SPECIAL zu Jo Lendle

Schwerelos

Buchempfehlung von Tina Full

Auch als Taschen-<br />buch bei btb
Hella Bruns begibt sich auf eine Reise, die nicht die ihre ist. Es ist die Reise ihres Sohnes Tobi, der sie nicht mehr unternehmen kann, weil er von einem Auto überfahren wurde. Tobi war wie besessen davon gewesen, an einem Preisausschreiben des Reisekonzerns Transz teilzunehmen: „Sagen Sie uns, warum Sie zum Mond müssen, und wir bringen Sie hin! Die beste Begründung gewinnt!“ Der 13-Jährige hatte an seiner Argumentation gefeilt und ein Banner gebastelt, das er auf den Mond stellen wollte. Dafür hatte er sein altes Lieblings-T-Shirt aufgetrennt, bis es nur noch an einem Ärmel zusammenhing. Daran könne ein Außerirdischer die menschliche Gestalt erkennen, fand Tobi. Er und seine Freundin hatten in roter Farbe auf dem T-Shirt ihre Handabdrücke hinterlassen, „als Symbol für das Leben des Menschen im Paar“. Doch Tobi wird nicht zum Mond fliegen.

Am Ende der Zeit
Stattdessen schreibt nun Hella das Schicksal ihres Sohnes auf die Rückseite des Totenscheins, sendet ihn zum Reisekonzern Transz und gewinnt damit das Preisausschreiben. Allerdings muss sie selbst mit dem Auto zur „Station“ fahren, denn der Konzern ist pleite und hat kein Geld mehr für einen Flug.

Hella packt Tobis Banner ein und fährt los. Die genauen Routenangaben und Anweisungen, die Hella per Post bekommen hat, wirken surreal angesichts ihrer Fahrt in die unendlichen Weiten der zentralasiatischen Steppe. Hella ist sieben Tage lang unterwegs, bis sie die Station erreicht.

„Ich beschloss, die Orte des Romans zu erfinden“, sagt der Autor Jo Lendle über sein Buch. Und so ist Hellas Ziel, eine Station am Ende der Welt, in eine traumhafte Atmosphäre gebettet. Ein Ort am Ende der Zeit, ein „Ort zum Verlorengehen“, wie sie selbst findet - und ein Ort, an dem sie ihr Trauma, den Tod des Sohnes, verwinden wird.

Die Station
Hella wird bereits erwartet. Die Station wirkt seltsam anachronistisch, beinahe kafkaesk. Einst gebaut zur Entwicklung von Interkontinentalraketen, wurde sie nach Zweckerfüllung einfach nicht abgerissen. Ein paar Angestellte waren auf dem Gelände geblieben, „um alles in Schuss zu halten“. Nach dem Beschluss, den Betrieb doch weiterzuführen, wurden einige Mitarbeiter zurückgeholt.

Nun gibt es in der Station einen Direktor, der bei Hellas Ankunft gerade auf wichtiger Mission ist, einen Stellvertreter, Meteorologen, Ärzte, eine Köchin, zwei Küchengehilfinnen und eine Masse namenloser Menschen. Außerdem lebt dort Adam, der sich um Hella kümmern, ihr alles zeigen und sie auf ihren Flug vorbereiten soll.

Vergangene Zukunft
Stilsicher schafft es Lendle, einen Ort jenseits der Zeit zu beschreiben, indem er Widersprüchliches gegenüberstellt, so dass nur die leere Mitte des Kontrasts als unendlicher Zustand übrig bleibt. So etwa die Geschäftigkeit der Menschen vor dem Hintergrund morbider Gebäude oder Hellas bis aufs Detail festgelegte Tagespläne gegenüber einem sinnlosen Verstreichen der Tage, das ihr „wie ein langer Advent“ vorkommt. Oder beispielsweise der „so langsame“ Einzug der Rakete auf Schienen, der dennoch mit einer unvermuteten Schnelligkeit vorüberjagt: „Dann war die Rakete schon an ihnen vorbei“, um schließlich in der ewigen Bewegung einer „unendlich gemächlich ihnen vorausfliegenden Rakete“ zu verweilen. Und nicht zu vergessen der Kontrast von moderner Weltraumtechnik und einfachem Leben, aufgefangen in Lendles artifizieller Poesie: Über den Ort, von dem aus Hella, von moderner Technik umhüllt, gen Himmel aufbrechen möchte, heißt es schlicht: „Zur Küche gehörte eine Kuh.“

„Die Handlung des Romans spielt in naher Zukunft, fühlt sich aber an wie längst vergangen – solche Zeitkrümmungen trifft man im Postsozialismus leicht“, sagt Autor Jo Lendle über sein Buch.

Sensible Rückblenden
Doch es ist genau dieser Ort in seiner Unvollkommenheit, der Hella zur Ruhe kommen lässt. Sie lernt dort, die Unvollkommenheit als Teil des Lebens zu akzeptieren. Sie fühlt sich auf der Station und bei Adam aufgehoben „wie ein Kind“.

Warum das so ist, macht Lendle durch sensible Rückblenden deutlich. Sie zeigen, wie es das Mädchen Hella verstört, wenn im Leben Unregelmäßigkeiten auftreten, wenn etwas die logische Ordnung der Dinge sinnlos durchbricht. Nicht ohne Grund erlernt Hella den Beruf der Orthopädietechnik: Mit Prothesen kann sie den Verlust von Gliedmaßen, kann sie die Unvollkommenheit der anderen beheben.

Fünf Finger
Ein Symbol, das sich durch den gesamten Roman zieht, ist die Hand, an der kein Finger fehlt. Sie gibt dem Roman auch seine Struktur: Die Kapitel sind nach den fünf Fingern benannt. Als der Stationsdirektor Hella eine „Handvoll grundsätzlicher Gefahren“ der Raumfahrt aufzählt, verdeutlicht er das ebenfalls mit den fünf Fingern seiner Hand. Die letzte Gefahr, der fünfte Finger, steht seiner Meinung nach für: „Wir wissen nicht, was kommt.“

In der Station begreift Hella ihr Leben mitsamt seinen Unwegsamkeiten – wie beispielsweise dem Tod ihres Kindes –, indem sie sich kompromisslos auf das Ungewisse einlässt: eine Raketenfahrt.

Reise in die eigene Mitte
Jo Lendle nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Innere eines verstörten Ichs – und in die eigene Mitte. Er lässt den Leser gemeinsam mit Hella Bruns langsam begreifen. Nie ist ein Countdown auf 189 Seiten schwereloser erzählt worden, in einer Sprache, die, grandios durchkomponiert bis aufs letzte I-Tüpfelchen, das Unbegreifliche in Worte fasst und zusammenhält – filigran wie die Technik eines Raumschiffs. Lendles erster Roman nach dem 1999 erschienenen Erzählband „Unter Mardern“ steigt wie eine Rakete auf in die Stratosphäre, erreicht mühelos den Kopf des Lesers und explodiert dort als weißes Licht.

Tina Full
Frankfurt, April 2008

Die Kosmonautin

€ 7,49 [D] inkl. MwSt. | CHF 9,00* (* empf. VK-Preis)
Bestellen Sie mit einem Klick:
Weiter im Katalog: Zur Buchinfo
Weitere Ausgaben: Taschenbuch