SPECIAL zu Jacques Berndorf

Von Atombomben und mehr – Jacques Berndorf im Interview

Jacques Berndorf – nach jahrzehntelanger Arbeit als Journalist und Kriegsberichterstatter wandte er der Welt 1984 den Rücken zu und zog in die Eifel. Dass er ausgerechnet von hier aus zu Berühmtheit gelangte, damit hätte er selber am wenigsten gerechnet. Doch seine Eifelkrimis begeisterten die deutschen Leser und landeten regelmäßig in den Bestsellerlisten. Mit seinen neuesten zwei Büchern hat der 73-Jährige beim Random-House-Verlag Heyne thematisch die Provinz verlassen und sich in die Welt der Geheimdienste gestürzt. Im BeNet-Interview erzählt er, wie er es geschafft hat, als erster Außenstehender im BND zu recherchieren, was ihn am Geheimdienst so reizt und wie einfach es ist, herauszufinden, was eine Atombombe kostet.

Jacques Berndorf ist ein Künstlername, wieso?
Jacques Berndorf: Unter meinem bürgerlichen Namen Michael Preute hatte ich vorher als Journalist gearbeitet und Fachbücher geschrieben. Mein Verleger riet mir deshalb zu einem neuen Namen, als ich mit den Eifelkrimis anfing. Berndorf heißt das Dorf, in das ich in der Eifel gezogen bin, der Vorname ist einer frankophilen Phase meines Verlegers geschuldet. Er sagte: ‚Was hältst du von Jacques?' – und ich sagte: ‚Gut'.

Wieso haben Sie sich der Eifel ab- und dem Bundesnachrichtendienst zugewandt?
Jacques Berndorf: Ach, wissen Sie – nach 13 Eifelkrimis hängt einem irgendwann die Eifel zum Halse raus, da braucht der alte Hund mal etwas Abwechslung. Mich haben Geheimdienste schon immer fasziniert. Nicht in der James-Bond-Manier, sondern so, wie sie wirklich sind. Ich habe so viele Kriege gesehen – wussten Sie eigentlich, dass es 546 Kriege nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab? Als Journalist war ich in Vietnam, in Beirut und an allen Enden dieser Welt, danach betrachtet man das Weltgeschehen mit anderen Augen. Mich interessiert die Rolle der Geheimdienste in diesen Kriegen, zum Beispiel der Konflikt zwischen der offiziellen Haltung des BND, dass Agenten keine Waffen tragen, und den realen Gegebenheiten, die meiner Meinung nach Waffen zwingend erfordern.

Sie durften als erster Außenstehender im BND recherchieren. Wie kam es dazu?
Jacques Berndorf: Ich bin kein recherchierender Journalist mehr, der BND wusste, dass ich nur Unterhaltung mache. Das war hilfreich. Dennoch war es für mich wichtig, Fakten zu erfahren, um mich an echten Voraussetzungen orientieren zu können, die in sich schlüssig sind. Viel konnte man mir sagen, weil ich niemanden darauf festnageln wollte, was genau er gesagt hat. Was viele Fakten anging, so erhielt ich oft kein klares „Ja, so ist es“ und auch kein „Nein, das ist falsch.“ Daraus habe ich dann meine Schlüsse gezogen.

Aber wie haben Sie den BND überhaupt dazu gebracht, mit Ihnen zu reden?
Jacques Berndorf: Man hat mich fünf bis acht Mal nach Berlin einfliegen lassen. Dort habe ich dann immer verschiedene Leute getroffen. Ich nehme an, die haben meine Person überprüft und herausfinden wollen, ob meine Aussagen stimmig sind oder ob ich nicht vielleicht doch einen geheimen journalistischen Auftrag habe. Erst danach bin ich an die wichtigen Leute gekommen. Ich habe mit August Hanning, damals Präsident des BND, gesprochen und mir wurde ein Agent „zugewiesen“, mit dem ich mich dann zu Gesprächen getroffen habe. Dieser Mann war zehn Jahre in Afrika und zehn Jahre im Nahen Osten und hatte wirklich etwas zu sagen.

Was wollten Sie von ihm wissen?
Jacques Berndorf: Was ich vor allen Dingen spannend fand, war das Privatleben dieses Agenten. Die Frage ist ja, was erzählt er zu Hause seiner Frau, wenn er einfach mal für ein paar Tage, Wochen, manchmal auch Monate verschwindet, ohne ihr auch nur das Geringste erzählen zu dürfen. Diese Leute müssen damit leben – und die spannende Frage ist: Können sie das? Eins kann ich Ihnen verraten: Ich möchte mit ihm nicht tauschen, ich wäre ein beschissener Agent. Aber das Phänomen des Agenten ist natürlich sehr spannend. Die Tatsache, dass diese Menschen in gewissen Lebensbereichen einfach nicht existieren, dass sie einen Teil ihres Lebens in einer Rolle leben, die keiner kennt.

Haben Sie vom BND schon irgendeine Reaktion auf Ihre Bücher bekommen?
Jacques Berndorf: Keine offizielle, denn ich habe mir das Buch ja nicht autorisieren lassen. Aber eine Pressedame rief mich an und sagte mir: „Herr Berndorf, wenn wir nur so gut wären, wie Sie das beschreiben!“

Ihre Eifelkrimis basierten größtenteils auf realen Morden. Wie viel Realität steckt in Ihren BND-Büchern?
Jacques Berndorf: Die Geschichte von dem Verkauf einer Atombombe ist offensichtlich nicht so passiert. Dennoch: Es hätte so sein können. Was ich nicht realistisch abbilde, ist der riesige wissenschaftliche Apparat des BND mit all seinen Hierarchien. Ich habe mir das alles schildern lassen, aber das ist viel zu komplex, um eine unterhaltsame Geschichte daraus zu stricken. Was den BND betrifft, vielleicht tappe ich völlig im Dunkeln und die amüsieren sich darüber. Dennoch gibt es Elemente in meinem Buch, bei denen ich mir sicher bin, dass sie stimmen. Zum Beispiel die Kosten der Atombombe. Als ich einmal in Berlin beim BND zu Gast war, sprach ich dort in einem Konferenzraum mit einer Reihe von Leuten und stellte einfach die Frage: „Was kostet eine Atombombe?“ Die Frage ist an sich ja schon etwas merkwürdig, aber die Antwort kam blitzschnell: Alles von 500 Millionen an aufwärts.

In Ihren Büchern sind die deutschen Agenten die Helden und – jedenfalls in „Bruderdienst“ – kommen die Amerikaner eher schlecht weg …
Jacques Berndorf: Es wird noch Fälle geben, wo die Amerikaner die Guten sind – und im nächsten Buch zum Beispiel kriegt mein BND-Team schwer eins mit. Aber ich erzähle natürlich schon eine Geschichte von Helden. Das ist der einfachste Trick des Erzählers. Krause ist mein größter Held, er ist derjenige, der den Überblick behält. Er hat viel Lebenserfahrung, musste viele Niederlagen einstecken und hat einen gewissen philosophischen Hintergrund. Er basiert übrigens auf einer realen Figur, allerdings kein Agent, sondern ein Chefredakteur, den ich mal hatte. Bei den anderen Figuren greife ich eben das auf, was ich eben schon sagte: Das Faszinosum des Agenten. Zum Beispiel Müller: Er ist leicht soziopathisch, nirgendwo zu Hause. Das hat sicher auch was mit meiner eigenen Person und mit meinem Leben als Journalist zu tun, aber ich bin froh, dass ich dieses Stadium hinter mir habe.

Und in welchem Stadium sind Sie jetzt?
Jacques Berndorf: Ich bin ein professioneller Lügner, ganz abseits des Journalismus. Ich traue mir zu, gute Geschichten zu erfinden. Dabei kommt es mir nicht auf Stilistik oder Literatur an, ich will einfach nur Geschichten erzählen – und spannend sollten sie sein.

Sie sprachen schon von einer nächsten BND-Geschichte. Wird die Agenten-Krimi-Reihe so lang wie vorher die der Eifelkrimis?
Jacques Berndorf: Heyne war von Anfang an einverstanden, mehrere Bücher von mir zu veröffentlichen. Das erste Telefonat dauerte drei Minuten, dann war alles unter Dach und Fach. Nun habe ich drei weitere bereits zugesagt. Aber ob ich die tatsächlich schreibe, das hängt nicht nur vom alten Mann hier unten, sondern vor allem vom alten Mann da oben ab. Solange er mich machen lässt, schreibe ich weiter.
Das Interview führte Judith Lövenich
Text und Fotos © BeNet Gütersloh, 2008