VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü
Jean Ziegler

SPECIAL zu Jean Ziegler

Wider die Beschlagnahmung der Welt

Rezension von Karl Hafner zu "Das Imperium der Schande"

Eigentlich müssten schon ein paar Zahlen genügen, um die unglaubliche Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich, zwischen der Ersten und der restlichen Welt soweit zu beschreiben, dass die Mehrheit der Menschen in den Industrieländern zu der Überzeugung gelangt: In einer solchen Welt wollen wir nicht leben! Und das sind die Fakten: Die 500 mächtigsten transkontinentalen Kapitalgesellschaften kontrollierten im Jahr 2004 52% des Weltsozialprodukts. Der Anteil der 42 ärmsten Länder der Welt am Welthandel belief sich im Jahr 2004 auf 0,6% Prozent. Die Auslandsschuld der 122 Länder der Dritten Welt beträgt mittlerweile mehr als 2000 Milliarden Dollar. 842 Millionen Menschen leiden derzeit an chronischer und permanenter Unterernährung.

Der Stachel im Fleisch
Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler diagnostiziert in seinem neuen Buch "Imperium der Schande" die Rückkehr despotischer Herrschaftsstrukturen und analysiert deren Mechanismen der totalen Beschlagnahmung der Welt. Die neuen Feudalherren, die transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften, besäßen eine Macht, die noch kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen besessen hätte. Die Attentate des 11.Septembers seien für die neuen Despoten der Anlass gewesen, die Welt in Besitz zu nehmen, "Die Demokratie zu vernichten." Die neuen Feudalherren hätten ein Imperium der Schande geschaffen.

Ziegler hat ein wütendes Buch geschrieben, unversöhnlich im Tonfall, mit dem Ziel, wie er selbst sagt, zu einem Umsturz beizutragen. Sein Buch ist beruhigend und zugleich Stachel im Fleisch. Beruhigend, weil hier jemand fundiert und radikal die herrschenden Zustände analysiert und zu dem Schluss kommt, dass eine radikale Umkehr trotz entfesselter Märkte und beinahe allmächtiger Kapitalunternehmen möglich sein könnte - und das obwohl Ziegler in seiner Rolle als "Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Ernährung" sicherlich oft genug Grund dazu hat, an der Durchsetzbarkeit dieser Aufgabe zu zweifeln. Stachel im Fleisch, weil diese Umkehr eben lebensnotwendig ist für einen Großteil der Weltbevölkerung. Und nicht zuletzt, weil man selbst für eine andere Welt kämpfen müsste. Ziegler selbst sagt, sein Buch stelle eine Diagnose. "Informieren, die Praktiken der Herrscher transparent machen, das ist die erste Aufgabe des Intellektuellen. Die Vampire fürchten das Tageslicht wie die Pest", schreibt er im Nachwort.

Die Verknappung des Glücks
Die neuen Feudalherren nennt Ziegler Kosmokraten. Sie sieht er als Herrscher des Imperiums der Schande und konstatiert, dass sie ihre Waffen gnadenlos einsetzen, egal wie viele Tote es kostet. Eine ihrer Methoden bestünde darin, den Mangel zu organisieren nach dem simplen kapitalistischen Grundprinzip: Je knapper ein Gut, umso höher sein Preis. Also müssen Güter knapp gehalten werden, um den Profit zu steigern. Also werden Wasserquellen privatisiert. Für überteuerte Preise darf dann von den Herren der Welt gekauft werden, was über Jahrtausende die Natur großzügig an alle Menschen verschenkt hat. Saatgut wird gentechnisch derart verändert, dass es nur noch für eine Ernte taugt. Die Selbstverständlichkeit, die Samen für mehrere Aussaaten weiter zu verwenden, wird zynischer Profitgier unterworfen. Schließlich kann man so ja bei den Ärmsten der Armen im nächsten Jahr wieder Profit machen. Ziegler weiß aus seinem langjährigen Kampf gegen den Hunger viele Beispiele der Geschäftemacherei, die nichts anderes sind, als ein Anschlag auf die Würde und das Leben von Millionen Menschen.

Der Autor beschreibt einen Prozess der Ausbeutung, der seiner Meinung nach bereits mit der Französischen Revolution begonnen hat. Damals hätte sich, nachdem Aufständische, vom Hunger getrieben, die Tuillerien angegriffen hatten, ein zentraler Wert herausgebildet: Die absolute Achtung des Privateigentums - ein Wert, getragen vom Bewusstsein der neuen aufsteigenden Klasse der Händler und Industriellen. Im Kampf um die Freiheit sei man auf halbem Weg stehen geblieben. Denn was nütze einem Analphabeten die Pressefreiheit, einem Hungerleidendem das Wahlrecht oder die Gedankenfreiheit? "Die Revolution endet erst bei der Vollkommenheit des Glücks", so Saint Just. Des Glücks für alle Menschen. In erster Linie geht es darum, dass Menschen nicht verhungern müssen.

Ein Krieg, der nicht endet
Krieg ist, so Ziegler, in unserer heutigen Welt keine zeitweilige Erscheinung mehr, sondern eine permanente. Krieg fungiere als Daseinsberechtigung für das Imperium der Schande. Der sogenannte "Krieg gegen den Terrorismus" sei nur ausgerufen zur Befriedigung der Finanzinteressen der transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften, um billiges Öl im Irak zu fördern, um die Einnahmen aus dem Verkauf von Waffen zu steigern, letzten Endes um zu rauben und zu plündern. Mit einem Bruchteil der weltweiten Militärausgaben könnte man die Unterernährung beseitigen, den Analphabetismus besiegen und allen Menschen Zugang zu Trinkwasser ermöglichen. Am 29.Oktober vermeldete die New York Times, die Nettogewinne der der sieben größten amerikanischen Erdölfirmen seien im ersten Halbjahr 2004 um durchschnittlich 43% gestiegen.

Verschuldung und Hunger
Immer wieder Zahlen: 2003 belief sich die öffentliche Entwicklungshilfe für die 122 Länder der Dritten Welt auf 54 Milliarden Dollar. Im selben Jahr mussten diese 122 Länder den Banken der Industrienationen 436 Milliarden Dollar als Schuldendienst überweisen. Laut Ziegler profitieren zwei Kategorien von Personen an dieser Verschuldung: die Kosmokraten sowie die einheimischen herrschenden Klassen in der Dritten Welt. Die Gläubiger stellen drakonische Bedingungen, verlangen übermäßige Zinsen, diktieren die Privatisierung und den Verkauf der wenigen rentablen Unternehmen und fordern freien, privilegierten Zugang zu den Märkten. Die einheimische herrschende Klasse verschachert gerne und nimmt weitere Anleihen auf, um eine Infrastruktur zu schaffen, die wieder nur ihnen hilft: Häfen werden gebaut zum einfacheren Export der wenigen Exportgüter. Statt Schulen und Spitäler errichtet man Gefängnisse und Kasernen, um die Habenichtse vom Reichtum fernzuhalten. Die dafür aufgenommenen Schulden werden von denjenigen bezahlt, die am wenigsten davon profitieren. Ziegler erläutert diese Zusammenhänge an zahlreichen Beispielen. Es sind Zusammenhänge, die man wissen könnte und sollte. In dieser geballten Darstellung entwickeln sie allerdings eine beängstigende Dimension.

Das direkte Resultat aus der Verschuldung ist nach Zieglers Diagnose der Hunger, "ein immer wieder von neuem begangenes Verbrechen gegen die Menschheit". Zu diesem Thema hat Ziegler viel zu erzählen, von seinen Reisen zu den verschiedenen Regionen der Welt, aus Bangladesch oder Palästina, aus Simbabwe oder der Mongolei. Und immer stellt er eine direkte Kausalität her zwischen der Überschuldung, die es beispielsweise unmöglich macht, Staudämme zu bauen, um die Saat vor Überschwemmungen zu schützen, und den ständig wiederkehrenden Hungerkatastrophen.

Solidarität und Widerstand
Zwei längere Fallbeispiele bilden den Hauptteil des Buches. Ziegler beschreibt hier die humanitäre Katastrophe in Äthiopien, einem vergleichsweise fruchtbaren Land, das jedoch durch den Zusammenbruch der Weltmarktpreise für Kaffee in eine entsetzliche Armut getrieben wurde. So wurden die Kaffeepreise über dreißig Jahre lang durch das International Coffee Agreement (ICA) relativ stabil gehalten. 1989 schaffte man das ICA jedoch ab. Schließlich musste man ja jetzt keine Angst mehr haben, dass arme, aber geostrategisch wichtige Länder sich dem Sowjetblock zuwenden könnten. Seitdem herrscht das Recht des Stärkeren. Zwischen 1980 und 1990 belief sich der Preis beim örtlichen Produzenten auf 1,20 Dollar pro Pfund, heute liegt er unter 50 Cent. Die Gewinne von Nestlé sind im Jahr 2000 um 25%, die von Tschibo um 47% gestiegen. Die Gesetze des Marktes sind einfach: Von 25 Millionen Kaffee produzierenden Familien müssten mindestens 10 Millionen verschwinden, so die Botschaft aus der Führungsetage von Nestle - verschwinden, um "den Markt zu sanieren"! Eine geradezu euphemistische Sprachregelung angesichts des Hungertodes von Millionen Menschen. Auch in Äthiopien sieht Ziegler die Hauptursache für den Hunger in der Staatsverschuldung. Und dennoch habe die äthiopische Gesellschaft ein dichtes Solidaritätsnetz entwickelt, das ihr ermögliche, Mitmenschlichkeit aufrecht zu erhalten trotz allen Elends.

Der brasilianische Weg
In seinem zweiten großen Beispiel beschreibt Ziegler den Kampf Brasiliens, einen Weg aus der lähmenden Schuldenfalle zu finden und so den grassierenden Hunger einzudämmen. Eine "großartige demokratische, antikapitalistische und friedliche Revolution" sei da im Gange, die der Präsident Luiz Inácio Lula da Silva mit seinem Programm "Programa Fome Zero" eingeleitet habe. Es geht darum, "Unterdrückungsstrukturen zu zerbrechen und die materiellen Voraussetzungen für die Befreiung von Körper und Geist zu schaffen." Für dieses Unterfangen müssten Hunderte Millionen Dollar von öffentlicher Hand investiert werden, doch der Staat ist pleite, aufgefressen von Auslandsschulden. Lula versucht den komplizierten Weg zu gehen, einerseits Gläubiger nicht zu verprellen und andererseits dennoch eine Überprüfung der Schulden anzuordnen, um sich letztendlich weigern zu können, jene Schulden zurückzuzahlen, die aufgrund überhöhter Rechnungen, betrügerischer Transaktionen oder Urkundenfälschungen zustande gekommen sind. In genau dieser Überprüfung der Jahrzehnte lang angehäuften Schulden und dem damit verbundenen Einfrieren der Rückzahlungen von Verbindlichkeiten, die auf betrügerische Weise entstanden sind, sieht Ziegler die wirksamste Methode, den ärmsten Staaten wieder auf die Beine zu helfen.

Eine neue Revolution
Zieglers Buch ist prall gefüllt von Fallbeispielen, Zahlen und Fakten, persönlichen Erlebnissen und historischen Einordnungen. Der Autor wiederholt immer wieder bereits Bekanntes, fügt dann neue Aspekte hinzu, um seine Argumentation zu untermauern. Er bohrt sich von verschiedenen Seiten immer wieder zum selben Kern des Elends vor, der seiner Meinung nach gewissenlosen Profitmaximierung transkontinentaler kapitalistischer Privatgesellschaften, und erzeugt damit das Horrorszenario einer immer weiter aus den Fugen geratenden Welt.

Und doch tut es in gewisser Weise gut, dieses Buch zu lesen, weil es so direkt und unverblümt Missstände aufzeigt, bar jeder derzeit so schicken neoliberalen Tendenz, auch noch die schlimmsten Ungerechtigkeiten als quasi naturgegeben hinzustellen, weil irgendein Markt es so wolle und man da ja nichts dagegen tun könne. Ziegler nimmt kein Blatt vor den Mund, relativiert nichts, auch nicht, was er sich für die Zukunft erhofft. Man müsse die Revolution, um "das einzig ursprüngliche, dem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht" (Kant) noch einmal von vorn beginnen. Um das Recht auf Glück, auf Würde, auf Freiheit und Nahrung zu erkämpfen. "Denn zwischen der planetarischen sozialen Gerechtigkeit und der Feudalmacht, welche sie auch sein mag, ist der Krieg permanent und der Widerspruch radikal".

Karl Hafner
München, September 2005