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Jake Woodhouse "Der fünfte Tag"

Jake Woodhouse im Interview zu "Der fünfte Tag"

„Mit diesem Namen sollten Sie Thriller schreiben”

Woodhouse, Jake
© Marc Gascoigne

Jake Woodhouse über seine Berufung als Autor, seine Liebe zu Amsterdam und seinen Debütroman "Der fünfte Tag"

Bevor Sie Ihren ersten Roman, DER FÜNFTE TAG, schrieben, übten Sie ganz unterschiedliche Berufe aus: Sie waren Musiker, Instrumentenbauer, Winzer und Weinhändler. Würden Sie sich als leidenschaftlicher Mensch bezeichnen, der seine Konzentration und Energie immer ganz einer Sache widmet?

Diese Beschreibung trifft es ziemlich gut, ich neige dazu, mich für eine Sache zu begeistern und ihr unentwegt nachzugehen, bis es mich langweilt und ich mich etwas anderem zuwende. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist das zwar nicht ideal, aber so habe ich wenigstens auf vielen unterschiedlichen Gebieten wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Wie sind Sie schließlich aufs Schreiben gekommen?


Eigentlich wollte ich schon immer schreiben, aber ich habe es mir nicht richtig eingestanden. Ich wuchs ohne Fernseher auf, meine Eltern waren Hippies und wir lebten mit Ziegen und Hühnern in einem alten Haus auf dem Land. Daher war ich entweder draußen unterwegs oder ich las viel. Aber warum auch immer, vielleicht aus Angst, setzte ich den Wunsch zu schreiben nie in die Tat um, bis ich mit 35 Jahren ins Krankenhaus kam. Ich wachte mitten in der Nacht nach einer Notoperation auf und da stand eine Krankenschwester, die gerade die Notizen auf dem Klemmbrett am Fußende des Bettes überprüfte. Sie warf einen Blick darauf, las meinen Namen und sagte: „Mit diesem Namen sollten Sie Thriller schreiben.“ Da traf mich die Erkenntnis, dass es nun wirklich keine Ausrede mehr gibt und ich es versuchen muss.

Sie haben in Italien, England, den Niederlanden und Neuseeland gelebt. Was hat Sie an Amsterdam so fasziniert, dass es Ihnen als idealer Schauplatz für einen Thriller erschien?

Ich studierte zwei Jahre in Amsterdam und verliebte mich in die Stadt. Wenn man so etwas sagt, nicken die Leute natürlich, sie grinsen und verziehen das Gesicht, als wären sie high, aber das war für mich nicht der Grund. Es gibt dort einfach alles, einen schönen alten, weitgehend wohlhabenden Stadtkern, und in dessen Umkreis angrenzend die moderneren Stadteile, in denen die Kriminalität höher ist. Ich mochte auch die direkte Art der Leute sehr gern. Die Engländer neigen dazu, sich hinter Höflichkeiten zu verstecken, wohingegen die Holländer oft geradeheraus sind. Das kann einen am Anfang zwar nerven, aber man gewöhnt sich schnell daran.

DER FÜNFTE TAG ist der erste Band einer vierteiligen Serie um den Amsterdamer Kommissar Jaap Rykel. Vordergründig soll er den bizarren Mord an einem Diamantenhändler aufklären, doch in Wirklichkeit brennt ihm nur eines auf der Seele: herauszufinden, wer seinen besten Freund Andreas Hansen erschossen hat, ebenfalls ein Kommissar der Amsterdamer Polizei. Dieser war kurz vor seinem Tod auf eine heiße Spur bei den Ermittlungen gegen eine skrupellose Bande von Drogen- und Mädchenhändlern, die „Schwarzen Tulpen“, gestoßen. Was hat Sie daran gereizt, parallel laufende Ermittlungen in verschiedenen Fällen zu schildern und dadurch ein komplexes Handlungsgeflecht zu erschaffen?

Ich glaube, dass das Leben für die meisten von uns zumindest teilweise kompliziert verläuft und dass sich die Dinge selten geradlinig entwickeln. Ich wollte den Eindruck von einer verworrenen Welt schaffen, von Ereignissen, die verwoben, überraschend und chaotisch erscheinen. Neulich traf ich eine Freundin, mit der ich früher, in meiner Zeit als Oboist, in verschiedenen Orchestern zusammen gespielt hatte, und sie sagte mir, mein Buch erinnere sie an eine Fuge. Ich war verblüfft, denn rückblickend erweckte das Buch tatsächlich einen stark polyphonen Eindruck. Also hatten mich vielleicht all die Jahre, in denen ich Bach gespielt hatte, stärker beeinflusst als angenommen.

Kommissar Jaap Rykel beging vor einigen Jahren einen fatalen Fehler, den er sich nie verzeihen konnte. Durch den Tod seines Freundes Andreas bricht diese alte Wunde wieder auf und stürzt Jaap in eine tiefe Krise. Wie wichtig ist für Sie die innere Entwicklung Ihres Helden im Spannungsverhältnis zu einem rasanten Plot?


Für mich ist sie sehr wichtig, weil das Buch sonst nur aus dem Handlungsablauf bestünde, und der allein ist äußerst selten spannend genug, um einen ganzen Roman zu tragen. Wenn ich vorhabe, einige Jahre damit zu verbringen, über bestimmte Figuren zu schreiben, müssen sie mich interessieren, es muss Dinge geben, die ich nicht über sie weiß. Eigentlich schreibe ich, um jede meiner Figuren besser kennenzulernen.

Während seiner Auszeit vom Polizeidienst hatte Jaap in einem buddhistischen Kloster Ruhe gefunden. Dort war er in das „I Ging“, das chinesische Buch der Wandlungen, eingeführt worden, dessen Orakelpraxis er weiterhin täglich ausübt. Was hat Sie auf diese Idee gebracht?

Vor Jahren hatte ich etwas über das „I Ging“ gelesen, und mein Vater hatte sogar eine alte Ausgabe davon irgendwo herumliegen. Während seines Japanaufenthaltes lernte Jaap den Zen-Buddhismus kennen, und - ohne hier zu viel vorwegzunehmen - dies war für ihn notwendig, um ein bestimmtes Erlebnis in seiner Vergangenheit zu bewältigen. Man könnte darin etwas Gutes sehen, denn durch die Praxis des Zens hatte er ein elementares Verständnis von der Funktionsweise seines Geistes erlangt. Aber ich wollte auch die Kehrseite zeigen, etwas, das vielleicht nicht so überzeugend wirkte. Und das „I Ging“ eignete sich perfekt dafür, weil es dem ersten Anschein nach unverfänglich ist, einen aber in Schwierigkeiten bringt, sobald man beginnt, sich darauf zu verlassen.

In Jaaps Umfeld gibt es mehrere Menschen, die unter einem Trauma leiden oder sich in einer gefährlich labilen Verfassung befinden, zum Beispiel Kriminalmeisterin Tanya van der Mark und der junge Kommissar Kees Terpstra. Was reizt Sie daran, die problematischen Seiten Ihrer Figuren scharf herauszustellen?

Ich glaube, es wäre sehr schwierig, eine fesselnde Geschichte über jemanden zu schreiben, der perfekt ist und ein glückliches Leben führt! Wenn Menschen alles hätten, was sie wollten, gäbe es nichts, worum sie kämpfen müssten und demzufolge auch keine Konflikte. In gewisser Weise geht dies zurück auf die buddhistische Vorstellung, dass die Ursache allen Leidens die Begierde ist. Theoretisch sollte man mit sich im Einklang stehen, sobald man das verstanden hat, aber in Wirklichkeit sieht es natürlich ganz anders aus. Nicht vielen von uns gelingt es, die unangenehmen Dinge im Leben einfach wegzuzaubern, und ich meine, es ist wichtig, dass meine Figuren das auch nicht können.

Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie Sie recherchiert und sich mit den Hintergründen Ihres Romans, mit der Polizeiarbeit und den Machenschaften des organisierten Verbrechens, vertraut gemacht haben?

Wenn ich ehrlich bin, gehört Recherche nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich glaube, dass sie einer guten Geschichte, in deren Mittelpunkt letztlich immer Menschen stehen, allzu leicht in die Quere kommen kann. So gesehen war mein ganzes Leben Recherche, indem ich mich in verschiedene Situationen begeben und beobachtet habe, wie sich Menschen untereinander verhalten und in welchem Wechselspiel sie mit ihrer Umgebung stehen. Sobald ich ein Manuskript fertiggeschrieben habe, überprüfe ich die Fakten, stelle beispielsweise sicher, dass die Sonne im Januar wirklich zu einer bestimmten Zeit untergeht oder welche Schusswaffen die Polizei verwendet. Aber der größte Teil beruht auf Vorstellungskraft. Interessanterweise entspringt das schlimmste Verbrechen im Buch meiner Phantasie, es ist eine Tat, zu der ich einen bestimmten Menschentyp für fähig hielt, so widerwärtig sie auch ist. Etwa einen Monat bevor das Buch in Großbritannien herauskam, erfuhr ich dann aus den Nachrichten von einem Fall, in dem ein Verbrechen genau auf diese Weise begangen worden war, bis hin zu einigen konkreten Details, die ich hier nicht verraten kann.

Zwischen den Kollegen des Ermittlungsteams bestehen in Ihrem Thriller konfliktreiche Beziehungen, die auf den Verlauf der Handlung einwirken. Beispielsweise wird die Arbeit an den Fällen immer wieder durch ehrgeizige Ränke oder das Ausspielen von Machtpositionen überlagert. Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Figuren diesen Einfluss auf den Plot einzuräumen?

Irgendwie glaube ich, dass wir als Spezies oft selbst unsere ärgsten Feinde sind. In bestimmten Situationen sind wir zu erstaunlich heldenhaftem Zusammenhalt und selbstlosem Handeln in der Lage, aber im Alltag machen wir uns das Leben gegenseitig durch das Rangeln um Positionen unnötig schwer. Das habe ich in der Musikszene wie im Geschäftsleben beobachtet, und wollte man beide überhaupt vergleichen, so wäre es in der Musik am schlimmsten. Außerdem bin ich überzeugt, dass es ohne Charaktere keine echte Handlung geben kann, erst ihre Taten und Reaktionen in bestimmten Situationen treiben die Geschichte wirklich voran und geben ihr eine besondere Richtung.

Die innere Entwicklung der Hauptfigur Jaap Rykel spannt sich als großer Bogen über die ganze Thriller-Serie – das zeichnet sich in DER FÜNFTE TAG deutlich ab. Können Sie etwas mehr darüber erzählen?

Das ist vollkommen richtig! Ich habe für alle drei Hauptfiguren, nicht nur für Jaap, einen „Zielpunkt“ im Sinn. Die Vorstellung, dass Menschen sich ändern können, ist heftig umstritten, aber Tatsache oder nicht – man muss sich nur Walter White in der Fernsehserie „Breaking Bad“ ansehen, um zu wissen, dass es einen fesseln kann, die Veränderung eines Menschen nachzuvollziehen.

DER FÜNFTE TAG bildet eine abgeschlossene Geschichte und steht für sich. Wird dies auch für die folgenden Bände des „Amsterdam-Quartetts“ gelten?

Ich habe gerade das zweite Buch „Into the Night” abgeschlossen und begonnen, am dritten zu arbeiten. Wie ich schon sagte, kenne ich das Ende, ich weiß zwar, worauf sich meine Figuren zubewegen, aber ich weiß nicht wirklich, wie sie dort hinkommen. Ich werde es wahrscheinlich erst dann wissen, wenn ich den vierten Teil zu Ende geschrieben habe.

Können Sie uns einen Ausblick geben, woran Sie gerade arbeiten und worum es in Ihrem nächsten Thriller gehen wird?

Ich finde es immer schwierig, über ein Buch zu sprechen, ohne zu viel vorwegzunehmen, aber ich kann verraten, dass das zweite Buch etwa ein Jahr nach DER FÜNFTE TAG spielen wird und dass Jaap, Tanya und Kees dort in ein paar richtig brenzlige Situationen verwickelt werden.

© Page & Turner Verlag
Interview: Elke Kreil