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Joanna Cannon im Interview zu ihrem Roman »Der Sommer der schwarzen Schafe«

Wussten Sie, dass Joanna Cannon bereits als Pizzabotin gearbeitet hat und dies hin und wieder noch tut?

Eine kurze Biographie:
Ich habe die Schule mit fünfzehn Jahren verlassen und seitdem in den verschiedensten Jobs gearbeitet (zum Beispiel als Pizzabotin oder in einer Hundeauffangstation). Erst in meinen Dreißigern besann ich mich wieder auf meine Schulbildung und studierte an der Universität von Leicester Medizin, worin ich auch einen Abschluss habe. Ich arbeitete dann einige Zeit als Krankenhausärztin, bevor ich mich auf Psychiatrie spezialisierte. Geboren und aufgewachsen bin ich in Derbyshire, UK, wo ich bis heute noch mit meiner Familie und meinem Hund lebe. Der Sommer der schwarzen Schafe ist mein erster Roman.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Autorin zu werden?
Als ich meinen Abschluss gerade in der Tasche hatte, wurde ich mit vielen Dingen konfrontiert, die mich sehr erschütterten. Das Studium bereitet einen nur auf die bloße Tätigkeit als Arzt vor, aber nicht auf den emotionalen Aspekt, der auf einen zukommt, wenn man einen Menschen auf seinem letzten Lebensweg begleitet oder einer Familie schlimme Nachrichten überbringen muss. Ich habe mit dem Schreiben begonnen, weil es für mich eine Art Verarbeitungsstrategie ist und ich dadurch besser mit Stress klarkomme. Obwohl ich nie über echte Patienten schreibe, habe ich gemerkt, dass es mir hilft, wenn ich über Situationen schreibe, in denen ich selbst dabei war. Ich verstehe mich und meine Gefühle dann besser.

Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Romane?
Ich liebe normale Menschen. Während viele gerne über Könige und Königinnen oder Filmstars schreiben, interessiere ich mich mehr für den einfachen Milchmann oder den Nachbarn von nebenan. Ich denke, dass das alltägliche Leben die tollsten Erzähler hervorbringt, und dass gerade das Gewöhnliche und Normale absolut außergewöhnlich sein kann.

An was für einer Geschichte sitzen Sie derzeit?
Gerade arbeite ich an meinem zweiten Roman, der sich um das Älterwerden und um kleine freundliche Gesten des Lebens dreht. Und darum, dass das eigene Echo, das wir in dieser Welt hinterlassen, vielleicht größer ist, als wir meist denken.

Wer zählt zu Ihren Lieblingsautoren? Und warum?
Ich liebe Alan Bennett, weil er über einfache Menschen schreibt und diese unglaubliche Gabe besitzt, in äußerst wenigen Worten so unglaublich viel rüberzubringen.
Außerdem liebe ich unzuverlässige Erzähler. Deshalb habe ich auch sehr gerne Nathan Filers Nachruf auf den Mond und John Boynes Die Geschichte der Einsamkeit gelesen.
Erst kürzlich (und damit bin ich viel zu spät!) habe ich Kate Atkinson entdeckt. Ich liebe den Stil ihrer Romane. Einfach perfekt!

Welche Bücher haben Sie kürzlich gelesen?
Neben Kate Atkinson (!) habe ich erst The Last of Us von Rob Ewing gelesen. Eine sehr düstere Geschichte, die sich um eine Gruppe Kinder dreht, die auf einer abgeschiedenen schottischen Insel ums Überleben kämpft. Außerdem habe ich gern Carys Brays The Museum of You gelesen, worin eine ziemlich fragile Vater-Tochter-Beziehung im Vordergrund steht.

Wie lautet Ihre Lebensphilosophie?
Von meinem Agenten habe ich dieses Zitat: „Sei freundlich, wann immer es dir möglich ist. Es ist immer möglich.“ Ich denke, das ist eine ganz wundervolle Art, an das Leben und an die Menschen, denen wir im Laufe des Lebens begegnen, heranzugehen.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Ich liebe es, mit meinem Hund Seth in Derbyshire Gassi zu gehen. Mein Vater hat mir die Liebe zu Tier und Natur vererbt, und ich genieße es, bei jedem Wetter durch die Felder zu streichen.

Fünf Dinge über Sie, die wir noch nicht wussten …
1: Ich wache jeden Morgen um 3 Uhr auf. Das ist noch ein Überbleibsel aus meinem Medizinstudium, denn das war die einzige Zeit, zu der ich ganz für mich sein konnte. Es ist schwer, diese Gewohnheit zu brechen, aber zugleich auch wunderbar, jeden Tag die Sonne aufgehen zu sehen.
2: Ich plane eine Geschichte nie im Voraus. Ich weiß, wie sie beginnt, wie sie endet und einige Stücke in der Mitte, aber der Rest passiert einfach, während ich schreibe.
3: Ich liefere noch immer Pizza aus, wenn Not am Mann ist.
4: Ich bin ein Einzelkind, wie meine Eltern auch. So war das erste Baby, das ich je im Arm hielt, eins, das ich als Studentin mit auf die Welt gebracht hatte.
5: Ich war erst einmal im Ausland (damals war ich dreizehn und nahm an einem Schüleraustausch mit einer British Visitors Card teil). Ich habe mich erst in diesem Jahr um einen Pass bemüht (was bei der Passstelle auf ziemliches Misstrauen stieß!)

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?
Nichtzugehörigkeit ist eine eigene Art der Zugehörigkeit.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert?
Während meiner Zeit als Ärztin in der Psychiatrie lernte ich einige Menschen kennen, die am Rande der Gesellschaft leben. Man bemerkt sie nur, wenn man irgendwen als Sündenbock braucht. Obwohl ich nie über echte Patienten schreiben würde, inspirierten mich stets ihr Mut und ihre Entschlossenheit. Ich habe mich gefragt, wie es sich anfühlen muss, immer nur nach seinem Aussehen oder der Art, wie man sein Leben lebt, beurteilt zu werden. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die zeigen sollte, dass wir alle verschieden sind, nur, dass einige das besser verstecken können als andere.

Welcher ist Ihr Lieblingscharakter in dem Roman und warum?
Ich könnte keinen wirklich zu meinem Liebling machen, da würde ich mich dem Rest gegenüber untreu fühlen. Es hat mir so viel Spaß gemacht, alle Charaktere nacheinander kennenzulernen, aber Grace, der zehnjährigen Erzählerin, eine Stimme zu geben, hat mir wohl besonders großen Spaß gemacht.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Einige düstere Szenen waren emotional etwas schwieriger. Zum Beispiel die Szene, als die Nachbarschaft Walter Bishop (er ist der Sündenbock der Straße) auf den Fersen ist. Das hat mich wütend gemacht, da ich Leute kenne, die schon einmal solche Situationen erlebt haben.

Welcher Art von Leserschaft, glauben Sie, wird Ihr Buch gefallen?
Ich denke, mein Buch ist für jedermann geeignet, der irgendwann schon einmal dachte, dass er nicht so recht reinpasst. Für mich ist es ziemlich spannend, die einzelnen Reaktionen zu sehen, da ich genau sagen kann, wer sich schon einmal so gefühlt hat – und das sind nicht wenige.

Gibt es andere Bücher, die Sie mit Ihrer Arbeit vergleichen würden?
Eine Einschätzung ist wirklich schwer, wenn es der eigene Roman ist. Es gab jedoch schon Stimmen, die meinen Roman mit Rachel Royces, Sarah Winmans und Kate Atkinsons Büchern verglichen haben. Das ist unglaublich schmeichelhaft, weil sie zu meinen Lieblingsautoren zählen.

Möchten Sie ein paar Worte an Ihre deutschen Leser und Leserinnen richten?
Ich bin unglaublich aufgeregt, dass mein Debüt Der Sommer der schwarzen Schafe nun in Deutschland veröffentlicht wird. Ich hatte das Buch ursprünglich nur zu meinem eigenen Vergnügen geschrieben, um ein bisschen den Stress abzubauen, dem ich als Ärztin täglich ausgesetzt war. Ich hätte nie gedacht, dass es jemals die Tiefen meines PCs verlassen würde und dass es nun tatsächlich so weite Kreise zieht, macht mich unbeschreiblich glücklich. Ich hoffe sehr, dass Sie Freude daran haben werden, Grace und Tilly im heißen Sommer des Jahres 1976 kennenzulernen.

Der Sommer der schwarzen Schafe Blick ins Buch

Joanna Cannon

Der Sommer der schwarzen Schafe

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