschen ist teilweise ein Denkmal für meine beiden Großväter, Robert Brooks und William Copleton. Zudem möchte ich damit den Menschen aus Nagasaki meinen tiefsten und demütigsten Dank aussprechen – für ihre Freundlichkeit, während meiner Zeit dort, für ihr Mitgefühl und ihre Würde, die auch in dieser unfassbaren Tragödie unangetastet bleibt. Und für die Friedensbotschaft, die sie seitdem unermüdlich in die Welt hinaussenden: Nie wieder.

Die Farbe von Winterkirschen Blick ins Buch

Jackie Copleton

Die Farbe von Winterkirschen

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