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SPECIAL zu Jeffrey D. Sachs

Strategien gegen die Armut

Rezension von Karl Hafner

"Das Ende der Armut", überall. Genau das und nicht weniger fordert der Ökonom Jeffrey D. Sachs in seinem Buch mit dem gleichlautenden Titel - und hält dies durchaus für realisierbar. Unsere Generation habe es in der Hand, die Armut überall auf der Welt bis zum Jahr 2025 auszurotten. Sachs sieht darin freilich ein Muss, nicht nur aus moralischer Perspektive. Es gehe um "Entscheidungen, die zu einer wesentlich sichereren Welt führen könnten, sicherer deshalb, weil sie auf Ehrfurcht und Achtung vor dem menschlichen Leben gründen." Sachs versucht dies in seinem ökonomischen Programm für eine gerechtere Welt darzulegen.

Die Armut an sich abzuschaffen, darum geht es Sachs nicht. Vielmehr gilt es, folgt man Sachs, zu akzeptieren, dass es gewisse Arten der Armut immer geben wird. Er unterscheidet zwischen drei Graden der Armut: der extremen, der gemäßigten und der relativen Armut. In seiner Analyse geht es um die extreme Armut. Extrem armen Menschen ist es nicht möglich, ihre Grundbedürfnisse zum Überleben zu befriedigen. Sie sind chronisch unterernährt, sind abgeschnitten von der Versorgung mit sauberem Trinkwasser, haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder zu Bildungseinrichtungen und verfügen zum Teil nicht einmal über geschützte Unterkünfte. Extreme Armut findet man laut Sachs nur in den Entwicklungsländern. Die Weltbank verwendet statistische Standards, um diese Kategorie der chronischen Unterversorgung zu definieren. Extrem arm sind Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen. Ein Sechstel der Weltbevölkerung ist extrem arm.

Der Kapitalismus heilt
Sachs' Buch ist von einem tiefen Optimismus durchzogen, der in erster Linie darauf gründet, dass der Autor auf die Kraft des Marktes schwört und ausgerechnet im Kapitalismus die treibende Kraft ausmacht, um am Boden liegende Volkswirtschaften in die globale Wirtschaft zurückzuführen. "Die Herausforderung für unsere Generation besteht darin, den Ärmsten der Armen dabei zu helfen, dem Elend der extremen Armut zu entrinnen, damit sie in die Lage versetzt werden, die Entwicklungsleiter aus eigener Kraft zu erklimmen." In Bangladesch, das in den Überschwemmungsgebieten von Brahmaputra und Ganges liegt, könne man beobachten, dass es selbst unter besonders schwierigen Bedingungen aufwärts gehe, wenn die richtigen Strategien angewandt und vernünftige Investitionen getätigt würden. Sachs scheut nicht davor zurück, Bangladeschs aufblühende Textilindustrie als Grundstein des wirtschaftlichen Aufschwungs auszumachen. Jene Fabrikhallen also, in denen Firmen wie GAP, Polo oder Wal-Mart unter miserablen Bedingungen für den westlichen Markt produzieren lassen. "Die Arbeitsplätze in den Ausbeuterbetrieben sind die erste Sprosse auf der Leiter, die aus der extremen Armut herausführt." Freilich müsse man sich auch um bessere Arbeitsbedingungen kümmern, doch trotzdem sollten Protestierer aus reichen Ländern den Ausbau derartiger Arbeitsplätze fördern. Sie seien ein Anfang. Das Wirtschaftswachstum Bangladeschs betrug in den letzten fünf Jahren über fünf Prozent.

Wirtschaftswachstum
In einer kurzen Analyse der Periode des modernen Wirtschaftswachstums ab etwa 1800 kommt Sachs zu dem Schluss, dass vor allem technische Entwicklungen und geografische Vorteile Grund für das enorme Entwicklungsgefälle zwischen den reichen Ländern der Welt und den unterentwickelten Regionen waren. Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, die reichen Länder seien reich geworden, weil die Armen arm wurden. Für Sachs ist das Schlüsselmoment der Neuzeit "nicht der Transfer von Einkommen aus einer Region in eine andere, ob durch Gewalt oder andere Mittel, sondern der Anstieg des Welteinkommens insgesamt, wenngleich in den verschiedenen Regionen in unterschiedlicher Höhe." In anderen Worten: Der Kuchen wird immer größer und jeder könnte ein Stück davon abhaben, wenn man vernünftig teilen würde. Die hässlichen Auswüchse der Kolonialzeit seien nicht die Ursache der unterschiedlichen Entwicklung, sondern vielmehr deren Auswirkung.

Diagnose und Behandlung
Sachs fordert einen neuen Ansatz zur Bekämpfung der Armut, den er "klinische Ökonomie" nennt. In einer Differenzialdiagnose müsse man anhand einer Liste von Fragen zu wirtschaftlichen, geografischen, kulturellen und politischen Faktoren ermitteln, woran es in den einzelnen Regionen konkret krankt, um dann, ähnlich wie ein Mediziner, einen darauf abgestimmten Behandlungsplan zu entwickeln. Man müsse, wenn man der Meinung ist, einer Region könnte es wirtschaftlich viel besser gehen, in erster Linie ermitteln, warum das nicht der Fall ist. Den gängigen Einwand, das Geld, das in die Entwicklungshilfe gesteckt wird, würde sowieso von schlechten und korrupten Politikern veruntreut, will Sachs so nicht gelten lassen. In erster Linie sei die Politik in vielen Entwicklungsländern so schlecht, weil die Länder arm sind. Wenn mehr Menschen Zugang zu Bildung hätten und lesen und schreiben könnten, dann würden sie auch eher in der Lage sein, sich eine bessere Regierung zu geben und diese zu kontrollieren.

Schocktherapien
Sachs' Karriere in Sachen Armutsbekämpfung begann 1985, als er im Alter von 31 Jahren als Harvard-Dozent nach Bolivien flog, um die dortige Hyperinflation zu stoppen. Säcke voller Pesos trugen die Menschen damals auf den Markt, um sie gegen Dollar zu tauschen. Die Landeswährung war nichts mehr wert. In zwei Wochen entwarf Sachs damals einen Notfallplan: Preiserhöhungen, Stabilisierung des Wechselkurses, Steuerreform, ein Ende des Haushaltsdefizits. Es gelang ihm tatsächlich, die Hyperinflation zu stoppen. Aufgrund dieses Erfolges wurde er zum Notnagel für zahlreiche Regierungschefs. Er wurde zur Hilfe gerufen in Argentinien und Venezuela, in Peru und Indien. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks beriet er die ehemals kommunistischen Staaten Polen und Russland. "Schocktherapie" wurden seine eingeleiteten Reformen vielfach genannt aufgrund der rigorosen und schnellen Transformation des sozialistischen Systems in eine freie Marktwirtschaft.

Sachs' Vorgehen damals war und ist bis heute speziell im Fall Russland nicht unumstritten. Man warf ihm vor, Warnungen, Russland sei noch nicht bereit für einen sofortigen Umstieg in die Marktwirtschaft, ignoriert zu haben. Sachs meint aus heutiger Sicht: "Die meisten Fehlentwicklungen, zu denen es später kam - vor allem der groß angelegte Diebstahl von staatlichem Vermögen unter dem Schlagwort Privatisierung -, hatten mit meinen Ratschlägen und den Prinzipien von Ehrlichkeit und Gleichheit nichts mehr zu tun." Er würde es im Großen und Ganzen wieder so machen. Doch vor allem, schreibt Sachs, habe ihn der Teil Afrikas südlich der Sahara, den er 1995 das erste Mal besucht hat, eine Menge über extreme Armut, die Macht und Grenzen der Globalisierung und die unbezwingbare Kraft des menschlichen Geistes gelehrt.

Maßnahmen der Armutsbekämpfung
Sachs sieht derzeit aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten und des unermesslichen Wohlstands der reichen Länder eine gute Chance, die Armut endlich nachhaltig zu bekämpfen und zu besiegen. Natürlich dürfe man dann das Geld aus der Entwicklungshilfe nicht willkürlich über die bedürftigen Regionen tröpfeln und hoffen, dass es irgendwann unten bei den Ärmsten der Armen ankommt. Vielmehr müsse man, nachdem man das grundsätzliche Überleben der Bevölkerung gesichert hat, gezielt an den Stellen investieren, die ein wirtschaftliches Auf-die-Beine-Kommen des Landes ermöglichen. Man müsse sowohl lokale als auch globale Ansätze zur Armutsbekämpfung befolgen. Sachs entwickelt in seinem Buch Pläne, die er Punkt für Punkt durchspielt. Am Beispiel eines Dorfes in Kenia zeigt er auf, was auf lokaler Ebene geschehen müsse. Nach Ansicht der Dorfbewohner und der Mitarbeiter des UN-Milleniumprojektes, das ein Rahmenkonzept der Entwicklungshilfe vorgeschlagen hat, sind es fünf Faktoren, die erfüllt werden müssen: Man müsse die Landwirtschaft fördern, in die gesundheitliche Grundversorgung und in Bildung investieren, eine vernünftige Infrastruktur schaffen und Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitären Einrichtungen ermöglichen. Auf globaler Ebene müssten die armen Länder entschuldet und Handelsschranken abgebaut, wirtschaftliche und technische Errungenschaften stärker zur Entwicklungsförderung eingesetzt und Maßnahmen des Klima- und Umweltschutzes verstärkt werden. Dabei muss man sich von den ständigen Lippenbekenntnissen verabschieden, die seit Jahrzehnten Jahr für Jahr wiederholt werden. Die derzeitige Situation in der Entwicklungshilfe beschreibt Sachs mit einem Scherz sowjetischer Arbeiter: "Wir tun so, als ob wir arbeiten, und ihr tut so, als ob ihr uns bezahlt!"

Aufgeklärte Globalisierung
Als großen Rückschlag im Kampf gegen die Armut sieht Sachs die Anschläge des 11. Septembers und die Reaktionen der USA darauf. In einer Milleniumserklärung haben 147 Staats- und Regierungschefs ihre Entschlossenheit betont, die schlimmsten Probleme des 21. Jahrhunderts zu bekämpfen: die extreme Armut, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten sowie die Zerstörung der Umwelt. Doch nach dem 11. September konzentrierten sich die Anstrengungen der USA einzig und allein auf militärische Erfolge im "Krieg gegen den Terror". Von den Zusagen in Sachen Entwicklungshilfe war bald keine Rede mehr, manchmal hieß es sogar, man habe gar nichts unterschrieben. Für militärische Angelegenheiten geben die USA dreißig Mal mehr aus als für Entwicklungshilfe. Der Welt wäre laut Sachs schon sehr geholfen, wenn die reichen Länder endlich ihre wiederholte Zusage im Zuge der Milleniumserklärung einhalten und 0,7 % ihres Bruttosozialproduktes in die Entwicklungshilfe stecken würden - eine Zusage, die bereits 1961 gemacht wurde und bisher nur von fünf Ländern - Luxemburg, Niederlande, Dänemark, Norwegen und Schweden - eingehalten wird.

Das Ziel muss laut Sachs eine "aufgeklärte Globalisierung" sein, sie sich um die Bedürfnisse der Armen, den weltweiten Umweltschutz und die Verbreitung der Demokratie kümmert. Dafür sollten sich auch die Globalisierungsgegner stark machen, die die richtige ethische Überzeugung und das Herz auf dem rechten Fleck hätten, aber in ihrer Diagnose der zugrunde liegenden Probleme falsch lägen. Nicht im Kapitalismus und in den multinationalen Konzernen an sich sieht Sachs das Problem, sondern in erster Linie darin, dass diese ihren Selbstverpflichtungen nicht nachkommen. Ein freier Markt kann das erfüllen, wenn an den richtigen Stellen reguliert wird. Das vermittelt Sachs mit großer Leidenschaft, mit sachlichen Analysen und mit einer gehörigen Portion Optimismus, der in Anbetracht der elenden Situation von Millionen von Menschen kein Luxus, sondern notwendige Voraussetzung dafür ist, dieses gigantische Problem beherzt anzugehen.

Der Sänger Bono schreibt im Vorwort des Buches: "Seine Stimme ist lauter als eine elektrische Gitarre, härter als Heavymetal." Auf jeden Fall ist sie konkret, fordernd und einnehmend.

Karl Hafner
November 2005

Das Ende der Armut Blick ins Buch

Jeffrey D. Sachs

Das Ende der Armut

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