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Jan Kilman: Heldenflucht, Heyne

Jan Kilman über seinen Roman »Heldenflucht«

Das Trauma des Ersten Weltkriegs

Jan Kilman über seinen Roman »Heldenflucht«

Jan Kilman verbindet in »Heldenflucht« das exzellent recherchierte Szenario des Ersten Weltkriegs mit der eigenen atmosphärischen Welt eines Eifeldorfes.



Ein zentrales Motiv des Romans ist die psychische Zerrüttung der Kriegsteilnehmer. Wieso kam es
aber gerade im Ersten Weltkrieg derart massiv zu seelischen Verstümmelungen? Was unterschied
diesen Krieg von allen anderen Kriegen vorher?


Im Ersten Weltkrieg vollzog sich ein entscheidender Wandel in der Kriegstechnik und Kriegsführung.
Durch die Industrialisierung wurde es möglich, Massenvernichtungswaffen in größter Stückzahl
herzustellen. Maschinengewehre töteten hunderte Soldaten in Minuten, Artilleriegeschosse von
kaum vorstellbarer Vernichtungskraft zerfetzten Menschen von einem Moment auf den anderen.
Die Soldaten harrten in Todesangst, zur Untätigkeit verdammt, in Gräben aus, die nur bedingt
Schutz boten. Schlamm, Kälte, Ratten, Läuse, Hunger und Durst machten das Leben selbst in
ruhigen Zeiten zur Hölle. Das Wechseln der Kleidung war mitunter über Wochen und Monate nicht
möglich. Das Leder der Stiefel verwuchs mit der Haut der Soldaten, Wasser wurde aus
Granattrichtern geschöpft, in denen Leichen verwesten.

Besonders perfide war der Einsatz einer neuen Waffe, die lautlos und unsichtbar wirkte – Giftgas.
Es führte zu Erblinden, Ersticken, Hautverätzungen.

Hundertausende Tote und Verwundete, damit einhergehend über Jahre hinaus Leid, Elend, Blut,
abartige Verletzungen, Amputationen. Auf eine solche Apokalypse war niemand vorbereitet. Auf
ihre seelische Verarbeitung auch nicht. Die Psychoanalyse steckte noch in den Kinderschuhen. Viele
von diesen Krankheiten traten zum ersten Mal in der Geschichte auf und überforderten damit die
Ärzte, die aus Hilflosigkeit zu drastischen Mitteln wie der Starkstromtherapie oder Hungerkuren
griffen.

Die Erscheinungsformen der Schützengrabenneurosen waren überaus vielfältig. Es gab die
sogenannten »Kriegszitterer«. Es gab Männer, die sich nur noch tanzend fortbewegen konnten.
Andere litten an Gedächtnisverlust. Symptome wie Lähmungserscheinungen, Stummheit,
Sprachstörungen und Angstattacken breiteten sich unter den Soldaten nahezu seuchenartig aus.
Diese posttraumatischen Belastungsstörungen bilden die Grundidee für Heldenflucht. Eine große
Tragik des Ersten Weltkriegs liegt darin, dass viele der überlebenden Soldaten als gebrochene,
körperlich und geistig schwerkranke Menschen zurückkehrten und die Daheimgebliebenen nicht
wussten, wie sie ihren Angehörigen, Ehemännern und Freunden, die sie kaum mehr
wiedererkannten, helfen sollten. Dass in manchen der Heimkehrer, die eigentlich nur das Beste
wollten, etwas Anderes, etwas Abgründiges erwacht, ist der Ausgangspunkt von Heldenflucht.

Heldenflucht Blick ins Buch

Jan Kilman

Heldenflucht

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