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Johanna Nicholls »Die Blüte des Eukalyptus«

Johanna Nicholls »Die Blüte des Eukalyptus«

Interview mit Johanna Nicholls zu "Die Blüte des Eukalyptus"

Ihr Debütroman „Die Blüte des Eukalyptus“ ist gerade in Deutschland erschienen. Sie erzählen darin von einer Dreiecksbeziehung zwischen der Roma-Frau Keziah, dem handfesten Jake und dem Künstler Daniel. Das Buch spielt im Australien des 19. Jahrhunderts, das damals auch Strafkolonie des britischen Königreiches war, einem Land, in dem Gewalt und Grausamkeit herrschen. Ihr Roman ist eine Geschichte über Leidenschaft, Überlebenskampf, Freundschaft und der Kraft der Liebe – ein packender Roman, der Historisches mit Fiktivem zu einer atemberaubenden Story verwebt. Wie lange haben Sie Fakten und Ideen gesammelt, bevor Sie anfingen zu schreiben?

Als ich mit „Die Blüte des Eukalyptus“ begann, wusste ich bereits, dass die Roma Keziah das Herzstück der Geschichte bilden würde. Sie reist nach Australien, auf der Suche nach ihrem Geliebten, der in einer Strafkolonie gefangen ist.

Ich wusste allerdings noch nicht genau, wann der Roman spielen würde, was also der historische Hintergrund sein sollte. Nach sechs Monaten Recherche in staatlichen Bibliotheken und Archiven wusste ich, dass ich über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erzählen werde, beginnend mit dem Jahr 1837. 1837 war ein Jahr der Entscheidungen und der großen Konflikte: Unter anderem bestieg die junge Königin Victoria den Thron.

Die Männer und Frauen der ersten Generation, die in Australien frei geboren wurden (und deren Eltern freigelassene Sträflinge waren) – die sogenannten „Currency Lads and Lasses“ – waren stolz darauf, Australier zu sein. In dieser Zeit entstand der australische Charakter, dessen Wesenszüge auch heute noch hochgehalten wird: Freundschaft, ein sehr trockener Humor, Freiheitsliebe, die Liebe zu Außenseitern, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und eine gesunde Verachtung für Autoritäten.

Die Zeitachse ermöglichte mir, historische Ereignisse mithilfe erfundener Charaktere zu dramatisieren. Ein Beispiel dafür ist der „Currency Lad“ Jake Andersen: Als Kind wurde Jake Zeuge des Friedensvertrages zwischen dem Gouverneur und dem Aborigine-Rebellen Windradyne, den er verehrte. Windradyne gelang es seit einem Jahrzehnt, sich beim Kampf gegen die Siedler, die Wiradjuri-Land raubten, nicht gefangen nehmen zu lassen.


Wenn es eine Zeitmaschine gäbe: Würden Sie gerne in das Australien reisen, das Sie in „Die Blüte des Eukalyptus“ schildern? Es scheint dort ziemlich rau zugegangen zu sein, und die Zustände waren für heutige Verhältnisse erschreckend: offene Kinderprostitution, willkürliche Festnahmen, grausame Strafgefangenenlager, Todesstrafen auf Pferdediebstahl etc.

Als Schriftstellerin würde ich sagen: Eine Zeitreise in diese Jahre fände ich unwiderstehlich. Ehrlich gesagt, habe ich mich während ich „Die Blüte des Eukalyptus“ recherchierte und schrieb sehr lebendig gefühlt und fast schon heimischer in der damaligen Zeit als im Hier und Heute. Es gibt ja in jedem Zeitalter Positives und Negatives – und, wenn wir ehrlich sind, hat sich unsere moderne Welt doch gar nicht so viel weiter entwickelt. Kinderprostitution und Kinderarbeit gibt es weltweit immer noch, und hinzu kommen heute noch Drogenkonsum, Pornografie oder Missbrauch über das Internet. Und allzu oft kommen Kinderschänder und Vergewaltiger immer noch mit geringen Strafen davon.

Im 19. Jahrhundert war beispielsweise das Kolonialstrafgefangenensystem ein Lotteriespiel. Das wollte ich auch in „Die Blüte des Eukalyptus“ zeigen: die schreckliche Behandlung, die Prügel, der Hunger. Die britischen Gesetze wurden schamlos missbraucht, und alle Strafgefangenen, die fliehen konnten, wurden zu sogenannten „Bushrangern“. Sie sagten sich: Es ist immer noch besser, als freier Mann durch die Kugel eines Soldaten zu sterben, als im Lager zu verhungern. Andere Strafgefangene lebten vergleichsweise gut bei liberalen Herren, denen sie zugewiesen worden waren, und konnten sich nach Verbüßung ihrer Strafe eine Existenz aufbauen, so wie Jakes Eltern. Einige dieser ehemaligen Strafgefangenen gehörten bald zu den angesehensten Unternehmern des Landes.

Was mich wirklich dazu verlocken würde, im damaligen Australien zu leben – mal abgesehen von den schrecklichen Straßenverhältnissen –, ist das große Maß an persönlicher Freiheit und Privatheit, das wir heute einfach nicht mehr besitzen. In unserer globalisierten Welt mit all den Mobiltelefonen, dem Internet, den Paparazzi und dem Kult um irgendwelche Celebrities, bei denen jeder Schritt überwacht, veröffentlicht und bewertet wird, ist so eine Freiheit nicht mehr möglich. Die Regierung speichert jedes Detail unseres Lebens. Damals gab es noch nicht mal Pässe, man konnte überall hin reisen. Und als ehemaliger Strafgefangener war es ein Leichtes, nach der Freilassung seinen Namen zu ändern und einfach ganz von vorne anzufangen, sich noch mal neu zu erfinden.

Aber immer, wenn ich zu nostalgisch werde, erinnere ich mich an unsere modernen Errungenschaften der Medizin, der Erziehung oder der Rechtsprechung. Damals waren die häufigsten Todesursachen die Geburt eines Kindes, Schlangenbisse, Ertrinken, Epidemien wie die Masern, Unterernährung und Syphilis. 1837 wäre ich vermutlich an der Lungenentzündung, die ich mit sieben Jahren bekam, gestorben. In meiner Kindheit wurde ich durch Penicillin davon geheilt. Genauso wäre es mir mit meinem Blinddarmdurchbruch gegangen, den ich mit zehn hatte. Ich würde also gerne in diese Zeit reisen – solange ich ein Rückreiseticket in der Tasche habe …


Erinnern Sie sich eigentlich noch an die erste Idee zu Ihrem Buch? Wann war das und wie ging es dann weiter?

Ja, absolut. Ich kann sogar genau sagen, wann das war. Ich war vierzehn und in den Ferien bei meiner Großmutter zu Besuch. Sie hatte ein Häuschen in einem ehemaligen Goldgräberdorf. Mein Vater Fred Parsons war ein sehr bekannter australischer Autor, der Theaterstücke schrieb, genauer gesagt Komödien. Ihm verdanke ich meine Liebe zu Shakespeare, dem Kino und den australischen Buschlegenden. Bei einem Spaziergang mit Dad beklagte ich mich, dass die australische Geschichte im Vergleich zur aufregenden und bunten europäischen Geschichte ziemlich langweilig sei; zumindest die Geschichte, die wir in der Schule zu hören bekamen. Mein Vater war ein großer Geschichtenerzähler – und er machte mir klar, dass die Geschichte Australiens absolut einzigartig ist und überall um uns herum ist. Seine Geschichten über die „Bushranger“ inspirierten mich, und ich erfand meine eigenen Varianten davon, die ich dann meinen Vettern als Gutenachtgeschichten erzählte. Es faszinierte mich, dass sie sie zum Lachen oder Weinen brachten. Und seitdem weiß ich, dass ich Geschichten erzählen will. In „Die Blüte des Eukalyptus“ finden sich noch Spuren meiner allerersten Geschichten.


Bitte erzählen Sie uns etwas darüber, wie sich das Schreiben des Romans entwickelt hat. Gab es so etwas wie einen Heureka-Moment, ein Aha-Erlebnis?

Mein Heureka-Moment! Was für ein plastischer Ausdruck! Und es gab dieses Heureka!: Ich begann mit der Roma Keziah, die ich als Fremde in die Strafkolonie New South Wales in Australien schickte. Ich wollte, dass sie als Fremde dieses neue Land erforscht. Ihr ganzes Leben lag ausgebreitet vor mir – im Geiste und auch in Aufzeichnungen, die ich mir gemacht hatte. Doch als ich die ersten Kapitel geschrieben hatte, fühlte ich mich damit nicht wohl. Mir ging es wie einem Puppenspieler, der an den Fäden zieht – aber meine Figuren sprangen nicht aus den Seiten, sie blieben flach.

Als ich Tage später am Computer saß und auf den Bildschirm starrte, kam eine der Hauptfiguren, der Kutscher Jake, in mein Blickfeld geritten. Ich wollte, dass er nach Westen ritt, hatte eine Geschichte für ihn geplant und ihm ein nettes Mädchen zur Seite gestellt, als sich sein Pferd plötzlich aufbäumte und Jake in die entgegengesetzte Richtung galoppierte – direkt hinein ins Bordell in Bolthole Valley und zur minderjährigen Hure Lily. Ich war ziemlich erstaunt und sagte laut: „Hey Jake! Wer schreibt dieses Buch, du oder ich?“ Doch dann entschloss ich mich, ihm zu folgen und zu sehen, was er da tut. Ich dachte mir, wenn ich seine Geschichte nicht mag, werde ich wieder die Kontrolle übernehmen und sie so schreiben, wie ich es geplant habe.

In diesem Heureka-Moment – Jetzt hab ich es! – wurde mir klar, dass meine Figuren ihr eigenes Leben leben wollen. Ihre Instinkte übertrafen meine erfundene Geschichte. Von diesem Moment an vertraute ich meiner Phantasie und ließ ihr freien Lauf. Und die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus – so als würde ein aufgeregtes Kind in meinem Kopf sitzen, das mich vorantreibt. Jake Andersen wurde – neben Keziah – zu einer Hauptfigur. Er verdiente eine eigene Geschichte, die mit Keziahs Geschichte mithalten konnte.

Ich respektiere Autoren, die alles genau planen, bevor sie zu schreiben anfangen – aber für mich ist es das Aufregendste überhaupt, nicht genau zu wissen, was zum Teufel meine Figuren jetzt schon wieder tun und wie sie aus dem ganzen Schlamassel wieder herauskommen.


Eine der Hauptfiguren in „Die Blüte des Eukalyptus“ ist Keziah, eine Roma. Wie haben Sie das Leben der Roma damals erforscht?

Ich glaube, Keziah ist aus meiner frühen Begeisterung für den Lebensstil der Roma entstanden. Schon als Kind fand ich dieses Leben in Pferdewagen aufregend, und natürlich auch die Wahrsagerei. Als ich mich mit der Epoche der Strafkolonien in Australien beschäftigte, entdeckte ich, dass viele Roma aus Nordengland und Wales als Diebe und Vagabunden in die australischen Strafgefangenenlager verschifft wurden. Nur, weil sie keinen festen Wohnsitz hatten oder ein Pferd verkauft hatten, das später starb. Für die Roma war das Gefängnis keine Schande, sondern eher eine Ehre, doch ein Leben als Strafgefangener war für diese freiheitsgewohnten Menschen reiner Horror.

Es war gar nicht so einfach, die Roma-Strafgefangenen in den Schiffslisten zu finden, denn bei den meisten Roma-Namen war unter Religion „katholisch“ oder „protestantisch“ eingetragen worden, und nicht „ungläubig“. Das stand nur hinter sehr wenigen Namen. Daher baute ich mir, mithilfe einer Diplomarbeit über die Roma in Australien, eine Recherchekartei auf. Darin sammelte ich traditionelle Roma-Namen, Sprichwörter und religiöse Bräuche, notierte, wie Heiraten und Geburten gefeiert wurden, oder die unterschiedlichen Dialekte. Viele Worte der Roma, wie z. B. „pal“ (Kumpel), wurden ins Englische übernommen. Außerdem inspirierte mich ein Roma-„Bushranger“ namens Gypsy Gem Smith, der wirklich gelebt hat.

Keziahs Roma-Vater, den Violonisten Gabriel Stanley, habe ich mir komplett ausgedacht … jedenfalls glaubte ich das. Doch dann passierte etwas Unglaubliches! Als ich die Endfassung von „Die Blüte des Eukalyptus“ fertig hatte, begann ich wieder, nach meinem geheimnisvollen Urgroßvater zu forschen. Ich wusste nur seinen Namen, und dass ihm verboten worden war, meine Urgroßmutter, seine große Liebe, zu heiraten. Er war damals 19 Jahre alt und meine Urgroßmutter hatte gerade ihr gemeinsames Kind, eine Tochter, geboren. Als ich seine Todesurkunde entdeckte, wurde mir klar, dass er ein Roma war. Er starb mit 21 Jahren an Tuberkulose. Seine Berufsbezeichnung lautete: Musiker, Violinist.
Ich bekam Gänsehaut und konnte es nicht glauben! Hatte ich unbewusst meine eigene Familiengeschichte geschrieben? Die unehelich geborene Tochter war meine Großmutter – halb Roma, halb Waliserin, eine Schönheit und sehr übersinnlich begabt. Genau wie Keziah.


Wie sieht ein normaler Schreibtag bei Ihnen aus?

Ich bin eine Frühaufsteherin und sitze fünf bis sechs Tage die Woche am Computer und schreibe. Ich bin oft so darin vertieft, dass mir irgendwann nachmittags einfällt: Der Grund, warum ich mich gerade schlecht fühle, ist ganz einfach der, dass ich vergessen habe zu Mittag zu essen. Dann esse ich etwas, sehe ein wenig fern und schreibe weiter, formuliere neu oder recherchiere Details. Ausflüchte wie „Ich glaube, ich kann heute nicht schreiben“ lasse ich bei mir nicht gelten. Auch wenn ich Kopfschmerzen habe, kann ich mich mit einem historischen Buch oder einer Biografie aus dieser Zeit ins Bett legen und lesen – so halte ich die Geschichte Tag für Tag lebendig und treibe den Schreibprozess weiter voran.

Ich bin ein sehr visueller Mensch und sehe alles in Bildern. Wenn die Figuren wirklich leben, träume ich oft ganze Szenen. Die Figuren wecken mich um vier oder fünf Uhr morgens und wollen, dass ich mich sofort an den Computer setze und anfange zu schreiben. Ich nenne das „Schreiben mit ‚weißer Glut‘“. Später kommt dann die harte Knochenarbeit – das Umformulieren und Umformen der Geschichte, Entwurf für Entwurf.


Wie viel Zeit haben Sie in die Recherche der historischen Details investiert und wo haben Sie überall Fakten gesammelt?

Für mich ist das Schönste die Feldforschung, also die Recherche direkt vor Ort. Das habe ich mir nach all der Recherche auf Mikrofilmen und in Archiven auch verdient. Ich bin ins magische Hinterland der Ostküste gereist, entdeckte alte Städte und Dörfer – manche von ihnen wirkten wie Zeitkapseln, manche waren Geisterstädte, in denen nur noch die Gräber über die Vergangenheit „sprachen“. All diese Orte wuchsen in meiner Phantasie zu den Schauplätzen meines Buches. Ich besuchte Dorfmuseen, großartige Bauwerke aus jener Zeit oder das Berrima-Gefängnis. Ich flog auch auf die Insel Norfolk, um die Lebensgeschichte und Hinrichtung des jungen „Bushrangers“ William Westwood zu erforschen. Er war die Inspiration für die Figur des jungen Will Martens in meinem Buch. Norfolk ist die schönste Insel, die ich jemals gesehen habe, und man fühlt sich, als würde man in einem Freilichtmuseum voller Kolonialbauten herumwandern. Und dennoch mussten die Strafgefangenen hier Unvorstellbares erleiden. Heute ist diese Insel allerdings ein wahres Paradies – für Touristen ein Muss.


Ihr Buch hat alles, was ein Hollywoodblockbuster braucht. Haben Sie schon ein ernst zu nehmendes Angebot bekommen und welche Stars sollten Ihre Hauptfiguren spielen?

Ich denke, ich habe ein wenig von der Gabe meiner walisischen Großmutter geerbt, in die Zukunft sehen zu können. Und ich habe sowohl das Buch „Die Blüte des Eukalyptus“ gesehen als auch mein Buch als Film oder TV-Serie. Und als in Bildern denkender Mensch schreibe ich im Hinterkopf sowieso an einer internationalen Koproduktion. Es ist momentan noch zu früh, um ins Detail zu gehen, einige Angebote sind aber in der Diskussion.

Was die Schauspieler angeht: Während der dunklen Momente, in denen jeder Autor sich fragt, ob der Roman, den er gerade geschrieben hat, wirklich jemals veröffentlicht werden wird, fing ich an, mich zu motivieren, indem ich Phantasiegespräche mit Stars wie Sean Connery führte. Ich fragte ihn, ob er nicht eine kleine Rolle annehmen will.

Mit der Besetzungsliste habe ich schon oft gespielt. Ich habe drei Keziahs im Angebot, und am liebsten wäre mir natürlich ein australischer Schauspieler, der den Jake spielt. Jeffrey Rush könnte sich natürlich seine Rolle aussuchen – was immer er will, selbst die Figur „The Devil Himself“ könnte er spielen. Und ich hätte gerne einen deutschen Schauspieler als Joseph Bloom, den Rechtsanwalt und Freund von Jake.


Sie haben lange als Journalistin und Redakteurin gearbeitet, bevor Sie anfingen, den Roman zu schreiben. Wie kamen Sie überhaupt zum Schreiben?

Als ich sechzehn war, arbeitete ich als Bürobotin bei einer führenden australischen Frauenzeitschrift. Dann wurde meine erste Kurzgeschichte veröffentlicht, und der Herausgeber war so überrascht – vorher wusste davon niemand –, dass er mir einen Job in der Redaktion anbot. Ich schrieb Features und spezialisierte mich etwas auf eine biografische Reihe, in der ich berühmte Persönlichkeiten vorstellte. Ich arbeitete unter anderem auch als stellvertretende Herausgeberin eines Modemagazins in London, danach als Redakteurin für „This Is Your Life“ und verschiedene andere TV-Produktionen. Nach meiner Zeit als TV-Skript-Redakteurin beim australischen Fernsehen entwickelte ich Serien und Fernsehfilme – ein Job, den ich sehr liebte. Doch dann beschloss ich, dass es nun an der Zeit sei, mich um meine eigenen Projekte zu kümmern und das Buch zu schreiben, das seit Jahren in meinem Kopf und meinem Herzen schlummerte. Das Ergebnis können Sie nun lesen.


Welche drei Bücher würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?

Wenn ich davon ausgehe, dass ich für Jahre dort festsitze (oder für immer) und ich sie immer wieder lesen müsste, würde ich als erstes die gesammelten Werke von Shakespeare mitnehmen.

Als Buch Nummer zwei „Little Women“ – um mich immer daran zu erinnern, dass ich eine Frau bin, die niemals aufgibt und die überlebt. Als Kind war ich Legasthenikerin und wurde dafür gedemütigt, dass ich mit 10 immer noch nicht lesen konnte. Dann kaufte mein Vater mir „Little Women“ und las mir das erste Kapitel vor. Ich verliebte mich sofort in Jo, Meg, Beth und Amy und war am Boden zerstört, als mein Vater mir sagte, dass ich den Rest des Buches alleine lesen müsse. Ich brauchte Monate, es Wort für Wort zu lesen, aber ich habe damit lesen gelernt. Und wenn ich heute auf die über 700 Seiten von „Die Blüte des Eukalyptus“ schaue, sage ich zu mir selbst: „Nicht schlecht für eine, die als Kind Legasthenikerin war, Süße!“

„The Oxford Dictionary of Quotations“ wäre das dritte Buch. Wo sonst findet man die Worte der Sagen und Narren, Gelehrten, Soldaten, Poeten, Politiker und Scharlatane, die romantischen, satirischen, humorvollen, herzerweichenden und pompösen Worte – und alle auf jeder Seite eines einzigen Buches!

Aber ich würde gerne ein wenig schummeln und vier Bücher mitnehmen. Nummer vier wäre das größte Buch mit leeren Seiten, das ich finden könnte. Und darin würde ich meine eigene Welt entstehen lassen, meine Liebsten, Freunde und Feinde und immer dorthin entfliehen, wenn ich mich sehr einsam fühlen würde.


Sie leben in Sydney einem alten Siedlerhaus von 1830: Welchen Teil des Hauses oder welches Stück mögen Sie am liebsten und warum?

Oh, das ist eine sehr aufmerksame Frage. Mich hat es immer zu alten Häusern hingezogen, und oft fühlte es sich beim Betreten solcher Häuser an, als würde man in eine andere Zeit eintreten. Aber ich hatte bis dahin noch nie in einem gelebt. Als ich mir vor einigen Jahren ein pflegeleichtes, modernes Haus kaufen wollte und mir zusammen mit dem Makler den ganzen Tag solche Häuser angesehen hatte, fuhr er langsam an einem alten Steinhaus vorbei, das von Eukalyptusbäumen eingerahmt wurde. „Das ist nichts für Sie“, meinte er. „Das Bad ist eine Katastrophe, genauso die Küche und außerdem ist es völlig überteuert. Ich hab nicht mal den Schlüssel dafür.“

Doch ich war schon ausgestiegen und spähte über den Zaun und mein Herz klopfte in der Art, in der es sonst klopft, wenn wir jemanden treffen, in den wir uns verlieben. Ich habe lediglich durch zwei Fenster geschaut, dann ging ich zur Bank und klärte das Finanzielle. Es machte mir nichts, dass ich es nicht von innen gesehen hatte, denn ich sah das Haus bereits in einem Traum ein paar Nächte zuvor. Nun bin ich eingezogen, und immer wenn ich durch das Gartentor gehe, fühle ich mich sicher. Hier komme ich nach Hause – so als würde ich nach einer langen, langen Reise zurückkehren.

Wenn ich ein großes Loch in meinem Garten grabe, um einen Baum zu pflanzen, finde ich oft ein Hufeisen oder einen Kleiderhaken aus Metall. Ein früherer Vorbesitzer war Hufschmied. Ich stelle mir ihn lächelnd vor, wenn er sieht, wie ich mich über die Schätze freue, die er geschaffen hat. Und als ich die Geschichte des Hauses erforschte, fand ich heraus, dass es 1837 von Strafgefangenen als Landhaus für Schäfer gebaut wurde. Das Jahr, in dem mein Buch beginnt.


In einem Fragebogen erzählen Sie, dass Ihre Lieblingsmusiker Simon and Garfunkel und Barbra Streisand sind. Das hört sich so an, als wären Sie eine Romantikerin. Wie sieht für Sie ein wunderbar romantisches Wochenende aus?

Ganz genau! Ich bin eine überzeugte Romantikerin. Aber nicht immer in der „Mondschein-und-rote-Rosen“-Tradition. Vielleicht ist ein wenig von Keziah in mir, denn Romantik passiert oft unerwartet. Ein romantisches Wochenende stelle ich mir so vor – ich hatte es bisher noch nicht, aber ich weiß, die Zeit wird kommen. Also: In der Hoffnung, meine Höhenangst verschwindet, würde ich die Spitze der Sydney Hafenbrücke erklimmen – dort angekommen, hätte ich das Gefühl, als ob mir alles gehören würde. Die Brücke, Sydney – wie schön … Außerdem wollte ich immer schon mal eine Ballonfahrt machen – mit einem besonderen Menschen natürlich. Wenn die Höhenangst nicht wäre … Die Fahrt könnte zu den Weinbergen im Hunter Valley gehen oder von London über den Kanal nach Frankreich, um dort Champagner zu trinken. Oder anderswohin nach Europa. Auf jeden Fall würde es Champagner am Ende der Reise geben, egal aus welchem Land er kommt. Und natürlich ein wunderbares Menü, das ich nicht selbst kochen muss, ein heiterer Tag mit Freunden und viel Lachen – und er sollte in einem alten Schloss enden, in einem Himmelbett!


Wir freuen uns schon auf Ihr nächstes Buch – woran arbeiten Sie momentan und wann können wir mit der deutschen Übersetzung rechnen?

Oh, das freut mich! Mein zweiter historischer Australienroman (der Arbeitstitel ist „Bloodwood“ – das ist eine Sorte eines Eukalyptusbaumes) wird gerade auf Deutsch übersetzt. Momentan arbeite ich an der Recherche für einen dritten Roman. Jedes dieser Bücher erzählt von anderen Figuren und sehr unterschiedlichen Perspektiven des Koloniallebens in Australien. Ich kann Ihnen noch nicht sagen, wie das dritte Buch enden wird – wie Sie wissen, führen meine Figuren ihr eigenes Leben. Und genau das macht die Lust am Schreiben für mich aus!

Das Gespräch führte Ulrike Bauer, Literaturtest, für den Page & Turner Verlag.