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Javier Moro »Die indische Prinzessin«

SPECIAL zu Javier Moro »Die indische Prinzessin«

Eine Liebe zwischen den Welten

Eine Rezension von Ulrike Künnecke

Die Geschichte der Anita Delgado beginnt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Als die kaum 16-Jährige mit ihrer Schwester im Zwischenprogramm eines Madrider Varietés auftritt, sitzt der indische Radscha Jagatjit Singh im Publikum. Der Fürst des kleinen Reichs Kaparthula ist fasziniert von der Anmut und Schönheit der blutjungen andalusischen Tänzerin. Der leidenschaftliche Stolz, mit dem sie seine ersten Aufmerksamkeiten zurückweist, tut ein Übriges, um den 34-jährigen Radscha vollends für das Mädchen aus armem Hause entflammen zu lassen.

Die Bedingung
Die Eltern Anitas stellen dem exotischen Herrscher auf sein hartnäckiges Werben hin eine einzige Bedingung: ohne Heirat keine Anita. Und Jagatjit Singh zögert nicht. Zunächst siedelt die gesamte Familie Delgado für ein Jahr nach Paris um, wo Singh Anita eine umfassende Bildung zuteil werden lässt. Diese soll sie dazu befähigen, auf dem gesellschaftlichen Parkett standesgemäß aufzutreten. Dann erst findet in Paris die formelle Hochzeit des jungen Paares statt. Wenig später schifft sich Anita ein, um ihrem Mann nach Indien zu folgen.

Fremde Sitten
Nach langer beschwerlicher Reise im Reich ihres Ehemanns angekommen, muss sich die nun schwangere Anita in eine ihr gänzlich fremde Umgebung eingewöhnen – und sich dazu mit den Gebräuchen eines indischen Herrscherhauses arrangieren: „Die Diener lassen Anita überhaupt nichts selbst tun, sie darf nicht einmal die Schere selbst aufheben, wenn sie ihr zu Boden fällt. Mehrmals am Tag bringen sie ihr Wasser in einem silbernen Becken, das einen Filigranrand hat, damit es nicht überläuft. Während einer das Becken hält und ihr der andere aus einem Krug Wasser über die Hände gießt, bringt eine Dienerin ein Tellerchen mit einem Seifenstück, eine weitere reicht Anita das Handtuch und die letzte schiebt ihr die Ärmel hoch, damit sie sie nicht benetzt. Noch nie hatte Anita so saubere Hände.“

Fürstin des Herzens
Doch die feurige Schönheit aus Andalusien meistert alle Herausforderungen des drückend heißen Klimas und der fremden Sitten – bis auch sie zum ersten Mal an ihre Grenzen stößt. Während ihre Hochzeit mit dem Radscha nun auch in Kaparthula nach den Riten seiner Religion, des Sikhismus, groß gefeiert wird, kommt es zur ersten Begegnung Anitas mit den anderen Frauen des Jagatjit Singh. Erst jetzt wird Anita klar, dass sie nicht die einzige Angetraute ihres Mannes ist, sondern seine fünfte Ehefrau, die zahlreichen Konkubinen seines Harems gar nicht erst mitgezählt. Zwar ist Anita seine „Fürstin des Herzens“ und lebt als Auserwählte an seiner Seite, doch im Hintergrund gärt die Feindseligkeit der anderen Frauen.

Ein Affront und seine Folgen
Doch nicht nur die Frauen und die Familie des inzwischen zum Maharadscha ernannten Herrschers sind der jungen Europäerin nicht freundlich gesonnen. Auch die offiziellen Vertreter der britischen Kolonialmacht weigern sich, der spanischen Maharani ihren Respekt zu zollen. Der Maharadscha ist ein Verbündeter und Freund der Briten und sehr verärgert über diesen Affront. Die Briten behaupten, die Rechte europäischer Frauen schützen zu wollen, indem sie solche „nicht standesgemäßen“ Ehen nicht anerkennen. Nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes und einigen harmonischen Jahren nehmen die Spannungen, die das glamouröse Paar bedrohen, immer mehr zu.

Eine wahre Geschichte
Javier Moro, der Autor dieses monumentalen Romans, stieß erstmals in den frühen 1980er-Jahren auf die wahre Geschichte der Spanierin, die einen Maharadscha geheiratet hatte. Moro erhielt damals von einem befreundeten Filmproduzenten eine Mappe voller alter Fotos, Zeitungsausschnitte und ein Exemplar des von Anita Delgado verfassten Buches „Impressions de Mes Voyages en Inde“ – verbunden mit dem Vorschlag, daraus ein Drehbuch für einen Film zu machen. Doch als der besagte Filmproduzent wenig später bei einem Unfall ums Leben kam, wollte auch Moro das Projekt erst einmal nicht mehr weiterverfolgen. Zwanzig Jahre vergingen, ehe der Indien-Liebhaber auf das schillernde Leben der Anita Delgado zurückkam und diesen auf Tatsachen basierenden Roman schrieb.

Sinn und Sinnlichkeit
„Die indische Prinzessin“ erzählt die Begegnung Anitas mit dem Maharadscha vor dem farbenprächtigen und überaus sinnlich gezeichneten Hintergrund des Indiens zum Ende der britischen Kolonialzeit. Moro schreibt ebenso unterhaltsam wie lehrreich und verbindet dabei die berührende und kaum glaubliche Lebensgeschichte Anita Delgados mit der Schilderung der umwälzenden Ereignisse ihrer Zeit. So hält man mit diesem Roman keineswegs einen herkömmlichen „Schmöker“ in Händen, sondern ein Werk, in dem Liebes- und Weltgeschichte miteinander verwoben sind.

Ulrike Künnecke
(Literaturtest)
Berlin, November 2008