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Jiang Rong »Der Zorn der Wölfe«

SPECIAL zu Jiang Rong »Der Zorn der Wölfe«

Einer, der mit dem Wolf tanzt

Eine Rezension von Henrik Flor

Es gibt diese Romane, die nicht nur eine unglaubliche Geschichte erzählen, sondern deren Entstehung, deren langer Weg bis zur Veröffentlichung und schließlich deren sensationeller Erfolg fast schon Stoff für einen eigenen Roman sind. Der Zorn der Wölfe ist ein solches Werk. Der chinesische Autor Jiang Rong, ein politischer Dissident, konnte das Manuskript nur unter einem Pseudonym an der staatlichen Zensur vorbeischmuggeln. In kürzester Zeit wurde die autobiografische Geschichte DER Bestseller in China. Bei geschätzten 23 Millionen verkauften Exemplaren (darunter etwa 20 Millionen Raubkopien), wurde nur die Mao-Bibel von mehr Chinesen gelesen. Die deutliche Kritik an Modernisierungswahn und Umweltzerstörung treffen den Nerv der Zeit, und die anthropologischen Thesen des Buches werden im ganzen Land diskutiert.

Umerziehung der anderen Art
Autor Jiang Rong verließ 1967 als junger Rotgardist während der Kulturrevolution die Hauptstadt in Richtung Innere Mongolei, einer autonomen Republik. Freiheit und Ursprünglichkeit herrschten dort, so hatte er gelesen. 1967 bis 1978 lebte er als Schafhirte auf der Hochebene und war von Beginn an fasziniert von den dortigen Gebräuchen, dem sensiblen Gleichgewicht zwischen Nomaden, Schafen und Wölfen. Zwei Koffer voller verbotener Bücher – Klassiker der Weltliteratur – brachte er mit. Er verließ das Olonbulag-Grasland mit einem reichen Fundus an Skizzen, Beobachtungen und Analysen zur Kultur der mongolischen Nomaden, vor allem zum dort allgegenwärtigen Totemtier der mongolischen Bevölkerung, dem Wolf. Hieraus entstand in vielen Jahren Arbeit das Manuskript zu Der Zorn der Wölfe, das im Vorwort treffend charakterisiert wird als „Roman, anthropologischer Forschungsbericht, Naturstudie, Lehrstück und politischer Aufruhr“.

Das Sterben der Wölfe
Chen Zhen ist Rongs Alter Ego und der jugendliche Held der Geschichte. „Er spürte eine geheimnisvolle, enge Verbindung zwischen Menschen und Wölfen der mongolischen Grasebene. Vielleicht würde er die Geheimnisse ... erst richtig verstehen, wenn er die Wölfe verstand.“ In Bilgee, einem alten weisen Nomaden, findet er einen geduldigen Lehrmeister, der ihm die Schönheit der Landschaft nahe bringt, in ihm die Leidenschaft für das Nomadenleben weckt und ihm auch das fragile Gleichgewicht erklärt, das das Leben in der Steppe überhaupt erst möglich macht.

Bald versteht Chen, welche Rolle der Wolf dabei spielt. Er ist den Nomaden Vorbild, Kriegsgott, Ahne und Bewahrer ihrer Lebensgrundlage. Der Leser gibt sich nur zu gern der Faszination für die hochintelligenten Tiere hin – für ihre geschickte Kriegstaktik, ihr sensibles Gespür und die komplexe Rudelstruktur. Der Überlieferung nach war Dschingis Khans Eroberungsfeldzug nur möglich, weil seine Krieger von den Wölfen lernten. Chen will also mehr erfahren von den Wölfen und zieht sogar einen Wolfwelpen groß – für die Mongolen ein absoluter Tabubruch, der ihn fast die Freundschaft zu Bilgee gekostet hätte.

Der junge Intellektuelle aus Peking wird immer mehr eins mit der anderen Kultur. Doch das Grasland verändert sich immer stärker, je mehr Han-Chinesen dort siedeln. Die Wölfe werden getötet und vertrieben, die natürliche Balance wird zerstört, die ökologische und kulturelle Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. Es kommt, wie Chen befürchtete: „Sind die Wölfe verschwunden, hat das Grasland seine Seele ausgehaucht.“

Großes Kino
Rong breitet in seinem Roman das atemberaubende Panorama einer Kultur und einer Landschaft aus, die hierzulande kaum jemand kennen dürfte. Beispielhaft ist etwa die Szene, in der der Leser ohne lange Herleitung in eine kalte Winternacht geführt wird, während der Chen und Bilgee im Schnee kauern und einen minutiös geplanten Wolfsangriff auf eine Gazellenherde verfolgen. Das vom Leitwolf koordinierte Massaker beschreibt Rong in all seinen grausamen Details und in beeindruckender atmosphärischer Dichte. Das ist großes Kino – entstanden aus tiefer Liebe zu einer Welt, die so nicht mehr existiert.

„Der Wolf ist zum neuen Totem geworden“
„Ihr Chinesen seid wie Schafe – ihr habt eine Heidenangst vor Wölfen, darum zieht ihr immer den Kürzeren“. Der weise Lehrmeister Bilgee erklärt die „Überlegenheit“ der Mongolen mit ihrem Nomadentum und der Verehrung ihres Totem-Tiers. Die Han-Chinesen hingegen hätten durch die Sesshaftigkeit ihren Biss verloren. Nur wenn sich dies wieder ändere, könne China seine volle Macht entfalten. Das sind Thesen, die in China kontrovers diskutiert werden und deren Sprengkraft einen Großteil des Erfolgs des Buches ausmachen dürfte. Manche der in diesem Sinne angestellten Gedankenspiele darf man jedoch getrost überlesen, um sich ganz der Begegnung mit einer weit entfernten Kultur hinzugeben, deren Geschichte kaum je so dramatisch und zugleich kenntnisreich erzählt worden sein dürfte.

Henrik Flor
(Literaturtest)
Berlin, Dezember 2008