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SPECIAL zu Jo Lendle

Der Kampf um die beste aller Welten

Auch als Taschen-<br />buch bei btb

1984 reist die halbe Republik ins Wendland, um gegen die Transporte von Atommüll in das Zwischenlager Gorleben zu protestieren. Auch Florian Beutler, siebzehn Jahre alt, will die Welt verbessern und macht sich zusammen mit Freunden auf den Weg. Es ist der Tag, an dem er zum ersten Mal in seinem Leben einen Anzug trägt, der Tag, an dem er endlich wieder mit Antonia, die so schöne Haare hat, zusammen sein kann, es ist der Tag, bevor er stirbt.

Jo Lendle, Jahrgang 1968, gehört zu der Generation von Deutschen, die mit der politischen Protestbewegung groß geworden ist. In den achtziger Jahren waren die Fronten klar und eindeutig: Es herrschte eine allgemeine Übereinkunft darüber, was gut und was böse war, es gehörte zum guten Ton, politisch aktiv zu sein, und hatte man sich einmal für ein Lager entschieden, war es keine große Anstrengung, sich eine eigene Meinung zu bilden. Aufgewachsen mit der Friedensbewegung, war es für Jugendliche in ganz Westdeutschland selbstverständlich, auch an den Protesten gegen Atomkraft teilzunehmen – stolz trug man Buttons mit der Aufschrift »Atomkraft Nein danke«, bekannte sich per Aufkleber als Energiesparer und kämpfte für eine bessere Welt, »denn wir haben ja keine zweite mehr im Kofferraum«. Man war in gewaltfreiem Training geschult und schwelgte in der Illusion einer fraglosen Sicherheit, dass man mit den Protestaktionen erfolgreich für das Allgemeinwohl kämpfte.

Im Jahr 1984 (an jenem Tag im April, an dem Florian Beutler sich aufmacht, die Welt zu retten) war auch Jo Lendle im Wendland unterwegs, um gegen die Atommülltransporte zu protestieren. Der damals Sechzehnjährige hat dabei etwaserlebt, was auch seine Romanfiguren erfahren müssen: wie sich das, was als politisches Engagement begann, im Lauf der Aktion immer mehr zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit der übermächtigen Polizei entwickelte, wie die Polizisten nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Uniform wahrgenommen wurden und wie sich bei den Protestlern schließlich ein Ohnmachtsgefühl einstellte, das den Wunsch nach härteren Mitteln schürte.

Das Erschrecken darüber, »wie überheblich man damals war«, und das Interesse an den wahren Motivationsfaktoren der jugendlichen Protestbewegung haben den Autor schließlich dazu angetrieben, die eigenen Erlebnisse in seinem zweiten Roman zu verarbeiten. Doch Mein letzter Versuch die Welt zu retten ist kein autobiografischer Roman im eigentlichen Sinne geworden. Das zeigt nicht nur die Versicherung des Autors, selbst keine Straßensperre angezündet zu haben. Nein, schon die ungewöhnliche Erzählperspektive verdeutlicht, dass es hier um anderes geht.

Florian erzählt aus dem Jenseits heraus: Rückblickend weiß er, dass die beiden Tage im Wendland seine letzten auf Erden waren – am Ende des Ausflugs steht er vor dem Chaos dessen, was er und seine Freunde mit ihren guten Absichten angerichtet haben, und er muss dafür mit dem Leben bezahlen. Dementsprechend ist seine Geschichte nicht die eines aktivistischen Heldentums; immer mehr drängt sich die Frage nach der Motivation in den Vordergrund. Was hat ihn, den Träumer, der schon im eigenen Leben lieber wegschaut, anstatt sich mit seinen Wünschen und Sehnsüchten auseinanderzusetzen, wirklich auf die Straße getrieben? Und sind er und seine Freunde tatsächlich im Dienst der guten Sache unterwegs, oder gefallen sie sich einfach nur in ihrer Rolle als streitbare Idealisten?

Nachdem sie ihre Mission zu Beginn mit beinahe sakralem Ernst angegangen sind, verlieren die Freunde im Lauf der beiden Tage ihr Ziel immer mehr aus den Augen; gleichzeitig bröckelt der Gruppenzusammenhalt, bis Florian zum Schluss allein dasteht. Schon bei der Konfrontation mit den unmittelbar betroffenen Bewohnern des Wendlands, die den aus allen Teilen der Bundesrepublik angereisten Idealisten unerwartet feindselig gegenüberstehen, zeichnet sich ab, dass ein gemeinsames Ziel nicht unbedingt Einigkeit über den Einsatz der Mittel mit sich bringt. Hehre Ziele hin oder her: Letztendlich kämpft doch wieder jeder für sich allein.

»Ein großer Schritt für Lendle: Sein Debüt ist sicher erst der Anfang«, prophezeite Die Welt in einer Rezension seines ersten Romans Die Kosmonautin, in dem er eine Frau zum Mond schickt, die nichts mehr auf der Erde hält. Tatsächlich beweist der Kölner Autor schon mit diesem zweiten Roman und dritten Buch Bandbreite, sowohl stilistisch als auch thematisch. Der wunderbar schwerelose Ton und die unaufdringliche Präzision der Sprache, für die Lendle so gelobt wurde, finden sich auch in Mein letzter Versuch die Welt zu retten: Auch hier rückt er den Dingen auf eine feinfühlige Art zu Leibe. Aber man spürt einen gereiften Autor: Die Ironie der ungewöhnlichen Erzählperspektive verleiht Florians Geschichte die Bodenhaftung, die Hella, die Kosmonautin aus dem Debütroman, vielleicht davon abgehalten hätte, die Raketenkapsel zu besteigen und die Erde hinter sich zu lassen – denn auch aus dem Jenseits heraus ist das, was den Weltenretter Florian am Boden hält, eben die Überzeugung, dass es sich lohnt, für die beste aller Welten zu kämpfen.