»James Abbott ist ein großer Fantasy-Autor mit einem riesigen Talent.«

Paul Cornell, Autor von Doctor Who

»Überzeugende heroische Fantasy wie aus der Feder von Gemmel und Gwynne.«

Adrian Tchaikovsky

»Abbott fesselt den Leser, indem er ihn ins Gefängnis steckt. Und nach dem Ausbruch kreiert er eine Welt, die so reich ist, dass man mehr über sie erfahren will.«

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Aus der Höllenfeste auszubrechen ist unmöglich. Nur einem einzigen kann es gelingen: dem Höllenkönig.

Die Tore der Hölle



»Falls ihr Glück habt, werdet ihr hier sterben.«

Ein Windstoß fegte über den breiten Innenhof und blies Landril die Schneeflocken aus den Bergen ins Gesicht. Damit er sich so richtig elend fühlte, schien sich wie alles andere auch das Wetter gegen ihn verschworen zu haben.

Die Eiseskälte und Landrils Lage waren schon schlimm genug, doch auf ihrem Weg über die schmutzverkrusteten Steinplatten wurden die Gefangenen auf Schritt und Tritt auch noch unerbittlich gequält. Die Wächter verspotteten die Neuankömmlinge, spuckten ihnen ins Gesicht oder griffen sie tätlich an. Landril fragte sich, welch widernatürliches Vergnügen die Halunken an solchem Verhalten fanden. Wie armselig ihr Treiben auch sein mochte, die Gefangenen fühlten sich dadurch noch elender als ohnehin schon, nachdem das Schicksal sie an diesen Ort verschlagen hatte.

»Setzt euch in Bewegung, ihr Missgeburten!«, grunzte ein Wächter und stieß heftig mit dem Speer in Richtung all jener, die seiner Meinung nach nicht schnell genug über den Hof marschierten. »Eure Mütter müssen es mit Yaks getrieben haben, damit sie solche Lahmärsche wie euch gebären konnten.«

Der alte Mann mit Halbglatze vor Landril zuckte vor Schmerz zusammen und spuckte seinem Quälgeist trotzig vor die Füße.

Narr. Genau das wollen sie doch.

Eine Regung. Einen Anlass. Eine Gelegenheit, ihr kindisches Spiel in blutigen Ernst zu verwandeln.

Der Wärter näherte sich rasch und schleuderte den Alten zu Boden, während Landril jeden noch so leisen Anflug von Hilfsbereitschaft in sich niederrang. Die übrigen Häftlinge sahen tatenlos zu, äußerlich völlig ungerührt. Hier kämpfte jeder nur für sich. Die Wächter schlugen den Mann, schleiften ihn über den Stein und zurück in die weiße Weite. Es eilte ihnen offenbar nicht, ihre Taten zu Ende zu bringen, und sie stellten ihre Gewalt ungerührt zur Schau. Vielleicht als Warnung an die Zuschauer.


»Woher soll ich das wissen? Hier drinnen ist jeder ein Niemand.«


Landril behielt den Kopf unten und konnte daher nur verstohlen beobachten, wie die vier Wächter immer wieder auf den zusammengekauerten Häftling eintraten. Ein letzter grober Tritt ins Gesicht des Mannes schleuderte dessen Kopf mit einem Knirschen nach hinten. Blut spritzte, und Zähne schlugen auf Stein. Das Opfer brach im Schnee zusammen, während die Kerle sich lachend auf die Schultern klopften. Den Alten ließen sie einfach liegen. Landril war sich nicht sicher, ob er tot war oder noch lebte. Einen Moment lang
konnte er den Blick nicht von dem zusammengesunkenen Leib lösen. Sollte dies auch sein Schicksal werden? Er nahm seine Umgebung näher in Augenschein. Wände aus gewaltigen Granitplatten und eine Reihe von Toren, die mehrere Innenhöfe unterteilten, eigens dazu angelegt, das Vorankommen
aufständischer Häftlinge zu behindern. Habe ich das Richtige getan?, fragte er sich.

»Willkommen in der Höllenfeste!«, feixte einer der Wächter und winkte die Neuankömmlinge durch.

Kopf nach unten! Niemandem in die Augen sehen!

Die Höllenfeste. Ein passender Name.
Viel passender als die offizielle Bezeichnung Zitadelle sechsunddreißig. Die hohen grauen Wände im Stil einer Festung waren auf dem dritthöchsten Gipfel der Seidenspitzberge errichtet worden, sechshundert Schritt über den vor Langem aufgegebenen Handelsrouten aus den Ostkönigreichen. Fernab der heimeligen Annehmlichkeiten von Stravimon. Dies war ein Ort, an dem die abgebrühtesten und schlimmsten Verbrecher verwahrt wurden. Alle jene, die zu gefährlich waren, um in ein gewöhnliches Gefängnis gesteckt zu werden, zugleich aber so wichtig oder gar nützlich, dass sie nicht hingerichtet wurden. Niemand war je von hier entkommen.

Weniger das Maß an Sicherheit machte die Anlage so unverwundbar als vielmehr ihre Lage – die Eiseskälte der Berghänge und die mangelnde Sicht durch den Schnee. Windumtoste, felsige und rutschige Pfade, die man ins dornige Gestrüpp gehauen hatte. Und die Hexen am Fuß des Berges.

Prüfend betrachtete Landril die fünfzehn stravirischen Soldaten in purpurnen Uniformen samt Bronzehelmen, die als Begleitung dienten. Es gab vier Dutzend weitere Männer im eigentlichen Gefängnis, die wahrscheinlich an Kohlefeuern hockten und ihr Pech verfluchten, an den Arsch der Welt versetzt worden zu sein. Sie waren hier genauso gefangen wie die Häftlinge.

Als sein Trupp in den innersten Teil des Gefängnisses eskortiert wurde, drang ihm der Gestank von Scheiße und ungewaschenen Leibern in die Nase. Ob des widerlichen Geruchs musste er fast würgen, war er doch eher an Weihrauch, Raumdüfte und das luxuriöse Stadtleben gewöhnt.

Der Ruf eines Horns hallte von den Wänden wider, und das gigantische Eisentor vor ihnen kreischte dämonisch, während es sich öffnete. Landril warf einen letzten zögernden Blick auf die Freiheit, bevor er mit den anderen Gefangenen durch das Tor zur Hölle gestoßen wurde.

»Das war es dann also. Landril Devallios, Meisterspion, verreckt hier neben einem Eimer voller Pisse.«


Bei der Gnade der Göttin! Dieser Mistkerl ist hoffentlich noch am Leben, denn sonst bin ich verloren …

Durch Geflüster, durch Blicke und verborgene Gesten konnte jemand mit Landrils Erfahrung rasch nützliches Wissen sammeln. Nach nur wenigen Stunden in Gefangenschaft hatte er einen verschlagen aussehenden Mann von etwa fünfzig Sommern aufgetrieben, der sich äußerst dankbar für ein Päckchen von Landrils eingeschmuggelten Kräutern zeigte.

Sein Name lautete Krund, ein drahtiger Kerl mit ungepflegtem Bart und fettigem grauem Haar, das ihm auf die
Schultern herabhing. Er war einer von drei Gefangenen, mit denen sich Landril die Zelle teilen musste. Alle Männer trugen die gleiche Kleidung, dicke graue Tuniken, die kratzten und juckten wie der Ausschlag einer Hafenhure.

»Eins verstehe ich nicht«, sagte Landril und gab den ahnungslosen Neuling.
»Was meinst du?«, seufzte Krund.

»Warum töten sie uns nicht und lassen es damit gut sein?«

»Tja, hier landen nur ganz bestimmte Männer«, raunte Krund. »Einem Dieb wird die Hand abgeschlagen. Ein gewöhnlicher Mörder wird geköpft. Aber wir? Wir sind irgendwem dort draußen noch etwas wert. Also spart man sich unseren Tod auf.«

»Gibt es hier denn auch Berühmtheiten? Bekannte Namen vom Hof?«

Krund warf ihm einen listigen Blick zu. »Woher soll ich das wissen? Hier drinnen ist jeder ein Niemand.«

Mit Mühe hielt Landril seine Enttäuschung im Zaum. Um sicherzugehen, würde er das Gesicht jedes einzelnen Insassen betrachten müssen. Und irgendwann würde er in die kalten, harten Augen des Mannes starren, den er suchte – den Helden der Zwölf Täler, der Qualebene und so gut wie sämtlicher Feldzüge unter der Herrschaft des alten Cedius.

»Wie bist du hier gelandet?«, fragte Krund mit kaum verhohlener Gleichgültigkeit. »Du hast keinen Akzent. Du
siehst nicht aus wie einer, der sich mit dem Führen von Klingen auskennt.«

Wissen war Macht, das wusste Landril besser als jeder andere. Er lächelte geheimnisvoll.

»Es handelte sich … sagen wir mal … um eine politische Angelegenheit.«

Krund gluckste, und seine Züge wurden weicher. Sein Hauptaugenmerk galt jedoch noch immer dem Kräuterpäckchen, das Landril ihm gegeben hatte.

»Und du? Was hat dich hierher verschlagen, Krund?«

»Ich war Anwalt in den Diensten eines stravirischen Herzogs. Belassen wir es dabei, dass ich in Vorgänge verwickelt wurde, in die ich nicht hätte verwickelt sein sollen. Doch das Leben ist grausam. Deshalb zu grollen lohnt sich kaum, stimmt’s? Ich habe mich mit meinem Los abgefunden. Und ich lebe noch, nicht wahr? Aber nun bin ich müde, Fremder. Ich könnte etwas Ruhe und Zeit mit deiner milden Gabe gebrauchen.«

Landril ließ Krund in seiner Ecke sitzen und wusste, dass der Mann ihm zur rechten Zeit noch als nützlicher
Informant dienen würde. Er sah zu, wie die Tür seiner Zelle mit jäher Endgültigkeit verriegelt wurde. Wenig später erfolgte ein hallendes Gerumpel nach dem anderen, als die übrigen Insassen in ihre Zellen eingeschlossen wurden, die eher an Grüfte erinnerten. Der schmale Lichtstreifen, der durch eine Ritze im Stein hindurchfiel, erhellte den Raum nur wenig. Steinerne Liegen mit schmutzigen Decken, die kaum Wärme boten. Irgendjemand hatte behauptet, die Decken seien Spenden eines benachbarten Klosters. Landril konnte nur hoffen, dass sie noch nicht völlig flohverseucht waren. Ansonsten gab es in diesem Raum nichts als bekritzelte klamme Wände, einen Eimer für die Notdurft und die Gesellschaft elender, hoffnungsloser Gestalten.

Das war es dann also. Landril Devallios, Meisterspion, verreckt hier neben einem Eimer voller Pisse.

Er richtete seine Gedanken auf die vor ihm liegende Aufgabe. Morgen würde er mit der Suche nach dem Mann beginnen, der ihn aus diesem Verlies befreien konnte, und ihm eine Nachricht überbringen. Einige Tage später wären sie nicht mehr hier, falls die Gerüchte zutrafen, die über jenen Mann kursierten. Falls nicht, blieb er bis ans Ende seiner Tage in diesem grässlichen Rattenloch eingekerkert.
Dann war der Tod die deutlich bessere Wahl.

Selbst bei einem Mann wie Landril, der sonst gern auf Zeit spielte, sorgten die Bedingungen in der Höllenfeste für Anspannung und Ungeduld. Sie ließen sich mit nichts vergleichen, was ihm je widerfahren war. Und von seiner Beute fehlte noch immer jede Spur. Ein Tag verlief wie der andere.

Sein Leben bemaß sich nur noch in kleinen Qualen – den Rückenschmerzen von den harten Steinplatten, der ständigen Kälte, dem ungenießbaren Fraß, den er zu jeder Mahlzeit mühsam hinunterwürgte. Seine Suche wurde immer verzweifelter. Man ließ die Insassen nur einmal am Tag aus ihren Zellen, sodass Landril nur ein kleines Zeitfenster blieb, um sein Ziel zu finden. Doch die finster dreinblickenden Häftlinge sahen alle gleich aus, unrasiert und verwahrlost. Vielleicht konnte die Körperform als erster Hinweis dienen. Manche Männer waren hager und hatten kaum Fleisch auf den Knochen, wohingegen andere trotz ihres Aufenthalts in dieser Hölle irgendwie ihre Muskeln behalten hatten. Ob der Mann, dessentwegen er hier war, noch genauso stark war wie früher? Er war zwar schon seit Jahren verschwunden, doch zumindest sollte er nicht geschrumpft sein. In den nächsten Tagen schlenderte Landril von Häftling zu Häftling, sorgsam darauf bedacht, seine Suche nicht allzu auffällig zu gestalten. Allzu große Neugier konnte sich in dieser Umgebung als tödlich erweisen. Geschickt horchte er Krund über die anderen Häftlinge aus, doch sein Zellenkamerad wusste kaum etwas über die anderen Gefangenen. Keiner sprach über seine Vergangenheit.

Landril belauschte Gespräche und knüpfte rasch ein Netz aus Insassen, die ihm allesamt Meldung erstatteten. Ironischerweise unterschied sich der Aufbau des Zusammenlebens in diesem Gefängnis nicht sonderlich stark von den höfischen Ränken, wie er sie kannte. Die von ihm eingeschmuggelten Drogen erkauften ihm Augen und Ohren in den dunkleren Ecken des Kerkers, ganz so wie vor einem Jahr, als er noch rings um den Seufzerhof von Stravimon auf der Jagd nach Mördern gewesen war. Doch die Berichte in diesen Kerkern verrieten ihm nichts, was er nicht mit eigenen Augen sehen konnte – finstere Kerle, die gelangweilt und doch stets gewaltbereit herumlungerten. Das übliche Verhalten in einem Gefängnis.

Wie überall sonst existierte auch hier eine Hierarchie. Banden hatten sich gebildet, ganz so, als ob selbst abgebrühteste Kerle eine gewisse Struktur brauchten, die ihnen Halt und Sicherheit bot. Seine Informanten erzählten Landril vom Höllenkönig, den Blutspielern und den Kettenleichen. Die Banden hatten das Gefängnis unter sich aufgeteilt und sorgten dafür, dass für alle genügend verbotene Geschäfte und fragwürdige Gefälligkeiten abfielen, ohne dass sie sich gegenseitig ins Gehege kamen. Landril gelangte zu folgender Erkenntnis: Wenn er überhaupt irgendetwas über den gesuchten Mann herausfinden wollte, hatte er womöglich keine andere Wahl, als sich einer dieser Banden anzuschließen.

Landrils Einschätzung nach stellten die Schergen des Höllenkönigs die mächtigste Fraktion. Wie er hörte, war ihr Anführer ein nachdenklicher, ernster Mann, der im gleichen Maß Strafen und Gnade walten ließ, meist mit raschen und oft blutigen Folgen. Sein Ruf war beängstigend, vermutlich wohl auch deshalb, weil ihn kaum einer je zu Gesicht bekam. Kein Informant aus seinem in aller Eile gespannten Netz konnte Landril eine genaue Beschreibung des Mannes liefern oder beim Hofgang gar verstohlen auf ihn deuten. Es schien fast so, als sei der Höllenkönig alles andere als leicht zu finden. Leider galt dies umgekehrt nicht für Landril.

Der Höllenkönig



Zwei Tage lang hatte der hochgewachsene Häftling den verschlagenen kleinen Neuankömmling beobachtet wie ein hungriger Adler das nichts ahnende Kaninchen. Anfangs hielt er ihn nur für einen weiteren gedungenen Mörder, dem man seinen wahren Namen genannt hatte und der ihm nun unbedingt den Garaus machen wollte. Wie schon bei den gescheiterten Versuchen zuvor fände auch dieser Möchtegernmeuchler ohne jeden Zweifel ein trauriges Ende.

Doch dann erkannte er ihn aus längst vergangenen Tagen wieder. Und er fragte sich, warum er hier gelandet war. Fernab jenes ausschweifenden Lebensstils, den sie beide früher genossen hatten. Weit entfernt von der Stadt. Weit entfernt von allem. Nach der langen Zeit in diesem Gefängnis konnte er sich kaum noch an seine Ankunft erinnern. In ihrer Gleichförmigkeit flossen die Tage ineinander, und seinem eigenen Gedächtnis traute er längst nicht mehr. Jene Erinnerungen jedoch, denen er tatsächlich trauen konnte, gefielen ihm nicht.

Nachdem er damals im Gefängnis angekommen war, hatte er seinen Namen nicht genannt und auch mit niemandem gesprochen. Er hatte sich nicht um die Machtspielchen der Banden geschert und wollte auch in keiner Weise an ihnen beteiligt sein. Doch man ließ ihm keine Wahl – Mollos war schon seit Jahren der Anführer einer der Banden gewesen. Der ehemalige Soldat hatte seinen Tätowierungen am Hals zufolge eine recht beachtliche Dienstzeit hinter sich gebracht und wollte nur seine Dominanz gegenüber dem Neuling unter Beweis stellen. Sie beide waren ähnlich groß und muskelbepackt unter den weiten grauen Tuniken. Die Jahre im Feld hatten ihre Körper bis zur Vervollkommnung gestählt, und sie trugen ausreichend Narben, um zu beweisen, dass sie sich in einem Kampf zu behaupten wussten. Als der bärtige Bandenführer schließlich ein scharfes Stück Feuerstein zog und es dem Neuankömmling in die Schulter rammen wollte, sah dieser den Stoß kommen. Er beobachtete, wie die Wächter nickten und damit zu verstehen gaben, dass sie nicht einzugreifen gedachten. Er beobachtete, wie die anderen zur Seite wichen, um Mollos in dem engen Steinkorridor Platz zu machen. In einer blitzschnellen Bewegung packte er Mollos’ Handgelenk und drosch es so hart gegen den Fels, dass der Feuerstein klirrend zu Boden fiel. Dann versetzte er seinem Angreifer einen Kopfstoß und rammte ihm anschließend das Gesicht gegen die Wand. Mollos sank in sich zusammen, und der Neuankömmling packte ihn mit einer Hand an der Kehle.

Er hätte Mollos’ Leben auf der Stelle ein Ende bereiten können. Beide wussten das, und die grölenden Zuschauer wussten es auch. Doch er entschied sich dagegen. Im Lauf seines Lebens hatte er schon viel zu viel Blut gesehen und stieß Mollos einfach weg. Ehrfürchtig verstummten alle, denn niemand hatte Mollos im Kampf bisher besiegen können. Dieser Neuankömmling hatte dafür nur wenige Herzschläge gebraucht. An jenem Tag hatte er einen Namen erhalten: Höllenkönig. So begann seine Herrschaft in der Höllenfeste.


Letzten Endes beschloss der Höllenkönig, lieber selbst mit dem Spion zu sprechen, bevor dieser noch einem anderen in die Hände fiel. Er befahl seinen Männern, auf der anderen Seite des Hofs für Ablenkung zu sorgen. Und während sie die Aufmerksamkeit der Wächter auf sich lenkten, trat er an den Meisterspion heran.

»Landril«, murmelte der Höllenkönig. »Du bist fernab der Heimat. Und wenn du nicht achtgibst, beendet ein Messer deine Neugier in einer dunklen Ecke.« Er nickte in Richtung einer Gruppe von Blutspielern, die die beiden beäugten.

Landril starrte sein Gegenüber zunächst überrascht an, doch seine Verblüffung wich rasch offener Erleichterung, die er allerdings gleich zu zügeln wusste. »Xavir Argentum. Der Göttin sei Dank. Du bist wirklich noch am Leben.«

»Du hast ein Händchen dafür, das Offensichtliche zu bemerken, Spion.« Sie sprachen mit gesenkten Stimmen. Xavir war sich bewusst, dass man sie dennoch beobachtete und belauschte. Nicht einmal seine eigenen Anhänger ahnten etwas von seiner Vergangenheit, und so sollte es auch bleiben. »Hier drinnen lautet mein Name Höllenkönig«, fuhr er fort. »Am besten benutzt du keinen anderen.«

Landril lächelte. »Ich bin gekommen, um dich zu finden.«

»Das ist dir gelungen«, erwiderte Xavir. »Warum?«

»Ich muss mit dir über eine dringende Angelegenheit sprechen.«

»Mit der Welt dort draußen habe ich nichts mehr zu schaffen.«

»Tja, aber verdammt! Sie will durchaus etwas mit dir zu tun haben.«

Xavir funkelte Landril an. »Der Mann, der ich war, ist dort draußen gestorben. Schon vor Jahren. Meine Schwerter wurden mir genommen. An meinen Händen klebt das Blut Unschuldiger. Deswegen hat man mich hergeschickt, und das war nur rechtens. Für meine Taten gibt es keine Vergebung.«

»Da irrst du dich.« Landrils Worte mochten mutig klingen, doch seine Stimme bebte vor Angst. »Du warst Teil der Sonnenkohorte. Und jetzt lebst du unter Tieren.«

»Es sind ganz gewöhnliche Leute, Spion. Genau wie du. Manche waren früher einmal gute Männer.«

»Es sind Gefängnisratten«, knurrte Landril abschätzig. »Die Niedrigsten der Niedrigen.«

»Das glaubst du nicht ernsthaft. Viele der Häftlinge stammen aus guten Familien. Ein Mann deines Formats dürfte das an ihrem Zungenschlag bemerken. Und du bist schließlich auch hier, oder etwa nicht?«

»Ach ja«, erwiderte Landril. »Allerdings habe ich kein Verbrechen begangen.«

Xavir lächelte kalt und straffte die Schultern. »Alle hier würden etwas ganz Ähnliches behaupten.«

»Aber bei mir verhält es sich anders.«

»Natürlich. Hör zu, Spion! Wer immer du dort draußen warst …« Xavir deutete mit dem Finger gen Westen. »… hier drinnen bist du einen Hundedreck wert.«

»Genau genommen heißt es … Meisterspion. Wie dem auch sei. Du sollst erfahren, was ich zu sagen habe. Du bist nun schon über fünf Jahre hier, Xavir. In dieser Zeit hat sich vieles verändert.«

»Dass die Welt sich ändert, dürfte wohl das einzig Unveränderliche an ihr sein. Bist du hergekommen, um mir Laienphilosophie schmackhaft zu machen?«

Verkrampft rang Landril die Hände. »Lass mich ausreden, verdammt! Vor fünf Jahren hat er dich hier wegsperren lassen. Mardonius und seine Spießgesellen.«

Xavir gab keine Antwort.

»Ein Jahr später wurde er König, musst du wissen«, fuhr Landril fort. »Sobald Cedius verfault war.«

»Dann ist er also tatsächlich tot«, entgegnete Xavir. »Ich hatte das Gerücht gehört, aber glauben mochte ich es nicht.«

»So ist es leider«, bestätigte Landril. »Der Alte war ohne dich und die Sechserlegion nicht mehr derselbe. Dann begann Mardonius mit seiner Kriegstreiberei. Er weitete die Clansgebiete immer mehr aus, und die Herzogtümer wuchsen und wuchsen. Das Volk war glücklich. Die Metallhändler waren glücklich. Die Städte und die Dörfer an den Grenzen verleibte man sich ein, und Stravimon ist heute größer als damals, als du sein Heer geführt hast.«

»Länder sind wie Lungen, Meisterspion. Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Daran ist nichts neu, insbesondere dann nicht, wenn es um die Clans geht. Wir sind ein Volk, das zum Kämpfen geboren wurde. Aber du willst mir wohl kaum erzählen, wie prächtig die Welt ist.«

»Nein, das habe ich nicht vor«, räumte Landril ein. »Mardonius führt einen Feldzug, um unser Land von jenen zu säubern, die die Göttin und andere Götter verehren.«

»Ich bin kein frommer Mann.«

Landril schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nicht. Er begeht einen Völkermord. Tausende unserer eigenen Leute wurden schon getötet. Gute Stravirer wurden ausgelöscht.«

»Wie kann das sein?«

»Ganz einfach! Erst verlangte er höhere Steuern von allen Clans, die sich der Göttin zugehörig fühlten, und danach von jenen, die Göttern wie Balax, Jarinus, Kalladorium und dem Großen Auge huldigten. Plötzlich verfolgte man von den Stützpunkten der königlichen Legion aus die Anhänger sämtlicher Glaubensrichtungen. Wer die Göttin anbetete, den traf es am härtesten, und ihre Verehrer wurden wie Abschaum behandelt. Einige wenige Familien verbargen ihren Glauben, aber der Großteil – viele Zehntausende – bekannte sich weiterhin dazu. Als die Menschen sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen, wurden immer mehr Truppen in ihrer Nähe zusammengezogen, und dann verschwanden die Familien nach und nach. Von den dreißig Clans ist nur noch die Hälfte übrig – und von denen stehen fast alle auf seiner Seite.«

Xavir bedachte die Worte des Meisterspions. »Wie lange ist das her?«

»Die grausamsten Säuberungen begannen im letzten Sommer – während der Erntefeste und der Opferungen für die Göttin, doch die Saat wurde schon lange davor ausgebracht.«

»Die Gläubigen an ihren Feiertagen zu töten ist ein uraltes Vorgehen.«

»Dies ist nur ein Teil meiner Neuigkeiten, Xavir. Die Burgen deiner Familie an der Ostgrenze der Herzogtümer wurden gebrandschatzt. Nur die Festung in Gol Parrak ist erhalten geblieben, aber niemand steht an ihrer Seite.«

»Warum nicht?« Xavir ballte die Fäuste.

Landril trat vorsichtig einen Schritt zurück. »Weil die Clans rings um Gol Parrak während der letzten fünf Jahre bestochen wurden. Sie kämpfen inzwischen für ihn

»Hat meine Familie überlebt?« Seit Jahren hatte Xavir nicht an seinen Vater und seine Schwester gedacht. Für zu groß hielt er die Schande, dass er sich in diesem Gefängnis aufhielt.

Landrils Miene verfinsterte sich. »Dein Vater starb bei der Verteidigung Gol Parraks zusammen mit einer Reihe deiner anderen Verwandten. Deine Schwester konnte mit ihren Kindern entkommen.«

Landril wandte sich zu den drei Wächtern um, die an ihnen vorbeimarschierten, ohne dass einer von ihnen Xavir in die Augen geblickt hätte.

»Um mir davon zu berichten, hast du also den weiten Weg zurückgelegt«, murmelte Xavir. »Hast dein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und musstest dich wahrscheinlich auch brandmarken lassen, oder?«

Ein sanftes Nicken. Landril zog den Ärmel hoch und zeigte ein erhabenes X auf dem Oberarm. Das dauerhafte Mal eines Häftlings.

»Du hast Mut, Meisterspion. Das gestehe ich dir gern zu.«

»Zugegebenermaßen habe ich ein Elixier zu mir genommen, bevor man mir das Eisen auf die Haut drückte«, räumte Landril mit einem schiefen Lächeln ein. »Ich habe nichts gespürt, aber ich konnte verdammt noch mal riechen, wie mein eigenes Fleisch gebraten wurde.«

Xavir schüttelte den Kopf. »Warum hast du das alles auf dich genommen? Warum bist du gekommen?«

»Habe ich es denn nicht schon mehrmals gesagt?«, fragte Landril leicht verzweifelt.

»Warum wolltest du mich finden, Spion? Du arbeitest doch stets im Auftrag anderer. Also – wer hat dich geschickt?«, wollte Xavir wissen.

Ein Windstoß fuhr heulend an den Mauern der Festung entlang, und Landril erschauerte.

»Lupara. Die Wolfskönigin.«

1. Wie würden Sie Ihren aktuellen Roman »Höllenkönig« in einem Satz beschreiben?
Es ist eine Geschichte über einen Gefängnisausbruch in einer Fantasy-Welt – Der Graf von Monte Cristo, wenn David Gemmel ihn geschrieben hätte.

2. Was war die Inspiration für Ihren Roman?
Es war nicht unbedingt eine Inspiration, sondern mehr der Wunsch, einen klassischeren Fantasy-Stil ausprobieren zu wollen – und etwas zu schreiben, das mehr Action und Spaß enthält als meine vorherigen Werke.

3. Wer ist Ihr Lieblingscharakter in dem Roman und warum?
Ich glaube das ist der Hauptcharakter Xavir – er ist ein Denker, hin und her gerissen, aber mit einem klaren Sinn dafür, was richtig und was falsch ist. Er muss mit den Sünden seiner Vergangenheit zurechtkommen und hat einige persönliche Veränderungen zu verarbeiten – von denen ich hoffe, dass sie anders sind als erwartet und dass die Leser sich freuen, bei der Entwicklung dabei zu sein.

4. Welche Szene war am schwersten zu schreiben?
Das Ende – aus vielen Gründen, die ich aber alle nicht verraten kann! Normalerweise finde ich das Ende einfach zu schreiben, doch hier wollte ich gleichzeitig etwas beenden, aber auch noch etwas offen lassen.

5. Welche Sorte von Lesern wird Ihrer Meinung nach das Buch mögen?
Leser, die traditionelle, heldenhafte Fantasy mögen – und vielleicht sogar Fans von historischer Fantasy.

6. Gibt es andere Bücher, mit denen Sie Ihren Roman vergleichen können?
Ich bin vielleicht nicht der Beste im Beantworten solcher Fragen, aber ich finde die Werke von David Gemmel sind ein guter Vergleich. Es ist heroische Fantasy in genau so einem Stil.

7. Was möchten Sie Ihren deutschen Lesern noch zu »Höllenkönig« mit auf den Weg geben?
Ich hoffe, dass den Lesern Höllenkönig gefallen wird. Es ist ein klassisches Heldenepos mit einem modernen Dreh. In ihrem Kern ist es eine Geschichte über Rache – und über Wiedergutmachung. Es handelt von starken männlichen und weiblichen Hauptcharakteren, viel Action und Kämpfen ebenso wie Intrigen. Es gibt Passagen mit historischen Elementen und auch welche mit Magie, also hoffe ich, dass mein Buch einer breiten Masse von Fantasy-Lesern zusagen wird.

Lerne den Höllenkönig kennen!

Am Gipfel eines verschneiten Berges gelegen, inmitten einer todbringenden Einöde, liegt die Höllenfeste – ein unmenschliches Gefängnis, in dem die schlimmsten Verbrecher der Welt in lebenslanger Haft eingekerkert sind. Doch es sind nicht die Wachen, die die Macht über das Gefängnis in den Händen halten. Es ist der geheimnisvolle Höllenkönig, der die rivalisierenden Häftlinge kontrolliert. Was niemand weiß: Höllenkönig Xavir ist der einzige Verbrecher, der sich freiwillig in Ketten legen ließ. Welches entsetzliche Geheimnis hütet er – und was steht in der geheimen Botschaft, die den Höllenkönig plötzlich seine Ketten sprengen lässt?

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