SPECIAL zu Jo Lendle

"Man sollte es seinem Helden nicht zu bequem machen"

Ein Gespräch mit Jo Lendle

Herr Lendle, in Ihrem neuen Roman »Mein letzter Versuch die Welt zu retten« erzählt ein Junge namens Florian Beutler von den letzten beiden Tagen seines Lebens, und er berichtet tatsächlich aus dem Jenseits heraus. Warum musste Ihre Hauptfigur sterben?

Ein tragischer Kerl, dieser Florian Beutler, er kann einem wirklich leidtun. Florian wäre so gern seines Glückes Schmied, aber noch nicht mal für sein Unglück ist er selbst verantwortlich. Ihm stößt alles einfach zu, und als er sich gegen den Lauf der Dinge auflehnt, geraten sie eben aus dem Gleichgewicht. Florian ist so besessen von dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein, dass er scheitern muss. Seine Freunde wollen ein Zeichen gegen die Atomkraft setzen und organisieren eine Reise ins Wendland. Da ist er natürlich dabei, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Entschiedenheit. Sagen wir: Er ist blind vor Liebe zur guten Sache.

Haben Sie deswegen einen siebzehnjährigen Jungen als Protagonisten gewählt? Was zeichnet Florian Beutler aus?

Das ist ein ebenso herrliches wie jämmerliches Alter: Die Welt ist offen, man staunt alles an, ist mit sich selbst im Unreinen wie nie wieder und platzt vor Begeisterung, vor Sehnsucht. Man liefert sich aus, was eine ideale Voraussetzung für Geschichten bietet. Florians Grundgefühl ist zunächst Sorglosigkeit, auch wenn sein Weltbild bei dieser Aktion ins Rutschen gerät. Er ist derjenige, der am Rand steht und zuschaut – ein guter Ort für die Literatur. Anfangs ist für ihn alles nur ein Spiel, und vielleicht ist er ohnehin nur wegen des Mädchens mitgefahren. Dann kommt es halt anders, wie immer. Die anderen verschwinden nach und nach, und auf einmal geht es um ihn.

… aber zunächst zeichnen Sie das Bild einer Gruppe von Jugendlichen, die gemeinsam für eine Sache kämpfen. Vom Geburtsjahr her gehören Sie selbst der Generation an, die in den achtziger Jahren erwachsen wurde. Waren Sie in Ihrer Jugend politisch aktiv?

Wer war das nicht? Jedenfalls bis zu dem Moment, als zum ersten Mal meine Eltern zu einer Blockade aufbrachen. »Mein letzter Versuch die Welt zu retten« erzählt von einer politischen Sozialisation und ihren Gefahren. Das kenne ich selbst. Wir waren die Kindersoldaten der Bewegung – und hatten einfach Glück, dass deren Ziele letztlich anständig waren. Aber das zugrundeliegende Heilsversprechen konnte sektiererische Züge annehmen, es ging ja immer gleich um alles. Da kann der deutsche Protestantismus recht unfehlbar werden. Es gibt im Stern ein Foto von mir als Zwölfjährigem, wie ich dem Redakteur erkläre, warum meine Projektschule besser ist als andere. Heute sehe ich mich da in meiner Strickjacke und frage mich, ob ich die Wahl gehabt hätte, das Gegenteil zu behaupten.

Gibt es noch einen anderen Grund für Sie, einen Roman in die achtziger Jahre zu verlegen?

Es war einfach die letzte ideologische Dekade, das macht diese Jahre durchaus einmalig. Eine viel greifbarere Zeit als die diffuse Offenheit nach '89, das eignet sich besser für Nostalgie und Retro-Aufwallungen. Die Achtziger waren die letzte Epoche, in der es auf jede Frage fertige Antworten gab. Da brodelte noch einmal alles: Friedensbewegung, Anti-Akw, Anti-Fa, Anti-Volkszählung und so fort. In diesen Jahren wurde die Saat für unsere Mülltrennungskultur gelegt, jedes Pfandglas ein kleiner Ablasshandel – auch das sind ja alles Versuche, den Planeten zu retten.
Mein Roman spielt 1984, in dem Jahr, als umweltfreundliches Klopapier begann, DANKE zu sagen. Selbst auf dem Klo wollten wir die Welt zu einem besseren Ort machen. Heute sind wir ein Volk von Bundestrainern, damals waren wir ein Volk von Bundeskanzlern. Es war so leicht, alles besser zu wissen. Ich habe mich immer gefragt: Woher rührt die unverfrorene Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen? Wer hätte uns vor unserer Selbstgefälligkeit bewahrt, wenn wir fünfzig Jahre früher geboren wären?

Aber man kann Ihre Geschichte ja durchaus auch in einem zeitübergreifenden Kontext lesen: Dann geht es weniger um die achtziger Jahre als um jugendliche Protestbewegungen. Für die Freundesgruppe im Roman ist es selbstverständlich, dass sie für ihre Überzeugungen auf die Straße geht. Warum hat man den Eindruck, das würde heutzutage nicht mehr so sein?

Wer die unpolitische Gegenwart beweint, ist eingeladen, sich die damalige Zeit einmal genauer anzusehen. Die Freunde im Roman haben über die Friedensbewegung zusammengefunden. Das ist leicht, wer ist schon gegen Frieden? Aber ist das politisch? Dann wollte Helmut Schmidt sich die Raketen so wenig verbieten lassen wie seine Zigaretten, also musste man sich andere Aktionsfelder suchen. Atomkraft war da ein herrlicher Feind: Die Strahlung ist ewig und unsichtbar, das kann einem schon Angst einjagen. Und Angst ist wichtig, wenn man bei technischen Argumenten ins Wackeln kommt.

Im vergangenen Jahr wurden im Feuilleton Rufe laut, die insbesondere von jungen Autoren ein politisches Sendungsbewusstsein forderten. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich soll die Literatur die Geschichten hinter der Politik erzählen, meinetwegen die Ungerechtigkeiten, die Missstände, die Gefahren, aber ebenso gut die Dinge, die sich der Einordnung entziehen, das kann sie sogar am esten. Mein erster Roman, »Die Kosmonautin«, handelt von den Folgen eines Verlustes, einer Erschütterung, er erzählt aber auch von den persönlichen Folgen einer politischen Tat. Teile des Feuilletons gefallen sich einfach in der Rolle, Aufsatzthemen zu stellen. Ich würde jedes gelungene »unpolitische« Buch einem Roman vorziehen, der einfach Politik betreiben will, denn Literatur ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Es war ja zunächst eine Erleichterung, als die Böll-Doktrin ein Ende fand. Damals konnte keiner ahnen, dass sich ein Jahrzehnt der Innerlichkeit anschließen würde, gefolgt vom Jahrzehnt der Belanglosigkeit und so weiter. Seit einigen Jahren freut man sich schon, wenn Romanhelden mal vom Frühstückstisch ihrer Herkunftsfamilie aufstehen und aus dem Fenster schauen. Aber da muss ja nicht unbedingt gerade ein Wahlplakat hängen.

Wie würden Sie sich selbst denn generell in der Landschaft der deutschen Gegenwartsliteratur einordnen – gibt es Tendenzen, die sich auch in Ihrem Werk widerspiegeln? Andere Autoren, mit denen Sie stilistische Eigenheiten teilen oder denen Sie sich aus anderen Gründen nahe fühlen?

Es gab vor einigen Jahren diese Mode der kurzen Sätze und kleinen Gedanken, bei der es genügte, zu schreiben, dass man müde ist und gut was trinken könnte. Diese Selbstbeschränkung empfand ich als Sackgasse, gerade wenn erkennbar kein Trauma dahinter steht, das so eine Sprachlosigkeit rechtfertigt. Es hilft ja nicht, aus Furcht, die Latte zu reißen, unter ihr durchzutauchen. Es wäre schade, wenn die Sprache nicht leuchtete, dafür ist Literatur doch da. Man soll sich schon mal von einer einzelnen Beobachtung zu Größerem aufschwingen können. Dort, wo ich so etwas entdecke, fühle ich Familienähnlichkeiten, so unterschiedlich die in der konkreten Physiognomie ausfallen mögen. Literarisch aufgewachsen bin ich mit Ilse Aichinger, Herta Müller oder Agota Kristof, aber auch mit Reinhard Lettau, Ror Wolf und all diesen blühenden Sackgassen. Heute kämen von den Jüngeren zum Beispiel Terézia Mora oder Saša Stanišic hinzu.
Dabei verhält es sich mit den literarischen Nachbarn wie mit den Vorbildern: Beim Lesen sehe ich sie alle vor mir. Beim Schreiben aber treten sie freundlicherweise zurück und schauen einem still und stärkend über die Schulter, ohne dauernd durchs Bild zu rennen. Dann stellt sich auch nicht die Frage, ob die Schuhe zu groß sind, in denen man sich bewegt.

Über Florian Beutlers Schuhe erfahren wir wenig, aber seine Kleidung ist ihm definitiv zu klein. Was genau hat es mit dem Dreiviertelanzug aus brauner Schurwolle auf sich, den er trägt?

Die Protestbewegung der Achtziger zeichnete sich gewiss nicht durch allerfeinste Geschmackssicherheit in Kleiderfragen aus – auch wenn der Dresscode letztlich auch nicht lockerer war als zu anderen Zeiten. Aber die selbst genähten Batikhosen sind bekannt, das hätte mich gelangweilt. Also verkleidet sich die Gruppe als evangelischer Jugendchor, um durch die Polizeisperren zu kommen. Es ist zugleich ein Zeichen von Angst und von Übermut, das gefiel mir. Und dass Florian sich die ganze Zeit über in seinem Anzug unwohl fühlt, geht schon in Ordnung. Man soll es seinem Helden auch nicht zu bequem machen.